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Aus der Neuen Solidarität Nr. 19/2002

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Wer steht hinter der Videospiel-Industrie?

Ein Überblick über die Medien- und Rüstungskonzerne hinter der Video- und Computerspielindustrie.


Verbindungen zur Rüstungsindustrie...
...zu den Medienkonzernen...

...und zu Hollywood

Angesichts der schon seit langem offensichtlichen Gefährlichkeit der Video- und Computerspiele stellt sich die Frage, warum die Regierungen und Parlamente nicht schon längst gegen die Produzenten vorgegangen sind. Wirft man auf der Suche nach einer Antwort einen oberflächlichen Blick auf die Szene, so gerät man zunächst in Verwirrung, da es - ähnlich den "Labels" der Musikszene - eine große Anzahl von "Studios" gibt, die solche Spiele entwerfen. Gerade in den letzten Jahren herrscht in dieser Szene ein reges Kommen und Gehen, Firmen werden gegründet, umbenannt, fusioniert oder übernommen, oder sie verschwinden einfach wieder.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch ein Phänomen, das durchaus geeignet ist, die Untätigkeit der Politik zu erklären: Offenbar hatte die Politik einfach nicht das Rückgrat, sich mit den großen Medien- und Rüstungskonzernen anzulegen, die im Hintergrund der Szene wichtige Fäden ziehen.

Verbindungen zur Rüstungsindustrie...

Der derzeit größte europäische Produzent von Videospielen ist das französische Unternehmen Infogrames SA, zu dessen "Töchtern" Studios wie Reflections Interactive ("Stuntman"), Paradigm ("MXRider", "Spy Hunter", "Terminator", "Mission: Impossible"), Legend Entertainment ("Unreal"), Homungous Entertainment ("Backyard Sports"), Shiny Entertainment und Eden Studios gehören. Erst im Januar 2000 kaufte Infogrames die Videospiel-Abteilungen des amerikanischen Spieleproduzenten Hasbro, der in den USA den Vertrieb von "Teletubbies" und "Pokemon" besorgt. Zu dem von Hasbro abgestoßenen Paket gehörten auch die Rechte an den "Atari"-Spielen, die in den 80er Jahren zu den ersten massenweise verbreiteten Videospielen gehörten; Hasbro hatte diese Rechte erst 1998 erworben.

Ab 1999 saß ein Mann im Hasbro-Aufsichtsrat, der eigentlich eher für eine solche Rolle im Rüstungssektor geeignet wäre: Paul Wolfowitz, der schon zur Zeit der Regierung Reagan im US-Verteidigungsministerium eine wichtige Rolle spielte und derzeit Stellvertreter von US-Verteidigungsminister Rumsfeld ist.

Aber Infogrames hat auch eigene Beziehungen zum Rüstungssektor. Bruno Bonnell, der die Firma 1983 gründete, arbeitete vorher mit an der Entwicklung des Thomson T07, eines der ersten Computer für den Hausgebrauch. Thomson wiederum ist der führende französische Produzent von Rüstungselektronik. Im Infogrames-Aufsichtsrat findet man u.a. den Namen Thierry Dassault, der dort die Firma Dassault Multimedia vertritt - den Medienarm des Rüstungskonzern Dassault.

...zu den Medienkonzernen...

Aber auch die Medienkonzerne spielen im Videospiel-Sektor eine große Rolle. Das von dem Erfurter Täter Robert S. gespielte Spiel "Counterstrike" wurde von der Firma Sierra Entertainment - die bis Februar dieses Jahres Sierra on-line hieß - entwickelt. Sierra Entertainment gehört ebenso wie Blizzard Entertainment und Universal Interactive zum zweitgrößten Medienkonzern der Welt, Vivendi Universal.

Vivendi Universal entstand im Sommer 2000, als der französische Konzern Vivendi der Familie Bronfman den früheren Schnapsproduzenten Seagram und mit ihm dessen Medien- und Filmtochter Universal abkaufte. Vivendi brachte u.a. den französischen Pay-TV-Sender Canalplus in die "Ehe" ein. Zum Vivendi-Konzern gehört auch Universal Music (früher MCA), das die Rechte an den Aufnahmen von Jimmy Hendrix, Bob Marley, den Jackson Five, Elton John, Marilyn Manson und U2 besitzt.

Die Familie Bronfman hat offenbar immer noch erhebliche Anteile an Vivendi Universal, da gleich zwei Mitglieder der Familie - Edgar Bronfman Vater und Sohn - und ein weiterer Vertreter eines Bronfman-Unternehmens im Aufsichtsrat von Vivendi Universal sitzen.

Vivendi-Chef Jean-Marie Messier stammt selbst aus der Politik: Er war 1986-88 in der französischen Regierung für die Privatisierung der Staatsbetriebe zuständig. Anschließend wechselte er zur einflußreichen Investmentbank Lazard Freres. 1994 übernahm er die Führung des Lyoner Wasserversorgers Generales des Eaux, den er in Vivendi umbenannte und zu einem Multimedia-Konzern umbaute.

...und zu Hollywood

Namensgebend für Vivendi Universal war der Hollywood-Gigant Universal Pictures, der für die Spezialeffekte in vielen Filmen eigene Studios unterhält. Viele der von Infogrames produzierten Spiele beruhen auf Figuren aus Hollywood-Actionfilmen, wie die Spiele "Terminator" oder "Mission: Impossible", so daß deren Produzenten auch an den Spielen mitverdienen, weil sie für die Nutzung der Figuren Lizenzgebühren kassieren. Das gleiche gilt auch für Videospiele anderer Produzenten. Es ist kein Geheimnis, daß z.B. US-Senator Joe Lieberman seine Präsidentschaftsambitionen ohne die Wahlspenden aus Hollywood abschreiben müßte - und er ist nicht der einzige, der aus Hollywood unterstützt wird.

Der weltgrößte Anbieter von Computer- und Videospielen ist die Firma Electronic Arts, die erst kürzlich einen Exklusivvertrag mit dem Mediengiganten AOL Time Warner schloß: Alle über AOL angebotenen Computerspiele stammen von Electronic Arts. Seagram hatte vor der Fusion von AOL mit Time Warmer einen 15%-Anteil an AOL. Zu AOL Time Warner gehören u.a. das Magazin Time und der Musik-Konzern Warner Brothers. Über "Joint Ventures" mit AOL Time Warner verbunden ist auch der deutsche Bertelsmann-Konzern, der wiederum die Fernsehsender RTL und RTL 2 kontrolliert. Einer der größten Spieler auf dem Markt der Film- und Fernsehrechte ist - noch - die deutsche Kirch-Gruppe, die wiederum die Fernsehsender ProSieben, Sat 1, Kabel 1, N24 und Premiere kontrolliert.

In einer im Februar 2000 von Midway Games veröffentlichten - und als Eigenwerbung verstandenen - Liste der "zehn führenden Killer-Spiele" stehen Nintendo, Electronic Arts, Sony Computer Entertainment und Midway Games auf den Plätzen 1-4, Hasbro auf Platz 10. Seither dürften Vivendi Universal und Infogrames ebenfalls zu den "top ten" aufgeschlossen haben.

Nicht zu unterschätzen sein dürfte auch die Tatsache, daß Großkonzerne wie Nintendo, Sony und Microsoft auch an der Produktion der Geräte und der Betriebsprogramme verdienen, die sich die Spieler anschaffen müssen, um diese Spiele spielen zu können.

alh

 

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