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Aus der Neuen Solidarität Nr. 17/2002

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"Warum begehrt die Weltgemeinschaft nicht dagegen auf?"

Jamal Karsli ist für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Mitglied des Landtags von Nordrhein-Westfalen und Mitglied des Präsidiums des Landtags Nordrhein-Westfalen. Karl-Michael Vitt sprach am 17. April 2002 mit ihm über die Krise im Nahen Osten.

Jamal Karsli:Ich bin 1980 aus Syrien nach Deutschland gekommen, ich habe hier in Deutschland an der Universität Dortmund Raumplanung studiert und bin seit 1984 politisch aktiv bei den Grünen und seit 1995 Mitglied des Landtags. Ich bin Mitglied des Präsidiums, migrationspolitischer Sprecher der Landtagsfraktion der Grünen und gehöre dem Petitionsausschuß an. Ich mache Politik auch wegen meiner persönlichen Erfahrungen als Ausländer, als ich noch auf der "anderen Seite gesessen habe". Ich kann nachvollziehen, wie den Migranten zumute ist, und deswegen setze ich mich für ihre Rechte ein.

Jamal Karsli: In der Tat kann ich mich, seit die zweite Intifada im Gange ist, kaum noch auf die Politik in Deutschland konzentrieren. Wenn ich sehe, wie die Menschen dort umgebracht werden, wie die Situation in den Lagern ist, wie die Spannungen Tag für Tag wachsen, dann bin ich körperlich zwar hier, aber seelisch dort. Es macht mir Angst, daß die Lage nicht besser wird, sondern sich täglich verschlimmert. Ich bin vor zwei Wochen aus Syrien zurückgekommen. Dort konnte ich beobachten, wie die Menschen, unter höchster Anspannung, Tag und Nacht nur fernsehen. Viele gehen gar nicht mehr zur Arbeit, weil sie nicht wissen, wie die Lage sich entwickeln wird. Ich hoffe, daß das alles irgendwann ein Ende hat. Aber wie es aussieht, wird das nicht in absehbarer Zeit sein.

Jamal Karsli: Das ist auch etwas, was ich nicht verstehe. Ich habe das sehr verurteilt in einer persönlichen Presseerklärung mit dem Titel: "Israelisches Militär verwendet Nazimethoden". Man kann das auch nicht anders beschreiben. Genau die Methoden, die die Nazis früher angewandt haben, werden in den besetzten Gebieten heute vom israelischen Militär praktiziert. Wenn Tausende Menschen zusammengepfercht in einem Lager leben müssen, wenn Menschen Nummern auf den Arm geschrieben werden - dagegen haben sich Menschen jüdischen Glaubens, die unter dem Naziterror gelitten haben, zurecht gewehrt. Es wundert mich in der Tat, daß die Weltgemeinschaft nicht dagegen aufbegehrt. Für mich persönlich ist das, was momentan in Palästina, in Dschenin, in Nablus stattfindet, nicht anders als in Kosovo und in Bosnien. Auch dort gab es Massengräber und Massaker, und selbst Heiligtümer wurden nicht geschont. Hunderte von Menschen sind in der belagerten Geburtskirche in Bethlehem gefangen. Frauen müssen an den Kontrollposten entbinden, weil man sie nicht zu den Krankenhäusern durchläßt. Es fehlt Milch, es fehlt Medizin, es fehlen Lebensmittel, und all das scheint nur wenige in Deutschland zu beunruhigen.

Wenn ich mit meinen Kollegen aus der Politik spreche, schauen sie sich zuerst kurz um, ob jemand dem Gespräch zuhört, und wenn wir unter vier Augen reden, dann fangen sie an zu schimpfen, daß sie die Welt nicht mehr verstehen. Ich hoffe sehr, daß sich bald die Öffentlichkeit in Deutschland ein richtiges Bild von der Welt machen wird. Ein Hauptproblem sind die kontrollierten Medien, die großen Einfluß auf die Politiker ausüben.

Ich bin ziemlich enttäuscht von der Haltung der Bundesregierung, wenn ich höre, daß das europäische Parlament Wirtschaftssanktionen gegen Israel beschließt, und auf einmal kommen Deutschland und England und sagen: Nein, das machen wir nicht mit. Scharon ist ein Verbrecher, der Sabra und Schatila auf dem Gewissen hat, und nun diese neuen Massaker. Und niemand wagt es, nur ein einziges negatives Wort über ihn zu sagen. Das macht mich persönlich traurig, und ich verstehe die Haltung der Menschen im Nahen Osten, die das als Doppelmoral empfinden. Warum geht man gegen den Irak oder Jugoslawien ganz anders als gegen Israel vor? Hoffentlich wacht das Gewissen der Menschen bald auf, und sie beginnen zu handeln.

Jamal Karsli: Ich glaube nicht, daß Scharon eingeschränkt wird. Scharon wird seinen Plan durchsetzen. Wenn ein Land sich erlauben kann, seit Jahrzehnten gegen mindestens neun UN-Resolutionen des Sicherheitsrats zu verstoßen, dann interessiert auch die Haltung der amerikanischen Administration nicht. Scharon will ja auch diktieren, wie die Friedenskonferenz zusammengesetzt sein soll. Er sagt, Arafat darf nicht teilnehmen. Er will die Teilnehmer der gegnerischen Partei bestimmen. Scharon sagt, die Europäer haben bei der Friedenskonferenz nichts zu suchen. Ausgerechnet er maßt sich an, die Politik der Weltgemeinschaft zu diktieren!

Jamal Karsli: Erstens scheint es eine beschlossene Sache zu sein, den Krieg gegen den Irak zu führen. Ich habe den Irak im Juni letzten Jahres besucht, ich war auf der ersten Maschine, dem Solidaritätsflug von Frankfurt nach Bagdad, und wir waren zwei Tage dort. Die Lage ist sehr, sehr zugespitzt. Die Situation der Menschen ist sehr angespannt, und mittlerweile sind 1,6 Millionen Menschen an den Folgen des Embargos gestorben. Viele Menschen sind verzweifelt, bei jeder Krankheit, bei jedem Schmerz geht man zum Arzt und denkt, ich habe Krebs, weil die Krebsrate so ungeheuer gestiegen ist.

Der Krieg gegen den Irak ist zwar eine beschlossene Sache, aber die Amerikaner haben bis jetzt keinen Partner gefunden in der Region. Wenn sie keinen Partner in der Region finden, ein Land also, von dem aus sie in den Irak einmarschieren können, dann werden sie den Plan nicht verwirklichen können. Aus der Luft können sie den Irak nicht besiegen. Es ist gut, daß die Länder der Region, sogar Kuwait, nicht mitspielen, ebenso Saudi Arabien und die Türkei wegen der Kurdenproblematik.

Jamal Karsli: Das ist richtig. Von der gegenwärtigen Regierung kann man alles erwarten. Ich lache mich kaputt, wenn ich höre, daß Saddam Hussein gestürzt werden müsse, weil er chemische Waffen eingesetzt habe und wieder einsetzen könnte. Die Amerikaner haben schließlich zweimal Atomwaffen eingesetzt, und keiner verlangt, daß sie ihre Atomwaffen abrüsten. Und sie machen das Gegenteil. Die Verträge, die sie mit Rußland geschlossen haben, machen sie rückgängig, weil sie ihr atomares Programm weiterentwickeln wollen. Ich hoffe aber, daß diese Falken, die zu atomaren Mitteln greifen wollen, niemals die Oberhand gewinnen.

Um aber noch einmal zum drohenden Krieg der Kulturen zu kommen. Als George Bush nach dem 11. September von Kreuzzügen sprach, verursachte das auch in Deutschland bei vielen Muslimen und Arabern Angst. Ich weiß, Bush hat das bewußt gesagt. Er hat sich da nicht versprochen. Wenn Berlusconi sagt, die westliche Kultur sei dem Islam überlegen, oder Herr Kinkel zweimal in einem Interview äußert, daß es leider, leider zwei Milliarden Muslime gebe, dann kann das verheerende Folgen haben. Ich habe in einer meiner Reden gesagt, ich möchte nicht, daß vor jeder Moschee oder vor jedem Verein von Muslimen die Polizei steht. Gott sei Dank haben Bundespräsident Johannes Rau und andere Politiker dies verstanden.

Jamal Karsli: In der Tat. Gerade wir in Europa, insbesondere Deutschland, haben eine historische Verantwortung gegenüber der Gesamtregion, und nicht nur gegenüber Israel. Ohne die Belfort-Erklärung gäbe es keinen Staat Israel. Europa muß deshalb auch in die Pflicht genommen werden. Ich möchte, daß man den Menschen in dieser Region nicht nur den Fisch gibt, sondern ihnen das Angeln beibringt, damit sie künftig auf eigenen Beinen stehen und nicht abhängig von anderen Ländern sind. Dafür gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Für mich ist es wichtig, daß die Entwicklung der gesamten Region zugute kommt. Mit Hilfe von technologischem Know-how und finanzieller Unterstützung der westlichen Länder könnten sich die Palästinenser und Israelis entwickeln. Wenn diese Projekte beginnen, Früchte zu tragen, da bin ich mir ganz sicher, sind sie ein großer Beitrag für den Frieden. Das einzige Entwicklungsland der Welt, das bislang richtig unterstützt wurde, ist Israel. Israel hat von 1967 bis heute alleine von den USA 100 Mrd. Dollar bares Geld bekommen, neben Technologie, Rüstung usw. Die anderen Länder werden vernachlässigt.

Es gibt große Möglichkeiten für die deutsche Wirtschaft, für die europäische Wirtschaft. Sicher müssen die Länder dieser Region auch die gesetzlichen Voraussetzungen schaffen für derartige wirtschaftlichen Investitionen. Sie müssen den Boden vorbereiten, damit solche Investitionen stattfinden können. Wenn die Zusammenarbeit gut funktioniert, die Wirtschaft wächst und das gegenseitige wirtschaftliche Interesse, dann werden keine Kriege mehr geführt. Das ist ein richtiger Ansatzpunkt.

Jamal Karsli: In der Tat. Die Türkei baut Staudämme. Syrien und der Irak leiden darunter. Wasser spielt bereits heute eine wesentliche Rolle in der Region, wie das Erdöl. Eine gerechte Verteilung der Wasserressourcen, die Entsalzung von Meerwasser, all das kann viele Spannungen abbauen.

Jamal Karsli: Geschichtlich sind die Araber und die Juden Semiten. Sie sind Vettern, wenn man will. Sie haben den gleichen Ursprung. Wenn man mir vorwirft, ich sei antisemitisch, ist das absurd: Ich kann nicht gegen mich selbst "anti" sein. Juden und Muslime haben historisch sehr friedlich miteinander gelebt, man sieht es auch in Jerusalem und an anderen Stätten. Die Religionsstätten liegen nebeneinander wie auch im Jemen, im Irak oder in Tunesien. Die Minderheiten wurden jeweils geachtet, und es hat keine Probleme gegeben. Das Problem entstand, als die Zionisten kamen, und man die Palästinenser beherrschen wollte. Ich denke, wenn man wirklich die Liebe, die die Brüderlichkeit als Voraussetzung hat, annimmt und in dieser Richtung denkt, dann wäre eine Basis gegeben. Man muß einen Neuanfang machen und eine neue Seite aufschlagen. Man muß sagen, in den vergangenen 50 Jahren ist vieles passiert, auf beiden Seiten, eine ganze Menge Grausamkeiten. Die Araber wollen ihre Beziehungen zu Israel normalisieren, so wie es erst kürzlich in dem Vorschlag des Kronprinzen Abdullah auf dem letzten arabischen Gipfel vorgeschlagen wurde.

Scharon muß Schluß machen mit den Massakern und sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen. Während der Regierungszeit von Rabin hatten die Palästinenser wirklich Hoffnung. In dieser Zeit gab es vier Jahre keinen Anschlag. Die Menschen hatten eine Perspektive. Scharon aber versucht jeden Tag, die Würde des palästinensischen Volkes zu verletzen, ihre Bäume zu entwurzeln, ihre Kinder umzubringen, ihre Brunnen zu vergiften, ihre Häuser zu zertrümmern. Die Menschen sind verzweifelt und greifen zu solchen Aktionen, die ich persönlich für falsch halte und die die Lage noch schwieriger machen. Aber wenn Scharon einsehen würde, endlich das Töten aufzuhören, dann bin ich mir ganz sicher, daß man mit den radikalen Gruppierungen auf beiden Seiten fertig würde.

Jamal Karsli: Auf jeden Fall. Das ist eigentlich auch mein Fachgebiet, und ich plädiere sehr für diesen Dialog. Ich bin weit weg von dem Begriff der gleichgültigen Toleranz, sondern man muß sich gegenseitig anerkennen. In jeder Kultur, in jeder Religion gibt es auch Goethes und Schillers, gibt es Helden, gibt es gute und böse Menschen. Andere Kulturen sind genauso hochwertig wie meine eigene Kultur. Ich muß auf gleicher Augenhöhe stehen und darf andere Kulturen nicht als minderwertig diffamieren. Dann kann man keinen Dialog führen. Man muß viel aufklären, Begriffe klären.

So rege ich mich als Muslim auf, wenn man sagt, ihr glaubt an euren Allah, und wir glauben an unseren Gott. Ich sage: Um Gottes Willen! Die Juden und die Christen in Syrien glauben beide an Allah, da es die Übersetzung von Gottes Namen in der arabischen Sprache ist. Wenn man will, kann man dies deutlich machen, viele aber nutzen die unterschiedliche Übersetzung aus, um ihre Herrschaft noch einmal zu verfestigen, dazu tragen auch die Medienorgane bei. Leider bringen sie die falschen Berichte oder Interpretationen. Aber mit gutem Willen und guter Aufgeklärtheit kann man ein großes Stück vorankommen.

Meine Frau ist Italienerin. Sie ist Katholikin und ich bin Muslim, ich komme aus Syrien, und wir leben in Deutschland. Wir erziehen unsere Kinder dreisprachig. Es ist überhaupt kein Problem, miteinander zu leben. Ich habe immer gesagt, die ersten Muslime, die damals aus Saudi-Arabien nach Äthiopien geflohen sind, wurden von christlichen Priestern geschützt, da man an den gleichen Gott glaubte. Wenn man will, findet man über 95% Übereinstimmung, und wenn man nicht will, dann findet man in jeder Differenz ein Problem. Selbst in ein und derselben Kultur oder Religion findet man oft viele Richtungen. Man muß die Gemeinsamkeiten suchen. Darin sehe auch ich meine Aufgabe, die Gemeinsamkeiten zu propagieren und die Menschen einander näher zu bringen und sie nicht auseinander zu dividieren.

 

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