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Aus der Neuen Solidarität Nr. 26/2002

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"Das alles ist blindwütig"

Im Wortlaut. In einem Interview mit dem Magazin "Stern" hat Norbert Blüm (CDU) die Kriegspolitik Scharons angegriffen. Es folgen Auszüge.

In Israel/Palästina findet ein Kampf statt, bei dem offenbar keine Regeln und humanitären Rücksichten gelten, auch nicht die des Kriegs-Völkerrechts. Auf beiden Seiten herrschen entfesselte Rachegelüste, und die machen bekanntlich blind. Rechtfertigen die palästinensischen Terrorattentate das Beschießen von Krankenwagen? Palästinenser müssen ihre Toten in Löchern vor der Haustüre verscharren, weil man sie nicht auf den nahen Friedhof lässt. Dann werden von Israel 5000 Olivenbäume in palästinensischem Gebiet vernichtet. Der Stein vom Kölner Dom auf einem Platz in Bethlehem, der für Städtepartnerschaft stand, wurde von israelischen Panzern - vorwärts, rückwärts - zermalmt. Was hat das mit Kampf gegen den Terrorismus zu tun? Das alles ist blindwütig - ein anderes Wort fällt mir hierfür nicht ein...

Die Israelis kümmern sich einen Dreck um das, was die UN beschließen. Rückzug ihrer Truppen - abgelehnt. Eine UN-Untersuchungskommission nach Jenin - kommt nicht in Frage. Keine neuen Siedlungen mehr - seit dieser Abmachung sind Tausende Siedler hinzugekommen, und das größte Siedlungsprojekt wird ausgerechnet jetzt in Gang gesetzt. Wie wollen wir da die moralische Autorität der UN zum Beispiel gegen Saddam Hussein einsetzen? Saddam wird lachen und sagen: Setzt erst mal die Beschlüsse gegen euren Freund Israel durch...

Scharon versteht etwas vom Kriegshandwerk, vom Frieden offenbar nichts. Sein Marsch auf den Tempelberg war eine folgenschwere provokative Kraftmeierei. Wenn die deutsche Vergangenheit dazu benutzt wird, uns jede Kritik zu verbieten, dann wäre die deutsche Schuld mit einer Form von Denkverbot verbunden. Provokative Kritik ist geboten, sonst kommt man nie raus aus dem Teufelskreis von Selbstmordattentaten, die ich verabscheue, und maßloser Vergeltung Israels, bei der ebenfalls der Tod von Kindern in Kauf genommen wird...

Wenn man Arafat auffordert, seine Anhänger zur Räson zu bringen, dann kann man ihm nicht zuvor die Fernseh- und Radiostationen zerstören und den Strom sperren. Das ist Zynismus - so als wenn ich jemand die Beine zertrümmere und ihn anschließend auffordere: Laufen Sie aufrecht!...

Krieg ist keine Lösung. Aber selbst für den Krieg haben die zivilisierten Staaten Regeln. Und diese Regeln werden mißachtet in der Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina... Da Israel auf Freunde angewiesen ist, zu denen ich mich zähle, muß man ihnen sagen, daß es für ihre Politik bald nicht die Spur einer Unterstützung gibt. Irgendjemand muß dazwischengehen. USA, Europa...

Holocaust kann mit nichts verglichen werden. Er ist das Superverbrechen der Menschheit. Wir befinden uns dabei auf einem Feld, das von Irrationalismen überwuchert ist. Die beseitigen wir nicht, indem wir das Thema verdrängen oder nur noch in abgehobenen feierlichen Reden behandeln. Die Frage ist: Was tun wir, damit diese über Jahrhunderte in die Diaspora verstreuten, gequälten, geschundenen Juden endlich ein Stück Land finden, das ihres ist? Mit dem Herrn Scharon finden sie es nicht. Jerusalem ist eine Hauptstadt der drei großen monotheistischen Religionen. Es könnte die Friedenshauptstadt der Welt werden, wenn alle drei sich daran erinnern, daß alle Menschen Kinder Gottes, also Geschwister sind."

 

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