Aus der Neuen Solidarität Nr. 4/2001:


Die etablierte Killer-Ideologie



Prof. Dr. Hubert Markl, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, sagte in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 9. Januar 2001: "Wir sollten es schaffen, die Weltbevölkerung in den nächsten Jahrhunderten wieder auf ein bis zwei Milliarden Menschen absinken zu lassen." Heute leben sechs Milliarden Menschen auf der Erde, zwei Drittel davon sollen also eliminiert werden - natürlich computersteril allein durch freiwillige Geburtenkontrolle wie in Deutschland, dessen Bevölkerung Markl übrigens gerne auf 40 Millionen Einwohner halbiert sähe.

Offenbar erregen solche ungeheuerlichen Äußerungen heute nicht mehr den geringsten Skandal. Markls makabres Schrumpfszenario für die kommenden Jahrhunderte entspricht grob der malthusianischen Bevölkerungspolitik des UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA), die bei der UN-Weltbevölkerungskonferenz 1994 in Kairo als Aktionsprogramm beschlossen wurde. Allerdings war es den Verfechtern des Aktionsprogramms damals noch sehr peinlich, wenn man sie mit ihrem eigenen Ziel, die Weltbevölkerung bis 2150 auf rund 2,5 Milliarden Menschen zu reduzieren, konfrontierte.1 Sie bestritten es heftig, und eine entsprechende Graphik des angestrebten Ziels, die "niedrige Variante" der Bevölkerungsentwicklung zu erreichen, wurde später abgeändert, so daß sie nur noch bis 2050 reichte und die Schrumpfphase nicht mehr zu sehen war. Aber immerhin schämte man sich vor sieben Jahren noch des Vorwurfs, "die Menschheit halbieren" zu wollen.

Prof. Markl schämt sich nicht mehr. Dabei ist Markl nicht irgendein Öko-Freak, sondern steht als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft hierzulande an der Spitze der offiziellen Grundlagenforschung. Zuvor war er Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, er ist Mitglied in zehn wissenschaftlichen Akademien, Ehrendoktor der Universität Dublin und Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland. Wenn ein solcher Mann öffentlich und unwidersprochen die Schrumpfung der Menschheit um mehr als zwei Drittel propagiert - das bedeutet einen allmählichen, quälenden und zwangsläufig mörderischen Prozeß des wirtschaftlichen, geistig-kulturellen und sozio-politischen Ab- und Aussterbens, der zu grauenhaft ist, um ihn sich weiter ausmalen zu wollen - , dann wirft das ein sehr schlechtes Licht auf Ideologie und Moral der Forschung in Deutschland.

Markl argumentiert geschickt, man müsse nur weltweit die Geburtenrate auf bundesdeutsches Niveau senken, um die gewünschte Schrumpfung zu erreichen. Aber er unterschlägt, daß wir die verheerenden Effekte der niedrigen Zahl von nur 1,3 Kindern pro Frau hierzulande bislang kaum wahrnehmen, weil der Bevölkerungsrückgang noch von zuwandernden Ausländern ausgeglichen wird.

Ein anschauliches Beispiel für die reale Grausamkeit der "nachindustriellen Gesellschaftsmodelle" des Club of Rome u.a., wie sie Markl zweifellos vorschweben, ist die derzeitige Lage im winterlichen Rußland: Das Land ist eine riesige nachindustrielle Ruine, und in Sibirien wohnen Menschen neben stillgelegten Kohlebergwerken und erfrieren in ihren eiskalten Wohnungen.

Selbst wenn die angestrebte Schrumpfung der Bevölkerung zu Anfang ausschließlich durch freiwillige Geburtenkontrolle (Empfängnisverhütung und Abtreibung) zustandekäme -

während in Wirklichkeit AIDS und andere Seuchen schon heute ein erheblicher Dezimierungsfaktor sind - , hätte die Schrumpfung als solche schon bald verheerende Folgen: Der Bevölkerungsrückgang stürzt die Volkswirtschaften in eine nicht-zyklische Depression; die sinkende Zahl junger Menschen kann die wachsende Zahl der alten nicht länger versorgen; beides zusammen verstärkt den Trend zur Euthanasie. Aus abgelegeneren Gegenden mit schrumpfender Bevölkerungsdichte ziehen auch die übrigen Leute noch weg, ganze Landstriche bleiben öde und entvölkert zurück. Die wirtschaftliche Abwärtsspirale dreht sich weiter, Mangel und Armut wachsen, und mit sinkendem Lebensstandard und kollabierendem Gesundheitswesen breiten sich alte und neue Epidemien aus, welche die Bevölkerung weiter dezimieren. So wird die Bevölkerungsreduzierung selbst zur Haupttodesursache.

Obwohl dieser Prozeß z.B. in Rußland, dessen Bevölkerung jährlich um 600000 Menschen schrumpft, bereits empirisch sichtbar ist, spricht Markl immer noch von einer "überhitzten Populationskonjunktur". Markl ist zwar Biologe und kein Bevölkerungswissenschaftler, trotzdem kann es ihm unmöglich entgangen sein, daß die demographischen Wachstumsindikatoren seit 40 Jahren sinken: Ab 1960 sank die Kinderzahl pro Frau, 20 Jahre später begann der Rückgang der prozentualen jährlichen Zunahme der Weltbevölkerung, und seit 1990 nimmt die Weltbevölkerung auch in absoluten Zahlen jedes Jahr weniger zu. Ab 2050 wird die Weltbevölkerung überhaupt nicht mehr wachsen, sondern schrumpfen.2

Der UN-Bevölkerungsfonds publiziert regelmäßig eine "niedrige", "mittlere" und "hohe Variante" seiner Bevölkerungsprognose, wobei die niedrige Variante seit der Kairo-Konferenz als Ziel der UN-Bevölkerungspolitik gilt. Alle zwei Jahre werden die drei Varianten "revidiert" - und zwar nach unten. Schon in der "Revision von 1994" war ersichtlich, daß die reale Bevölkerungsentwicklung 1985-90 die angestrebte "niedrige Variante" unterschritten hatte. Daraufhin wurden die drei Varianten der Bevölkerungsprognose in passender Weise abgesenkt, die Differenz beträgt seit 1990 400 bzw. 500 Millionen Menschen.

Maximum der Weltbevölkerung um 2050 (in Mrd.)
  UN-Bericht 1990 UN-Revision 1998
niedrige Variante 7,7 7,3
mittlere Variante 9,4 8,9
hohe Variante 11,2 10,5

Und ist der auch vom Club of Rome so vielbeschworene Begriff sustainable development (eine weitsichtige Wirtschaftsentwicklung, die auf Dauer aufrechterhalten werden kann) ganz in Vergessenheit geraten? Der von Herrn Markl herbeigewünschte Schrumpfungsprozeß ist jedenfalls nicht sustainable oder aufrechterhaltbar, wie man sich leicht klarmachen kann: Was passiert, wenn die Bevölkerung bei einer Geburtenrate von 1,3 Kindern pro Frau schließlich für Herrn Markls Geschmack genug geschrumpft ist? Sie schrumpft nämlich unaufhaltsam weiter, auch wenn die Kinderzahl nicht weiter sinkt!

"Am schrecklichsten ist immer noch der ideologisch verblendete Mensch", sagte Markl im gleichen Interview. Wahre Worte, vor allem wenn es sich um eine Ideologie handelt, die das menschliche Leben derart abwertet, wie er es tut. Eine Ideologie, welche die Entlastung der Biosphäre von den Einflüssen menschlichen Lebens zum höchsten Gut erklärt, impliziert die groteske "Umwertung aller Werte". Als gut und nachahmenswert galt früher, Menschenleben zu retten und zu schützen, das Leben der Menschen zu verlängern, zu erleichtern oder zu verschönern. Wenn aber die Reduzierung der menschlichen Weltbevölkerung obenangestellt wird, dann werden nach und nach sogar die schlimmsten Übel und größten Menschenvernichter rehabilitiert, weil sie ja angeblich die "Biosphäre" entlasten helfen. Es ist Zeit, diese Killer-Ideologie mit den Mitteln des Geistes zu bekämpfen, anstatt sie mit Ehrendoktorwürden und Bundesverdienstkreuzen zu behängen.

Gabriele Liebig


Anmerkungen

1. Nie wieder Holocaust!, Dokumentation des Schiller-Instituts zur Weltbevölkerungskonferenz in Kairo, Sonderdruck, z.T. veröffent. in Neue Solidarität Nr. 24, 15.6.1994.

2. Vgl. G.Liebig, "Die organisierte Bevölkerungsimplosion", Neue Solidarität Nr. 33, 13.8.1997.