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Aus der Neuen Solidarität Nr. 19/2002

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Nach der Tragödie von Erfurt: Umgehende Rückkehr zur klassischen Bildung!

Von Helga Zepp-LaRouche,
Bundesvorsitzende der Bürgerrechtsbewegung Solidarität
und Direktkandidatin für den Bundestag in Berlin Mitte

Die grauenhafte Tat des neunzehnjährigen Robert S. hat ganz Deutschland erschüttert. Der kaltblütige Mord an sechzehn Menschen hat schlaglichtartig verdeutlicht: Mit unserer Gesellschaft ist etwas ganz und gar nicht in Ordnung, und zwar etwas viel Grundlegenderes als das Verbrechen dieses einen Täters. Es geht zum einen um den moralischen Zustand in unserem Land ganz allgemein, und zum anderen um die ungezügelte Akzeptanz von Gewalt in den Medien. In diesem Zusammenhang teilte der Leitende Polizeidirektor von Erfurt, Grube, mit, daß die Polizei in der Wohnung des Täters gewaltverherrlichende Computerprogramme und Horror- und Gewaltvideos gefunden habe.

Bereits am 20. Februar 2000 hielt ich auf einer Konferenz des Schiller-Instituts in Washington einen Vortrag zu dem Thema "Neue Gewalt" (siehe Internet-Hinweis). Darin wies ich auf den unbestreitbaren Zusammenhang zwischen Gewalt in den Medien und vor allem den Nintendo-Videospielen und der dramatischen Zunahme von Gewalt bei Jugendlichen hin. Schon lange vor dem Massaker an der Columbine High School in Littleton (Colorado) im April 1999, das internationale Schlagzeilen machte, hatten in den USA buchstäblich Tausende Fälle von Gewalt und sogar Morden in Schulen und Wohngegenden stattgefunden, die von Kindern und Jugendlichen begangen worden waren. In so gut wie allen Fällen gab es einen direkten Zusammenhang zwischen dieser Jugendgewalt und dem Dauerkonsum von gewaltverherrlichenden Filmen wie "The Basketball Diaries", "Natural born Killers" oder Killervideos wie "Doom". Ich rief damals zu einer internationalen Kampagne gegen diese Gewaltvideos und -filme auf. Ich erneuere diesen Aufruf jetzt.

Man muß wissen, daß "Killervideos" dieser Art ursprünglich vom amerikanischen Militär für die Ausbildung von Rekruten eingesetzt wurden. Diese Programme basierten auf der Erkenntnis, daß im Zweiten Weltkrieg nur 15% aller Soldaten bereit gewesen waren, auf den Gegner mit Tötungsabsicht zu schießen. Durch Computersimulationen, so die Absicht, sollte diese natürliche Hemmschwelle abgebaut und die Soldaten gemäß den Vorstellungen Samuel Huntingtons über eine imperiale Berufsarmee zur blindem Befehlsausführung getrimmt werden. Derartige Computerspiele werden aber in den USA nicht nur seit langem für die Ausbildung von Militär und Polizei benutzt, sondern auch von kommerziellen Herstellern für die "Unterhaltung" von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen vermarktet. Die amerikanischen Marines benutzen in der Ausbildung eine Version des gleichen "Doom", mit dem der vierzehnjährige Michael Carneal trainiert hatte, um dann drei Mädchen 1997 in Paducah (Kentucky) mit präzisen Kopfschüssen zu töten, obwohl er nie zuvor eine Waffe in der Hand gehabt haben soll. Die Eltern dieser Mädchen verklagten die Produzenten der Filme und Videos auf 130 Millionen Dollar Schadenersatz.

Man muß sich also nicht wundern, wenn es nach Jahrzehnten der Dauerberieselung mit immer perverseren, gewaltverherrlichenden Hollywoodfilmen und interaktiven Gewalt-Computerspielen heute offiziell 175000 gewaltbereite Jugendliche in Deutschland gibt, vor allem wenn man noch den offenbar tolerierten einfachen Zugang zu Drogen auf den Schulhöfen hinzunimmt. Eine Gesellschaft, die all das zuläßt, darf sich nicht wundern, wenn das auf sie zurückschlägt.

Mit der Schreckenstat von Erfurt hat sich nur etwas entladen, was seit langem in Vorbereitung war. Im Grunde führt die Vorgeschichte des tragischen Zwischenfalls bis auf den Bericht des damaligen OECD-Beauftragten Dr. Alexander King aus dem Jahre 1963 zurück, worin dieser die Grundzüge einer Bildungsreform in den OECD-Staaten darstellen sollte. Darauf basierte unter anderem auch die sogenannte Brandtschen Erziehungsreform von 1970. King forderte in seinem Bericht ausdrücklich, daß die verbleibenden Elemente des Humboldtschen Erziehungssystems, an denen zum Beispiel in der Bundesrepublik noch festgehalten wurde, aus den Lehrplänen verbannt werden müßten. Der "Bildungsballast" von zweieinhalbtausend Jahren europäischer Geschichte müsse endlich verschwinden und der Unterricht "pragmatisch" auf die Erfordernisse der Gesellschaft ausgerichtet sein.

Das Resultat dieser Bildungsreformen ist bekannt; die PISA-Studie hat nur beleuchtet, was schon lange klar war: Ein Viertel aller Fünfzehnjährigen gilt als "Risikogruppe", deren Mathematikkenntnisse nicht ausreichen, um irgendeinen Beruf zu erlernen. 42% Prozent der Jugendlichen lesen niemals aus Vergnügen ein Buch. Resultat ist auch, daß heute viele Jugendliche so gut wie nichts mehr von der klassischen Tradition Deutschlands wissen, daß sie Lessing, Mendelssohn, Schiller, Heine oder Mörike nicht einmal dem Namen nach mehr kennen - eine Liste, die man noch eine ganze Weile fortsetzen könnte.

Bei dem Humboldtschen Erziehungssystem ging es nicht nur um konkrete Bildungsinhalte, sondern vor allem um die Ausbildung des Charakters, um charakterliche Schönheit als Unterrichtsziel. Und seitdem dieses Ziel weggefallen ist, seitdem die Schulen keine klassische humanistische Bildung mehr anbieten, woher sollen Kinder und Jugendliche in einer Gesellschaft innere Werte bekommen, die ansonsten nur auf verblödenden "Spaß" angelegt ist und die Erwachsenen vorwiegend grenzenlosen Egoismus und sozialen Darwinismus demonstrieren?

Wir werden die tiefe Krise, in der sich Deutschland befindet, nicht überwinden, wenn wir nicht umgehend zu klassischen humanistischen Werten zurückfinden. Wir brauchen ein Curriculum, das an der Humboldtschen Idee der Vervollkommnung des Individuums ausgerichtet ist, das sowohl alle in ihm angelegten kreativen Fähigkeiten entwickeln hilft und es zugleich zum Staatsbürger erzieht, der sich mit um das Gemeinwohl kümmert.

Wenn wir verhindern wollen, daß sich solche Tragödien wie in Erfurt wiederholen, brauchen wir die sofortige Rückkehr zu einer humanistischen Bildungspolitik. Wenn Sie uns helfen, die BüSo in den Bundestag zu wählen, wird die Verwirklichung dieser Forderung eine unserer ersten Aufgaben sein. Helfen Sie uns jetzt im Wahlkampf!

 

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