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Aus der Neuen Solidarität Nr. 41/2001:

Terror gegen das eigene Land

Buchbesprechung. 1962 plante die Führung des US-Militärs Terroranschläge gegen die eigene Bevölkerung, um einen Krieg gegen Kuba zu rechtfertigen.


Operation Northwoods
Schiffe versenken und Bomben legen

Aus amtlichen Dokumenten, die jahrzehntelang streng geheim waren, geht hervor, daß der Generalstab der US-Streitkräfte Anfang der 60er Jahre bereit war, terroristische Angriffe gegen die eigene Bevölkerung zu organisieren, um die USA in einen Krieg gegen Kuba zu ziehen. Diese Fakten sind in der heutigen Zeit besonders bedeutsam, da auch die Anschläge gegen das World Trade Center und das Pentagon den Zweck verfolgen, Amerika in einen "Krieg der Kulturen" zu verwickeln.

Der erste ausführliche Bericht über diese Dokumente findet sich in dem Buch Body of Secrets von James Bamford über den amerikanischen Nachrichtendienst NSA (National Security Agency), das vor einem halben Jahr in den USA erschienen ist. Bamford schreibt darin, der Generalstab der US-Streitkräfte (Joint Chiefs of Staff) "schlug einen geheimen, blutigen Terrorkrieg gegen das eigene Land vor, um die amerikanische Öffentlichkeit zu verleiten, einen schlecht durchdachten Krieg, den sie [das Militär] gegen Kuba planten, zu unterstützen."

Bamford stützt sich auf Dokumente, die in den letzten Jahren vom Assassinations Review Board freigegeben und anschließend vom Nationalarchiv der USA veröffentlicht wurden. Wir haben diese Dokumente durchgesehen (Zitate folgen unten) und können feststellen, daß Bamford in keiner Weise übertrieben hat.

Es handelt sich um den Zeitraum Winter 1961/Frühjahr 1962. Zuvor hatte im April 1961 die fehlgeschlagene Invasion in der Schweinebucht zum Sturz Fidel Castros stattgefunden, die noch von der Regierung Eisenhower geplant worden war. Im Oktober 1962 folgte dann die Kuba-Raketenkrise.

Operation Northwoods

Ende 1961 entzog Präsident John F. Kennedy wegen des Schweinebucht-Desasters der CIA die Verantwortung für die Kuba-Operationen und übertrug sie statt dessen dem Verteidigungsministerium. Dort entstand das Terrorismus-Projekt, das den Codenamen Operation Northwoods trug. Es war ein Bestandteil der umfassenden Kuba-Pläne des Pentagons, die unter der Bezeichnung "Operation Mungo" (Operation Mongoose) liefen. Verantwortlich waren Edward Lansdale - ein CIA-Mann, der zu der Zeit Vizedirektor der Pentagon-Abteilung für Sondereinsätze war - sowie Generalstabschef General Lyman Lemnitzer, der in der Eisenhower-Ära ernannt worden war.

Lemnitzer und seine Strategen planten eine umfassende Invasion Kubas, um Castro zu stürzen - und vielleicht wollten sie auch beweisen, daß sie "schaffen, was die CIA nicht geschafft hat". Sie trauten Kennedy und der neuen Administration nicht, besonders nachdem behauptet wurde, Kennedy habe der Schweinebucht-Invasion in letzter Minute die Luftunterstützung verweigert (inzwischen ist belegt, daß diese Entscheidung nicht von Kennedy getroffen wurde). Die Militärführung warf der Regierung vor, sie sei gegenüber Castro zu "weich". Ihre Terrorpläne sollte man auch in diesem Licht sehen.

Die Planungen fanden ihren Niederschlag in verschiedenen Memoranden und Empfehlungen, deren Endfassung Lemnitzer mit Datum vom 13. März 1962 an Verteidigungsminister Robert McNamara übergab oder übergeben wollte. McNamara bestreitet, die Dokumente erhalten zu haben. In dem einleitenden Memorandum von Lemnitzer heißt es, der Generalstab habe ein beigefügtes Memorandum "erwogen", eine "Beschreibung von Vorwänden, die eine Militärintervention in Kuba rechtfertigen würden." Er gehe davon aus, daß "eine einzelne Behörde die Hauptverantwortung für die Entwicklung militärischer und paramilitärischer Aspekte des grundlegenden Plans" erhalten werde und empfiehlt, diese Verantwortung dem Generalstab zu übertragen.

Das beigelegte Memorandum trägt den Titel Rechtfertigung für eine US-Militärintervention in Kuba. Es heißt darin, eine politische Entscheidung für eine solche Militärintervention werde "aus einer Periode verstärkter Spannungen zwischen den USA und Kuba resultieren, welche die Vereinigten Staaten in die Lage bringen, gerechtfertigtes Leid zu erdulden." Die Weltöffentlichkeit und die Vereinten Nationen "sollten günstig beeinflußt werden, indem man das Bild einer tollkühnen und unverantwortlichen kubanischen Regierung entwickelt, die eine alarmierende und unberechenbare Gefahr für den Frieden der westlichen Hemisphäre darstellt".

Es wird empfohlen, die Aktionen, die den Vorwand für die Militärintervention bilden sollen, noch in den nächsten Monaten durchzuführen, solange ein Eingreifen der Sowjetunion noch unwahrscheinlich sei. Denn "bisher gibt es noch keinen zweiseitigen Beistandsvertrag, der die UdSSR bindet, Kuba zu verteidigen"; Kuba sei noch kein Mitglied des Warschauer Paktes, und die Sowjets hätten dort noch keine größeren Militärbasen errichtet.

Schiffe versenken und Bomben legen

Dann folgen einzelne Vorschläge für Aktionen, die als Vorwand benutzt werden könnten.

Der erste betrifft "eine Serie wohlkoordinierter Vorfälle" auf und um den US-Marinestützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba. Dazu könne man etwa befreundete Kubaner anstiften, in kubanische Militäruniformen verkleidet an dem Stützpunkt Unruhen anzuzetteln, dort Munitionslager in die Luft zu sprengen, Feuer zu legen, Flugzeuge in Brand zu setzen, ein Schiff im Hafen fahruntüchtig zu machen und in der Nähe des Hafeneinfahrt ein Schiff zu versenken.

Aber das ist erst der Anfang. Weiter heißt es: "Man könnte einen ,Remember the Maine'-Vorfall arrangieren... [Mit der Versenkung der Maine durch unbekannte Urheber begann der Spanisch-Amerikanische Krieg 1898.] Wir könnten ein amerikanisches Schiff in Guantanamo Bay versenken und Kuba die Schuld geben." Eine andere Möglichkeit sei, eine Schiffsattrappe in kubanischen Gewässern zu versenken. Kaltblütig heißt es: "Listen von toten Soldaten in amerikanischen Zeitungen würden eine nützliche Welle nationaler Empörung auslösen."

Der nächste Vorschlag: "Wir könnten eine Terrorkampagne des kommunistischen Kuba im Gebiet um Miami, anderen Städten Floridas und sogar in Washington inszenieren. Die Terrorkampagne könnte sich gegen kubanische Flüchtlinge richten, die in den Vereinigten Staaten Schutz suchen. Wir könnten ein ganzes Schiff voller Kubaner auf dem Weg nach Florida (real oder simuliert) versenken. Wir könnten Mordanschläge auf kubanische Flüchtlinge in den Vereinigten Staaten organisieren...

"Nützlich wäre auch, ein paar Plastikbomben an sorgfältig ausgewählten Orten hochgehen zu lassen, kubanische Agenten zu verhaften und entsprechend vorbereitete Dokumente zu veröffentlichen..."

Ein anderer Vorschlag besagt, als sowjetische MiGs getarnte Flugzeuge einzusetzen, um Zivilflugzeuge zu bedrohen, Schiffe anzugreifen und Attrappen von US-Militärflugzeugen abzuschießen. Auch "versuchte Entführungen von Zivilflugzeugen und anderen Fahrzeugen" kämen in Frage. Der am sorgfältigsten ausgearbeitete Plan schlägt dann vor, den Abschuß eines gecharterten Zivilflugzeugs im kubanischen Luftraum zu simulieren.

Präsident Kennedy lehnte den Plan ab, und Lemnitzer gab Anweisung, alle schriftlichen Unterlagen darüber zu vernichten. Einige Dokumente haben dennoch - jahrzehntelang streng geheim gehalten - überlebt.

Edward Spannaus

 

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