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Aus der Neuen Solidarität Nr. 19/2002

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Wie "Counterstrike" in Echtzeit

Zum Hergang und Hintergrund des Erfurter Schulmassakers

Einhunderttausend Menschen kamen am 3. Mai zur Trauerfeier nach Erfurt. Eine solche Demonstration der Bestürzung bedeutet auch, daß die Bürger unseres Landes nun von den Volksvertretern Maßnahmen erwarten und verlangen, die ähnliche Katastrophen in Zukunft verhindern helfen. Unser Bericht zeigt, warum ein rigoroses Verbot von Killerspielen wie "Counterstrike" dazu notwendig, wenn auch gewiß nicht hinreichend ist.


Andere Faktoren

Am 26. April tötete der 19jährige Robert Steinhäuser in seiner ehemaligen Schule, dem Gutenberg-Gymnasium in Erfurt, zwölf Lehrerinnen und Lehrer, eine Schulsekretärin, zwei Schülerinnen, einen Polizisten und anschließend sich selbst. Dem Vernehmen nach liegen weitere zehn Lehrer mit Schußverletzungen im Krankenhaus. Da Augenzeugen berichteten, zwei Maskierte seien in die Schule gestürmt, ging die Polizei zunächst von zwei Tätern aus, dann nur noch von einem.

Die Tat wurde in den Medien vielfach unzutreffend als "Amoklauf" bezeichnet. Ein Amokläufer schießt im Affekt wild um sich. Steinhäuser schoß jedoch gezielt und nach vorgefaßtem Plan. Bei diesen Vorbereitungen spielt offenbar das Computerspiel "Counterstrike" eine maßgebliche Rolle, das Robert laut Aussagen seiner Mitschüler immer wieder stundenlang gespielt habe.

In dem Spiel werden Terror- und Antiterror "in Echtzeit simuliert". Laut der Herstellerfirma Sierra Entertainment ist es das meistgespielte Online-Computerspiel der Welt; zu jeder beliebigen Zeit seien 500000 Spieler eingeloggt. Der Spieler schlüpfen entweder in die Rolle der Terroristenbekämpfer und befreien Geiseln, oder sie übernehmen als Geiselnehmer die Rolle der Terroristen. Beim Kampf im Spiel werden außerdem Gebäude besetzt und Fahrzeuge gesprengt. Das Waffenarsenal und der Munitionsvorrat ist gewaltig und muß während des Spiels beständig aufgestockt werden.

Offenbar lieferte "Counterstrike" Anregungen und Training für Steinhäusers Tat. Im Spiel werden ein Polizist, ein Passant und ein Schulmädchen erschossen, bevor der Attentäter getötet wird. Der Täter hortet Munition - die Polizei fand in Steinhäusers Wohnung noch hundert Schuß Munition. Ausgerüstet mit Primär- und Sekundärwaffe begibt er sich auf seinen Mordzug - wie Steinhäuser, der mit einer Pumpgun und einer Pistole bewaffnet, und maskiert wie die Spielfiguren in "Counterstrike", in seine ehemalige Schule stürmte.

Der Vertreiber des Spiels amazon.com gibt in der Anleitung zu "Counterstrike" die Empfehlung, wenn man im Spiel "VIPs" (engl. Very Important Persons, d.h. Prominente) erschieße, solle man an Leute denken, die man nicht mag. Für Robert Steinhäuser waren das offenbar seine Lehrer.

Dennoch gelingt es dem Geschichts- und Kunstlehrer Heise, den Mordzug zu beenden, indem er den Täter anspricht. Als dieser ohne Maske vor ihm steht, nennt er ihn beim Namen, "Robert!" und sagt: "So, jetzt kannst Du mich auch erschießen, aber schau mir dabei in die Augen!" Doch dazu hat Robert plötzlich keine Lust mehr: "Für heute reicht's, Herr Heise", sagt er, wie ein Kind, wenn es das Spiel beenden und den Computer ausstellen will. Heise bittet Robert zum Gespräch in den leeren Zeichensaal, läßt ihm den Vortritt, folgt ihm aber nicht in den Raum, sondern schließt hinter ihm die Tür ab und sperrt ihn ein. Robert erschießt sich.

Die Parallele zum Schulmassaker in Littleton (Colorado) im April 1999, bei dem zwölf Schüler und ein Lehrer getötet wurden, ist auffallend. Dort hatten sich die beiden Täter auf ihre Tat u.a. mit dem Computerspiel "Doom" vorbereitet, in das sie ihre Schule einprogrammiert hatten. "Doom" ist ein sog. Ego-Shooter wie Counterstrike und wurde in seiner Ursprungsversion, bevor es auf den Markt kam, zu Übungszwecken als Tötungssimulator bei US-Militär und -Polizei benutzt. Soldaten und Polizisten trainieren damit, im Ernstfall auf Anhieb genau zu treffen, damit der Gegner ihnen nicht zuvorkommen kann. Psychologisch wird bei diesem Training die dem Menschen angeborene Hemmschwelle, Artgenossen zu töten, abgebaut. Diese Wirkung nimmt mit der Perfektion der Technik in dem Maße zu, wie der Trainierende oder Spieler den Eindruck hat, er schieße in Wirklichkeit. Auf diesen Effekt und diesen Hintergrund der Computer-Killerspiele wies am 29. April auch der Vorsitzende des Deutschen Psychologenverbandes Uwe Wetter hin. Wie effektiv man auf diese Weise das Töten lernen kann, zeigen u.a. die Schulmassaker von Littleton und Erfurt, wobei im Erfurter Fall hinzukommt, daß der Täter zusätzlich im Schützenverein reales Schießen trainierte.

Diese psychologische Wirkung solcher Killerspiele, die natürliche Tötungshemmung abzubauen, bietet allein schon Grund genug, diese Art Spiele rigoros zu verbieten und die Produzenten zur Rechenschaft zu ziehen. Da derartige Spiele erst im Zuge der Entwicklung der Computertechnik in den vergangenen 20 Jahren in Umlauf gekommen sind, müssen wirksame adäquate gesetzliche Maßnahmen dagegen jetzt dringend überlegt und auf den Weg gebracht werden.

Die Möglichkeiten der Indizierung und Beschlagnahmung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften sind leider völlig unzureichend, wie sich gerade am Fall "Counterstrike" zeigt. Das Computerspiel ist seit vergangenem Jahr auf dem Markt, doch über einen Antrag auf Indizierung (der lange vor dem Erfurter Massaker gestellt wurde) soll erst auf einer Sitzung Mitte Mai entschieden werden.

Die US-Version von "Counterstrike" ist offenbar schon länger indiziert. Doch Indizierung heißt lediglich: für Jugendliche unter 18 Jahren verboten. Wer garantiert, daß dieses Verbot eingehalten wird? Auch bei indizierten Medien gilt das sog. Erzieherprivileg. Das bedeutet: Konsumieren Erwachsene zusammen mit ihren Kindern indizierte Medien, können sie nicht - oder nur in ganz extremen Fällen - belangt werden (siehe Jugendmedienschutz und Internet, hrsg. Förderverein für Jugend- und Sozilaarbeit, 1998). Es führt also kein Weg daran vorbei, neue gesetzliche Maßnahmen gegen einschlägige Killerspiele und deren Hersteller zu schaffen.

Andere Faktoren

Die Negativeinflüsse, denen der jugendliche Erfurter Täter Robert Steinhäuser gewollt und ungewollt ausgesetzt war, sind vielfach. So fand die Polizei neben verschiedenen Computer-Gewaltspielen in seinem Zimmer eine CD mit Roberts angeblichem Lieblingssong "Shoot down your naughty teachers with a pumpgun" (Erschieß deine unartigen Lehrer mit einer Pumpgun). Es wird vermutet, daß er in satanistischen Gruppen verkehrt hat. Auch soll er Fan der Hardcore-Band Slipknot gewesen sein. Slipknot ist eine brutale Death-Metal-Gruppe, die das vorsätzliche Töten und Morden besingt und laut eigenen Angaben (siehe Internet: Slipknotnews) einen guten Draht zur Pornoszene hat. Die Bandmitglieder treten maskiert in einer Art Horror-Outfit auf. Die Gruppe ist auch in dem Musiksender MTV zu sehen und produzierte u.a. ein Musikvideo mit Szenen aus dem Horrorfilm Resident Evil. "Das wirklich Böse stirbt niemals", lautet die Devise von Bandmitglied Paul Gray in einem Interview vom 3. April. Der satanische Charakter der Band ist also keineswegs eine Unterstellung.

Lyrik für junge Mörder
Eine Kostprobe der äußerst skurrilen Texte von Slipknot, die kaum übersetzbar sind.

Aus der CD, Mate.Feed.Kill.Repeat von Slipknot

Killers are quiet

Cycle of life and death supposedly
goes 'round and 'round yet it stops with me
Glorious hunter of my faith I have sinned
Killers are quiet like the breath of the wind
...
Beautiful Anguish cast out by my race
Now one that's Ageless I save my own face
I write my own laws with Death I break bread
Killers are quiet when they come from my head
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Die hier dargestellten "kulturellen" Einflüsse sind sicherlich nicht allein für die Schultragüdie von Erfurt verantwortlich. Es gibt andere Faktoren zu berücksichtigen. War Roberts Elternhaus wirklich so "intakt", wie es in den meisten Medien dargestellt wurde? Aufgrund von Zeitungsberichten allein läßt sich das nicht beurteilen. Klar scheint immerhin, daß ein wesentlicher Auslöser für Robert Steinhäusers Tat sein Schulversagen war. Das Nichterreichen eines Schulabschlusses ist in Zeiten einer Wirtschaftskrise und hoher Arbeitslosigkeit sicher für viele ein Grund zum Verzweifeln, weil die persönliche Zukunft gänzlich verbaut scheint.

Doch all dies entbindet uns nicht davon, etwas an der Kultur, den Medien und den Spielen zu ändern, mit denen wir unsere Kinder aufwachsen lassen, und die ihnen Tag für Tag (vielleicht irreparablen) psychischen Schaden zufügen.

Angelika Steinschulte

 

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