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Aus der Neuen Solidarität Nr. 4/2003

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Wie China sein Wirtschaftswunder finanziert

Kreditschöpfung. Mit gezielter Lenkung von Investitionen hat es China geschafft, die Infrastruktur und die produktive Wirtschaft stark auszuweiten, ohne die Inflation anzuheizen.


Kreditschöpfung ohne Inflation
Ähnlichkeiten mit der KfW

Die Infrastrukturkomponente

Eine Lehre für uns

Während der Rest der Welt immer tiefer in der wirtschaftlichen Depression versinkt, erlebt China ein rasantes Wachstum, angestoßen durch riesige Infrastrukturprogramme im ganzen Land.

Selbst die sonst sehr chinakritische New York Times mußte am 13. Januar in einem Artikel auf der Titelseite einräumen, daß China auch im Jahr 2002 ein "robustes Wachstum von 8 Prozent" verzeichnen konnte. "Chinas Regierung, staatliche Banken und Unternehmen sowie ausländische Investoren haben in den ersten elf Monaten des letzten Jahres 200 Mrd. Dollar für grundlegende Infrastrukturvorhaben ausgegeben... Der Umfang der Bauten ist gewaltig... [Er] stellt selbst den New Deal und den Marshall-Plan in den Schatten." Die Zeitung listet die eindrucksvollen chinesischen "Megaprojekte" auf: der Dreischluchtendamm (30 Mrd. Dollar), das gerade begonnene Projekt, Wasser von Süd nach Nord zu leiten (60 Mrd. Dollar), ein modernes Autobahnnetz, neue U-Bahnen in zehn Großstädten, der Transrapid in Shanghai, ca. 9300 km neue Eisenbahnen in den nächsten 2-3 Jahren usw.

Chinas Politik, staatlich gelenkte Infrastrukturinvestitionen als Zugpferd für rasche wirtschaftliche Entwicklung zu verwenden, ist ein wesentliches, für jedermann sichtbares Modell dafür, welche Politik unsere Welt aus der neuen Großen Depression herausbringen kann. Es ist genau die Politik produktiver Kreditschöpfung und hoher Infrastrukturinvestitionen, die Lyndon LaRouche und seine Mitarbeiter seit vielen Jahren fordern.

Chinas Erfolg ist nicht nur ein Vorbild für die vorgeschlagene "Super-TVA" in Amerika und das Landbrückenprogramm in Eurasien, er unterstreicht auch ein schlagendes Argument Helga Zepp-LaRouches im Dialog mit der deutschen Regierung über die Notwendigkeit, das Konzept des Lautenbach-Plans wieder aufzugreifen: Hätte man Anfang der 30er Jahre diesen Plan verwirklicht, dann wäre die Massenarbeitslosigkeit überwunden worden und Hitler wäre nicht an die Macht gelangt.

Warum also sollten Europa und Amerika heute nicht Chinas Beispiel folgen? Für den Bürger ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie Infrastruktur-Großinvestitionen - wie etwa der Bau eines gesamteuropäischen Transrapid-Netzes - Beschäftigung und Produktion ankurbeln. Doch wird man häufig die Frage hören: "Wo soll man das Geld dafür herkommen? Wer liefert die Investitionen?"

Die Antwort wurde zwar schon in zahlreichen Beiträgen dieser Zeitung und Schriften der BüSo gegeben, aber vielleicht ist es hilfreich, sich das eindrucksvolle konkrete Beispiel in der heutigen Welt einmal näher zu betrachten: wie China seinen gewaltigen Infrastrukturaufbau finanziert.

Kreditschöpfung ohne Inflation

Einfach gesagt, hat die chinesische Regierung das benötigte zusätzliche Geld zur Finanzierung des Aufbaus einfach selbst geschaffen. Die gewaltigen Infrastrukturinvestitionen wurden möglich durch eine "expansive Währungspolitik", wie chinesische Ökonomen es nennen: Die Zentralbank (People's Bank of China) hat in den letzten Jahren Geldumlauf und Kreditreserven - unter Ökonomen als Geldmenge M2 bezeichnet - um etwa 15% jährlich ausgeweitet. Die Geldmenge steigt also doppelt so schnell wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Die heute leider selbst bei sogenannten Wirtschaftsexperten gängige Auffassung besagt, daß eine so enorme Geldmengenausweitung automatisch zu Inflation und Währungsunsicherheit führen muß. Die Wirklichkeit hat aber das Gegenteil bewiesen: Trotz dieser raschen Steigerung der Geldmenge sind die Preise in China insgesamt stabil geblieben oder sogar gesunken, und gleichzeitig wurde der Yuan (RMB) eine der "härtesten" Währungen der Welt!

Wie läßt sich diese paradoxe Entwicklung erklären? Auch hier ist die Antwort im wesentlichen einfach: Indem die chinesische Regierung den Großteil des zusätzlichen Geldes als Kredit in den produktiven Sektor lenkt - also Industrie, Landwirtschaft und Infrastruktur - , sorgt sie dafür, daß in der Volkswirtschaft das Angebot an nützlichen Gütern und Dienstleistungen schneller wächst als die effektive Nachfrage. Parallel zu dieser quantitiven Ausweitung der Produktion wurden moderne Technologien eingeführt und die Qualifikation der Arbeitskräfte verbessert, so daß die Produktivität der Industrie insgesamt um mehr als 4% im Jahr anstieg. Das Resultat ist eine allgemeine deflationäre Tendenz in den Inlandspreisen, während die Geld- und Kreditmenge in der Wirtschaft schnell wächst.

Es gelang der Regierung, die Kreditmenge, die in spekulative Bereiche "durchsickert", recht wirksam zu begrenzen - ganz im Gegensatz etwa zu den Vereinigten Staaten, wo die Federal Reserve unter Greenspan aktiv dabei mithalf, in den 90er Jahren auf den US-Finanzmärkten die größte spekulative Finanzblase der neueren Geschichte zu schaffen. Kurz gesagt, die Vermehrung von Geld und Kredit in China wird mehr als "abgedeckt" durch die Ausweitung der Realwirtschaft in Form von mehr realen Gütern, Infrastruktur und notwendigen Dienstleistungen, ohne daß eine riesige Spekulationsblase entstand, wie es in den USA und Europa in den letzen 15 Jahren der Fall war.

Ähnlichkeiten mit der KfW

Konkret erfolgt die Kreditausweitung vor allem über eine höhere Kreditvergabe der Zentralbank, vor allem an die sog. "Großen Vier" (staatlichen) Geschäftsbanken: Bank of China, Construction Bank of China, Agricultural Bank of China sowie Trade and Industry Bank of China.

Eine sehr wichtige Rolle spielt daneben auch die China Development Bank CDB (die frühere Staatliche Entwicklungsbank), eine Einrichtung im Range eines Ministeriums, die direkt Milliardenkredite an die Industrie und für Infrastrukturbauten vergibt. Die von Finanzministerium und Zentralbank finanziell gestützte CDB ähnelt in vieler Hinsicht der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Tatsächlich haben chinesische Ökonomen sogar sorgfältig studiert, wie die KfW entscheidend zum westdeutschen Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit beitrug.

In den letzten Jahren hat Chinas Zentralbank die Geldmenge vor allem dadurch ausgeweitet, daß sie neues chinesisches Geld ausgab (sog. high-power money), um zusätzliche Devisen zu erwerben. Jährlich fließen netto etwa 70 Mrd. Dollar Devisen nach China, davon 20-30 Mrd. Dollar durch den Handelsüberschuß sowie 50 Mrd. Dollar an Nettokapitalzufuhr. Aber diese Methode der Kreditausweitung durch Devisenerwerb ist nicht die einzige. Früher hat die People's Bank of China die Kreditvergabe der Banken auch ausgeweitet, indem sie ihnen direkt höhere Reserven für Kredite zur Verfügung stellte.

Ein anderes Schlüsselement der Kreditpolitik ist ein niedriger Zinssatz von zur Zeit 1,5-1,6% für die entsprechenden Kreditkategorien.

Gleichzeitig wird das hohe Niveau der Direktinvestitionen in die Wirtschaft auch dadurch gehalten, daß die Regierung das Haushaltsdefizit auf moderate ca. 3% des BIP begrenzt. Es wird finanziert durch die Ausgabe von Anleihen in Höhe von 100-150 Mrd. RMB jährlich; dem stehen Steuereinnahmen von 1000 Mrd. RMB jährlich gegenüber. Die Gesamtverschuldung der Regierung in Form von Anleihen beläuft sich derzeit nur auf etwa 17% des BIP. Diese Schulden sind gut abgesichert, weil durch die Ausweitung der Realwirtschaft die Steuerbasis schnell wächst.

Die Infrastrukturkomponente

Ein Schlüsselelement der anti-inflationären Kreditausweitung in China ist, daß neuer Kredit in der Größenordnung von 200 Mrd. Dollar jährlich für grundlegende Infrastruktur ausgegeben wird. Der Auf- und Ausbau der Infrastruktur - Verkehr, Energie, Wasser, Kommunikation usw. - schafft die Grundlage für die rasche und anhaltende Ausweitung der gesamten Volkswirtschaft. Sie stimuliert nicht nur Beschäftigung und Produktion in den Bereichen, die an den Infrastrukturprojekten direkt beteiligt sind, sondern öffnet auch ehemals rückständige Landesteile und rohstoffreiche Gebiete für Entwicklung.

Im typischen Fall kommt die Finanzierung eines Infrastrukturgroßprojekts aus drei Quellen:

Erstens direkte staatliche Investitionen aus dem Haushalt des Finanzministeriums. Dies macht in der Regel ein Drittel der Finanzierung aus.

Zweitens Kredite der staatlichen Geschäftsbanken und sog. "Politikbanken", allen voran der CDB, die direkt der Regierung unterstehen. Diese Gelder werden an Einrichtungen und (meist von der öffentlichen Hand kontrollierte) Unternehmen vergeben, die das Vorhaben bauen und betreiben.

Drittens Gelder der an dem Projekt beteiligten örtlichen Behörden und Unternehmen, welche z.B. in Form von Anleihen im In- und Ausland aufgenommen werden.

Das Recht auf Anleihenemission ist streng reguliert, nur relativ wenige Unternehmen dürfen es unter ganz bestimmten Bedingungen wahrnehmen. Dies sind z.B. Firmen, die Bahnlinien bauen, oder der staatlich kontrollierte Konzern, der den Dreischluchtendamm und dessen Kraftwerke baut und betreibt.

Zusätzliche Gelder für Infrastruktur besorgt die Regierung durch die Ausgabe von Anleihen, meist im Inland; ein Teil davon sind spezifische "Bau-Bonds".

Eine Lehre für uns

Auf diese Weise konnte China seinen Entwicklungsboom finanzieren, während der größte Teil der übrigen Welt in die Depression absinkt. China war klug genug, sich nicht durch Haushaltskürzungen und Austeritätspolitik zu ruinieren wie große Teile der Dritten Welt und nun auch Industrieländer wie Deutschland. Es hat seine produktiven Investitionen beständig ausgeweitet, um mit staatlichen Investitionen das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Ist es nicht an der Zeit, daß Europa und Amerika davon lernen?

Dr. Jonathan Tennenbaum

 

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