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Aus der Neuen Solidarität Nr. 32/2004

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Ein großer Augenblick der Menschheit...

Montagsdemonstration. Die Leipziger Versammlung vom 26. Juli regte ein Mitglied der LaRouche-Jugendbewegung zu folgenden Gedanken an.

Es gibt unvergeßliche Momente, die von der Vorahnung geprägt sind, daß irgendetwas Bedeutungsvolles bevorsteht. Meistens liegen sie, wie alle wahren Entdeckungen, jenseits der äußeren Umstände, als nebulöser Anfang einer Idee. Diese Momente mögen nicht unbedingt die unmittelbaren Vorläufer eines dramatischen Ereignisses oder herausragender Sachen sein, die allen sofort auffallen. Man spürt sie eher subtil in der Luft, wie Funken einer Spannung oder wie den unwiderstehlichen Drang, einem Gedankenobjekt nachzugehen und herauszufinden, was es ist.

Es ist eigentlich seltsam, und keineswegs offensichtlich, wie aus solchen Momenten Geschichte entsteht. Es erfordert Wachsamkeit und einen scharfen Sinn, die Oberflächlichkeit der Gegenwart mit Gelassenheit zu betrachten und stets in der Zukunft zu leben. Diese Gelassenheit muß man mit einem guten Sinn für Humor festigen, wenn man sich der Realität stellt. Denn es ist allzuleicht, nur auf das zu reagieren, was man sieht, hört oder riecht. Man entwickelt eine Nase für fremde Schwächen, wobei man gern die eigenen übersieht.

Nur eine Marie Antoinette würde behaupten, es erfordere keinerlei Anstrengung, mit den heutigen politischen und sozialen Bedingungen umzugehen. Wir brauchen uns nur an die Löcher in unseren Portemonnaies zu erinnern, und wir spüren die Finanzkrise am eigenen Leibe. Stoisch raffen wir uns auf, sämtliche Gürtel enger zu schnüren. Wenn sie nicht schon gestrichen worden sind, unsere Renten und Sozialgelder, dann muß das Ungeheuerlichste geschehen: den Urlaub in den Süden zu verschieben. Gen Süden ist aber für viele nichts anderes als der Bauchnabel, in Richtung Phantasieland, um möglichst schnell von den Problemen wegzurennen, die sich uns aufdrängen und uns zwingen, darüber nachzudenken, was das eigentliche Problem ist. Dies würde nämlich zu einem dieser Momente führen, von denen wir schon gesprochen haben: zu Momenten der Einsicht.

Für mich war es so, daß ich eines nassen Montags in Leipzig in diesem Moment Dutzende von bunten Regenschirmen sah, unter denen Hunderte von Sachsen standen. Ich lächelte, denn ich konnte nicht anders als an den Text des Chorals von J.S. Bach zu denken: "Unter deinen Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei...".

Aber ich fühlte, wie mein Hals klemmte und mir Tränen in die Augen stiegen, als mir plötzlich klar wurde, welchen Auftritt im Theater der Weltgeschichte wir da vorhaben, und - was viel erschreckender war - welche Rolle ich im Schauspiel der Menschheit spielen könnte. Vor meinem geistigen Auge spielte sich eine Szene ab, in der die Sachsen durch diese Montagsdemonstrationen eine Stoßwelle erzeugen, um nicht nur eine Veränderung der Politik um einhundertachtzig Grad in ihrem eigenen Bundesland zu bewirken, sondern in ganz Deutschland und im Rest der Welt!

Die einzige Frage war: Würde ich freiwillig mein ganzes Dasein dem Guten widmen, es in den Dienst dieses Ziels stellen? Keine leichte Frage, denn im Hintergrund, in den dunkelsten Flecken meines Geistes, hegte ich noch Zweifel und Ängste, und schlimmer - da schlummerten noch Symptome eines "Klein-Ich"-Syndroms.

Diese Symptome bereiteten mir schon seit Schulzeiten erhebliche Probleme, die damals entweder in Form mathematischer Gleichungen oder als grundlegende Annahmen in den Naturwissenschaften aufkreuzten. Ein Beispiel wäre der entscheidende Tag im Chemieunterricht, wo man uns lehrte, die Welt sei aus Teilchen zusammengebaut, die noch in kleinere Stücke auseinander genommen werden könnten, bis man bei den kleinsten aller möglichen Teilchen angelangt sei, den Grundteilchen oder Urteilchen des Universums, woraus sich einfach alles wieder aufbaut.

Diese Theorie ist von mir damals brav und ohne Widerrede angenommen worden. Erst später tauchten die Implikationen für das eigene Leben auf: Sie lauteten z.B., daß auch Menschen aus diesen Teilchen bestünden und sich immer weiter zerteilen lassen (wie das Sozialwesen in Deutschland). Und im Endeffekt seien auch die Menschen selbst nur Punkte im leeren Raum, die keinerlei Verbindung zum Ganzen haben.

Ich dachte, weder ich noch andere könnten als historische Individuen aufgrund unseres gesetzmäßigen Verhältnisses zum Ganzen die Welt verändern; kein Mensch könne einen einmaligen Beitrag zum Gemeinwohl leisten, der auch weit über den Zeitraum seiner physischen Existenz hinausragt. Das ist absurd - wie uns Lyndon LaRouche, demokratischer Präsidentschaftskandidat in den USA, mit seinem Leben und seiner tapferen Intervention in die US-Politik gegen die Neokonservativen heute prinzipiell beweist.

Aber als ich die knapp 160 Demonstranten ansah, die singend durch die Straßen von Leipzig marschierten und die ruhig und erwartungsvoll auf mich blickten, als ich durch den Lautsprecher eine kurze Rede hielt, kam mir in den Sinn, was Leibniz oder Schiller oder Bach wohl den Leuten an diesem Tag hätten vermitteln wollen.

Vielleicht hätten sie gesagt, alle Anwesenden an diesem Tag sollten sich die Geschichte des Fleckchen Bodens, auf dem sie gerade stehen, ins Gedächtnis zurückrufen. Daß sie zur Kenntnis nähmen, wie viele Opfer aufgebracht werden mußten von den großen Denkern, die mit ihren Ideen den Boden bewässerten, von den großen Dichtern, die ihn beackerten, den großen Anführern, unter deren Obhut die Ernte anwuchs, und den beliebten Musikern, die die Wende der Jahreszeiten hervorriefen, damit die Ernte gedeihen konnte. So marschieren Schiller, Bach, Leibniz und viele andere jeden Montag mit uns mit, wenn wir die Sachsen auffordern, sich selbst wieder als Glieder einer historischen Kette zu erkennen.

Sie können jetzt die Früchte der Arbeit dieser großen Geister pflücken lernen und aus den Samen neue pflanzen für zukünftige Generationen. Denn diesmal heißt es: "In Sachsen muß die Wirtschaft wachsen!" Was vor drei Wochen als eine kleine Versammlung von ungefähr 30 Leuten anfing und sich seitdem verfnffacht hat, sieht so aus, allein nach den täglichen Anrufen zu urteilen, als ob es auf die Zahl von rund 500 Menschen anschwellen wird! Wer also am nächsten Montag nicht in Sachsen ist, verpaßt wahrscheinlich genau einen solchen unvergeßlichen Moment.

Portia Tarumbwa

 

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