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Aus der Neuen Solidarität Nr. 21/2002

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Leserbriefe


Tod durch Entwürdigung
Mit der Seele der Sprache geht auch die Seele des Volkes verloren

Tod durch Entwürdigung

Zu "Sind alte Menschen wirklich nichts mehr wert?" von Günter Wulkopf und "Tod durch Entwürdigung" von Jutta Dinkermann in Neue Solidarität Nr. 18 vom 1. Mai 2002:

Der Brief von Günter Wulkopf über das Sterben seiner Mutter in einem privaten Altenheim ist erschütternd und viele Worte in diesem Kommentar von Jutta Dinkermann sind sehr anrührend. Aber das Schlußwort über eine Definition der Liebe, die "ohne Ansehen der konkreten Person um das Prinzip der Menschwerdung und die Großartigkeit des Menschseins weiß" verletzt leider in mehrfacher Hinsicht heutiges menschliches Empfinden.

Viele Menschen protestieren - nicht ohne Recht - gegen den Begriff "Prinzip", auch wenn dieser im philosophischen Sinne etwas Wunderbares bezeichnen mag, denn es gibt auch jenen anderen Aspekt, der im Begriff "Prinzipienhärte" zum Ausdruck kommt, vor der sich die Menschen fürchten, eben wegen dieses Absehens von der "konkreten Person" in ihrer ganz persönlichen Eigenart. Und von der "Großartigkeit" des Menschseins kann man keinem Menschen etwas erzählen - so wenig wie von der Liebe Gottes - , der gerade verzweifelt ist. Der braucht erst einmal auf der realen Ebene ein Stück Brot oder auf der geistigen ein Stück Ermutigung.

Der Mensch steht nun einmal wie ein Baum zwischen Himmel und Erde. Man wird dem Menschsein weder gerecht, wenn man ihn nur unter dem idealen Aspekt, noch wenn man ihn nur unter dem irdischen Aspekt sieht. Gott gab dem Menschen nicht nur die Gabe, kreativ zu sein, sondern auch die der irdischen Liebe. Und wenn wir in unserer Partei Schiller besonders lieben, dann doch, weil er dem Kategorischen Imperativ von Kant den Begriff "Neigung" zur Seite stellte.

Es ist wahr, irdische Liebe ist nicht abstrakt, nicht gerecht, aber sie ist der Stoff, aus dem das irdische Leben gemacht ist, der Stoff, der in höhere geistige Form verwandelt werden kann - wenn wir auch sehen, wie wenig Menschen das in einem Maße gelingt, das befriedigend wäre. (Und es sind die wertvollsten, die nicht nur unzufrieden sind mit bestehenden Verhältnissen, sondern auch mit sich selbst. Und es sind die Unglücklichsten, die davon nichts wissen.)

Es gibt "Mutterliebe", die ahnungslos hinweggeht über die wirklichen Bedürfnisse des Kindes. Alle zur Sexualität führende Liebe ist verbunden mit Enttäuschung und Schmerz, die uns erst reifen läßt zur höheren Form der Liebe, der Agape, die die Gefühle der anderen Menschen ebenso ernst nimmt wie die eigenen. Und es gibt viel begeisterten Idealismus, der vergißt, an die Realität des - immer ganz persönlich und der eigenen Kultur entsprechend erlebten - Alltags zu denken.

Wenn auch die Kritik an menschenunwürdigen Verhältnissen und menschenunwürdigem Verhalten berechtigt ist, so brauchen wir doch, um diesem "Prinzip der Liebe" zu genügen, nicht nur "liebevolles Imaginieren der Menschenwürde" beim alten, ungeborenen, kranken und behinderten Menschen, sondern auch beim schuldig Gewordenen. Und wer wäre - gemessen am Standard unserer Werte nach dem Krieg - nicht vor sich selbst, vor seinem Gewissen schuldig geworden?

Uns fehlt die Sprache, mit der wir die Menschen erreichen und nicht verjagen, und in dieser Hinsicht brauchen wir, braucht unsere ganze Gesellschaft nachdrückliche "Entwicklungshilfe".

Therese Hartmann, Wiesbaden


Mit der Seele der Sprache geht auch die Seele des Volkes verloren

Zu "Die Geburt des Individuums als künstlerisches Konzept" von Muriel Mirak-Weißbach in Neue Solidarität Nr. 14 vom 3. April 2002:

In diesem Artikel über die Bildende Kunst (die Ausstellung "Ägypten - 2000 v.Chr.") schreibt Muriel Mirak-Weißbach als letzten Satz: "In der klassischen griechischen Kunst... kann das Metaphorische allein herrschen, weil es von der Buchstäblichkeit befreit ist." "Die Hieroglyphenschrift [der Ägypter]" dagegen "ist eine untrennbare Kombination aus Buchstabenschrift, Symbolschrift und Metapher, aber es ist und bleibt doch Sprache." Aber es ist viel mehr als eine Sprache in gewöhnlichem Sinne. Es ist ägyptische Kultur und Philosophie in einem Blick, wenn man es nur ein bißchen versteht. Es ist nicht nur Metapher, sondern auch Metaphysik. Die Alt-Ägypter bezeichnen es als "Medu Neter" also "Göttliches Wissen" oder "Heilige Schrift", die, wie Muriel Mirak-Weißbach sagt, von den kosmischen Zusammenhängen nicht zu trennen ist. Es ist astronomische Wissenschaft, Kultur und "Religion", alles in einem. Buchstaben - die Buchstaben heute sind sogar digitalisiert - sind nur eine phonetische Stütze und haben keine "Seele". Darin liegt der Unterschied. Parallel zu den Hieroglyphen hatten die Ägypter von Anfang an die Hieratische Schrift, die dem Bürger etwas näher war. Aber ein "Analphabet", der die Buchstaben nicht gelernt hat, und sogar ein Fremder kann in den Hieroglyphen mit ein bißchen Mühe gleich in die philosophische Ebene einsteigen und den Inhalt einsehen.

Die griechische und andere Sprachen mit phonetischen Buchstaben müssen durch die Trennung von der Metapher einen gewissen "Seelenverlust" in Kauf nehmen. Darin liegt die Schwierigkeit, die platonische Philosophie oder ähnliches an den Mann zu bringen.

Wir sehen das in Deutschland an der katastrophalen Situation mit der Rechtschreibreform. Durch eine voreilige "künstliche" Reform der deutschen Sprache und Rechtschreibung verliert nicht nur die Sprache die "Seele", sondern auch das Volk. (Das Ereignis von Erfurt mag ein trauriger Nebeneffekt derartiger Experimente sein. Denn es geht um die Erziehung der Jugend, die im Vordergrund stehen muß. Da müßte man vorsichtig sein.)

Nach der Eroberung Ägyptens und seiner Christianisierung durch die Römer und nach der späteren Islamisierung durch die Araber, die zur Folge hatte, daß das Land seine Sprache verlor, war die 3000 Jahre alte ägyptische Kultur ausgelöscht. Sie wurde Hunderte von Jahren später durch Zufall wiederentdeckt, und die Sprache mußte erst entziffert werden. Eine tragische Geschichte. Hoffentlich lernt man etwas davon.

Kollengode Natarajan, Köln-Porz

 

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