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Aus der Neuen Solidarität Nr. 42/2001:

Terror und Big Business in Amerika

Kolumbien. Trotz vollmundiger Erklärungen eines "Krieges gegen den weltweiten Terror" unterstützen die USA weiterhin den Schmusekurs des kolumbianischen Präsidenten Pastrana gegenüber der narkoterroristischen FARC. Gibt es etwa "gute" und "böse" Terroristen?


Terror ohne Ende
Ausbildungslager und Schutzzone für Terroristen

Richard Grasso und Freunde

Eine ernstgemeinte Sicherheitsstrategie

Der amerikanische Senator Bob Graham aus Florida, der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im US-Senat, erklärte am 1. Oktober gegenüber der in Miami erscheinenden Zeitschrift El Nuevo Herald, die "Strukturen der FARC, ihre Finanzquellen und sogar ihre Ziele" entsprächen denen von Osama Bin Ladens Terrornetzwerk Al Qaida. Bin Laden finanziere seine Operationen mit Heroin, während die FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) ihre Operationen mit Kokain finanziere, meinte er. "Die FARC macht das gleiche wie der Terrorismus auf globaler Ebene; auch sie ist in kleine Zellen gegliedert, die nichts voneinander wissen und von einem Zentralkommando abhängig sind, um ihre Anschläge auszuführen."

Mit Hinweis auf die kürzlich aufgedeckte Anwesenheit von IRA-Leuten im FARC-Gebiet in Kolumbien, meinte Graham, die FARC sei Teil einer Gruppe von Terrororganisationen, die ihr Bündnis festigen. Grahams Erklärung ist um so bemerkenswerter, weil er selbst an der Leitung der Arbeitsgruppe über Kolumbien im Council on Foreign Relations und Inter-American Dialogue beteiligt war, die noch im Oktober 2000 in ihrem Abschlußbericht darauf beharrte, Kolumbiens einzige Chance sei ein "Friedensabkommen" mit der FARC.

Botschafter Frances Taylor, Koordinator des US-Außenministeriums in Fragen der Terrorbekämpfung, nahm gegenüber dem Unterausschuß des Kongresses für Internationale Beziehungen in der westlichen Hemisphäre ebenfalls kein Blatt vor dem Mund. "Seit 1980 hat die FARC, die auf der Liste ausländischer Terrororganisationen des Außenministeriums aufgeführt ist, 13 Amerikaner ermordet und Hunderte entführt. Führende Vertreter der FARC haben die Anschläge vom 11. September begrüßt." Zusätzlich gebe es seit einigen Monaten Hinweise auf Beziehungen zur Provisorischen Irisch-Republikanischen Armee (PIRA) und möglicherweise auch der baskischen ETA.

Trotzdem hält die Regierung Pastrana in Kolumbien an dem "Friedensabkommen" mit der FARC fest - und das mit Rückendeckung der Bush-Administration. Am 5. Oktober wurde in einem gemeinsamen Kommuniqué der FARC und der kolumbianischen Regierung bekanntgegeben, daß man eine neue "Vereinbarung" getroffen habe. Demnach weist die FARC alle ihre Einheiten im Lande an, die Zahl der Entführungen zu "verringern". Massenentführungen, bei denen durch Straßenblockaden gleich die Insassen zahlreicher Fahrzeuge verschleppt werden, sollen eingestellt werden. Die FARC verspricht außerdem, in der von ihr beherrschten "entmilitarisierten Zone" andere politische Gruppierungen zuzulassen und dort keine Geiseln mehr festzuhalten. Pastranas Unterhändler Camilo Gomez lobte dieses Abkommen und meinte, damit werde der "weitere Verlauf des Friedensprozesses beeinflußt".

Terror ohne Ende

Wieviel von solchen an sich schon grotesken Versprechen der FARC zu halten ist, bewies sie wiederholt in der Vergangenheit, auch erst kürzlich wieder. Am 30. September wurde Consuelo Araujonoguerra, die Kulturministerin der ersten Amtsjahre Pastranas und Ehefrau des amtierenden kolumbianischen Generalstaatsanwalts Edgardo Maya, von Drogenterroristen der FARC ermordet. Nur zwei Tage später wurde auf einen bekannten General a.D. ein Attentat verübt und ein Kongreßabgeordneter erschossen.

Die 66jährige Consuelo Araujonoguerra war bei einer Straßensperre paramilitärischer Söldner zusammen mit 20 weiteren Personen verschleppt worden. Als die Streitkräfte den Terroristen auf die Spur kamen, ließen die Terroristen die Geiseln frei, bis auf die Ex-Ministerin und ihre Freundin. Die bereits geschwächte Dame konnte bei der Flucht durch den Dschungel nicht mithalten und wurde mit fünf Schüssen in Hinterkopf und Rücken hingerichtet. Ihre Freundin wurde eine Klippe hinuntergestürzt und Stunden später sterbend aufgefunden.

Am 2. Oktober wurde dann der linksgerichtete Kongreßabgeordnete Octavio Sarmiento vermutlich von Todesschwadronen als Vergeltung für den Mord an Araujonoguerra erschossen, und General Rafael Cifuentes wurde vermutlich von FARC-Terroristen durch einen Kopfschuß verletzt. Sein Zustand ist stabil, und er wird wahrscheinlich überleben. General Cifuentes, dessen Sohn bereits vor Jahren von der FARC entführt und ermordet worden war, leitete früher die Militärakademie der kolumbianischen Streitkräfte und war als Kommandeur der II. Armeebrigade nach dem Wahlsieg Samper Pizanos (Präsident 1994-98) aus Protest gegen den Einfluß der Drogenmafia auf den Präsidenten und die Regierung zurückgetreten. Cifuentes war seitdem politisch aktiv, zuletzt in der laufenden Präsidentschaftswahlkampagne des Falken Alvaro Uribe Velez.

Die Mehrheit der Kolumbianer fordert nach diesen neuen Gewalttaten von Präsident Pastrana die Einstellung der unseligen Politik der "Verständigung" mit der FARC und die Rückeroberung der "entmilitarisierten Zone", die der Guerilla als Rückzugsgebiet und Rekrutierungsfeld für ihre fortgesetzten Angriffe dient. Zeitungsherausgeber, Abgeordnete, Präsidentschaftskandidaten, Gewerkschafter und der Mann auf der Straße fordern nun alle von der Regierung, die FARC als das zu behandeln, was sie ist: eine drogenfinanzierte Terrorgruppe.

Ausbildungslager und Schutzzone für Terroristen

Nach den Terroranschlägen in den USA vom 11. September und der darauffolgenden Versicherung Washingtons, an keinem Ort der Welt Terrorismus unter staatlichem Schutz weiter zu dulden, sollte man annehmen, daß die Regierung Pastrana die Gelegenheit beim Schopfe packt, um drei Jahre schmählicher Erniedrigungen zu beenden und das Land von der beständigen Nötigung durch die Narkoterroristen zu befreien.

Dem ist aber nicht so. Präsident Pastrana will um jeden Preis einen "Waffenstillstand" mit der FARC aushandeln, bei dem 1. die kolumbianische Armee während einer sechsmonatigen "beiderseitigen" Waffenruhe nicht eingesetzt würde, 2. eine Verfassungsgebende Versammlung einberufen wird, in der die Terrororganisation vertreten und damit an der Regierung beteiligt wäre, und 3. die FARC zu allem Überfluß auch noch mit Regierungsmitteln finanziert würde.

Das US-Außenministerium ist damit offenbar einverstanden. Am 1. Oktober jedenfalls betonte Außenamtssprecher Richard Boucher, die Regierung Bush unterstütze weiterhin den "Friedensprozeß" in Kolumbien. Die Bush-Regierung sei über den Mord an der ehemaligen Ministerin "traurig und entsetzt", aber auf die Frage, warum die USA die entmilitarisierte Zone als Rückzugs- und Schutzgebiet für Terroristen nicht entschieden ablehnten, antwortete Boucher nur: "Ich denke, dies sind alles Fragen, die Präsident Pastrana bedenken muß, wenn er seine Entscheidung trifft."

Das kolumbianische Militär, das vor zwei Monaten die FARC aus den Gebieten außerhalb der entmilitarisierten Zone (einem Gebiet von der Größe der Schweiz) vertrieben hatte, schickte 10000 Mann an die Grenzen der Zone, nachdem die Entführung und Ermordung Araujonoguerras bekannt wurde. Aber wenn Pastrana sich mit seiner Haltung durchsetzt, werden sie sich wieder in ihre Kasernen zurückziehen.

Richard Grasso und Freunde

Um zu verstehen, warum die Regierung Pastrana und die Regierung Bush die FARC gewähren lassen, sollte man sich die Liste der "ehrenwerten" Persönlichkeiten ansehen, die seit 1999 die "demilitarisierte Zone" der FARC besucht haben (siehe Artikel S.8). Im Juni 1999 fuhr der Chef der New Yorker Börse Richard Grasso nach San Vicente de Caguan, der "Hauptstadt" in der FARC-beherrschten Zone, um mit dem FARC-Führer Raul Reyes zusammenzutreffen. Zurück in New York lobte Grasso gegenüber der Presse die FARC-Führung und besonders Reyes' Wissen über "Investitionen und Finanzmärkte".

Auf Grassos Besuch folgten viele andere, u.a. von Vertretern der "Millenium-Gruppe" Gruppe einflußreicher internationaler Geschäftsleute und Bankiers. Man möchte fragen: Was wollen die geschniegelten Spitzenbankiers der Wall Street von ungewaschenen Gangstern im tiefsten Dschungel Kolumbiens? Die Antwort ist einfach: Geld! Sehr viel Geld, das aus dem Handel mit Kokain und Heroin gewonnen wird, der unter dem Schutz der FARC blüht. Die FARC ist zu einem der größten Drogenkartelle geworden, und die Milliarden, die im Drogenhandel verdient werden, sind seit langem für das Überleben des Finanzsystems unverzichtbar geworden.

Um diese Milliarden aber schneller und verlustfrei in die Finanzzentren zu lenken, ist eine Legalisierung des Drogenhandels notwendig. Käme die FARC in Kolumbien an die Macht, dann wäre dies in Kombination mit ihren Freunden und Sympathisanten, die schon Peru und Venezuela regieren, ein großer Schritt in Richtung Legalisierung. Die FARC (die scheinheilig beteuert, selbst nicht im Drogenhandel aktiv zu sein) fordert in ihren Programmen und Erklärungen wiederholt die Legalisierung von Rauschgift als einzige "Lösung" im angeblich "ungewinnbaren" Krieg gegen das Rauschgift. Bei den Verhandlungen mit der Regierung Pastrana im Zusammenhang mit der angestrebten Verfassungsgebenden Versammlung spielt denn auch die Legalisierungsfrage eine wichtige Rolle.

Eine ernstgemeinte Sicherheitsstrategie

Die eigentliche Tragödie der Kapitulationspolitik in Kolumbien liegt darin, daß die Streitkräfte des Landes gerade bewiesen haben, daß sie mit der FARC und dem Drogenterror fertig werden können. Im Februar waren 3000 Soldaten in der von der FARC beherrschten Südostregion Kolumbiens nahe den Grenzen zu Brasilien und Venezuela eingesetzt worden, um in der Operation Schwarze Katze den größten Kokainhändlerring Südamerikas zu zerschlagen. Große Kokaanbaugebiete, Dutzende Kokainlabors wurden ausgehoben und zerstört, und der größte Drogenhändler Brasiliens Fernandinho Baira Mar, der unter dem Schutz der FARC lebte, wurde gefangengenommen. Der Kommandeur des Südkommandos der US-Streitkräfte General Pace, der bei den Razzien als Beobachter zugegen war, berichtete: "Die FARC und der Drogenhandel sind in dieser Region ein- und dasselbe."

Ende August startete die FARC dann eine Gegenoffensive mit 1200 Kämpfern aus der "entmilitarisierten Zone", die sich mit weiteren tausend Guerilleros aus dem Süden Kolumbiens vereinigten. Sie wollten den im Rahmen der Operation Schwarze Katze neu errichteten Militärstützpunkt angreifen und den durch die Militäraktion unterbrochenen Kokainkorridor nach Brasilien wieder öffnen. Etliche Dörfer und Städte wurden zerstört. Diesmal wurden 6000 kolumbianische Soldaten unter der Führung der gut ausgebildeten Schnellen Eingreiftruppe eingesetzt. Es gelang ihnen, einen Teil der FARC-Armee zu zerschlagen und die Nummer Zwei der militärischen Führung der FARC zu töten. Den übrigen FARC-Kämpfern blieb nur die Flucht in die von Pastrana sanktionierte "entmilitarisierte Zone". Gäbe es diese Zone nicht, wäre den Drogenhändlern der Todesschlag versetzt worden.

Valerie Rush

 

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