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Aus der Neuen Solidarität Nr. 26/2002

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Der Fall Karsli und die Medienmacht
"Heimatverteidigung"

Unverständlicher Ärger der Waldbesitzer

Der Fall Karsli und die Medienmacht

Der Fall Karsli beschäftigt nun schon seit einiger Zeit die Republik. Dem Ex-Grünen werden "antisemitische Äußerungen" vorgeworfen. Israel wende in den palästinensischen Gebieten Nazimethoden an, habe er gesagt und von einer zionistischen Medienmacht gesprochen. Auch wird ihm zur Last gelegt, daß er sich in Saddam Husseins Irak hatte einladen lassen.

Karsli, ein gebürtiger Syrer und ein Araber, mag eine andere Sicht der Welt haben als wir, die Deutschen, die, wie schon Goethe wußte, sonntags wohlig die Pfeife rauchen, wenn fern in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen. Die Blockade und die Wirtschaftssanktionen gegen den Irak mögen nach verschiedenen Berichten der Presse dort etwa 1 Million Menschenleben gefordert haben. Syrien selbst mag von Israel bedroht sein, sollte sich der Nahostkonflikt ausweiten. Von Karsli ist keine wohlabgewogene Sprache zu erwarten wie von einem Deutschen, der sich der speziellen deutschen Schuld an den Juden bewußt ist, die Karsli für sich als Araber und Moslem so nicht zu bedenken hat.

Mir scheint, die deutsche öffentliche Meinung suchte geradezu jetzt in Wahlkampfzeiten nach einer scharfen Debatte, und dafür eignet sich eine Debatte um den Antisemitismus immer noch bestens, in der jeden den anderen in seinen Bekenntnissen, israelfreundlich und antifaschistisch zu sein, noch übertreffen will. Statt einer wirklichen Aufarbeitung unserer Geschichte herrscht heute überall der Reflex vor, sich als Gutmensch von der Vergangenheit zu distanzieren und irgendwelche Ewiggestrigen an den Pranger zu stellen. Und am liebsten den politischen Gegner mit einer Meinungskeule zu erledigen.

Diese veröffentlichte Meinung in den meisten Medien, die vor allem mit ausführlichen Informationen geizte, dafür aber um so schneller aburteilte, hat mich sehr zornig gemacht. Langsam bekomme ich das Gefühl einer Gleichschaltung in unserer Medienlandschaft. Da ich in der DDR aufgewachsen bin, und unsere Familie wegen der dortigen Einschränkungen der Freiheitsrechte das Land in die BRD verlassen hat, habe ich dafür sehr sensible Antennen.

Man kann natürlich darüber streiten, ob Karsli das Wort von den Nazimethoden verwenden durfte. Dahinter verschwindet aber die eigentliche Debatte über die israelische Politik. Diese wird auch im eigenen Land scharf kritisiert. Etwa 100000 Israelis gingen jüngst dagegen auf die Straße. Namhafte Israelis haben sich gegen Scharon gewandt und fordern Frieden. In der namhaften israelischen Zeitung Ha'aretz erschienen Artikel mit Vorwürfen an die Adresse der Regierung, die nicht weit weg waren davon, die Besatzungsmethoden mit jenen der Nazis zu vergleichen.

Was die angebliche Medienmacht des Zionismus betrifft, so unterliegt Karsli wohl einem Irrtum. In den USA zählen zu den Parteigängern der israelischen Politik nicht so sehr die jüdischen Organisationen, als vielmehr die evangelikalen, also die fundamentalistischen christlichen Organisationen. Und die sind in den USA sehr mächtig (Bible Belt).

Manfred Schreiber, Kirchzarten-Burg


"Heimatverteidigung"

Heute kam mir zu Ohren, daß Präsident (und Hinrichtungschampion) Bush eine Art Superministerium für "Heimatsicherheit","Heimatverteidigung" - oder wie das in patriotischem Getön hieß - aufbauen lassen will.

Es drängt sich hier irgendwie ein Vergleich mit dem ehemaligen Reichssicherheitshauptamt unter Reinhard Heydrich und Ernst Kaltenbrunner auf. Schon jetzt gehen Kenner davon aus, daß es bei der Bewältigung der Aufgabenstellung, künftige Terroranschläge zu riechen, jede Menge Koordinationsprobleme und Kompetenzstreitigkeiten zwischen einer solchen Institution und den insgesamt 27 geheimdienstlichen US-Organisationen geben wird.

Meines Erachtens wäre das Thema es wert, in einer der nächsten Neue Solidarität-Ausgaben aufgegriffen zu werden. Nicht nur an den "unvermeidbaren und zwangsläufigen" Krieg der Kulturen, sondern auch an die völlige Entliberalisierung der US-Gesellschaft (die Hysterie der McCarthy-Ära wird bald nichts dagegen sein) dem Terrorschutz zuliebe soll die Bevölkerung peu à peu gewöhnt werden. Man staunt auch, wie das finanziert werden soll. Die Zahlungsmoral amerikanischer Unternehmen jedenfalls wird jetzt von nur wenigen anderen im Negativen übertroffen. Andererseits kann man sich nur wundern, daß offenbar doch "Substanz" vorhanden ist. Die eigentliche Frage ist jedoch, für was der Betreffende, der auf einer Geldmenge x sitzt, es hat und für was nicht.

J. Sandmann, Freising


Unverständlicher Ärger der Waldbesitzer

Zu dem Artikel "Ökosiegel entmündigt Waldeigentümer" von Rosa Tennenbaum in Neue Solidarität Nr. 23/2002.

Sicherlich schränkt das FSC-Zertifikat die Waldbesitzer in ihrer Entscheidungsfreiheit ein, doch bei näherer Betrachtung entdeckt man jedoch nur positive Resultate hinter dieser negativen Kulisse.

Die in der deutschen FSC-Arbeitsgruppe zusammengeschlossenen großen Umweltverbände, Gewerkschaften und Vertreter der Forst- und Holzwirtschaft haben sich am 13. April 1999 einstimmig auf Richtlinien für eine umweltverträgliche und sozial gerechte Waldbewirtschaftung in Deutschland geeinigt. Ihre Aussage, die deutschen Waldbesitzer arbeiten seit Jahren nach dem PEFC-Gütesiegel, könnte leicht so verstanden werden, daß dies schon eine langdauernde Tradition habe. Doch das PEFC wurde als Reaktion auf FSC gegründet. Im März 2000 sind die ersten Wälder danach zertifiziert worden. Somit ist es also falsch, FSC als ein "neues Ökosiegel" zu bezeichnen. Zwar stellt das PEFC-Zertifikat einige ökologisch sinnvolle Kriterien, doch sind diese nicht so weitgehend wie die des FSC. Dies eine Entmündigung der Waldbesitzer zu nennen, ist eindeutig übertrieben. Schließlich ist es auch der Sinn eines Zertifikates, gewisse Vorschriften zu machen. Überdies waren bei der Festlegung der FSC-Kriterien auch Gewerkschaften und Vertreter der Holz- und Forstwirtschaft beteiligt. Die Struktur des FSC gewährleistet es, daß bei allen Entscheidungsprozessen ökologische, soziale und ökonomische Kammern absolut gleichberechtigt sind, keine der Kammern kann von den anderen beiden überstimmt werden. Somit wird sichergestellt, daß die Interessen auch der Waldbesitzer gewahrt werden.

Die Aussage, daß "beide Siegel gleichwertig seien, was den Umweltwert betrifft", ist in Frage zu stellen. Auf welche wissenschaftlichen Untersuchungen berufen Sie sich? Die Verbraucherinitiative e.V. hat sich mit dem Vergleich der beiden Zertifikate beschäftigt. Unter anderem kristallisieren sich folgende Unterscheidungen heraus:

1. FSC liegt unter ökologischen und sozialen Gesichtspunkten deutlich über dem internationalen Standard. Wohingegen die ökologisch-sozialen Vorteile des PEFC unklar sind. Deren Anforderungen unterscheiden sich aufgrund von "Soll-" und "Kann-"Bestimmungen kaum von gängiger Praxis.

2. Einzelbetriebliche Kontrollen bei FSC stellen sicher, daß Vergabekriterien eingehalten werden. Bei PEFC fehlen für Verbraucher erkennbare, unabhängige Kontrollinstanzen.

3. Eine breite Trägerschaft durch Holz- und Forstwirtschaft, Handel, Umweltverbände und sozial engagierte Organisationen macht das FSC-Zertifikat glaubwürdig. Das PEFC wird in erster Linie von der Holz- und Forstwirtschaft selbst getragen.

Der Ärger der Waldbesitzer zum "Fall OBI" ist unverständlich. Aus der Ankündigung, nur noch Holz mit FSC-Zertifikat verkaufen zu wollen, zu schlußfolgern, daß OBI zwingend aus dem Verkauf von heimischen Holz aussteigt, ist nicht nachvollziehbar. Vielmehr ist diese Ankündigung für die Waldbesitzer eine Chance, ihre Wälder FSC zertifizieren zu lassen, ohne einen ökonomischen Nachteil in Kauf nehmen zu müssen. Im Gegenteil, der Forstwissenschaftler Knut Sturm hat errechnet, daß die Waldbewirtschaftung nach FSC-Kriterien langfristig kostengünstiger für die Forstbetriebe sein wird als konventioneller Waldbau. Dabei handelt hier weder OBI noch Bundesumweltminister Jürgen Trittin ökologisch unverantwortlich, sondern derjenige, der der gesteigerten Nachfrage nach FSC-zertifiziertem Holz nicht nachkommt und dadurch einen erhöhten Anteil an aus Übersee importiertem Holz erzwingt.

Daß die Umweltorganisationen wollen, daß die Wälder nicht mehr bewirtschaftet werden, stimmt nicht. Nach den FSC-Kriterien soll lediglich ein Teil des Waldes unbewirtschaftet bleiben, um den direkten Vergleich zu den bewirtschafteten Teilen zu haben. So können Umwelteinflüsse durch die Bewirtschaftung besser kontrolliert werden.

Der Treibhauseffekt hat sicherlich andere Ursachen, als die Natur sich selbst zu überlassen.

Schließlich ist noch einmal darauf hinweisen, daß eine Bewirtschaftung der Wälder nach den FSC-Kriterien nicht nur den ökologischen Aspekt berücksichtigt, sondern völlig gleichberechtigt auch soziale und ökonomische. Bei Entscheidungen wird auf Weitsicht und Nachhaltigkeit größten Wert gelegt

Zuletzt stellt sich die Frage, wie Bundesumweltminister Jürgen Trittin den Waldbesitzern das FSC-Zertifikat aufzwingen will. Obwohl diese Behauptung der Aufhänger des Artikels war, bleibt eine weitere Erläuterung aus. Eine Darstellung diesbezüglich wäre in Ihrem Artikel also aufschlußreich gewesen.

Stefan Müller, Simone Göbel, Bonn

 

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