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Aus der Neuen Solidarität Nr. 4/2002:

Russische Wirtschaft im Aufwärtstrend

Der Wirtschaftsaufschwung der letzten drei Jahre reicht noch nicht aus, um die verheerenden Schäden der Jahre davor aufzufangen. Aber ein Anfang ist gemacht, und auch der Lebensstandard der Bevölkerung verbessert sich langsam.


Die Rolle des Rubels
Die Wiederbelebung des Binnenmarktes

Die Landwirtschaft

Drohende Probleme?

Am Jahresende sang die ganze westliche Wirtschaftspresse ein Loblied auf den "außerordentlichen Wirtschaftsboom" der vergangenen drei Jahre in Rußland. Man verwies auf das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) 2001 über 5,5%, dem bereits 1999 ein gleich hoher Anstieg und im Vorjahr sogar eine Steigerung um 8,3% vorangegangen waren. Auch die negative Entwicklung in der Weltwirtschaft hatte diese Entwicklung nicht abreißen lassen.

Allerdings sagt ein Anstieg des BIP über den tatsächlichen Zustand einer Volkswirtschaft wenig aus. Bedeutsam ist aber sicherlich das deutliche Wachstum der realwirtschaftlichen Produktion und Investitionen. Laut offizieller Statistik wuchs die russische Industrieproduktion im letzten Jahr um über 5,2%, die landwirtschaftliche Erzeugung um über 7% und die Investition in den produktiven Bereich um fast 9%. Bereits Mitte 2001 waren in praktisch allen Industriezweigen gute Nettoprofitzahlen erreicht. Das Durchschnittseinkommen der Bevölkerung stieg um über 6%. Die Exporte von Maschinen, Ausrüstung, Lastfahrzeugen und anderen Gütern der Investitionsgüterindustrie stiegen um 21%. Zum ersten Mal seit zehn Jahren legte der auch Maschinenbau, der unter den Produktionseinbrüchen nach 1990 besonders zu leiden hatte, wieder zu.

Auf den ersten Blick sind diese Zahlen fast zu schön, um wahr zu sein. Eine Nation, die mehr als ein Jahrzehnt lang unter dem wohl massivsten Zusammenbruch von Produktion und Lebensstandard litt, den man seit langem in irgendeinem Teil der Welt gesehen hat, scheint auf wunderbare Weise aus der Asche auferstiegen und ist neben China und Indien eines der ganz wenigen Länder, die reales Wachstum erreichten, während die USA, Europa und der Großteil der restlichen Welt immer tiefer in die Depression abgleiten. Teilweise wird Rußland sogar schon als neue "Lokomotive" der Weltwirtschaft bezeichnet.

Es besteht auch kein Zweifel daran, daß Rußland das Potential hat, im Rahmen einer geeigneten Wirtschaftspolitik eine solche Lokomotive zu werden. Aber russische Ökonomen, die mit der Wirklichkeit hinter den Zahlen vertraut sind, liefern eine weitaus nüchternere Einschätzung. Das neue russische Magazin Der russische Unternehmer benutzt das folgende Bild:

"Das heutige Rußland ist anders als das Rußland von 1999. Man könnte das Land mit einem Patienten in einem Krankenhaus vergleichen, der aus der Intensivstation entlassen und auf eine normale Station verlegt wurde. Der Patient befindet sich nicht mehr in einer völligen Agonie und leidet nicht mehr unter Todeskrämpfen, aber gesund ist er noch lange nicht." Auch wenn damit in erster Linie die allgemeine soziale und politische Lage Rußlands gemeint ist, trifft das Bild auch die Lage der Wirtschaft und verdeutlicht, daß die seit Ende 1998 zweifellos vorhandenen Verbesserungen eben relativ sind.

Die offensichtlichste Unzulänglichkeit der Produktions- und Investitionszahlen ist, daß die jährlichen massiven Schäden an der realen, physischen Basis der russischen Wirtschaft darin nicht einberechnet sind: 1. Abnutzung des überalterten landwirtschaftlichen und industriellen Maschinenparks, 2. Raubbau an wichtiger Verkehrs-, Energie- und städtischer Infrastruktur, 3. Rückgang der wissenschaftlich-industriellen Arbeitskraft durch Überalterung, steigende Krankheits- und Sterberaten, Auswanderung und aus ähnlichen Gründen.

Bereits eine grobe Abschätzung dieser Verluste zeigt, daß die Investitionen immer noch weit hinter dem zurückbleiben, was notwendig wäre, um die Zerstörung der produktiven Basis auszugleichen. So gesehen schrumpft die russische Realwirtschaft immer noch, wenn auch wesentlich langsamer als vorher.

Allerdings wird bei allen diesen rein physischen Berechnungen ein sehr wichtiger subjektiver Faktor außer acht gelassen, der in der kommenden Zeit den Ausschlag geben könnte. Um in dem oben angeführten Bild zu bleiben: Nachdem der Patient gemerkt hat, daß er den Angriff der IWF-Schocktherapie - wie wir oft betont haben, "eine Medizin, die den Patienten umbringen soll" - überlebt hat, ist er hoffnungsvoll und enthusiastisch gestimmt. Außerdem sieht er, wenn er sich auf seiner neuen Krankenstation umschaut, daß andere Nationen, die angeblich wirtschaftlich viel gesünder sind, wie etwa die USA, gerade auf die Intensivstation verlegt werden müssen. Rußland wird jetzt höchstwahrscheinlich lieber selbst seine Wirtschaftspolitik bestimmen, als weiter den liberalen Ratschlägen zu folgen, die das Land zwischen 1990-98 beinahe völlig ruiniert hätten.

Die Rolle des Rubels

Die Wirtschaftsliberalen der derzeitigen Regierung Krajanow würden gerne die Lorbeeren für den Aufschwung von 1999-2001 einstreichen. In Wirklichkeit ist der Aufschwung der Produktion und der Investitionen in Rußland nach 1998 aber ein Lehrbuchbeispiel für die unverzichtbaren, lebenswichtigen Vorteile des Protektionismus!

Ironischerweise entstand die Wirkung des Protektionismus - völlig unabhängig von den vom IWF unterstützten "liberalen Reformern" - durch die plötzliche Abwertung des Rubel nach dem Finanzkollaps vom August 1998 und verschiedene Maßnahmen der Regierung von Ministerpräsident Primakow, die unmittelbar nach der Krise ihre Arbeit aufnahm.

Es wird kaum bestritten, daß die Abwertung des Rubel - die in einer anderen wirtschaftlichen Lage vielleicht verheerend gewirkt hätte - unter den konkreten damaligen Umständen den Aufschwung der Inlandsproduktion ermöglichte. Über Nacht stiegen die Preise für die Importwaren, die den russischen Markt überflutetet hatten, um das Dreifache. Damit wurde es wieder profitabel, in Rußland zu produzieren und - trotz der bekannten Qualitätsprobleme und ungünstiger Kostenfaktoren für die Hersteller - russische Nahrungsmittel und Industriegüter im eigenen Land zu verkaufen.

Allerdings hätte es keine Erholung der binnenwirtschaftlichen Produktion gegeben, wenn die Regierung Primakow nicht eingegriffen hätte, um nach dem Staatsbankrott vom August 1998 das Abgleiten des Landes ins Chaos zu verhindern und bestimmte Grundvoraussetzungen für eine Erholung der produktiven Wirtschaft zu schaffen. Dazu gehörten Maßnahmen wie 1. die Stabilisierung der Landeswährung und der Überreste des Bankenwesens, 2. die Förderung einer graduellen "Remonetarisierung", nachdem unter den Bedingungen der Schocktherapie ganze Wirtschaftsbereiche zum "Naturalienhandel" oder Bartergeschäften übergegangen waren; 3. die Sicherung eines zwar vom Umfang her geringeren, aber immer noch wesentlichen Kreditstroms in den produktiven Sektor sowie 4. die Beschränkung des Anstiegs der Preise für Energie und Dienstleistungen der sog. "natürlichen Monopole", u.a. der Eisenbahn, die hinsichtlich der Gewinnchancen einheimischer Produzenten eine Schlüsselrolle spielen.

Unter Präsident Putin wurde diese Politik in einem gewissen Ausmaß fortgesetzt.

Die Wiederbelebung des Binnenmarktes

Russische Ökonomen heben hervor, daß Rußland dank dieser besonderen Umstände zum ersten Mal seit dem Beginn der verheerenden "Schocktherapie" einen positiven Wachstumskreislauf erlebt: steigende Nachfrage - steigende Produktion - steigende Investitionen und Löhne - dadurch weiter steigende Nachfrage usw.

Die Autoren Tatjana Gurowa und Alexander Iwanter beschrieben diese Situation vor kurzem in der Zeitschrift Expert so:

"Wichtiger noch als die Wachstumszahlen ist die grundlegende Veränderung, die sich in der Volkswirtschaft vollzogen hat. Erstens erlebte die russische Wirtschaft (seit 38 Monaten) ihr erstes normales konjunkturelles Wachstum, in dem Tausende Wirtschaftsbetriebe nicht unter dem brutalen Druck äußerer Umstände, sondern nach ihren eigenen Vorstellungen einer Marktausweitung arbeiteten. Auf diese Weise begann die Wirtschaft einen realen Entwicklungsmechanismus zu verinnerlichen. Zweitens löste Rußland sich in dieser Zeit von der Ausrichtung an einem Wirtschaftsmodell, das sich auf den Export von Primärenergieträgern und Rohstoffen gründete, und spürte zum ersten Mal das Potential des eigenen Binnenmarktes."

Der Begriff "das Potential spüren" unterstreicht die Bedeutung des erwähnten subjektiven Faktors: Die russische Wirtschaft schrumpft zwar in physischer Hinsicht netto immer noch und ist immer noch extrem abhängig vom Export an Primärenergieträgern und Rohstoffen (Rohstoffe machen die Hälfte aller Exporte aus, und die Exporte insgesamt mehr ein Drittel des BIP). Aber zum ersten Mal haben nicht nur Wirtschaftstheoretiker, sondern eine breite Bevölkerungsschicht in der Landwirtschaft, der Industrie und anderen Wirtschaftsbereichen einen Geschmack davon bekommen, wie ein Wirtschaftsaufschwung wirklich aussehen könnte.

Es lohnt sich, Gurowa und Iwanter weiter zu dem Aufschwung seit Ende 1998 zu zitieren:

"Die Abwertung wirkte sofort und durchgreifend... Der Index der Industrieproduktion stieg bereits im September 1998 auf eine jährliche Rate von 3%. Im Oktober 1998 betrug sie fast 15% und im November schon 20%. Der hauptsächliche Grund für einen derart starken Anstieg der Binnenproduktion war die plötzliche Befreiung des Binnenmarktes von Importen - bereits im vierten Quartal 1998 sanken die Importströme von 5-6 Mrd. Dollar auf 3 Mrd. Dollar im Monat."

Hinzu kam 1999 noch ein substantieller Anstieg der Exporteinnahmen. Im Herbst 2000 schwächte sich dieser vom Export gestützte "kleine Boom" ab. Warum, fragen die beiden Autoren, hielt das Produktionswachstum dann 2001 noch an?

"Der wesentliche Unterschied zwischen 2001 und den beiden vorangegangenen Jahren besteht darin, daß sich in diesem Jahr die russische Wirtschaft vom Weltmarkt ,löste' und sich auf der Grundlage der wachsenden Binnennachfrage entwickelte. In jenem Jahr wurde der Mythos des ungeheuren Potentials der russischen Binnenmärkte Wirklichkeit." Die Exporte stiegen nur marginal an, und der reale Wert des Rubels kehrte zurück zu einem mit dem Wert vor August 1998 vergleichbaren Niveau. Die Produktion, die Ende 2000 stagniert hatte, begann wieder erheblich zu steigen und erreichte im August-September 2001 einen jährlichen Wert von 10%. "Der einzige makroökonomische Parameter, der mit einem solchen Produktionsanstieg korrelierte, ist das Realeinkommen der Bevölkerung..., das im Herbst aufs Jahr gerechnet um 15-17% anstieg. Gerade dieser unerwartete Anstieg der Realeinkommen der russischen Bürger bildete die Grundlage für den Nachfrageboom auf der Verbraucherseite Mitte 2001... Der zweite wichtige Faktor waren die Inlandsinvestitionen, die 2001 um 8,8% anstiegen - nun vor allem in Wirtschaftsbereichen, die mit der Binnennachfrage in Verbindung stehen."

Diese Entwicklungen gingen mit einem deutlich gewachsenen Optimismus in breiten Bevölkerungsschichten einher, während in den drei vorangegangenen Jahren noch Bitterkeit und Fatalismus geherrscht hatten.

Die Landwirtschaft

Einige der erfreulichsten Nachrichten stammen aus der Landwirtschaft. So konnte im letzten Jahr eine Getreideernte eingefahren werden, die mit 83 Mio. Tonnen weit höher ausfiel als im Durchschnitt der Jahre 1996-2000 mit 65,2 Mio.t, ganz zu schweigen von dem verheerenden Tiefpunkt von 47,8 Mio.t 1998/99. Die Erträge waren so hoch, daß sie trotz eines starken Anstiegs die Nachfrage überstiegen. So konnte Rußland ca. 4-6 Mio.t exportieren. Landwirtschaftsminister Alexej Gordeew erklärte optimistisch: "Das Ergebnis sollte nicht als Rekord gesehen werden, sondern als Beginn einer schrittweisen Erholung der Landwirtschaft und einer Wiedergeburt Rußlands als Weltgetreidemacht."

Der Hauptgrund für den Ernteerfolg war zwar das außerordentlich günstige Wetter, aber auch in der Landwirtschaft steigen die Investitionen und die Erzeugung seit drei Jahren an. Die russische Agrarproduktion stieg 1999 um 4%, 2000 um 6% und 2001 um 7-8%. Einer der wesentlichen Gründe dafür waren erhebliche Investitionen großer russischer Konzerne - darunter auch Unternehmen aus der Metallurgie, dem Energie- und Rohstoffbereich - , die sich in den letzten Jahren auch ein Standbein in landwirtschaftlichen Großprojekten verschafften, weil sie die steigenden Gewinnchancen im Nahrungsmittelbereich erkannt hatten. Hinzu kommen staatliche Hilfen für das Leasing von Landmaschinen, für Kredite und Kraftstofflieferungen. Die Regierung unternahm auch einige Anstrengungen zur Stützung der Erzeugerpreise.

Der Aufschwung der landwirtschaftlichen Erzeugung stimulierte eine dramatische Erholung bei der Landmaschinenproduktion. Die Produktion von Traktoren verdoppelte sich zwischen 1998 und 1999 nahezu und stieg 2000 nochmals um fast ein Drittel. Die Produktion von Mähdreschern verdoppelte sich 1999 und nahm 2000 sogar um das Zweieinhalbfache zu.

Dennoch muß hier, wie in praktisch allen Bereichen der Investitionsgüterindustrie, eingeschränkt werden: Trotz der Wachstumsraten ist das Produktionsniveau im Landmaschinenbau verglichen mit früher, und mit dem kumulativen Investitionsdefizit, immer noch erschreckend niedrig. Die Neuproduktion wächst weit langsamer, als alte Maschinen ausrangiert werden. (Bei Mähdreschern z.B. betrug dieses Verhältnis 1:4.)

Die Agrarproduktion erholt sich zwar wieder, nachdem sie auf die Hälfte des Niveaus von 1990 geschrumpft war, sie bleibt aber noch erheblich hinter den Bedürfnissen der Bevölkerung zurück. Die "Rekordernte" des letzten Jahres lag mit 82 Mio.t immer noch weit unter der Durchschnittsernte 1986-90 von 104 Mio.t. Die Fleisch- und Geflügelerzeugung erreicht nur 45%, die Milcherzeugung 58% des früheren Niveaus.

Drohende Probleme?

Das Beispiel der Landwirtschaft verdeutlicht den entscheidenden Punkt, den wir zu Beginn angesprochen haben: Selbst mit dem jetzigen Aufschwung liegen die realen Investitionen in die russische Wirtschaft insgesamt immer noch weit unter dem absoluten Minimum, das notwendig wäre, um die immer raschere Erschöpfung der produktiven Basis des Landes und die Verluste an qualifizierter Arbeitskraft und Wissenschaftlern auszugleichen. Nach Schätzungen des Ökonomen Sergej Glasjew schrumpfen die produktiven Kapazitäten derzeit dreimal schneller, als neue Kapazitäten geschaffen werden, und die Investitionen müssen mindestens verdoppelt werden, damit die Wirtschaft wieder wächst.

Es gibt selbst unter den günstigsten inneren und äußeren Bedingungen keine Chance, diese Situation durch "Marktkräfte" zu überwinden. Es ist eine radikale Veränderung der Wirtschaftspolitik geboten, die Regierung muß mit der vorherrschenden "Haushaltssparpolitik à la IWF" brechen. Statt dessen braucht man umfangreiche staatliche Kredite und Investitionen zur Finanzierung eines Aufschwungs auf der Grundlage der Modernisierung der großen infrastrukturellen Basis Rußlands, der Lenkung großer Kreditsummen in öffentliche und private Unternehmen des produktiven Sektors sowie eines "Crashprogramms" für wissenschaftlich-technischen Fortschritt.

Dr. Jonathan Tennenbaum

Lesen Sie bitte auch China will Handel mit Indien ausbauen in dieser Ausgabe

 

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