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Aus der Neuen Solidarität Nr. 42/2001:

Die FARC und der "Grasso-Faktor"

Narkoterrorismus. Die USA messen bei der Terrorismusbekämpfung offenbar mit zweierlei Maß: Was für Afghanistan gilt, muß im kolumbianischen Dschungel noch lange nicht gelten.

Es ist eine Tatsache, daß der Narkoterrorismus ohne Unterstützung der internationalen Finanzwelt nicht existieren könnte. Wohl in kaum einem anderen Fall wird das deutlicher als bei der Zusammenarbeit der Wall Street mit der kolumbianischen Narkoterrorgruppe FARC (Revolutionäre Bewaffnete Kräfte Kolumbiens). Es geht dabei nicht nur darum, daß die Londoner und New Yorker Finanzwelt an die Drogengelder herankommen will, die FARC soll auch international in die sog. "demokratischen" Strukturen der Globalisierung integriert werden. Die folgende Chronologie umreißt die wichtigsten Stationen der Zusammenarbeit.

26. Juni 1999: Der Vorstandsvorsitzende der New Yorker Börse (NYSE), Richard Grasso, eröffnet die öffentliche Kampagne zur Legalisierung der FARC und ihrer "Handelsware" Kokain und Heroin mit seinem Besuch in der von der FARC kontrollierten Zone im Süden Kolumbiens. Der NYSE-Vizepräsident für internationale Beziehungen Alan Yves Morvan und der NYSE-Vizepräsident für Sicherheit und Schutz James Esposito begleiten ihn.

"Dick" Grasso, ein Vietnamkriegsveteran und Student mit allerdings abgebrochenem Studium, der - angeblich wegen seiner "Marketing-Begabung" - von der Börseneinführungsabteilung die Karriereleiter erklomm, gilt als Schöpfer des "Weltaktienmarkts". Er wurde 1988 zum NYSE-Präsidenten und Chefmanager und im Juni 1995 zum NYSE-Vorsitzenden und Vorstandsvorsitzenden gewählt, und man nannte ihn "das öffentliche Gesicht der größten Hausse der amerikanischen Geschichte". Grasso betont gerne, daß er es als seine größte Herausforderung betrachtet, "Weltklasseunternehmen" aus der ganzen Welt an seine Börse zu holen.

Nach seiner Rückkehr lobte Grasso am 29. Juni 1999 die "außergewöhnliche" Führung der FARC und nannte als wichtigstes Thema ihrer Gespräche den "gegenseitigen Kapitalaustausch". Er fügte hinzu, er habe den "Oberkommandierenden" der FARC Raul Reyes eingeladen, "mit mir über's Börsenparkett zu gehen".

Seine Geschäfte mit der FARC seien Bestandteil der Strategie der NYSE, "sich sehr aggressiv darum zu bemühen, internationale Märkte und Chancen zu nutzen". Es sei eine "außerordentliche Erfahrung, weil der Comandante [Reyes] in der ehemaligen Sowjetunion als Ingenieur ausgebildet wurde. Auch wenn es wegen seines Dschungellebens und seiner M-16 oberflächlich vielleicht anders ausgesehen hat - er ist ein sehr kluger Kopf. Und er wußte viel über Investitionen und Kapitalmärkte sowie die Notwendigkeit, ausländisches Kapital nach Kolumbien anzuziehen. Er war sehr daran interessiert, wie kolumbianische Unternehmen in die USA kommen und Kapital zur Investition in ihrem Land aufnehmen könnten."

Es war zwar nicht der erste Kontakt zwischen der FARC und führenden Vertretern des US-Establishments, denn der Leiter der Anden-Abteilung des Außenministeriums Philip Chicola hatte Reyes im Dezember 1998 in Costa Rica getroffen. Aber Grasso, der häufig die Rolle des "Showmans" für die im Hintergrund bleibenden wichtigeren Kräfte der Wall Street übernimmt, sollte mit dem Besuch die öffentliche Medienkampagne zur Legalisierung der FARC in Gang setzen. Das Wall Street Journal kommentierte noch am gleichen 29. Juni: "Mr. Reyes... ist profitabel, er denkt global, und er ist strategisch positioniert. Bleiben Sie dran, der NYSE-Vorsitzende soll dem Guerillero eine persönliche Führung durch die Börse versprochen haben. Was kommt dann - ein Börsengang?"

Tatsächlich ging es um noch Größeres. Grasso sagte, er hoffe, sein Besuch "werde den Beginn einer neuen Beziehung zwischen der FARC und den Vereinigten Staaten markieren". Er berichtete auch, obwohl es offiziell ein "privater" Besuch sei, sei er vom US-Botschafter in Kolumbien, Curtis Kammen, vor dem Treffen mit Reyes unterrichtet worden und habe diesen im Gegenzug hinterher unterrichtet.

Die Botschaft, daß ein Pakt mit der FARC - in den Worten einer FARC-freundlichen Zeitung - "das Interesse und die Kooperation der Finanzkreise der USA" genießt, war eine Warnung an alle diejenigen in den Regierungen Kolumbiens und der USA, die gegen diesen Pakt waren: Wer sich gegen die FARC stellt, der bekommt es mit der Wall Street zu tun.

22. Januar 2000: Grasso besucht erneut Kolumbien, diesmal zu einem Treffen mit Staatspräsident Andreas Pastrana und dessen "Millenniumgruppe" im karibischen Urlaubsort Cartagena. Die Millenniumgruppe bestand, so die kolumbianischen Medien, aus "13 führenden Schwergewichten aus Finanzwelt und Weltwirtschaft" und verfolgte das Ziel, internationale Unterstützung und Investitionen für Pastranas sog. "Friedensplan" mit der FARC zu organisieren.

Anwesend waren z.B. der Gründer von America Online (AOL) Jim Kimsey, Minoru Makihara von Mitsubishi, der Geschäftspartner von George Bush sen. und frühere kanadische Regierungschef Brian Mulroney, Lorenzo Zambrano von der mexikanischen Cemex, Ronnie Chan von der Hang Lung Development Co. aus Hongkong sowie der Washingtoner "Macher" Vernon Jordan. Zusammengebracht hatten die Gruppe Violy McCausland von Violy, Byorum & Partners sowie der ehemalige Weltbankpräsident James Wolfensohn. Kimsey, der als Sprecher fungierte, sagte der Presse anschließend, man habe Pastrana internationale Unterstützung für den Fall zugesagt, daß er an der Friedenspolitik mit der FARC und an der vom IWF diktierten Sparpolitik festhalte.

27. Januar 2000: Pastranas Nationaler Planungsdirektor Mauricio Cardenas gibt bekannt, die Regierung habe die schriftliche Zustimmung des IWF zu "bedingungslosen und unbegrenzten Finanzmitteln" für "Investitionen", mit denen die FARC - deren Terrorismus immer größere Ausmaße annahm - für den "Friedensprozeß" gewonnen werden sollte.

1. Februar 2000: Sieben "Comandantes" - darunter Reyes und Simon Trinidad, ein Bankier, der sich vor Jahren der FARC-Führung angeschlossen hatte, treten eine 23tägige kostenfreie Rundreise durch sechs europäische Nationen an. Begleitet von kolumbianischen Regierungs- und Wirtschaftsvertretern, treffen die FARC-Führer dort Minister, Abgeordnete sowie Spitzenvertreter von Wirtschafts- und Handelsverbänden und Gewerkschaften.

US-Außenministerin Madeleine Albright bezeichnet diese FARC-Reise am 16. Februar vor dem Außenpolitischen Ausschuß des US-Repräsentantenhauses als "bemerkenswert" und "sehr ermutigend". Zu der Zeit stand die FARC offiziell auf der von Albrights Ministerium geführten Liste internationaler Terrororganisationen!

Die offiziellen Fotos der Treffen, die um die Welt gingen, verkündeten die Botschaft, daß es nun für jedermann legitim sei, mit der FARC zu reden und Geschäfte zu machen. Reyes faßte das Ergebnis der Reise zusammen: "Der FARC wurde jetzt de facto der Status einer kriegführenden Partei zuerkannt."

4. März 2000: Der Ehrenvorsitzende von AOL Jim Kimsey und der Immobilienmillionär Joseph Roberts jun. besuchen die FARC in ihrem Hauptstützpunkt in Cagua. Bei dem gut drei Stunden langen Treffen sprechen sie auch mit dem "Oberkommandierenden" der FARC Manuel Marulanda (Spitzname: "der Treffsichere"). Zum Schluß tauscht Kimsey mit Marulanda die Baseballkappen und gibt ihm seine AOL-Kappe.

Am 20. März berichten Kimsey und Roberts in einem Kommentar in der Washington Times, sie hätten über die "globale New Economy" und potentielle US-Investitionen bei der FARC gesprochen und als nächsten Schritt vorgeschlagen, daß FARC-Führer die USA besuchen und "direkt zum US-Kongreß und zum amerikanischen Volk sprechen... Wir glauben, unsere Führung sollte auf sie hören."

Kimsey, der Mitglied des Council on Foreign Relations ist, und sein Partner Roberts gehören ebenso wie Grasso zu den Wirtschaftsbossen und Spekulanten, die ihre Millionen (bzw. Milliarden) in der "Neuen Wirtschaft" des Informationszeitalters machten und sich als Vorreiter einer "neuen Weltordnung" in ihrem Interesse verstehen, in der die Macht der Konzerne die Nationalstaaten ersetzt.

Kimsey hängt eng mit dem Militär- und Geheimdienstapparat zusammen. Er war im Vietnamkrieg Mitglied der Special Forces Rangers und diente dort als Assistent des kommandierenden Generals für Sondereinsätze am Military Assistence Command. 1970 verließ er die Armee und begann eine Karriere als Börsenmakler (1975 wurde er aber von der Wertpapieraufsicht SEC für fünf Jahre von dem Beruf ausgeschlossen, nachdem er Aktienmanipulationen zugegeben hatte). Doch er bleibt dem Militär verbunden. Er sitzt im Beirat des Instituts für Gemeinsame Sondereinsatzkräfte und ist Mitglied einer Kommission der Gruppe Business Executives for National Security (BENS), die sich mit "Terrorismusbekämpfung" beschäftigt.

28. März 2000: Der für Lateinamerika zuständige Staatssekretär im britischen Außenministerium John Battle gibt bekannt, daß Tony Blairs Regierung eine gemeinsame Mission der FARC und der kolumbianischen Regierung, ähnlich der gerade beendeten Rundreise, "begrüßen würde" und die kolumbianische Regierung entsprechend informiert habe.

30. März 2000: In einem Kommuniqué fordert die FARC die US-Regierung auf, den Rauschgiftkonsum zu legalisieren, und lädt den US-Kongreß ein, eine Delegation in "ihr" Territorium in Südkolumbien zu entsenden, um das Gebiet zu besichtigen und direkt mit der FARC-Führung zu verhandeln.

November 2000: Das Duo Kimsey-Roberts trifft in Havanna Fidel Castro zu einem siebenstündigen Dinner, bei dem sie nach Roberts' Aussage darüber diskutierten, ob Castro das von ihnen entwickelte Projekt im kolumbianischen Dschungel unterstützen will.

Im Zuge des Niedergangs der Wall Street und der New Economy ist es in diesem Jahr um die NYSE-FARC-Kooperation ruhiger geworden, auch wenn die kriminellen Aktivitäten der FARC alles andere als abgenommen haben. Dennoch zeigen gerade die letzten Wochen, daß das Establishment und Außenministerium der USA beim Terrorismus - etwa zwischen "arabischem" und "lateinamerikanischem" Terrorismus - immer noch mit zweierlei Maß mißt.

Gretchen Small

 

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