* * * Internetforum mit Helga Zepp-LaRouche * * *
Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Gehe zu ... Kernthemen Suchen Abonnieren Leserforum

Artikel als
=eMail=
weiterleiten

Aus der Neuen Solidarität Nr. 33-34/2004

Jetzt
Archiv-CD
bestellen!

  Produktive Kreditschöpfung 
  Neues Bretton Woods
  Glass-Steagall
  Physische Wirtschaft
  Kernenergie
  Eurasische Landbrücke
  Transrapid
  Inflation
  Terror - Cui bono?
  Südwestasienkrise
  11. September und danach
  Letzte Woche
  Aktuelle Ausgabe
  Ausgabe Nr. ...
  Heureka!
  Das Beste von Eulenspiegel
  Erziehungs-Reihe
  PC-Spiele & Gewalt 
  Diskussionsforum
  Wirtschaftsgrafiken
  Animierte Grafiken

Kommentar

Physische Ökonomie, die "verbotene Wissenschaft"


Blaubarts Verbot
Nicht-lineare Prozesse

Medizin der Schröpfköpfe

Angela Merkels Politberater Wolf Singer behauptet (mit dem Nimbus eines auf Trivial-Empirismus zurückgeworfenen Hirnforschers), wir müßten "uns von der Utopie der Planbarkeit der eigenen Zukunft verabschieden und mit den Einsichten in unsere Begrenztheit ernstmachen". Auf Merkels Webseite schreibt Singer: "Die Erkenntnis, daß große Entwürfe und Fünf-Jahres-Pläne die Tendenz haben, an der sich ändernden Wirklichkeit zu scheitern, ist nicht neu - neu hingegen ist, daß es rationale Erklärungen für die Notwendigkeit des Scheiterns gibt."1

Neu ist das Argument wirklich nicht, man kennt es schon von Adam Smith (18. Jh.), Friedrich von Hayek (Mitte 20. Jh.) und den "Schocktherapeuten" der 90er Jahre, die jegliche wirtschaftspolitische Planung mit kommunistischer Planwirtschaft gleichsetzten und statt dessen die Ideologie predigten: Jeder möge von Staat und Gesetz möglichst ungehindert seinen egoistischen Vorteil verfolgen, die "unsichtbare Hand" des Marktes werde dann schon für den Ausgleich der Interessen sorgen.

Jeder kennt skurrile Geschichten über absurde Fehlplanungen der kommunistischen Kommandowirtschaft. Trotzdem drängt sich die Frage auf, wo wohl der deutsche Export heute wäre ohne den Zehnjahres-Entwicklungsplan der Volksrepublik China! Es ist also offenbar nicht ein "Plan" so absurd wie der andere. Zudem muß man scharf unterscheiden zwischen zentralistischer Planwirtschaft und "indikativer Planung", wie sie z.B. beim Wiederaufbau Westeuropas in der Nachkriegszeit sehr erfolgreich angewendet wurde. Worin dieser Unterschied besteht und was diesen Erfolg bewirkte, wäre z.B. ein wichtiges Thema der "verbotenen Wissenschaft" der Physischen Ökonomie.

Blaubarts Verbot

Ein altes Märchen berichtet von König Blaubart, der seiner jungen Frau streng untersagte, ein verbotenes Zimmer in seinem Schloß zu betreten. Sie tat es natürlich doch und fand, o Graus, in dem verbotenen Zimmer die Leichen der ihr vorangegangenen Blaubartgattinnen. Mit der "verbotenen Wissenschaft" verhält es sich freilich anders: Die Todesopfer der neoliberalen Wirtschaftsblaubärte liegen ja ganz unversteckt überall auf der Welt herum! Nein, die verbotene Wissenschaft der Physischen Ökonomie würde vielmehr enthüllen, warum und auf welche Weise ihr Tod hätte vermieden werden können. Und wenn das jeder wüßte, läge die kriminelle Inkompetenz der heutigen Blaubärte offen zutage, die frech behaupten, "daß wir unsere Welt nicht unseren Bedürfnissen entsprechend frei strukturieren können" (Singer).2 Aber genau das ist Sinn und Zweck der Physischen Ökonomie.

Die Blaubartökonomie hingegen entspricht einem extremen Reduktionismus in der Naturwissenschaft. Sie reduziert alle wirtschaftlichen Prozesse auf Geld, anstatt den realwirtschaftlichen Kreislauf der erweiterten Reproduktion in den Vordergrund zu stellen, in dem die Produzenten zugleich die wichtigsten Konsumenten sind. Sie reduziert das Handlungsmotiv auf Eigennutz und Vorteilsnahme und bekräftigt die Nullsummenmaxime "des einen Verlust ist des anderen Gewinn." Damit wird der uralte Grundsatz erfolgreicher Staatskunst verletzt: Kein Bürger dürfe aus dem Schaden eines anderen Vorteil ziehen, denn daraus folgt der Totalschaden für das Gemeinwesen. Und schließlich reduziert die Blaubartökonomie wirtschaftlichen Gewinn auf das Prinzip "billig einkaufen, teuer verkaufen", was lediglich die Mentalität des Händlers erfaßt, während es die Wertschöpfung durch veredelnde Produktion völlig außer acht läßt.

Das entscheidende Prinzip der Physischen Ökonomie, auf das besonders Friedrich List und Lyndon LaRouche hingewiesen haben, ist aber dieses: Wenn eine Idee, eine Erfindung, die Schöpfung eines menschlichen Geistes, sich niederschlägt im Design einer neuen Maschine, die zur Einführung einer neuen und um ein Vielfaches produktiveren industriellen Fertigungstechnik auf breiter Ebene führt, dann verändert dies die ganze Volkswirtschaft. Der höhere technische Entwicklungsgrad dieser Volkswirtschaft ermöglicht eine Steigerung des Lebensstandards der Gesellschaft und erhöht auch ihr Bevölkerungspotential. Je höher der technologische Entwicklungsstand einer Nation, desto mehr Menschen pro km2 können dort bei einem angemessenen Lebensstandard ihr Auskommen finden.3

Voraussetzung dazu ist ein investitionsfreundliches Klima, es muß sich für den Unternehmer lohnen, zu investieren und zu reinvestieren - heute, unter den Vorzeichen des Shareholder Value ist das Gegenteil der Fall.

Wer exportieren will, der muß für das Recht auf Entwicklung anderer Nationen eintreten, auch wenn er sich mit den Blaubärten bei IWF und Banken anlegen muß. Ebenso wäre die Absurdität des Konzepts der Globalisierung nach den Kriterien der Physischen Wirtschaft sofort einsehbar gewesen: Wer soll denn die Produkte kaufen, die zu immer niedrigeren Löhnen irgendwo hergestellt werden, während hier bei uns immer mehr Leute arbeitslos werden?

Nicht-lineare Prozesse

Wissenschaftliche Untersuchungen auf dem Gebiet der Physischen Ökonomie befassen sich z.B. mit den harmonischen Verhältnissen, die für eine gesunde oder krankhafte Wirtschaftsentwicklung charakteristisch sind: etwa dem Verhältnis zwischen Kapitalinvestitionen und Lohnkosten, oder dem Verhältnis zwischen Beschäftigten in der produzierenden Wirtschaft und im Dienstleistungssektor, oder zwischen Schuldendienst und Investitionen in die "harte" (Verkehr, Energie, Kommunikation) und "weiche" Infrastruktur (Gesundheit, Bildung) als Anteil am Staatshaushalt.

Physische Ökonomie könnte man auch als "Wissenschaft vom Gemeinwohl" bezeichnen. Man hüte sich aber vor der irrigen Vorstellung, daß es hier um die Auffindung irgendeiner "Formel" ginge. Denn wirtschaftliche Prozesse sind nicht-linear, da hat Wolf Singer ausnahmsweise recht. Schon wenige Jahre umspannende Untersuchungen erfordern nicht-lineare Denk- und Rechenmodelle.

Riemann-LaRouche-Modell
Die Kreisfläche entspricht der relativen Bevölkerungsdichte einer Gesellschaft, der Kreisumfang der kontinuierlichen Aktion zur Aufrechterhaltung des gegebenen Potentials.
Der Kegel "umhüllt" eine Reihe von Kreisflächen mit wachsendem Radius, die einem zunehmenden relativen Bevölkerungspotential entsprechen. Die Wirtschaftsentwicklung wird durch eine sie verbindende Spirale auf der Kegeloberfläche dargestellt. Der Steigungswinkel der Spirale wird durch die Reinvestitionsrate bestimmt.
Der variable Öffnungswinkel α des Kegels stellt hier die Kapitalintensität dar. In einer gesunden Wirtschaft nimmt sie zu, d.h. der Kegel wird immer breiter.
Bereits Ende der 80er Jahre stellte das "Riemann-LaRouche-Modell" einen solchen Versuch dar, längerfristige und damit nicht-lineare wirtschaftliche Entwicklungsprozesse geometrisch darzustellen: nämlich in Form einer Spirale auf einem Kegelmantel, wobei der Öffnungswinkel des Kegels sich vergrößert, wenn die Gesamtproduktivität der betreffenden Volkswirtschaft und zugleich ihr relatives Bevölkerungspotential zunimmt, bzw. abnimmt, wenn die Wirtschaft sich negativ entwickelt.4 Es ist ein pädagogisches Modell mit noch mehreren weiteren Stufen und ist vor allem dazu gedacht, sich einen nicht-linearen wirtschaftlichen Prozeß bildlich vorzustellen.

Insofern zeugt es von beträchtlicher Ignoranz, wenn Wolf Singer behauptet, die "rationale Erklärung" für das notwendige Scheitern aller Wirtschaftspläne seien die begrenzten "kognitiven Fähigkeiten" des Menschen, die an solchen komplexen, nicht-linearen Systemen notwendig scheitern müßten: "Weil sich hoch nicht-lineare Prozesse ohnehin kaum prognostizieren und steuern lassen, gab es in der Evolution keine Notwendigkeit, kognitive Systeme zu entwickeln, die sich komplexe nicht-lineare Vorgänge ,vorstellen' können."5 Langfristige Prognosen seien unmöglich, deshalb müsse grundsätzlich allen Handlungsbegründungen mißtraut werden, die sich auf solche Prognosen beziehen.

Dieser Warnung könnte man sich nur insofern anschließen, als die heute gängigen systemanalytischen Rechenmodelle zweifellos für Prognosen der Physischen Ökonomie untauglich sind. Bei Singer richtet sich das Argument jedoch überhaupt gegen jeden Versuch, anhand langfristiger Prognosen lenkend in die Wirtschaft einzugreifen, denn "aus prinzipiellen Gründen" sei weder eine "übergeordnete Metaintelligenz" noch irgendein Führungskollektiv in der Lage, "die Entwicklungstrajektorien des Gesamtsystems durch dirigistische Eingriffe in die gewünschte Richtung zu lenken."

Groß und dick hängt also hier wieder Blaubarts Verbotsschild: Nur keine physischen Wirtschaftsprognosen und Aufbauziele! Wehe den Dirigisten!"

Medizin der Schröpfköpfe

Eigentlich ist es der Offenbarungseid eines auf politische Abwege geratenen Forschers, der vielleicht einmal über den Empirismus hinauswollte, um dann in dessen trivialste Abgründe zurückzufallen. Warum? Weil die moderne Hirnforschung zwar die neuronale Aktivität sichtbar machen kann, nicht aber den Inhalt auch nur der kleinsten Idee! Man sieht, was neurophysiologisch im Gehirn abläuft, aber ob eine Idee richtig, und damit in der Wirklichkeit der Noosphäre wirksam ist, oder eben falsch und unwirksam - dieser gravierende Unterschied entzieht sich der sinnlichen Wahrnehmung, sondern erschließt sich nur durch Denken, nur im Reich der Ideen. Diese Ideen, vor allem die "wirksamen Ideen" gehören in Wladimir Wernadskijs Noosphäre, wo auch die Physische Ökonomie zuhause ist.6

Singer endet sein Traktat mit einem existentialistischen Aufruf zu einer "neuen Kultur der Demut, in der pragmatische Nahziele wie etwa Leidensminimierung, Empathiefähigkeit und Toleranz zum Primat werden." (Man sträubt sich mit Recht, diese drei großherzigen Tugenden zu Attributen verordneter Selbstlähmung und unterlassener Nothilfe abgewertet zu sehen. Zumal der Patient, die schwerkranke Weltwirtschaft, eine fachkundige Behandlung dringend nötig hätte.)

Singer fährt fort: "Wenn wir uns dann auch noch in dem Konsens solidarisieren könnten, daß uns unser Nicht-Wissen-Können eint, wenn wir lernen könnten, diese kollektive Geworfenheit auszuhalten und uns nicht wie bisher durch Abgrenzung vom anderen als besser Wissende bestätigen müßten, dann hätten wir durch die Einsicht in unsere Grenzen die Würde wiedergefunden, die uns diese Einsicht vermeintlich geraubt hat. Demut als Utopie."

Singer schlüpft in die Rolle des mittelalterlichen Arztes und scholastischen Gelehrten, der in frustrierter Einsicht seines "Nicht-Wissen-Könnens" auf Behandlung seiner Patienten ganz verzichtet. Ob er wohl seiner Schülerin Angela Merkel von Aderlässen und Schröpfköpfen ("Hartz V", PKW-Maut, Kopfprämie etc.) abraten wird?

Dabei gab es damals im finsteren Mittelalter außerhalb Europas durchaus eine medizinische Wissenschaft, die sich sehen lassen konnte. Der Canon des persischen Arztes und Philosophen Ibn Sina (980-1063) war bis ins 17. Jh. das maßgebliche medizinische Handbuch der westlichen und östlichen Welt. Die Wissenschaften des Orients waren im Mittelalter viel weiter entwickelt als des Westens, der dafür mehrere Kreuzzüge gegen den Osten führte.

Auch heute brauchen wir statt neuerlicher Kreuzzüge lieber mehr wirkliche Wissenschaft im Dienste der Menschen. Eine der am meisten vernachlässigten Disziplinen ist dabei die Physische Ökonomie, deren Prinzipien von LaRouche dargelegt worden sind und die ein weites, und noch unbeackertes, Feld für ungemein notwendige und interessante Untersuchungen bietet.7

Gabriele Liebig


Anmerkungen

1. Siehe www.angela-merkel.de.

2. Wolf Singer, "Über Bewußtsein und unsere Grenzen. Ein neurobiologischer Erklärungsversuch", Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt/Main.

3. Lyndon LaRouche, Was Sie schon immer über Wirtschaft wissen wollten, Erstausgabe 1985, im PDF-Format auf CD, Böttiger Verlag, Wiesbaden 2004.

4. Darstellung des "Riemann-LaRouche-Modells" im Anhang von L. LaRouche, Christentum und Wirtschaft, Böttiger-Verlag, Wiesbaden 1992, S.259ff.

5. Dieses und alle weiteren Zitate von Singer, siehe Anm. 2.

6. Zu Wladimir Wernadskij siehe J. Tennenbaum, FUSION Nr. 3/2001, www.solidaritaet.com/fusion/2001/3/jbt.htm.

7. Siehe "Kernthema: Physische Wirtschaft", Neue Solidarität online, www.solidaritaet.com/neuesol/wirtschaft.htm.

 

Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Kernthemen Suchen Abonnieren Leserforum