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Aus der Neuen Solidarität Nr. 44/2001:

Amerikanisch-deutsche Verstimmung
über die Terroristenfahndung

Viele amerikanische Politiker möchten die Schuld am Terror in den USA ausschließlich Ausländern geben. Aber das läßt sich mit den Tatsachen immer weniger in Einklang bringen.


Hausgemachter Terrorismus

Der Besuch von Bundesinnenminister Schily beim amerikanischen Amtskollegen Ashcroft brachte Mitte vergangener Woche die Verstimmung der Deutschen über die offizielle Behandlung des Terrorthemas durch die USA offen zutage. Justizminister John Ashcroft stellte auf der gemeinsamen Pressekonferenz am 23. Oktober in Washington die Behauptung auf: "Es ist klar, daß Hamburg jenen sechs Personen [Mohamad Atta und weiteren Arabern] als eine zentrale Ausgangsbasis für Operationen und ihre Rolle bei der Planung der Angriffe vom 11. September diente." Ashcroft fügte noch hinzu, das in Deutschland arbeitende (aber wegen seiner rüden Methoden unbeliebte) Team von 15 Spezialisten des FBI würde, um diese "Spuren" besser verfolgen zu können, um weitere zwölf verstärkt. Schily gab seiner Verärgerung über die Äußerungen Ashcrofts sogleich Ausdruck: "Hamburg war nicht der einzige Ort, an dem Vorbereitungen unternommen wurden. Die Piloten sind in den USA ausgebildet worden, die meisten der Terroristen haben auch in England gelebt. Mir liegen jedenfalls keine Erkenntnisse vor, daß Deutschland das Zentrum der Verschwörung war."

Die so zutage getretenen Spannungen zwischen Berlin und Washington wurden in zahlreichen europäischen Zeitungen und anderen Medien kommentiert - auch in englischen Zeitungen. Die Londoner Regierung selbst allerdings behauptete noch kurz vor Schilys USA-Reise öffentlich, in England seien keinerlei Ausleger von Bin Ladens Netzwerk gefunden worden.

Zeitgleich mit dem Ausbrechen dieser offenen Kontroverse zwischen Berlin, Washington und London erschienen in mehreren europäischen Zeitungen Hintergrundartikel, in denen die amerikanische Rolle hinter den Aktivitäten der sog. "islamischen Terroristen" beleuchtet wurde.

Einer der interessantesten Artikel war jener, der am 23. Oktober im dänischen Boulevardblatt Ekstra Bladet veröffentlicht wurde. Dort stand zu lesen, die Redaktion des Blatts sei im Besitz einer FBI-Liste mit 370 Namen von Personen, die des islamischen Terrorismus verdächtigt würden. Die Liste enthalte zahlreiche Details wie Decknamen, Adressen, Telefonnummmern und E-mail-Adressen, und als die dänische Redaktion diese Liste dem früheren Agenten des amerikanischen Geheimdienstes NSA Wayne Madsen vorlegte, habe dieser gesagt, eine solch detaillierte Liste hätte das FBI so kurz nach dem 11. September gar nicht zusammenstellen können. Alle diese Personen hätten eine längere Zeit unter Beobachtung durch das FBI gestanden haben müssen, und es sei schon merkwürdig, daß "viele dieser Adressen in der Nähe von hochsensitiven Militärstützpunkten und Ausbildungslagern" lägen. Zum Beispiel sei dort Fort Smith im Bundesstaat Arkansas aufgeführt, ganz in der Nähe des berüchtigten CIA-Flugplatzes von Mena (über den zahlreiche verdeckte Operationen im Bereich des Waffen- und Drogenschmuggels abgewickelt wurden, Red.).

Das dänische Blatt befragte auch Fred Stock, einen früheren Agenten des CSE, der kanadischen Schwesteragentur des NSA. Stock enthüllte, daß die Veröffentlichung des Fotos von Mohamad Atta, dem angeblichen Chefterrorpiloten vom 11. September, im amerikanischen Fernsehsender CNN einen "regelrechten Schock" bei ihm ausgelöst habe, hatte dasselbe Foto doch schon 1993 im CSE-Hauptquartier gehangen. Was übrigens die Pilotenfähigkeiten von Atta betrifft, so berichteten amerikanische Zeitungen, sein ehemaliger Fluglehrer in Florida habe ausgesagt, selten habe er einen so untalentierten Schüler gehabt.

Die russische Nachrichtenagentur Nowosti berichtete bereits am 16. Oktober über die merkwürdigen Aktivitäten eines gewissen Ayman al-Zawahiri, der Osama bin Laden sehr nahe stehe, bei der Ausbildung albanischer UCK-Terroristen inmitten der amerikanischen Zone in Kosovo. Vom Ausbildungslager in Ropotovo, nicht weit von der Grenze zum südostlichen Serbien und zum nordwestlichen Mazedonien, seien wiederholt Terroranschläge der UCK gegen serbische und mazedonische Siedlungen ausgeführt worden.

Hausgemachter Terrorismus

Schließlich machte am 24. Oktober ein Artikel des Journalisten Peter W. Schröder, dessen Kolumnen in etlichen deutschen Zeitungen erscheinen, darauf aufmerksam, daß Ashcrofts Vorgehensweise selbst innerhalb des FBI umstritten ist. Während Massenmedien die Hysterie gegen angeblich "islamische Täter" hinter den Milzbrandvorfällen schürten, suchten FBI-Ermittler die Täter vielmehr in "rechtsradikalen Kreisen und unter militanten Abtreibungsgegnern im eigenen Land". Vor allem aus politischen Gründen würde dies aber nicht an die große Glocke gehängt. "Wir wollen uns nicht mit Politikern anlegen, die so gern ausländische Terroristen als Täter vermuten", hörte Schröder bei seinen Gesprächspartnern im FBI.

Während also die "islamische Terroristenfährte" offiziell, wie jetzt von Ashcroft gegenüber Bundesinnenminister Schily, als die maßgebliche dargestellt wird, stellen FBI-Ermittler in den USA selbst einige Merkwürdigkeiten hinter der jüngsten Serie von Milzbrandbriefen fest. So seien einige der auf islamische Täter weisende Spuren "so dick, daß es schon verdächtig ist". Zwar seien viele Briefe in islamischen Wohngebieten in New Jersey aufgegeben worden, aber Text und Schriftbild deuteten eher auf nicht-arabische Autoren. Graphologen des FBI wiesen darauf hin, daß die Schrift Eigenarten besitzt, die ganz typisch für die USA sind. Wollte ein Amerikaner sich als "arabischer Terrorist" ausgeben, hätte er es vermutlich so gemacht wie die Schreiber der vom FBI sichergestellten Milzbrandbriefe, erklärten amerikanische Ermittler dem deutschen Journalisten Schröder.

Was nun die in den Briefen gefundenen Milzbrandsporen selbst betrifft, so haben FBI-Spezialisten diese als Typus Ames identifiziert. Der Typus sei in amerikanischen Labors anzutreffen und weise völlig andere Merkmale auf als beispielsweise Sporentypen aus der früheren Sowjetunion oder aus dem erneut in die Schußlinie der Kriegspropaganda geratenden Irak. Sogar der frühere UN-Waffeninspekteur im Irak, Scott Ritter, mutmaßte in einem Interview mit dem Boston Globe, die Handschrift der Milzbrandanschläge deute auf Täter im extrem rechtsradikalen Milieu der USA oder in anderen regierungs- und staatsfeindlichen amerikanischen Gruppen.

Das FBI, so erfuhr man dieser Tage auch, ermittelt schon seit mehreren Jahren - also nicht erst seit dem 11. September - in einigen hundert Fällen von Milzbrandanschlägen oder Drohungen mit solchen Anschlägen. Fast in allen Fällen handelt es sich um Aktivitäten der rechtsextremen Szene in den USA selbst, und von "islamischen Terroristen" ist weit und breit keine Spur.

Auch in der arabischen Welt haben die Äußerungen Ashcrofts und führender amerikanischer Medien wie CNN zum "islamischen Milzbrandterrorismus" Empörung ausgelöst. Die der ägyptischen Regierung nahestehende Kairoer Tageszeitung Al Ahram druckte am 24. Oktober einen Leitartikel, der die Milzbrandhysterie als Psychokriegskomplott gewisser amerikanischer Kreise bezeichnete, welche weltweit Unterstützung für Bushs Kriegspläne zusammentrommeln wollten. Bisher, so hieß es im Leitartikel, sei nicht ein einziger handfester Hinweis auf islamisch-extremistische Täterschaft hinter den Milzbrandanschlägen in den USA gefunden worden, und die Terrorbriefe seien ja auch alle "im Herzen der USA und nicht in Afghanistan" aufgegeben worden.

Der frühere deutsche Verteidigungsstaatssekretär (1976-80) und Forschungsminister (1980-82) Andreas von Bülow wurde in der ARD-Sendung Kulturreport am 21. Oktober ganz deutlich: Man habe es vor allem bei den Taliban "mit den marodierenden ehemaligen CIA-Mitarbeitern zu tun". Als Vorsitzender im Untersuchungsausschuß des Bundestags der frühen 90er Jahre zu den dunklen Geschäften der DDR mit der CIA hat von Bülow fundierte Einblicke in die Affäre.

Rainer Apel

 

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