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- Hintergrund -

Die "Strategie der Spannung" in Italien

Von Claudio Celani
- Erster Teil -

1969-74 wurde Italien von zahlreichen Anschlägen heimgesucht, für die zunächst linke Kreise verantwortlich gemacht wurden. In Wahrheit waren die Täter Rechtsextremisten und die Drahtzieher Militär- und Geheimdienstkreise aus dem Umfeld der NATO, die eine autoritäre Regierung anstrebten.


Piazza Fontana
Putschpläne

Die Strategie der Spannung wird vorbereitet

Machtkontinuität

Die Bewaffnung der Fußsoldaten

Borgheses Putschversuch

Die Endphase

Noch am Tag der Bombenanschläge von Madrid wandte sich Lyndon LaRouche in einer Erklärung scharf gegen die Behauptung, die Täter seien möglicherweise die ETA oder Al Qaida, und betonte, die Tat erinnere ihn an den Anschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna im Jahr 1980 und allgemein an die sogenannte "Strategie der Spannung" in Italien in den 70er Jahren. In den Tagen danach verwiesen Terrorismusexperten ebenso wie verschiedene Zeitungskommentatoren von sich aus ebenfalls auf diese Parallelen.

Als "Strategie der Spannung" bezeichnet man eine Serie terroristischer Bombenanschläge in Italien, teilweise mit vielen zivilen Opfern, in den Jahren 1969-74. Die Täter waren Rechtsextremisten, hinter denen Leute aus den Geheimdiensten und Streitkräften standen, die damit einen Staatsstreich oder die Einführung eines Polizeistaats vorbereiten wollten, indem sie die Bevölkerung glauben machten, die Anschläge seien Teil eines kommunistischen Aufstands.

Die Strategie der Spannung im engeren Sinn begann mit dem Anschlag auf die Banca Nazionale dell'Agricoltura an der Mailänder Piazza Fontana am 12. Dezember 1969 (allgemein das "Massaker der Piazza Fontana" genannt), bei dem 16 Menschen starben und 58 verletzt wurden. Sie endete mit dem Anschlag auf den Schnellzug Italicus in San Benedetto Val di Sombro am 4. August 1974, bei dem zwölf Menschen umkamen und 105 verletzt wurden. In diesem Zeitraum wurden allein vier geplante oder versuchte Staatsstreiche bekannt.

Der schlimmste Anschlag erfolgte jedoch sechs Jahre später, am 2. August 1980 in Bologna, als ein Koffer mit mehr als 20 Kilogramm Sprengstoff am Hauptbahnhof explodierte, 85 Menschen dabei ums Leben kamen und mehr als 200 verletzt wurden. Die Verantwortung für den Anschlag übernahm die rechte Terrorgruppe NAR (Nuclei Armati Rivoluzionario). Dieser Anschlag gehört strenggenommen hinsichtlich der Absicht und des Zeitpunkts nicht mehr in die Strategie der Spannung; er war nicht mit Plänen irgendeines Umsturzes oder Regierungswechsels verbunden. Aber die beteiligten Terrorgruppen waren Überreste aus der Zeit der Strategie der Spannung, die in den Untergrund gegangen waren und sich umgruppiert hatten. Und genauso wie bei den vorangegangenen Anschlägen taten auch hier synarchistische Kreise in Militär und Geheimdiensten alles, um die Hintergründe zu verschleiern.

Inzwischen wurde im Zuge mehrerer Gerichtsverfahren und parlamentarischer Untersuchungen festgestellt, daß sich durch die Strategie der Spannung vom Piazza-Fontana-Massaker über Italicus bis zum Anschlag von Bologna ein roter Faden zieht. Die wichtigsten Ergebnisse brachten die amtliche Untersuchung in Bologna, die jüngsten Ermittlungen zur Piazza Fontana, die Staatsanwalt Guido Salvini 1992 in Mailand begann, sowie der Parlamentarische Terrorismusausschuß, der von 1994-2001 tätig war.

Das Verfahren in Bologna endete mit der Verurteilung der beiden Neofaschisten Valerio Fioravanti und Francesca Mambro wegen der Ausführung der Tat, des mächtigen Freimaurerbosses Licio Gelli, dessen Mitarbeiter Francesco Pazienza und mehrerer Geheimdienstoffiziere wegen Verschleierung der Tat. In Mailand wurden drei Neofaschisten, Delfo Zorzi, Carlo Maria Maggi und Carlo Rognoni, zu lebenslanger Haft verurteilt. Aber das Urteil wurde in der Berufungsinstanz aufgehoben (am 12. März 2004, genau einen Tag nach den Anschlägen von Madrid, so als wolle man ein Zeichen setzen). Das Verfahren geht jetzt in letzter Instanz an den Obersten Gerichtshof.

Der Parlamentsausschuß unter dem Vorsitzenden Giovanni Pellegrino hat sehr viel zutage gefördert und stützt sich dabei neben eigenen Fachleuten, Zeugenvernehmungen usw. auch auf die Ermittlungen in Bologna und Mailand.

Alle drei Untersuchungen ergaben - wenn auch mit geringen Abweichungen in der politischen Beurteilung - ein ziemlich genaues Bild der Strukturen hinter dem Terrorismus in Italien, besonders dem sog. "schwarzen (rechten) Terrorismus". Pellegrinos Ausschuß erforschte auch die Kehrseite der Medaille, den sog. "roten" Terrorismus und kam zu dem Schluß, daß dieselben Strukturen dahintersteckten. Bemerkenswerterweise nahm der Ausschuß in seine Unterlagen auch eine Veröffentlichung der Partito Operaio Europeo (POE) auf, die bis 1983 LaRouches Organisation in Italien war: Darin wurde schon im September 1978 treffend beschrieben, wer hinter der Ermordung Aldo Moros stand.

Schon seit einiger Zeit gab es warnende Anzeichen dafür, daß man vor neuen Anschlagen auf der Hut sein müßte: Der synarchistische Drahtzieher Gelli meldete sich Ende September letzten Jahres in der Öffentlichkeit zurück, internationale falangistische Gruppen hoben ihre Zusammenarbeit auf eine neue Ebene, u.a. mit der italienischen Forza Nuova, dem Nachfolger der neofaschistischen "Dritten Position", die nach dem Blutbad von Bologna aufgelöst wurde, und die Enkelin des Duce, Alessandra Mussolini, wurde als "Markenzeichen" zur Unterstützung dieser Kreise aufgebaut. Schon im letzten August riet Lyndon LaRouche, man solle ein Auge auf "die Freunde von Mussolinis Enkelin" haben, nachdem US-Vizepräsident Cheney davon gesprochen hatte, man müsse mit neuen großen Terroranschlägen rechnen, die eine Ausweitung des "Krieges gegen den Terror" rechtfertigten.

Nach der Tat von Madrid sind ernsthafte polizeiliche und geheimdienstliche Nachforschungen geboten, damit man richtig reagieren kann. Terrorismus taucht nicht plötzlich aus dem Nichts auf, er hat immer einen Hintergrund und eine Vorgeschichte. Wenn wir uns im folgenden näher mit der Geschichte der "Strategie der Spannung" beschäftigen, wird dies unseren Lesern helfen, mögliche Parallelen zu ziehen und nicht die übliche naive Hexenjagd auf angebliche Täter mitzumachen, mit der sich die wahren Hintermänner schützen wollen.

Piazza Fontana

Die Methode der Täter von Madrid, mehrere Bomben zur gleichen Zeit in Zügen hochgehen zu lassen, ist nicht neu. Vor dem Anschlag an der Mailänder Piazza Fontana Ende 1969 gab es mehrere "demonstrative Aktionen", angefangen mit der Nacht vom 8. auf den 9. August 1969, als zehn Bomben in zehn verschiedenen Zügen deponiert wurden. Acht der Bomben explodierten; sie hatten allerdings wenig Sprengkraft. Die Täter stammten aus einer neofaschistischen Gruppe namens Ordine Nuovo, aber die Ermittler wurden auf die falsche Fährte linker Anarchisten gelockt.

Es gab noch mehrere solcher "demonstrativen Aktionen", bis am 12. Dezember eine neue Ebene erreicht wurde. Es wurden mehrere Bomben mit hoher Sprengkraft deponiert, nicht nur in Mailand, sondern auch in Rom, wo 13 Menschen durch drei Bomben verletzt wurden. Eine weitere Bombe auf dem Platz vor der Mailänder Scala ging glücklicherweise nicht hoch.

Man veranlaßte die Ermittler umgehend, die Täter im linken Lager zu suchen. Zwei bekannte Anarchisten, Pietro Valpreda und Giuseppe Pinelli, wurden verhaftet. Pinelli starb noch am selben Abend, er sprang angeblich aus dem Fenster des Polizeigebäudes, in dem man ihn verhörte. Der amtlichen Untersuchung zufolge war es Selbstmord. Valpreda verbrachte mehrere Jahre im Gefängnis, bis seine Unschuld eindeutig bewiesen war.

Die Anarchisten-Verbindung war eine falsche Fährte, gelegt von den Geheimleuten, welche die rechten Ordine-Nuovo-Terroristen schützten. Sie ließen beispielsweise einen Neofaschisten, der Valpreda ähnlich sah, gleich nach dem Anschlag ein Taxi nehmen, so daß es nach einer Flucht aussah und der Taxifahrer gegen Valpreda aussagen konnte. Doch der Fahrer konnte nicht mehr vor Gericht aussagen: Wie acht weitere Zeugen starb er unter verdächtigen Umständen.

Das ganze Täuschungsmanöver wurde vom Innenministerium koordiniert, dem die Polizei untersteht, genauer gesagt, aus dem Ufficio Affari Riservati (UAR), einer Art Inlandsgeheimdienst, der von Federico Umberto D'Amato geleitet wurde. Pellegrino schreibt über D'Amato, er "war ein alter anglo-amerikanischer Agent, dessen Karriere kurz nach der Befreiung (Italiens vom Faschismus, d. Red.) unter dem Leiter des OSS James Angleton begann". Dank Angletons Förderung wurde D'Amato "Bürochef des Sondersekretärs des Atlantikpakts, dem strategischsten Amt unserer Strukturen, weil es die Verbindung zwischen der NATO und den USA darstellt". Bei Kriegsende arbeiteten im UAR Hunderte ehemalige Beamte aus Mussolinis Salò-Republik, dem norditalienischen Rumpfstaat unter Aufsicht der SS, dessen Milizen die italienischen Partisanen verächtlich republichini nannten.

Der Mailänder Staatsanwalt Guido Salvini hat festgestellt, daß D'Amato den Neofaschisten Delfo Zorzi, der für den Anschlag an der Piazza Fontana zuerst verurteilt und dann wieder freigesprochen wurde, 1968, also ein Jahr vor der Tat, angeworben hatte.

Salvini fand noch mehr heraus. 1992 stellte sich ein Zeuge, Carlo Digilio, den Ermittlern zur Verfügung und enthüllte, daß er Zorzis Gruppe im Auftrag einer Abteilung des amerikanischen Militärgeheimdiensts im Veroneser NATO-Kommando unterwandert hatte. Digilios Vorgesetzte in diesen US-Strukturen kannten sämtliche Anschlagspläne der Zorzi-Gruppe vom 8. August bis zum 12. Dezember. Allerdings behauptete sein Vorgesetzter, Kapitänleutnant David Garrett von der US-Marine, es sei abgesprochen gewesen, daß alle Aktionen "demonstrativ", d.h. unblutig sein sollten.

Digilio berichtete weiter, Garrett habe in Verbindung mit dem nationalen Anführer der Gruppe Ordine Nuovo (ON), der Zorzi in Venetien angehörte, gestanden: Pino Rauti in Rom. Der zweite Beteiligte an dem Anschlag an der Piazza Fontana, Carlo Maria Maggi, leitete die ON-Zelle in Venetien. Der dritte, Giancarlo Rognoni, war Mitglied der Mailänder ON-Organisation, die logistische Hilfe leistete.

Schon 1971 wurden zwei ON-Mitglieder, Franco Freda und Giovanni Ventura, im Zusammenhang mit den Piazza-Fontana-Ermittlungen sowie kleinen Terroraktionen verhaftet. Als jedoch die beiden Mailänder Ermittlungsrichter Gerardo D'Ambrosio und Emilio Alessandrini nahe daran waren, das ganze Netz hinter der Tat aufzudecken, wurde ihnen das Verfahren entzogen und ins süditalienische Catanzaro verlegt, wo Freda und Ventura freigesprochen wurden.

Inzwischen belegen Zeugenaussagen im Rahmen der Ermittlungen Salvinis, daß Ventura die Bomben baute und Freda die Zeitzünder für sie kaufte. Man kann die beiden aber nicht mehr verurteilen, weil sie für dieses Verbrechen schon einmal angeklagt und freigesprochen wurden.

Putschpläne

Das Ziel hinter all dem war eine Art halbautoritäre Machtergreifung. Die bevorzugte Lösung wäre ein technokratisches Kabinett mit öffentlich erklärter Unterstützung durch das Militär nach südamerikanischem Vorbild gewesen; die zweite Option war dann der regelrechte Militärputsch.

Die Aussichten für Putschversuche waren schlecht, weil die Kommunistische Partei einflußreich und auf einen Partisanenkrieg vorbereitet war. Trotzdem wurden solche geplant und beinahe auch durchgeführt. Dies diente vor allem als Drohung, um die gewünschten politischen Resultate zu erreichen. Man muß bedenken, daß Italien 1969 die einzige Demokratie in Südeuropa war, umgeben von Diktaturen in Portugal, Spanien, Jugoslawien und Griechenland. Erst 1967 hatte ein Militärputsch in Griechenland stattgefunden.

Der Plan war 1969 nach Aussage verschiedener Zeugen, daß man Angst und Unruhe in der Bevölkerung schürt, woraufhin der damalige Ministerpräsident Mariano Rumor den Notstand erklärt, die Sozialisten aus der Regierung ausschließt und die Unterstützung der offiziellen neofaschistischen Partei MSI sucht.

Aber Rumor setzte sich nicht durch. Sein Außenminister Aldo Moro verhinderte es, indem er Staatspräsident Guiseppe Saragat, der zunächst für die Ausrufung des Notstandes war, davon abhielt. Es folgte eine lange Regierungskrise, erst nach drei Monaten konnte Rumor ein neues Kabinett bilden.

Moro stand nicht zum ersten Mal vor der Gefahr eines Putsches. 1964 drohte ihm der damalige Staatspräsident Antonio Segni damit, als er über seine erste Regierung mit Beteiligung der Sozialisten verhandelte. Segni, ein rechter Christdemokrat, wurde stark von Oberst Renzo Rocca beeinflußt, dem Chef der Wirtschaftsabteilung (REI) des Militärgeheimdienstes SIFAR. Rocca - der später für FIAT in Turin arbeitete - berichtete Segni, die Führung von Wirtschaft und Finanzwelt gehe davon aus, daß auf eine Regierungsbeteiligung der Sozialisten eine verheerende Wirtschaftskrise folgen werde. In Wirklichkeit fürchteten nur wenige Monopole im Besitz von Familien, die früher Mussolini unterstützt hatten, die neue Regierung werde mit einschneidenden Reformen ihre Macht in Bereichen wie Immobilien, Energie und allgemeiner Finanz- und Wirtschaftsplanung brechen.

Auf Anraten Roccas wandte sich Segni an den SIFAR-Chef Gen. De Lorenzo und ließ ihn eine Liste führender Politiker aufstellen, die im Falle ernster Unruhen oder einer Gefährung der Verfassung in Gewahrsam genommen werden sollten. De Lorenzo erarbeitete einen solchen Plan unter der Bezeichnung Piano Solo (vielleicht weil diese Aufgabe allein den Karabinieri zufallen sollte). Segni gab dann zu verstehen, er wolle den Auftrag zur Regierungsbildung Moro entziehen und an den Technokraten Cesare Merzagora übergeben. Unterstützung erhielt er dabei vom Vizepräsidenten der Europäischen Kommission Marjolin, einem französischen Sozialisten, der im Namen der Europäischen Gemeinschaft Moros Regierungsprogramm angriff. Majorin hatte wahrscheinlich Segni in Paris getroffen, kurz bevor dieser Piano Solo in Auftrag gab.

Moro und seine Verbündeten nahmen Segnis Drohungen ernst und nahmen alles "Gefährliche" aus dem neuen Regierungsprogramm heraus, um eine Verfassungskrise zu vermeiden. Damit war die Mitte-Links-Regierung, auf die Moro ab 1960 mit Rückendeckung der Regierung Kennedy in den USA hingearbeitet hatte, schon flügellahm geboren.

Die Strategie der Spannung wird vorbereitet

Hätte der Wirtschaftsführer Enrico Mattei noch gelebt, wäre alles anders gewesen. Aber Mattei war zwei Jahre zuvor, am 27. Oktober 1962, durch einen Bombenanschlag auf sein Flugzeug beim Landeanflug auf Mailand ums Leben gekommen. Mattei, im Krieg Partisanenführer, Gründer des italienischen Erdölkonzerns ENI und einer der Väter des Wiederaufbaus in Italien, vertrat eine unabhängige Energie- und Außenpolitik. Er stellte die Macht der Energiekartelle im Inland und international in Frage und drängte sie in die Defensive. 1960 warf er seinen ganzen Einfluß - und viel Geld - für Moros Politik in die Waagschale. Seine Ermordung war ein Wendepunkt der italienischen Nachkriegsgeschichte, ein Vorläufer der "Strategie der Spannung " und der darauffolgenden Phasen der Destabilisierung.

Mattei starb auf dem Höhepunkt der Kubakrise nach einer internationalen Medienkampagne, die ihn als Freund der Sowjets darstellte, der nicht vor Geschäften mit Moskau zurückscheue und Italien ins kommunistische Lager bringen wolle. Wie wir in der Vergangenheit dokumentiert haben, kamen Drohungen gegen Mattei von der französischen Terrororganisation OAS und von dem gerade erwähnten Oberst Rocca. Rocca hetzte den damaligen CIA-Chef in Rom, Thomas Karamessines, gegen Mattei auf. Dieses Netzwerk tauchte wenige Jahre später wieder bei den Hintermännern der "Strategie der Spannung" auf.1

Vom 3.-5. Mai 1965, drei Jahre nach Matteis Tod und ein Jahr nach der Piano Solo-Krise, fand im Hotel Parco dei Principe in Rom eine Konferenz des Istituto Alberto Pollio statt, einer Denkfabrik unter der Leitung von Generalstabschef Gen. Giuseppe Aloja. Dieses Treffen gilt als die Planungssitzung der "Strategie der Spannung".

Das Thema hieß "revolutionäre Kriegführung". Die Teilnehmer erörterten verschiedene Aspekte der angeblichen kommunistischen Bedrohung Italiens mit irregulären Methoden und deren Bekämpfung mit den gleichen Methoden - also konterrevolutionäre Kriegführung. Zu den Rednern gehörten der Gründer der neofaschistischen Ordine Nuovo (ON) Pino Rauti, Mario Merlino von der ON, der sich bei den Ermittlungen zum Anschlag auf der Piazza Fontana als Anarchist ausgab, die faschistischen Journalisten Guido Gianetti, Enrico de Boccard und Edgardo Beltrametti sowie Vertreter des Militärs wie die Generale Alceste Nulli-Augusti und Adriano Giulio Cesare Magi Braschi2 sowie Richter Salvatore Alagna vom Mailänder Berufungsgericht.

Anwesend war außerdem Vittorio De Biase vom Edison-Konzern. De Biase war der engste Berater des Edison-Chefs Giorgio Valerio, eines Erzfeindes Moros und Matteis. Vor, während und nach dem Faschismus war Edison vorherrschend im Energiekartell neben dem Konzern SADE unter dem faschistischen Minister Giuseppe Graf Volpi di Misurata.

Machtkontinuität

Edison hatte zwar 300 000 Aktionäre, wurde aber von wenigen Unternehmen beherrscht, welche die Finanzoligarchie verkörperten. Das frühere Eisenbahnunternehmen und jetzige Finanzunternehmen Bastogi hielt das größte Aktienpaket. Ihm folgten Pirelli (Alberto Pirelli war ein enthusiastischer Minister Mussolinis), die Familien Crespi (Eigentümer der einflußreichen Tageszeitung Corriere della Sera und 1964 Gründer der ersten italienischen Umweltschutzorganisation Italia Nostra) und Feltrinelli (Giangiacomo Feltrinelli gründete 1979 die erste linksterroristische Gruppe GAP) sowie Assecurazioni Generali und SADE.

Bastogi war (zusammen mit dem venezianischen Aristokratentrio Volpi-Cini-Gaggia) auch an SADE, Assecurazino Centrale und SME beteiligt. FIAT, Generali, Centrale, Edison und Pirelli hielten Anteile an Bastogi.

Bastogi wurde von Alberto Beneduce als Kern der Finanzmacht unter dem Faschismus gegründet. Beneduce war der Mann, der 1933 das bankrotte italienische Bankenwesen neuordnete, die Deflationspolitik des Duce plante und den staatlichen Mischkonzern IRI gründete. Er war Freimaurer und - wie Mussolini selbst - ursprünglich "Sozialist". Er nannte sogar seine drei Töchter "Idea Nuova Sozialista", "Italia Libera" und "Vittoria Proletaria".

Beneduce erlebte den Untergang des Faschismus nicht mehr, aber er dachte rechtzeitig an die Nachfolge durch die Verheiratung seiner Tochter Nuova Socialista mit dem vielversprechenden Enrico Cuccia, einem Protegé des ersten Finanzministers Mussolinis Guido Jung. Cuccia arbeitete in der Banca Commerciale unter Beneduces Mitstreiter Raffaele Mattioli und war 1946 an der Gründung der Partito d'Azione beteiligt, einer Partei, die rechten Faschismus ablehnte, aber auf die Ideen Giuseppe Mazzinis zurückging. Während des Krieges schickte die Partito d'Azione Cuccia nach Portugal, um mit dem US-Vertreter George Kennan zu verhandeln. Andre Meyer, der synarchistische Chef des Bankhauses Lazard Frères, brachte ihn mit Kennan zusammen. Was die beiden dort aushandelten, ist noch heute geheim.

Bei Kriegsende war die oligarchische Vorherrschaft in der italienischen Wirtschaft gefährdet, weil die großen Staatsbetriebe - darunter die Banken, IRI (über das Beneduce Basogi kontrollierte) und die Zentralbank (die den verstaatlichten Banken gehörte) - nun den neuen politischen Parteien, den Christdemokraten und deren Verbündete, unterstanden. Cuccia war klar, daß die Gruppe um Mattei, den er aus dem Widerstand kannte, eine genaue Vorstellung der staatlichen Rolle in der Wirtschaft im Sinne des Gemeinwohls hatte.

Möglicherweise als Folge der Absprachen mit Kennan erreichte Cuccia eine Art Interessengarantie für die privaten Monopole im neuen Staat durch die Erfindung der halbstaatlichen Mediobanca. Sie wurde 1946 gegründet, und ab 1955 gehörten Lazard und Lehman zu den ausländischen Miteignern. Da Beneduces Bankengesetz von 1936 Investmentbanken verbot, war Mediobanca von 1946-1995 die erste und einzige private Investmentbank Italiens. Über die Mediobanca konnte Cuccia den Privataktionären und anderen "Insidern" immer wieder Gelder (der öffentlichen Anteilseigner) zukommen lassen. Dazu gehörte natürlich auch Giorgio Valeri, der seinen Vertreter zu dem besagten Treffen des Istituto Pollio entsandte.

Die Bewaffnung der Fußsoldaten

Nach dem Treffen des Istituto ergingen erste Marschbefehle an die "Fußtruppen". Noch 1965 veröffentlichten Pino Rauti und Guido Giannettini, zwei Teilnehmer des Treffens in Rom, das Pamphlet Rote Hände über den Streitkräften, um Unterstützer im Militär zu gewinnen.

1966 verkündeten Franco Freda und Giovanni Ventura von der ON, die später am Piazza-Fontana-Anschlag beteiligt waren, die Gründung der paramilitärischen Organisation Nuclei di Defesa dello Stato, die aus Militärs und Zivilisten bestand und sich mit dem geheimen Schläfernetz der NATO namens Gladio überlappte.

In Rom wurde eine weitere neofaschistische Organisation, Avanguardia Nazionale (AN), aktiv. Ihr Chef Stefano della Chiaie wurde auf dem Treffen des Istituto Pollio gesehen, bestreitet aber seine Teilnahme. Am Abend des 12. Dezember legte AN die Bomben in Rom, während Zorzi und die ON-Leute - von Rom koordiniert - in Mailand ihre Bomben auf der Piazza Fonatana und der Piazza Scala deponierten.

Staatsanwalt Salvini zufolge war der eigentliche Kopf hinter den Anschlägen Guerin Serac, früheres OAS-Mitglied und Leiter der Firma Aginter Press, die neofaschistische Gruppen in ganz Europa logistisch unterstützte. Auf Serac ging die Strategie zurück, "scheinbar linksextreme Gruppen zu gründen und existierende zu unterwandern, um ihnen die Verantwortung für Terroranschläge zuzuschieben, um ein Eingreifen der Streitkräfte herauszufordern und so die Kommunistische Partei von jedem bedeutenden Einfluß auf das politische Leben Italiens auszuschließen". Serac, ein französischer "katholischer" Faschist, hatte 1956 in Suez mitgekämpft, als Frankreich, Großbritannien und Israel in Kolonialmanier Ägypten angriffen, nachdem Nasser den Suezkanal verstaatlicht hatte. US-Präsident Eisenhower zwang die drei Mächte, unverrichteter Dinge wieder abzuziehen.

Wie wir gesehen haben, schien der Plan, die Verantwortung für den Mailänder Anschlag den "Anarchisten" zuzuschieben, zunächst aufzugehen. Der Militärgeheimdienst half, indem er Guerin Serac als Marxisten hinstellte. Aber Aldo Moro und sein Freund, Verteidigungsminister Luigi Gui, hatten Zweifel. Gui erhielt andere Berichte, es seien die Neofaschisten gewesen. Und Moro verhinderte, daß Regierungschef Rumor den Notstand verhängte.

Die Strategie der Spannung ging weiter. Am 22. Juli 1970 explodierte in Gioia Tauro in Kalabrien eine Bombe im Freccia del Sud-Express, sechs Menschen starben, 136 wurden verletzt. Im September organisierte die MSI einen Aufstand in Reggio Calabria. Nach tagelangen Zusammenstößen mit der Polizei waren drei Menschen tot, 190 Polizisten und 37 Zivilisten verwundet.

Borgheses Putschversuch

Am Abend des 7. Dezember besetzte Valerio Borghese, der faschistische Kommandeur, den Angleton vor der Hinrichtung durch die Partisanen gerettet hatte, mit einem Zug seiner Miliz das Innenministerium. Es sah aus wie der Beginn eines Militärputsches. Doch um Mitternacht räumten Borgheses Männer das Ministerium, nachdem sie zwei Lastwagen mit Waffen vollgeladen hatten.

Pellegrino bezeichnet Borgheses Vorstoß als "sehr ernsthaften Putschversuch". Nach Aussage verschiedener Neofaschisten war geplant, den Fernsehsender, das Präsidentenamt, das Innenministerium und weitere neuralgische Punkte zu besetzen. Im Hauptquartier der Carabinieri lag ein Plan zur Aufstandsbekämpfung bereit: Führende Gewerkschaftler, Politiker und Militärs sollten verhaftet werden. Der Plan hätte eine Militärdiktatur ermöglicht.

Pellegrino schreibt, in Italien sei auch vermutet worden, die Putschisten hätten Unterstützung im Ausland. "Aber als sie erfuhren, was in Rom vor sich ging, haben die entsprechenden Leute Borghese und seine Männer sofort aufgehalten." Der Geheimdienst schickte 1974 einen amtlichen Bericht über Borgheses Putschversuch an die Staatsanwaltschaft, ließ darin aber viele Namen aus - wie z.B. Adm. Torrisi, Gen. Miceli und die Luftwaffenoffiziere Lovecchio und Casero, alle Mitglieder der Freimaurerloge P2, sowie Licio Gelli, den Kopf der P2 selbst. Borghese konnte sich der Verhaftung entziehen, indem er sich nach Spanien absetzte.

Ordine Nuovo verzieh Ministerpräsident Rumor nicht, daß er keinen Notstand ausgerufen und damit ihre Sache "verraten" hatte. Sie wollten ihn bestrafen. Gianfranco Bertoli wurde für eine entsprechende Ausbildung nach Israel geschickt. Nach seiner Rückkehr wurde er "Anarchist", und am 17. Mai 1973 warf er eine Handgranate in eine Menge, die aus dem Hauptquartier der Mailänder Polizei in der Via Fatebenefratelli kam. Vier Menschen starben, 52 wurden verletzt. Das eigentliche Ziel war Rumor, der in der Menge war, aber unverletzt blieb. Bertoli wurde noch lange für einen Anarchisten gehalten.

Im Oktober 1973 wurde ein weiterer Putschplan aufgedeckt. Er trug den Decknamen Rosa dei Venti (Windrose). Das Zentrum war in Verona, und zu den Anführern gehörte Major Amos Spiazzi.3 Spiazzi unterstand aber wiederum, wie Salvini berichtet, Gen. Magi Braschi, einem der wichtigsten Teilnehmer des Treffens im Istituto Pollio. Braschi - mit dem passenden Vornamen "Julius Cäsar" - "hatte Verbindungen zu Vertretern der OAS wie Jacques Soustelle". Außerdem war er aktiv in einer NATO-Struktur; in einer Geheimdienstakte aus dem Jahr 1963 lobt man seine "Fähigkeiten auf dem Gebiet unorthodoxer Kriegführung" und seine Rolle bei der "Zusammenarbeit der Verbündeten auf diesem Gebiet".

Carlo Digilio, einer der Hauptzeugen Salvinis, berichtete über Spiazzis und Magi Braschis Treffen in Verona mit neofaschistischen Terroristen wie Carlo Maria Maggi und Carlo Fumagelli. Magi Braschi, der 1995 starb, übernahm Anfang der 80er Jahre die Leitung des italienischen Zweigs der Antikommunistischen Weltliga.

1976 wurde in Turin ein vierter Putschplan aufgedeckt, der "Weiße Putsch", der für August 1974 vorgesehen war. Der Anführer war Edgardo Sogno, ein früherer Führer des monarchistischen Widerstands. Auf der Liste der Beteiligten an Sognos Putschvorhaben stehen mehrere Personen, die schon am Plan Windrose und an Borgheses Putschversuch beteiligt waren. Auch Sogno war, wie viele seiner Mitverschwörer, Mitglied der P2.

Diese Überlappungen veranlaßten Staatsanwalt Franco Quadrini in Bologna, der die Geschichte des rechtsextremen Terrorismus untersucht hat, zu der Feststellung: "Das mit den aufeinanderfolgenden Putschversuchen ,Borghese', ,Rosa dei Venti' und ,Sogno' subversive Projekt war in Wirklichkeit nur ein einziges, das von Zeit zu Zeit das eine oder andere daran beteiligte, speziell vorbereitete, Netzwerk mit der Durchführung beauftragte."

Die Endphase

Pellegrino zufolge endete diese Phase 1974. Schon nach Borgheses Putschversuch wurde deutlich, daß diese Strategie keinen Erfolg hatte, weil die Bevölkerung gegen einen Putsch war. Weltweit fanden große Veränderungen statt. Portugal, dann Griechenland schafften ihre Diktaturen ab. In den USA verließ Kissinger die Regierung. Es begann eine neue Strategie, in deren Mittelpunkt wiederum die Loge P2 steht. Der "schwarze" Terrorismus hatte ausgedient, und seine Überreste mußten beseitigt werden, damit die Ermittler nicht die höheren Kommandoebenen entdeckten.

Im der nächsten Folge: die Bombenanschläge von 1974 in Brescia, auf den Italicus-Express und das Massaker von 1980 am Bahnof von Bologna; der Aufstieg der P2 und der Mord an Aldo Moro.


Anmerkungen

1. Aginterpress wurde von OAS-Mitgliedern gegründet und diente als Logistikzentrum der italienischen Neofaschisten. Oberst Rocca finanzierte über SIFAR die Verschwörer vom Istituto Pollio, und Karamessines förderte den US-Geheimdienstmann Theodor Shackley, der Verbindungen zum P2-Boß Gelli hatte.

2. Magi Braschi war Leiter des Büros für unorthodoxe Kriegführung des italienischen Geheimdienstes SIFAR und in dieser Funktion in die NATO-Struktur integriert. Laut Salvinis Ermittlungen war er Anführer der Militärfraktion, die bereitstand, nach dem Anschlag auf der Piazza Fontana an die Öffentlichkeit zu gehen.

3. Spiazzi spielte später nach dem Anschlag auf den Bahnhof von Bologna eine große Rolle, als er in einem Interview den Namen eines neofaschistischen Informanten nannte, der daraufhin ermordet wurde. Das Opfer, Francesco Mangiameli, war der Schatzmeister von Roberto Fiores Gruppe Terza Positione. Mangiamelis "Hinrichtung" (nicht der anschließende Haftbefehl der Staatsanwaltschaft in Bologna) war der Grund dafür, daß sich Fiore nach London absetzte.

 

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