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Aus der Neuen Solidarität Nr. 43/2001:

Afghanistan-Krieg führt zum
Zusammenstoß der Kulturen

Kulturkampf. Den Beteuerungen aus Washington, die Angriffe gegen Afghanistan seien kein Angriff auf den Islam, wird in der islamischen Welt immer weniger Glauben geschenkt. Im Nahen Osten, Süd- und Südostasien bis hin nach Afrika kam es zu antiamerikanischen Demonstrationen.


Regierungen sind gefährdet

Der 12. Oktober war der erste Freitag nach dem Beginn der anglo-amerikanischen Luftangriffe auf Afghanistan. Nach den Freitagsgebeten kam es in der ganzen islamischen Welt zu teilweise gewalttätigen Protesten. In Bangladesh starben sieben Menschen, als ein Bus in eine Demonstrantengruppe raste, 50 Menschen wurde verletzt. 15 Verletzte und zwölf Verhaftungen gab es im indischen Hayderabad, wo die Polizei mit Wasserwerfern gegen Demonstranten vorging. Zehntausende unterstützten Bin Laden lautstark in Neu-Delhi. Der Imam der Jama-Masjid-Moschee in Delhi, Syed Ahmad Bukhari, wurde mit den Worten zitiert: "Mit Gottes Willen wird Afghanistan zum Friedhof für Amerika, für seine teuflischen Armeen, genau so wie vorher für die andere große Weltmacht, Rußland." Ein geplanter Marsch von 50000 Demonstranten auf die amerikanische Botschaft wurde durch ein Verbot der Regierung verhindert.

Auf der Gegenseite demonstrierten zur gleichen Zeit 700 Unterstützer der nationalistischen Hindu-Gruppe Shiv Sena, die Masken von Bin Laden und Bukhari verbrannten. In Jammu-Kaschmir bewarfen Hunderte Demonstranten die Polizei mit Steinen, die ihrerseits Tränengas einsetzte. Vor der Moschee in Shrinigar, wie auch in Sri Lanka und anderenorts, verbrannten Moslems George-W.-Bush-Puppen.

Besonders kritisch entwickelte sich erwartungsgemäß die Lage in Pakistan, dem "Hauptverbündeten" in der amerikanischen "Anti-Terror-Allianz". Die Eskalation der antiamerikanischen Demonstrationen im ganzen Land veranlaßte die Militärregierung unter General Pervez Musharraf zu extremen Maßnahmen wie Massenverhaftungen. Am 14. Oktober verhaftete die Polizei mehr als 250 Aktivisten der Jamiat Ulema Islam vorbeugend, weil sie einen Demonstrationszug zum Flughafen Jacobabad planten, wo amerikanische Flugzeuge, Hubschrauber und Truppen gelandet sein sollen. Augenzeugen berichteten, daß die Polizei mit Schlagstöcken und Tränengas vorging. Ein Demonstrant wurde getötet. Jacobabad wurde komplett abgeriegelt. In Nowshehra verhaftete die Polizei vier lokale Führer der JUI, um eine geplante Demonstration zu verhindern.

Wie internationale Nachrichtenagenturen am 13. Oktober meldeten, demonstrierten in Indonesien am fünften Tag in Folge an die tausend Menschen vor der Botschaft der USA und verbrannten amerikanische Flaggen. In Malaysia wurden 3000 Demonstranten auf dem Weg zur US-Botschaft mit Wasserwerfern aufgehalten, während Zehntausende die Hauptstraßen blockierten.

Die blutigsten Zusammenstöße gab es in Nigeria, als es bei einer Demonstration gegen den Krieg in Kano zu gewalttätigen Ausschreitungen kam. Spannungen zwischen verschiedenen Volksgruppen sollen die Unruhen angeheizt haben. Es wurden 18 Tote und Hunderte von Verletzten gemeldet.

Im NATO-Land Türkei, dessen Regierung den USA notfalls Soldaten zur Unterstützung zugesagt hat, demonstrierten 2000 Menschen nach dem Freitagsgebet in Istanbul. Die Polizei ging mit Tränengas gegen sie vor.

Aber nicht nur in der islamischen Welt, auch in Europa wachsen die Protestmärsche an. Am 14. Oktober wurde berichtet, daß in London 20000 Menschen demonstrierten, in Berlin 25000, in Stuttgart 10000 und viele weitere Tausende in Schweden, Italien und der Schweiz. In Bern waren 4000 auf der Straße, in Göteborg 2500, Malmö 1000 usw.

Die mit Abstand größte Protestkundgebung fand in Italien statt, wo der alljährliche Friedensmarsch von Perugia nach Assisi, der Stadt des heiligen Franziskus, diesmal wegen des Afghanistankrieges 200000 Teilnehmer anzog. Neben Tausenden Bürgern marschierten auch katholische Organisationen und Politiker aller Oppositionsparteien die 23 km lange Strecke mit.

Regierungen sind gefährdet

Zusätzlich zu den Massenprotesten führt der Krieg zu bedeutenden Rissen innerhalb der politischen Strukturen vieler arabischer Staaten, auch bei den engsten Verbündeten der USA. Wie ein russischer Spezialist meinte: "Ihre täglich größer werdende Klemme im Afghanistan-Konflikt... wird zu einem allgemeinen strategischen Desaster für die Amerikaner. Von besonderer Bedeutung ist die extrem angespannte Situation in Saudi-Arabien und Kuwait, wo sich eine zunehmend antiamerikanische, antifeudale und antimonarchische Stimmung ausbreitet."

Dem britischen Premierminister Tony Blair wurde die Einreise nach Saudi-Arabien verweigert, weil befürchtet wurde, seine Anwesenheit werde zu weiteren Spannungen führen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb am 16. Oktober besorgt, der Riß zwischen dem Königshaus und dem radikalen Klerus, zu dem auch führende Imame der Moschee von Mekka und der Hauptstadt Riad gehören, vertiefe sich. Scheich Saud al Scharim, Imam der Großen Moschee in Mekka, forderte Gnade für seine Brüder in Afghanistan, während der Imam der Hauptstadt Riad zum Jihad gegen die Ungläubigen aufrief. Innenminister Prinz Nayef bin Abdul Aziz beschwerte sich öffentlich über die US-Luftangriffe und sagte, er hätte sich gewünscht, die USA hätten "versucht, die Terroristen zu zwingen, Afghanistan zu verlassen, ohne sich auf Luftangriffe zu verlegen".

Im Nachbarland Kuwait machen sich ähnliche Spannungen bemerkbar. Der russische Experte berichtete: "Der Ölminister, der auch der herrschenden Familie Al-Sabah angehört, griff jüngst in einem Interview mit der Zeitung As-Schark al Awsat, die in der arabischen Welt viel gelesen wird, die eigene Führung an. Und das, obwohl der Emir wegen eines Herzinfarkts im Krankenhaus liegt. Man muß hier von einem echten Machtkampf sprechen. Sowohl in Saudi-Arabien als auch in Kuwait ist die Lage extrem schwierig und gefährlich."

Muriel Mirak-Weißbach

 

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