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Aus der Neuen Solidarität Nr. 49/2001:

Trügerische "Erfolge" in Afghanistan

Was in den Medien als erfolgreiche Militäroperation verkauft wird, ist in Wahrheit ein gewaltiges Chaos politischer Rivalitäten und ein Zwist über die militärischen und politischen Ziele.


Jeder für sich
Phase I und Phase II

Als der Krieg in Afghanistan begann, gaben sich viele im Westen dem Wunschdenken hin, man könne mit der amerikanischen Luftüberlegenheit sowie den Bodentruppen der Nordallianz das Taliban-Regime stürzen und mit US-Spezialkommandos im Süden Afghanistans die Terrorzellen von Al Qaida ausmachen und liquidieren. Gleichzeitig könne man durch Verhandlungen auf einer UN-Konferenz eine neue Regierung bilden und so wieder Stabilität und Frieden in der Region schaffen.

Oberflächlich betrachtet sind einige der militärischen Ziele sogar erreicht worden: Nach wochenlangen Flächenbombardierungen durch B-52-Bomber haben sich die Taliban aus dem Norden des Landes zurückgezogen und in und um die südlich gelegene Stadt Kandahar Stellung bezogen. Die Nordallianz ist in die Hauptstadt Kabul einmarschiert, während britische und amerikanische Verbände auf dem nahegelegenen Flugplatz Bagram landeten und US-Sonderkommandos bei Kandahar einen Brückenkopf errichteten.

Der Eindruck trügt. Was uns als erfolgreiche Militäroperation in freundschaftlicher Zusammenarbeit zwischen Rußland und Amerika - und Verbündeten - verkauft wird, ist in Wahrheit ein gewaltiges Chaos voller politischer Rivalitäten und ein Zwist über die militärischen Ziele. Und der eigentliche Krieg, der Bodenkrieg, hat jetzt erst begonnen. Vergessen wir nicht, die Rote Armee war 1979-80 bei der Kontrolle Afghanistans viel "weiter" als die "Anti-Terror-Allianz" heute.

Am übelsten ist die Lage in Masar-i-Scharif, der ersten größeren Stadt, die von der Nordallianz erobert wurde. Nach dem Fall der Stadt gab es Berichte über Massaker an Talibankämpfern, welche das Rote Kreuz bestätigte. Am 25. November gab es ein weiteres Massaker an 700 nichtafghanischen Taliban-Kämpfern - Araber, Tschetschenen, vor allem aber Pakistanern - , die sich bei Kundus ergeben hatten und in der Festung Qala Jangi bei Masar-i-Scharif von der Nordallianz interniert waren. Angeblich hatten sie sich, obwohl sie gefesselt waren, irgendwie Handgranaten und andere Waffen verschafft und die Wachen überwältigt. Da die vorhandenen schwachen Bodentruppen von Nordallianz, USA und Briten nicht in der Lage waren, den Aufstand niederzuschlagen, entschied man, alle Gefangenen mit massiven Luftangriffen zu töten.

Das Massaker löste wütende Reaktionen in Pakistan aus. Die pakistanische Zeitung Dawn äußerste Zweifel an der Geschichte von der Gefangenenrevolte und fragte, ob man es möglicherweise bewußt so eingerichtet hatte, daß die Nordallianz ihren bekannt "tiefen Haß auf ausländische Söldner" befriedigen konnte. Verstärkt wurde die Wut im Land durch (von der Regierung dementierte) Berichte, pakistanische Offiziere und Geheimagenten seien einige Tage vorher aus Kundus ausgeflogen worden, während man die einfachen Mannschaften ihrem tödlichen Schicksal überließ. Radikale Islamisten kündigten massive Proteste an und warfen nicht nur US-Präsident Bush, sondern auch Pakistans Präsident Muscharraf Kriegsverbrechen vor.

Diese politischen Spannungen in Pakistan müssen auch vor dem Hintergrund der kritischen Lage gesehen werden, die der Rückzug der Taliban auslöste. Wie der ehemalige pakistanische Generalstabschef Mirza Aslam Beg erklärte, haben sich diese nach Süden ziehenden Talibankräfte mit Paschtunen aus dem Gebiet entlang der pakistanischen Grenze vereint. Nun besteht die Gefahr, daß Afghanistan entlang ethnischer und Stammesgrenzen geteilt wird und die Paschtunen in Afghanistan und Pakistan versuchen werden, ein "Paschtunistan" zu gründen, womit auch Pakistan geteilt würde.

Pakistans Militär und Regierung versuchen verzweifelt, dies zu verhindern, indem sie die Grenze schließen. Aber das ist eine Sisyphusaufgabe, denn es würde die gesamte pakistanische Armee beschäftigen, die 1400 km lange Gebirgsgrenze zu bewachen. Allein in den letzten Tagen flohen bereits Tausende Afghanen, darunter Taliban und vielleicht sogar führende Al-Qaida-Leute, nach Pakistan. Die Regierung bereitet nun verschärfte Sicherheitsmaßnahmen und Verhaftungsaktionen gegen Extremisten vor.

Jeder für sich

Die Operationen der Anti-Taliban-Kräfte und der "Anti-Terror-Allianz" sind alles andere als koordiniert. Pakistan und die USA forderten die Nordallianz eindringlich auf, nicht in Kabul einzumarschieren, doch sie taten es bei der ersten Gelegenheit. Sie forderten auch, die Nordallianz solle keine afghanische Regierung bilden, aber der 1996 gestürzte Präsident Rabbani kehrte umgehend aus dem Exil zurück und bildete in Kabul ein kleines Kabinett.

Als die Briten hundert Soldaten am Flughafen Bagram stationieren wollten, protestierte die Rabbani-Regierung heftig. Als aber am 26. November zwölf russische Militär-Transportmaschinen dort landeten, überließ die Rabbani-Regierung ihnen gleich ein neues Gebäude als Botschaft. Auch der Iran richtete eine Botschaft ein. Die beiden bedeutenden Regionalmächte Rußland und Iran haben also die neue Regierung bereits anerkannt. Am 29. November sollen 400 russische LKWs mit humanitärer Hilfe und einem Feldlazarett Afghanistan über Tadschikistan und Usbekistan erreicht haben.

Die USA wiederum entsandten 500 Marineinfanteristen, um bei Kandahar einen Luftwaffenstützpunkt aufzubauen. Das Kontingent soll auf 1500 Mann verstärkt werden und in den Bergen Jagd auf Bin Laden und Al Qaida machen. Jetzt beginnt also der Bodenkrieg, und niemand rechnet damit, daß dies ohne eigene Verluste abgeht.

Bei den politischen Verhandlungen in Bonn sind vier Gruppen vertreten: die Nordallianz, der Ex-König Zahir Schah, die in Pakistan sitzende Opposition von Pir Gailani sowie die "Zypern-Gruppe" aus Ex-Mudschahedin und Stammesführern (u.a. Gulbuddin Hekmatyar). Keine dieser vier repräsentiert Afghanen aus Afghanistan, und alle entsandten bestenfalls zweitrangige Vertreter. Aus dem Umfeld der Gespräche hieß es, mögliche Einigungen dort seien ebenso unzuverlässig wie die vor Ort in Afghanistan. Auch der politische "Bodenkrieg" hat also erst begonnen.

Phase I und Phase II

Während also der Ausgang der "Phase I" des Krieges noch völlig ungewiß ist, tobt in Washington schon die Schlacht um "Phase II". Jeden Tag erscheinen in jeder einzelnen Establishmentzeitung, wie New York Times, Washington Post, Washington Times etc., gleich mehrere Artikel, in denen Präsident Bush unter Druck gesetzt wird, nun den Irak anzugreifen (wahlweise auch Sudan, Iran, Syrien, Libyen, Jemen, Nordkorea, Somalia oder Saudi-Arabien - je nach dem Geschmack des jeweiligen Schreiberlings). Ihre Produkte sondern jedoch alle den gleichen üblen Geruch der Kriegshetze ab, deshalb ordnen unsere US-Kollegen sie unter der Kategorie "Stinktiere" ein. Es handelt es sich um eine relativ überschaubare Gruppe von Individuen.

Doch wenn diese Propaganda auch laut und penetrant ist, so ist sie noch lange nicht offizielle Regierungspolitik. Vor allem Außenminister Colin Powell will diesen Köder nicht schlucken. Als Bush vage Äußerungen über UN-Waffeninspektionen im Irak machte, erklärten auch viele wichtige Regierungen (Rußland, Frankreich, Deutschland, Ägypten u.a.) kategorisch, man werde bei einer solchen "Phase II" nicht mitmachen.

Ein Krieg gegen den Irak würde die gesamte arabische und islamische Welt in Flammen setzen und damit den "Krieg der Kulturen" auslösen. U.a. würde aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt ein offener Krieg (was Ariel Scharon und der israelischen Armee sehr gelegen käme). Dies wissen die "Stinktiere" sehr wohl, und dieser "Krieg der Kulturen" ist ihr eigentliches Ziel.

Weil der israelisch-palästinensische Konflikt dabei der Dreh- und Angelpunkt ist, muß dieser Konflikt unbedingt gelöst werden. Die Anti-Kriegs-Fraktion in Washington hat daher Schritte in diese Richtung unternommen, angefangen mit der Rede Colin Powells am 21. November, worin er ein Ende der israelischen "Besatzung" und die Umsetzung der entsprechenden UN-Resolutionen forderte. Powell ernannte General Anthony Zinni zum Nahost-Sondergesandten. Zinni soll in der Region bleiben, bis ein Waffenstillstand vereinbart ist und die Umsetzung der Forderungen des Mitchell-Berichts beginnt.

Israel reagierte auf die Initiative Powells mit neuen Mordattacken, denen u.a. sechs palästinensische Schulkinder und der Hamas-Führer Mahmoud Abu Hanoud zum Opfer fielen. Als Geste der Verachtung gegenüber Powell benannte Scharon in das Verhandlungsteam, daß mit Gen. Zinni zusammentreffen wird, berüchtigte Extremisten. Leiter ist General Meir Dagan, der am mörderischen israelischen Feldzug gegen den Libanon 1982 teilnahm und unter den Regierungen Netanjahu, Barak und Scharon die berüchtigten "Anti-Terror-Einheiten" kommandierte. Dagans Kritiker in Israel sagen, er stehe "zur Rechten Draculas". Weiterhin gehören zum Team der stellv. Generalstabschef, Gen. Mosche Ya'alon - von dem die Idee stammte, Hanoud am Vorabend von Zinnis Ankunft ermorden zu lassen - und der rechte Politiker Dore Gold, der Netanjahu nahesteht.

Ob Zinni mit seiner Mission Erfolg haben wird, hängt davon ab, ob die Regierung Bush bereit ist, ihr ganzes Gewicht in die Waagschale zu werfen und direkten Druck auf Scharon und das israelische Militär auszuüben. Wie der Generalsekretär der Arabischen Liga Amr Moussa mit Blick auf die Debatte über "Phase II" und den Irak meinte: "Wenn ein Land wie die USA eine entschlossene und endgültige diplomatische Anstrengung unternehmen will, sollte diese auf Scharon zielen. Entscheidend hierbei wird eine freimütige Unterstützung durch die russische Regierung und die Europäer sein."

Muriel Mirak-Weißbach

 

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