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Aus der Neuen Solidarität Nr. 50/2001:

"Ich mußte kühlen Kopf bewahren"

USA. In einem Interview mit ABC News hat Präsident Bush seine Sicht der Ereignisse des 11. September dargestellt.


Thema Irak

US-Präsident George W. Bush hat wiederholt betont, daß der russische Präsident Putin mit seinem Telefonanruf am 11. September eine mögliche Kriegssituation abgewendet hat. In einem Interview mit der Fernsehjournalistin Barbara Walters in ABC News am 4. Dezember kam Bush wieder darauf zu sprechen. Er spricht nur von einem "Angriff", von Terrorismus ist keine Rede. Die Stelle im Wortlaut (Internet: abcnews.com):

Walters: Gehen wir zurück zum 11. September. Herr Präsident, Sie waren in einer Schulklasse und lasen aus einem Schulbuch vor, als ihr Stabschef Ihnen etwas ins Ohr flüsterte. Was haben Sie gesagt und was haben Sie...

Bush: Er sagte: "Ein zweites Flugzeug hat das World Trade Center getroffen. Amerika wird angegriffen."

Walters: Was haben Sie da gedacht?

Bush: Ich wußte, daß ich kühlen Kopf bewahren mußte, und ich wollte schnell heraus aus dem Klassenzimmer, um die Fakten zu erfahren. Ich überlegte, welche Maßnahmen wir als Reaktion ergreifen müssen. Worüber ich vor allem anderen besorgt war, war die Sicherheit meiner Administration. Ich mußte wissen, was das bedeutet: "Amerika wird angegriffen."

In diesem Zeitraum, als ich die Schulklasse verlassen hatte und viele Telefongespräche führte, gab es eine Menge Informationen - einige davon waren zutreffend, andere nicht. Ich hatte aber begriffen, daß es sehr wichtig war, herauszufinden, was wirklich geschehen war.

Walters: Sie waren dann an Bord der Air Force One, riefen Ihren Vizepräsidenten und andere Leute an. Wann haben Sie zu sich selbst gesagt: "Das bedeutet Krieg"?

Bush: Als ich erfuhr, daß der Absturz kein Unfall war, sondern nach einem geplanten Angriff aussah, da wußte ich, daß wir in eine ganz neue Ära der amerikanischen Geschichte eintreten, daß wir uns im Krieg befanden. Einer meiner ersten Schritte war, mit Verteidigungsminister Don Rumsfeld zu sprechen und unsere Streitkräfte in Alarm bzw. eine höhere Alarmstufe zu versetzen.

Walters: Da waren Sie noch im Flugzeug?

Bush: In der Air Force One, jawohl. Ein interessanter Seitenaspekt - ich weiß, Sie haben kürzlich Wladimir Putin interviewt.

Walters: Ja.

Bush: Er rief zur gleichen Zeit an (oder gleich danach). Er rief an und informierte unsere Regierung, daß er verstehe, was wir tun, und daß er selbst seine Streitkräfte nicht in Alarm versetzen würde. Mit anderen Worten, die Ära des Kalten Krieges hatte endlich begonnen, aus den Köpfen der russischen Militärplaner zu verschwinden. Das war übrigens ein sehr wichtiger Schritt.

Walters: Daß er Ihnen die Entscheidungen überließ?

Bush: Ja, daß er auf unseren Alarm nicht reagierte, als ob etwas geschehen könnte.

Walters: (ins Wort) Ja.

Bush: Das ist wichtig. Mein Punkt ist: Indem ich unsere Streitkräfte in Alarm versetzte, war ich offensichtlich in einer Kriegsmentalität. Zugleich hatte ich entschieden oder stand kurz davor zu entscheiden, daß, wenn wir ein Flugzeug ausmachten, welches einen Notfall meldete, dessen Transponder eine Fehlfunktion zeigte - daß ich dem Verteidigungsminister Befehl gab, dieses Flugzeug abzuschießen.

Walters: Hmm.

Bush: So eine Entscheidung fällt man nicht leicht, aber Sie müssen verstehen: Ich war der Oberbefehlshaber und der Präsident einer Nation, die gerade von vier Flugzeugen angegriffen worden war, und wir wußten nicht, ob noch weitere Flugzeuge folgen würden oder nicht.

Thema Irak

Im weiteren Verlauf des Interviews mit Bush und dessen Ehefrau Barbara versucht Walters den Präsidenten zu einer Erklärung über einen Angriff gegen den Irak zu nötigen - ohne Erfolg. Zunächst fragt sie: "Wo werden Sie als nächstes zuschlagen?" Bush antwortet, es gäbe viele Möglichkeiten, zu handeln, u.a. "finanzielle Schläge", aber "wir werden noch eine Weile in Afghanistan brauchen". Es gehe dabei nicht nur um einen militärischen Erfolg, sondern auch eine humanitäre Mission. Man müsse sicherstellen, "daß es dort eine Regierung gibt, die keinen Terror exportiert, kein Heroin exportiert, und die ein friedlicher Nachbar für die Pakistanis ist - und auch für die Iraner".

"Reden wir über den Irak", sagt Walters. "Was die Menschen wissen wollen ist, wird es einen Punkt geben, wo Sie sagen ,das reicht' und angreifen?" Bush antwortet: "Was die Menschen wissen müssen ist, wir werden erst unsere Aufgabe in Afghanistan erledigen." Nach einigem Hin und her sagt Bush, man wisse nicht, wie die Welt reagiere, "wenn wir einmal erfolgreich in Afghanistan sind". Vielleicht würden einige Länder dann nicht mehr Terroristen Unterschlupf gewähren oder Massenvernichtungswaffen verstecken, sondern darum bitten, "bei uns mitzumachen". "Der Irak könne so etwas sagen?", entgegnet Walters, und Bush antwortet: "Könnte sein, wir wissen es noch nicht."

Später fragt Walters nochmals nach, wenn der Irak sich nun sperre, "werden wir dann angreifen?". Bush: "Sie wollen mich dazu bringen..." Walters fällt ins Wort: "Ich will, Sie haben völlig recht", Bush fährt aber fort: "...eine Warnung auszusprechen." Dann fordert er Saddam Hussein auf, wieder Waffeninspekteure ins Land zu lassen. Schließlich wendet Walters sich resigniert Frau Bush zu: "Er ist stur und will meine Frage einfach nicht beantworten!"

 

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