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Aus der Neuen Solidarität Nr. 24/2003

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Altersgrenze für medizinische Behandlung?

Euthansie. Angesichts leerer Kassen sollen kostspielige Operationen für Menschen ab 75 Jahren nicht mehr von den Krankenkassen finanziert werden, fordern einige sogenannte Experten.

Am 2. Juni wurde in der ARD-Magazinsendung Report Mainz ein neuer Testballon gestartet, um zu prüfen, wie weit die Sparpolitik im Gesundheitswesen getrieben werden kann. Inzwischen sind wir Bürger bereits einiges gewöhnt; was aber in dieser Sendung öffentlich von dem Bochumer Theologen Prof. Joachim Wiemeyer zusammen mit seinem Konstanzer Akademikerkollegen Prof. Friedrich Breyer in die Spardiskussion eingebracht wurde, war buchstäblich atemberaubend. Schockierend insbesondere auch deshalb, weil ausgerechnet ein Theologe einer altersbegrenzten Selektion für teure medizinische Behandlungen das Wort redete.

Bei Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern wie Breyer, für die wir Menschen in der Regel nur statistische Größen sind, erwartet man schon fast nichts anderes mehr, aber bei einem Theologen, der auch noch die Deutsche Bischofskonferenz in gesellschaftspolitischen Fragen berät, schon. Wiemeyer ist der Ansicht, angesichts leerer Kassen müsse die Frage gestellt werden, wer die knappen Leistungen der Krankenkassen in Anspruch nehmen dürfe. Da würde er sich selbstverständlich für die Jüngeren entscheiden. Ihm ist nach eigenem Bekunden durchaus klar, daß diese Diskussion ein Tabubruch ist, weshalb auch im neuesten Papier der Deutschen Bischofskonferenz zu diesem Thema nichts gesagt werde. Kollege Breyer ist ein unverhohlener Vollstrecker des Kosten-Nutzen-Denkens. Er gesteht uns zu, daß wir das "biblische Alter" von 75 Jahren mit Hilfe der Krankenkassen erreichen dürfen, danach sei es eben eine Frage des Geldbeutels, was mit uns geschehe.

Report Mainz leitete diesen Beitrag mit einer Szene aus einer Spielshow-Satire in England ein, in der das Publikum darüber zu entscheiden hatte, ob eine 30jährige Mutter oder ein 77jähriger Rentner eine Dialysebehandlung erhalten soll.

Wiemeyers Auftritt hat sowohl bei der Deutschen Bischofskonferenz als auch im Bistum Essen Proteste und Distanzierungen ausgelöst. Der Vorsitzender der Bischofskonferenz Kardinal Lehmann betonte, Wiemeyer habe seine private Meinung geäußert und nicht an dem Gesundheitspapier der Bischofskonferenz mitgewirkt. Gleichzeitig räumte er, so berichtete die Rheinische Post am 5. Juni ein, Wiemeyer denke seit längerem über Altersgrenzen bei medizinischen Leistungen nach. Offensichtlich mußte dies jedoch erst öffentlich werden, um den Kardinal dazu zu bewegen, ein Gespräch mit Wiemeyer für den 11. Juni 2003 über dessen künftige Rolle für die Bischofskonferenz anzusetzen. Wiemeyer selbst erklärte in der Sendung, bereits seit längerem werde die Frage der Altersbegrenzung medizinischer Leistungen auf wissenschaftlichen Tagungen zwischen theologischen und philosophischen Ethikern, Gesundheitsökonomen und Wirtschaftsethikern thematisiert.

Man fragt sich: Wie weit haben sich Vertreter der katholischen Kirche vom christlichen Menschenbild entfernt? Sind sie bereits Gefangene der "Strukturen der Sünde", die in Zeiten der Krise nur Sparpolitik als Lösung zulassen? Wie weit haben sich diejenigen, die in unserer Gesellschaft über sogenannte Reformen im Gesundheitswesen mitberaten und entscheiden, schon auf die legalisierte Euthanasie festgelegt? Das Papier der Deutschen Bischofskonferenz zur Gesundheitspolitik muß in jedem Fall auf seine Seriosität hin unter die Lupe genommen werden.

Report Mainz fragte den Dialysefacharzt Prof. Wilhelm Schöppe nach seiner Reaktion auf diese Vorschläge: "Wenn Sie mich ganz direkt hören wollen, dann ist mir durch den Kopf gegangen: Das ist Selektion. Da ist die Rampe nicht weit, gedanklich. Es tut mir leid, ich muß das sagen, aber so kann man das nicht entscheiden. Das muß man dann auch medizinisch entscheiden, das ist eine ärztliche Entscheidung." (O-Ton der Sendung).

Vielleicht ist es ja ein Wink des Schicksals, daß am Tag nach dieser Sendung in den Medien berichtet wurde, bis Ende des Jahres solle der Seligsprechungsprozeß des Kardinals Graf von Galen abgeschlossen werden, der von Papst Johannes Paul II. wohlwollend begleitet wird. Zur Erinnerung: Kardinal von Galen, der "Löwe von Münster", sprach sich am 3. August 1941 in der St. Lambertikirche in Münster in einer flammenden Predigt gegen die Euthanasiepolitik der Nazis aus. Er konnte es, trotz Gefahr für Leib und Leben, nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, diese Maßnahmen einfach hinzunehmen.

In seiner Predigt erklärt er "seinen Münsteranern" wortgewaltig, die Euthanasiepolitik, die anordne, Menschen zu töten, weil sie wegen ihrer Behinderung für die Gesellschaft "unproduktiv" seien, werde bald dahin führen, daß jeder, der alt, krank, invalid oder aus anderen Gründen der Gesellschaft nicht mehr nützlich sein könne, in Gefahr gerate. Galen war sich der mörderischen inneren Logik des Nazi-Systems bewußt. Er erinnert aber auch daran, daß das Gebot "Du sollst nicht töten" von Gott in das Gewissen der Menschen geschrieben wurde, längst ehe ein Strafgesetzbuch Mord mit Strafe bedrohte, längst ehe Staatsanwaltschaft und Gericht den Mord verfolgten und ahndeten.

Vielleicht halten einige von Ihnen dies alles für übertrieben. Bedenken Sie aber, wie die Akzeptanzschwelle der Schrecklichkeiten bei den sogenannten Reformen der Sozialsysteme in kleinen Schritten immer mehr gesenkt wurde. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche wurde radikal vorangetrieben und gleichzeitig das Tabu verordnet, über Lösungen jenseits des gegenwärtigen Weltfinanzsystems nachzudenken. Es ist an der Zeit, wieder auf unser Gewissen zu hören.

Birgit Vitt

 

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