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Aus der Neuen Solidarität Nr. 14/2002

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Widerworte: "Seriöser deutscher Qualitätsjournalismus"

Am 27. März erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein mit "L.J." unterzeichneter Kommentar mit dem Titel Vergleiche, in dem er heißt: "Es gibt Nachrichten, die man verschweigt, weil sie dem Taktgefühl widersprechen." Dieser Satz bezog sich nicht etwa auf die Intimsphäre einer nachrichtenrelevanten Person, sondern auf militärgeschichtliche Studien der israelischen Armee.

Am 25. Januar hatte der israelische Militärkorrespondent Amir Oren in der Tageszeitung Ha'aretz seinen aufsehenerregenden Artikel Vor den Toren von Jassirgrad veröffentlicht. Darin berichtete er, die israelische Armee (IDF) studiere das Vorgehen der Waffen-SS bei der Liquidierung des Warschauer Gettos im April-Mai 1943, um militärhistorisches Anschauungsmaterial zu bekommen, das bei dem Vorgehen der IDF gegen dichtbesiedelte Flüchtlingslager und Städte in den Palästinensergebieten verwendet werden kann.

"Keine deutsche Zeitung hat den [Ha'aretz-] Bericht zitiert", schreibt die FAZ. Stimmt nicht. Diese Zeitung hat ausführlich und mit Zitaten über Amir Orens Artikel berichtet. Wir haben auch darauf verwiesen, daß es sich bei dem "Studienmaterial" offenbar um den berüchtigten "Stroop-Bericht" über die Liquidierung des Warschauer Gettos handelt, in dem SS-General Jürgen (bis 1941 Josef) Stroop seine Verbrechen "dokumentiert" und sich damit brüstet.

Diese Zeitung hat auch ausführlich über die Empörung berichtet, die durch den Ha'aretz-Artikel in Israel ausgelöst wurde. Diese Empörung über die gegenwärtige politische und militärische Führung Israels manifestiert sich in einer wachsenden israelischen Widerstandsbewegung - auch im Militär. (Schließlich waren es israelische Soldaten, die Amir Oren die Information zukommen ließen.) Und diese Zeitung hat berichtet, daß die militärhistorischen Studien der IDF über den "Stroop-Bericht" keine "theoretische" Angelegenheit geblieben sind, sondern bei den Großangriffen der IDF auf palästinensische Flüchtlingslager in der ersten Märzhälfte mit hunderten von palästinensischen Toten "praktische" Anwendung gefunden haben.

Wie wäre es denn, wenn sich "L.J." bzw. die Frankfurter Allgemeine Zeitung einfach an die Wahrheit hielten, zu der Deutsche angesichts der Nazi-Verbrechen eigentlich besonders verpflichtet wären. Auf diese Verpflichtung zur Wahrheit haben gerade die jüdischen Mitarbeiter der Neuen Solidarität nachdrücklich hingewiesen. Das hieße, klar auszusprechen, daß Ministerpräsident Scharon (gegen den in anderem Zusammenhang bereits wegen Kriegsverbrechen ermittelt wird) oder sein Generalstabschef Mofaz Verhaltensweisen an den Tag legen, wie wir sie aus Nazi-Deutschland kennen.

"L.J." und die FAZ ziehen es vor, sich über ein zutiefst unehrliches "Taktgefühl" und "gute Gründe", die angeblich zu schweigen gebieten, auszulassen - aber nicht ohne die wesentlichen Inhalte des Ha'aretz-Artikels, einschließlich des Hinweises auf den "Stroop-Bericht", den FAZ-Lesern darzulegen. "Seriöser" deutscher Journalismus als peinlicher Machiavelli-Verschnitt? Es geht auch ohne sophistische Verrenkungen - lesen Sie einfach die Neue Solidarität.

Michael Liebig