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Aus der Neuen Solidarität Nr. 52/2001:

LaRouches Ideendialog mit
russischen Wissenschaftlern

Zum zweiten Mal in diesem Jahr haben Lyndon LaRouche und Helga Zepp-LaRouche eine aufsehenerregende Reise nach Moskau unternommen, um mit Vertretern der russischen intellektuellen und politischen Elite über die prinzipiellen Fragen der gegenwärtigen Weltkrise zu beraten.


Lebendiges Gedenken an Pobisk Kusnezow
Die allgemeine Zusammenbruchskrise

Russische Wissenschaftler ehren Lyndon LaRouche als großen Ideengeber

Anlaß der jetzigen Rußland-Reise von Lyndon LaRouche und Helga Zepp-LaRouche war eine Konferenz in Moskau am 14.-15. Dezember zu Ehren des vor einem Jahr verstorbenen außergewöhnlichen russischen Wissenschaftlers Pobisk Georgiewitsch Kusnezow, mit dem Lyndon LaRouche seit Mitte der 90er Jahren befreundet war. An der Konferenz nahmen über 100 führende Wissenschaftler teil, vorwiegend aus dem militärisch-industriellen Bereich der ehemaligen Sowjetunion, aber auch aus Ministerien und anderen Führungsstrukturen der Politik, die an den außerordentlich vielseitigen Aktivitäten von Pobisk Kusnezow auf verschiedene Weise beteiligt waren.

Daneben sprach LaRouche in Moskau auf mehreren Seminaren, u.a. einem unter Vorsitz von Akademiemitglied Dmitri S. Lwow am Zentralen Mathematischen Wirtschaftsinstitut (CEMI) der Russischen Akademie der Wissenschaften. Dort war LaRouches Thema "Die Weltfinanz- und Wirtschaftskrise und die strategische Rolle Rußlands". Gemeinsam mit seiner Ehefrau Helga Zepp-LaRouche traf er auch mit zahlreichen russischen Politikern zusammen, darunter der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow. Die populäre Fernsehsendung Russisches Haus zeichnete ein Interview mit LaRouche auf, und die Zeitschrift Der Devisenhändler veröffentlichte in der Dezember-Ausgabe ein weiteres Interview mit ihm, nachdem dort bereits im November ein langer Artikel über LaRouche erschienen war.

Alles in allem nutzten mehrere hundert russische Intellektuelle, darunter Ökonomen und andere Wissenschaftler, Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche, Persönlichkeiten aus der Kultur sowie Journalisten, die Chance, LaRouche zu hören und das persönliche Gespräch mit ihm zu suchen. Hunderte Exemplare der neuesten Übersetzungen von Schriften LaRouches wurden verbreitet, so LaRouches Aufsatz "Was ist primitive Akkumulation?", mit dem er auf Warnungen Lwows reagierte, sowie Auszüge aus seiner großen neuen Schrift "Der Geist der russischen Wissenschaft".

Dies war LaRouches zweiter Aufenthalt in Rußland in diesem Jahr, nachdem er bereits am 29. Juni auf Einladung des Vorsitzenden des Wirtschaftspolitischen Ausschusses der Duma, Sergej Glasjew, bei einer Duma-Anhörung geschildert hatte, wie Nationen den globalen Finanzzusammenbruch überleben könnten. Der Ideenaustausch zwischen LaRouche und der russischen Intelligenz hat sich während dieser beiden Aufenthalte enorm vertieft und ist während der beiden letzten Jahrzehnte immer mehr zu einer wissenschaftlichen und die Politik gestaltenden Kraft auf weltweiter Ebene geworden.

Es gibt vor allem zwei Gründe für die besondere Intensität und Wirksamkeit dieses Dialogs. Der eine betrifft Rußlands Rolle als eine der drei nationalen Kulturen der Welt, deren Eliten die Ereignisse auf der ganzen Welt in ihr Denken miteinbeziehen - die beiden anderen Länder sind die Vereinigten Staaten und Großbritannien. Der zweite Grund bezieht sich auf das Wesen der russischen Intellektuellen. LaRouche erklärte, die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung für Pobisk Kusnezow verkörperten eine so hohe wissenschaftliche Kompetenz, wie man sie bei keinem vergleichbaren Treffen heute auf der Welt finde. Die russischen Wissenschaftler hätten trotz ärmlichster Verhältnisse, in denen die meisten von ihnen nach Einführung der radikalen freimarktwirtschaftlichen "Reformen" ab 1991 leben müssen, ihre schöpferischen Fähigkeiten und ihre intellektuelle Integrität bewahrt.

Lebendiges Gedenken an Pobisk Kusnezow

Pobisk Kusnezow, selbst ein origineller Denker und Forscher auf dem Bereich der Chemie, Biochemie, Biologie, Mathematik, Ökonomie und Wissenschaftsphilosophie, spielte eine entscheidende Rolle in der Organisation und Durchführung vieler Hochtechnologieprojekte in der ehemaligen Sowjetunion, einschließlich der bemannten Raumfahrt. Darüber hinaus schuf er, ausgehend von den Arbeiten der russischen Wissenschaftler Sergej Podolinskij und Wladimir Wernadskij, eine Art russisches Gegenstück zu der von LaRouche entwickelten Lehre der "physischen Ökonomie". Diese Arbeit fand im Rahmen eines Geheimprojekts mit dem Namen "Effektivnost" statt, das unter dem von den sowjetischen Vizepremierministern Smirnow und Kirillin geführten "Wissenschaftlichen Rat für die Probleme der Modellierung großer Systeme mit Hilfe physisch meßbarer Größen" entwickelt wurde. Da Kusnezows Vorstellungen einer von kreativer wissenschaftlicher Arbeit getragenen Industriegesellschaft nicht in das Bild der "orthodoxen Marxisten" paßte, mußte das Projekt vor der Parteibürokratie "abgeschirmt" werden, was u.a. durch die Teilnahme des Sohns des berühmten Parteiideologen Suslow gewährleistet wurde.

Kusnezow, der sich als überzeugter Patriot seines Vaterlandes verstand, wurde mehrfach Opfer des politischen Unterdrückungs- und Terrorapparats in der Sowjetunion. Unter Stalin verbrachte er zehn Jahre in Arbeitslagern und wurde 1970 erneut vom KGB für fast zwei Jahre in einer Nervenheilanstalt festgehalten.

Interessant ist die Art und Weise, wie der persönliche Kontakt mit LaRouche zustande kam.

Bereits seit Anfang der 80er Jahre setzen sich viele russische Intellektuelle und politische Persönlichkeiten intensiv mit den Analysen und Vorschlägen LaRouches auseinander, und LaRouches direkte Kontakte mit russischen Wissenschaftlern reichen bis in das Jahr 1994 zurück, als er zum ersten Mal in Moskau war. Im Jahr zuvor war LaRouche von Kusnezows Bekanntem, Prof. Taras Muraniwskij, im Gefängnis besucht worden, der später zu LaRouches engstem Mitarbeiter in Rußland werden sollte. Als Kusnezow die ersten Übersetzungen von LaRouches Schriften in die Hand bekam, war er von LaRouches Denkweise begeistert. Er begann LaRouche in seinem engeren Kreis bekannt zu machen und lud ihn schließlich ein, vor einem ausgewählten wissenschaftlichen Publikum die Grundkonzepte der physischen Ökonomie vorzutragen.

In den folgenden Jahren, vor allem seit dem Wendepunkt der weltweiten Finanzkrise im Sommer und Herbst 1998, die LaRouches Vorhersagen bestätigten und seine wirtschaftlichen Lösungskonzepte um so dringlicher machten, wurden die wissenschaftlichen Arbeiten und Schriften LaRouches in Rußland immer besser bekannt.

Auf den jüngsten wissenschaftlichen Konferenzen, an denen LaRouche selbst oder Mitarbeiter von ihm beteiligt waren, beriefen sich russische Redner immer häufiger auf LaRouches Werk, auf grundlegende Ideen, aus denen sie geschöpft und die sie als unverzichtbar für eigene Analysen und wissenschaftliche Untersuchungen politischer wie wirtschaftlicher Art übernommen hatten. Einige Wissenschaftler verwandten die von Kusnezow eingeführte Maßeinheit La als Maß für das von LaRouche entwickelte Konzept der "potentiellen relativen Bevölkerungsdichte". Andere übernahmen weitgehend LaRouches geschichtliche Darstellung des tiefen, unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen dem "amerikanischen System der politischen Ökonomie" und dem britischen imperialen System und anderen Formen der monetären Wirtschaftsdoktrin.

Das internationale Symposium "Raum und Zeit in der Evolution des globalen Systems ,Natur-Gesellschaft-Mensch'" fand in den Räumlichkeiten der Russischen Akademie für ständige Lehrerfortbildung statt. Mitveranstalter der Konferenz war die Moskauer Akademie für Kultur und Bildungsentwicklung sowie das Schiller-Institut. Prof. Jurij Gromyko von der genannten Moskauer Akademie war Vorsitzender des Organisationskomitees und Dr. Nina Gromyko die wissenschaftliche Sekretärin des Symposiums.

Auf dem Kusnezow-Symposium sprach LaRouche am 14. Dezember nach einer einführenden Bemerkung von Prof. Gromyko und einem Bericht von Dr. Spartak Nikaranow, einem engen Mitarbeiter Kusnezows, zum Thema "Der Status und die Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Erbes von P.G. Kusnezow". Dabei bezog er sich auf die Beiträge von Dmitrij Mendelejew und Wladimir Wernadskij. Im weiteren Verlauf der Veranstaltung erläuterte Helga Zepp-LaRouche ihren Aufruf für einen Dialog der Kulturen vom Oktober 2001, der ins Russische übersetzt worden war und in einigen hundert Exemplaren auslag. Und am darauffolgenden Tag hielt Dr. Jonathan Tennenbaum einen Vortrag mit dem Titel "Der Inhalt der Wissenschaft ist der Prozeß ihres Fortschreitens".

Die allgemeine Zusammenbruchskrise

Zur Beschreibung der heutigen Weltlage griff LaRouche für seine russischen Zuhörer auf Rosa Luxemburgs Begriff der "allgemeinen Zusammenbruchskrise" zurück, wobei er vier Grundkonzepte hervorhob:

1. Am 11. September wurde in den USA ein Putschversuch unternommen. Dieser wurde - zumindest vorerst - gestoppt, als der russische Präsident Wladimir Putin noch am gleichen Tag Präsident Bush anrief und ihn informierte, daß Rußland die ansonsten automatische Eskalation des Alarmzustands der strategischen Kernwaffenarsenale angehalten habe.

2. Die Kräfte hinter dem Putschversuch waren die gleichen wie die hinter der Politik des "Zusammenstoßes der Kulturen", die im Herbst 1998 in eine neue Phase eingetreten war. Nach dem Einsturz der spekulativen GKO-Anleihenpyramide in Rußland im August 1998 kam es zu einer Gegenbewegung, die mit dem Besuch des damaligen Ministerpräsidenten Jewgenij Primakow in Indien eingeleitet wurde. Primakow schlug in Neu-Delhi ein "strategisches Dreieck" Rußland-China-Indien für Zusammenarbeit in Eurasien vor - der größte Alptraum für die anglo-amerikanischen Interessen.

3. Die heutige strategische Weltlage ist durch eine Konfrontation charakterisiert, bei der einerseits die anglo-amerikanische Fraktion damit droht, den "dritten geopolitischen Krieg" zu beginnen. Andererseits übernehmen zahlreiche führende Politiker wie der russische Präsident Putin immer stärker die Perspektive, Eurasien zu einigen. Aufgrund seiner einzigartigen Identität als eurasischer Nation hat Rußland in diesem Prozeß eine besondere Mission zu erfüllen.

4. Die Lösung der heutigen Menschheitskrise liegt in einem Neuen Bretton Woods und in umfangreichen Infrastrukturprojekten mit Eurasien im Mittelpunkt.

LaRouche betonte wiederholt, man könne zwar Sofortmaßnahmen zur Überwindung der gegenwärtigen Krise der Menschheit definieren, aber die eigentliche Aufgabe bestehe darin, eine tiefergehende, dauerhafte Veränderung der sozialen und kulturellen menschlichen Beziehungen zu erreichen, wofür die Beiträge von Mendelejew, Wernadskij und ihren Nachfolgern unverzichtbar seien. Die Beziehungen der Menschen untereinander müßten über das "populäre Kulturniveau" angehoben werden. Die Menschen sollten ihre Identität aus dem schöpfen, was sie für die gesamte Menschheit leisten könnten. Die Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen Aufgaben der Entwicklung - begeisternde Herausforderungen wie die Entwicklung Sibiriens, die zur bisher größten Transformation der Biosphäre führen könnte - werde auch weitreichende politische Folgen haben. Hinsichtlich dessen, was Wernadskij als "Noosphäre", den Bereich der Noesis oder menschlichen Erkenntnis, das Bewußtsein der Fähigkeit des Geistes, wissenschaftliche Prinzipien zu entdecken, bezeichnete, stehe die Menschheit noch am Anfang.

Der intellektuelle und moralische Enthusiasmus, mit dem der zweite diesjährige Rußland-Besuch LaRouches aufgenommen wurde, drückte sich in der Äußerung eines hochrangigen Analysten aus, der meinte: "Als Atheist bete ich zu Gott, daß Sie Präsident der Vereinigten Staaten werden."

Rachel Douglas und Dr. Jonathan Tennenbaum

 

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