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Aus der Neuen Solidarität Nr. 37/2004

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Physische Ökonomie

Ein Beispiel für die Anwendung des LaRouche-Wirtschaftsmodells aus dem Jahre 1986

Von Ralf Schauerhammer und Jonathan Tennenbaum

Wirtschaftswissenschaft. Die Alternative zu Staatspleite und Zerschlagung des Sozialstaats (Hartz IV, Gesundheitsreform etc.) ist ein Kurswechsel, den man zwar auf die einfache Formel "Produktion statt Spekulation" bringen kann, der in Wirklichkeit jedoch um einiges komplizierter ist und ein grundlegendes ökonomisches Umdenken erforderlich macht. An die Stelle der gescheiterten neoliberalen Wirtschaftstheorie und ihrer Shareholder-Value-Exzesse muß die Physische Ökonomie von Leibniz, List und LaRouche treten. Um diese "verbotene Wissenschaft" erneut ins Blickfeld zu rücken, greifen wir hier auf einen Artikel über das "LaRouche-Riemann-Modell" zurück, der in der Zeitschrift Fusion (Heft 2/1986) erschien.


Der wirtschaftliche Reproduktionsprozeß
Die bundesdeutsche wirtschaftliche Entwicklung

Die "Technologiefunktion"

Der Begriff der "Energieflußdichte"

A. Berechnung von C

B. Berechnung von V

C. Berechnung von S

D. Berechnung von D

E. Berechnung von S'

F. Bedeutung der Datenreihen

G. Berechnungen

Seit einigen Jahren werden sogenannte ökonometrische Modelle mit zunehmender Skepsis betrachtet, und das aus gutem Grund: Sie taugen meistens nichts. Zu oft haben sich die mit diesen Modellen erstellten Prognosen als falsch erwiesen. Eine Ausnahme bildet das LaRouche Wirtschaftsmodell, dessen Analysen gerade bei entscheidenden wirtschaftspolitischen Eingriffen der letzten Jahre immer richtig lagen... Die üblichen Wirtschaftsprognosen haben mit zwei Problemen zu kämpfen. Erstens bringen sie zumeist politische Zielsetzungen zum Ausdruck und sind lediglich der Form nach objektive Wirtschaftsvoraussagen. Die implizierten politischen Zielsetzungen verfälschen die der Analyse zugrundeliegenden Hypothesen in einer Art und Weise, die selbst bei "richtigen Daten" zu falschen Resultaten führt. Ein notorisches Beispiel für diesen Fehler sind die Berichte an den Club of Rome. Zweitens geht in die Modelle, selbst wenn sie versuchen, "völlig objektiv" zu sein, die vorherrschende Wirtschaftstheorie ein, die seit Jahrzehnten von der monetaristischen Sichtweise der britischen Wirtschaftsschule bestimmt ist. Diese Theorie betrachtet die Wirtschaft irrigerweise als "Nullsummenspiel" von Geld- und Kapitalströmen.

LaRouche geht ganz entschieden von einer Wirtschaftstheorie aus, die ihre Wurzeln in der "Kameralistik" von Gottfried Wilhelm Leibniz, der "politischen Ökonomie" der amerikanischen Gründerväter, der "Polytechnique" Lazard Carnots und der "Nationalökonomie" von Friedrich List hat. Die Wirtschaft wird vor allem durch ihre technologische Komponente bestimmt; im ökonomischen Neuhochdeutsch hieße das, sie sei "technology-driven". Genau wie es bei einer Maschine von der inneren Organisation ihrer verschiedenen rotierenden Komponenten (zum Beispiel Turbinenrad, Getriebeteile oder rotierende elektromagnetische Felder im Elektromotor) abhängt, ob diese Maschine wirkungsvoll Arbeit leisten kann, so mißt sich die Entwicklung des wirtschaftlichen Reproduktionsprozesses an der mit den jeweils zur Verfügung stehenden Technologien realisierbaren Gesamtarbeit.

Bei diesem Vergleich mit einer Maschine muß jedoch von vornherein betont werden, daß die Wirtschaft nicht "mechanistisch" abläuft. Während sich jede Maschine mit der Zeit selbst verbraucht, erhält sich der wirtschaftliche Reproduktionsprozeß nicht nur auf dem bisherigen Niveau, sondern kann sich selbst erweitern. Das entspräche einer Maschine, die sich selbst reparieren, verbessern und vergrößern kann. Deutlichster Ausdruck dieser Erweiterungsfähigkeit des menschlichen Reproduktionsprozesses ist die Verfünftausendfachung der menschlichen Bevölkerungsdichte über den von Mutter Natur vorgegebenen "biologischen" Wert hinaus. Die ,Wirtschaftsmaschine" beinhaltet eben den schöpferisch-produktiv tätigen Menschen, der seine Fähigkeit, die Natur zu bearbeiten, fortwährend verbessern kann und muß.

Der wirtschaftliche Reproduktionsprozeß

Wie können die wichtigsten Parameter dieses Reproduktionsprozesses bestimmt und gemessen werden? Der grundlegendste Parameter für die erfolgreiche Entwicklung der Wirtschaft ist das bereits im vorigen Absatz angedeutete relative Bevölkerungsdichtepotential. Darunter ist jedoch nicht einfach die Anzahl der jeweils lebenden Menschen zu verstehen. Es handelt sich hier überhaupt nicht um eine skalare, sondern um eine geometrische Größe. Für den Augenblick reicht es jedoch festzustellen, daß dieser Wert eine sehr konkrete wirtschaftliche Bedeutung hat. Sie trat im Verlauf der großen Krisen der Menschheitsgeschichte wiederholt schmerzlich zu Tage, wenn nämlich das Absinken des relativen Bevölkerungsdichtepotentials einen Großteil der existierenden Bevölkerung durch Hunger und Seuchen auslöschte.

In der größtmöglichen Vereinfachung kann man den Reproduktionsprozeß auf die ihn tragende Bevölkerung und die ihr zur Verfügung stehenden Produktionsanlagen reduzieren. Abbildung 1 stellt dieses dar. Ein Teil der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter erzeugt die zum Verbrauch verfügbaren materiellen Waren (diese Größe ist mit T bezeichnet). Diese materiellen Waren müssen mindestens ausreichen, um die gesamte Bevölkerung (V) und die Produktionsanlagen (C) zu erhalten. Nach Abzug dieser beiden Anteile verbleibt ein Surplus (mit S bezeichnet). Um den zur Erweiterung des Reproduktionsprozesses verfügbaren Anteil (S') zu bestimmen, muß man noch den Teil der materiellen Waren abziehen, der (genau wie die Verlustwärme bei einer Dampfmaschine) für den Reproduktionsprozeß verloren geht. Dieser mit D bezeichnete Anteil besteht aus dem materiellen Verbrauch, der von den nicht unmittelbar produktiven Wirtschaftsaktivitäten ausgeht. Dazu zählen notwendige Aufgaben wie Krankenhäuser, Schulen, Polizei und Militär. Auch wirtschaftlich völlig unnötig verbrauchte und verschwendete Güter wie Spielkasinos, Flugzeuge von Drogenhändlern und mittlerweile ganze "Bahnhofsviertel" müssen vom Surplus abgezogen werden.

Mit diesen einfachen Begriffen ist man bereits in der Lage, die größten Dummheiten zu erkennen, die heute von einigen Wirtschaftstheoretikern verbreitet werden. Da wird zum Beispiel behauptet: "Umweltschutz schafft Arbeitsplätze!" Das ist großer Quatsch. Umweltschutzmaßnahmen sind Ausgaben. Sie schaffen direkt keinen materiellen Wert. Das heißt, Umweltschutz ist Teil von D. Die im Umweltschutz verbrauchten Werte müssen im unmittelbar produktiven Bereich der Wirtschaft erarbeitet werden. Wenn schon unbedingt eine Beziehung zwischen Arbeitsplätzen und Umweltschutz hergestellt werden soll, dann so: "Nur durch genügend produktive Arbeitsplätze ist Umweltschutz möglich."

Die gleiche Überlegung gilt übrigens auch für das Gesundheitswesen. Das sollte jenen zu denken geben, die sich für Kostendämpfung im Gesundheitssektor stark machen. Muß es erst soweit kommen, daß "teure" Patienten im Sinne der wieder aufkeimenden Euthanasiebewegung "weggespritzt" werden, bevor jemand auf die Idee kommt, daß eine moderne Krankenversorgung nur auf einer produktiven Wirtschaft aufgebaut und erhalten werden kann?

Das Problem ist in Wirklichkeit nicht die Kostendämpfung, sondern die Ausweitung und Produktivitätserhöhung des produktiven Teils der Wirtschaft, um die mit D bezeichneten notwendigen gesellschaftlichen Kosten bestreiten zu können. Damit entpuppt sich auch das Gerede von dem "wünschenswerten Trend zur nachindustriellen Gesellschaft" als dummes Geschwätz. Eine übermäßige Aufblähung unproduktiver Aktivitäten, und nichts anderes ist mit "nachindustrieller Gesellschaft" gemeint, ist genauso wünschenswert wie ein Kropf oder die Wassersucht.

Es ist mit diesen einfachen Begriffen möglich, die inneren Dynamik des wirtschaftlichen Reproduktionsprozesses zu beschreiben (Abbildung 2). Genau analog zur Thermodynamik von Maschinen wird man fragen: Was muß ich aufwenden, um den zur Erweiterung verfügbaren Surplus S' zu erzeugen? Das ist die Frage nach dem Verhältnis S'/(C+V). In einer gesunden Wirtschaft wird sein Wert steigen. Gleichzeitig wird der Einsatz von Maschinen gegenüber dem Einsatz menschlicher Arbeitskraft zunehmen, das heißt, das Verhältnis C/V steigt an. Gleichzeitig muß natürlich der pro Kopf der Bevölkerung verfügbare absolute Wert von V ansteigen, und auch D wird bei steigender Arbeitsteilung zunehmen. Dabei muß D jedoch langsamer ansteigen als S. Dieses ist natürlich nur möglich, wenn der materielle Gesamtausstoß T der Wirtschaft ausreichend schnell ansteigt.

Nun kommt es darauf an, diese Größen für die verschiedenen Volkswirtschaften genau zu bestimmen... Im folgenden werden wir die Situation in der Bundesrepublik untersuchen, indem als Rohdaten die bereits von anderen Behörden, vor allem dem Statistischen Bundesamt, zusammengetragenen Daten verwendet werden. Diese Vorgehensweise hat allerdings den Nachteil, daß sie zwangsläufig ungenauer ist, da die Daten unter ganz anderen Gesichtspunkten zusammengefaßt wurden. Durch die notwendige Übertragung in die Begriffe der LaRouche-Analyse kann man deshalb nur eine grobe Annäherung an die genannten Parameter S, C, V usw. erreichen. Sie hat jedoch auch einen großen Vorteil: Man benötigt keinen großen Computer, und jeder Leser kann, wenn er will, das Verfahren selbst nachvollziehen oder auf eine andere Volkswirtschaft anwenden. Im Anhang ist detailliert dargestellt, wie diese "Übersetzung" der statistischen Werte im einzelnen aus den veröffentlichten Angaben des Statistischen Bundesamtes errechnet wurden.

Die bundesdeutsche wirtschaftliche Entwicklung


In den Abbildungen 3 bis 7 sind die oben genannten Verhältnisse dargestellt, wie sie sich für die Bundesrepublik seit 1960 entwickelt haben. Wenn man sie mit den in Abbildung 2 dargestellten Anforderungen vergleicht, kann man folgendes schließen: Das Verhältnis S'/(C+V), also die zur Reproduktion verfügbare "freie Energie", hat seit 1960 nicht zu-, sondern ständig abgenommen (Abbildung 3). Insbesondere ist der Einschnitt der Ölkrise erkennbar, denn 1975 sank der Nettosurplus S' von zuvor etwa 90 Mrd. DM pro Jahr auf einen Wert von etwas unter 50 Mrd. DM. Zu Beginn der achtziger Jahre ist dieser Wert aufgrund der Auswirkungen der amerikanischen Hochzinspolitik und der Weltschuldenkrise nochmals um etwa 40 Mrd. DM pro Jahr gesunken (Abbildung 4).

Die Kapitalintensität, das heißt das Verhältnis C/V, steigt nicht an (Abbildung 5). Das beweist, daß ganz im Gegensatz zum ideologischen Geschrei der Grünen und der SPD zu wenig technologischer Fortschritt in der Wirtschaft verwirklicht wurde. CDU und FDP diskutieren das gleiche Problem unter der fruchtlosen Parole von den "zu hohen Lohnkosten", womit der Bevölkerung suggeriert werden soll, man könne durch persönlichen Verzicht die Investitionsfehler der Vergangenheit ausbügeln. Und außerdem steigen die unproduktiven Ausgaben D/(C+V) im Verhältnis zum erwirtschafteten Surplus S/(C+V) nicht nur zu schnell an, sondern S/(C+V) sinkt sogar, anstatt zu steigen (Man vergleiche die Abbildungen 6 und 7). Das ist der Preis, den wir für den vielgepriesenen Marsch in die "nachindustrielle Gesellschaft" zahlen.

Diese wichtigen Parameter zur Beurteilung der Wirtschaft zeigen ganz deutlich, daß die "freie Energie", welche der deutschen Wirtschaft zur Verfügung steht, immer mehr schrumpft. Bildlich gesprochen ist folgendes geschehen. Stellen wir uns vor, unsere deutsche ,Wirtschaftsmaschine" war 1960 ein VW-Käfer. Er funktionierte zwar nicht perfekt, brachte aber doch 25% der eingesetzten Energie auf die Fahrbahn, und man konnte gemütlich damit herumfahren. In den vergangenen 26 Jahren haben wir die Maschine mit umweltfreundlichen Katalysatoren, automatischem Getriebe, beheizter Bar und Schiebedach sowie Fernseher, Kaffemaschine und einer Reihe Zusatzaggregaten ausgestattet. Von der eingesetzten Energie kommt leider gar nichts mehr auf die Fahrbahn, und wir rollen mit dem Schwung von gestern bergab. Das ist der "langanhaltende Aufschwung".

Es soll nochmals betont werden, daß es sich hier nur um recht grobe Daten handelt, sozusagen um eine erste Abschätzung... Eines ist jedoch bereits aus diesen Daten offensichtlich: Es besteht ein völliger Gegensatz zu der Entwicklung des Bruttosozialprodukts, das normalerweise als Wachstumsparameter genommen wird (Abbildung 8).

Dieser Gegensatz beweist schlicht und einfach, wie unsinnig es ist, im Bruttosozialprodukt unterschiedslos alle Wirtschaftsaktivitäten aufzusummieren. Die Zigarettenreklame trägt genauso zum Wachstum des Bruttosozialprodukts bei wie die Amputation von Raucherbeinen. Die Legalisierung von Drogen würde das Bruttosozialprodukt schlagartig in die Höhe schnellen lassen. Das ist absurd. Die entscheidende Frage muß doch immer sein: Was trägt eine bestimmte Wirtschaftsaktivität zur Verbesserung der Reproduktionsfähigkeit der Wirtschaft bei? Wer ein Keynesianisches Loch graben und wieder zuschütten läßt, hat negative Arbeit verrichtet. Vielleicht hat er etwas zum Bruttosozialprodukt beigetragen, doch die Wirtschaft hat er geschädigt.

Mit der annäherungsweisen Berechnung der Raten des Reproduktionspotentials haben wir nun einen ersten Schritt der LaRouche-Analyse getan. Nun gehen wir einen Schritt weiter. Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, daß in dem bisher Gesagten die Rolle der Technologie noch nicht (oder höchstens indirekt, wie in der Forderung, daß C/V ansteigen müsse) zum Ausdruck kam. Deshalb ist es jetzt an der Zeit, dem Begriff nachzugehen, den LaRouche als "Technologiefunktion" der Wirtschaft beschreibt.

Die "Technologiefunktion"


Bisher wurde der Reproduktionsprozeß als ein selbstähnlicher Prozeß beschrieben, der sich geometrisch als Spiralwirkung darstellt. Dieser selbstreflexive Prozeß erweitert sich entsprechend den eben betrachteten Verhältnissen (Abbildung 9). In abstrakter Form kommt in dieser Darstellung zum Ausdruck, daß es sich bei dem Wirtschaftsprozeß um die eingangs erwähnte "Maschine" handelt, welche in der Lage ist, sich selbstreflexiv erweiternd "Rotationsarbeit" zu leisten. Wenn in Abbildung 9a eine kegelförmige Gestalt dieses Erweiterungsprozesses gewählt wurde, so ist dies eine unerlaubte Vereinfachung. Die Vereinfachung besteht darin, daß die Wirkung der Technologie nicht berücksichtigt wurde.

Die technologische Entwicklung wirkt auf den wirtschaftlichen Reproduktionsprozeß. Ein höheres technologisches Niveau bewirkt nämlich, daß dieselbe Ausweitung des Reproduktionsprozesses in kürzerer Zeit erreicht werden kann (Abbildung 9b). Wenn man von der Darstellung in Abbildung 9a ausgeht, so bewirkt die Technologiefunktion eine "Ausweitung" des theoretisch linear kegelförmigen Wirtschaftsprozesses zu einem hyperbolischen Prozeß (Abbildung 9c). Die "Krümmung" des hyperpolischen Phasenraums der Reproduktion entspricht somit dem (in zweiter Ordnung) selbstreflexiven Charakter der Technologie...

Genau wie bei der Bestimmung der Wachstumsparameter soll nun möglichst konkret festgelegt werden, wie man die Technologiefunktion annähern kann. Das Problem dabei besteht darin, daß für eine wachsende Vielfalt technologischer Anwendungen und deren komplexes Zusammenwirken allgemein quantifizierbare Größen gefunden werden müssen. Das ist jedoch nicht ganz so kompliziert, wie es auf den ersten Bilck aussieht. Eine erste brauchbare Annäherung liefert zum Beispiel der Energieverbrauch pro Kopf. Dieser Wert hat sich im Verlauf der Menschheitsentwicklung exponentiell erhöht. Da diesem historischen Trend kurzeitige Schwankungen überlagert sind, in denen das Wechselspiel der technologischen Entwicklung zum Ausdruck kommt, reicht dieser Wert für kurzfristigere Analysen nicht aus. Für diesen Fall ist heute der Anstieg des Stromverbrauchs aussagekräftiger als der Gesamtenergieverbrauch, weil darin implizit ein Maß für die Einführung moderner Technologien enthalten ist.

Wird der Stromverbrauch des warenproduzierenden Gewerbes der Bundesrepublik als "Krümmungsmaß" für die Technologiefunktion verwandt, so ergibt sich - entsprechend der zehnjährigen Stagnation im Stromverbrauch - ein Bild der bundesrepublikanischen Wirtschaft, das nur wenig mit dem erwünschten Verlauf von Abbildung 9 zu tun hat.

Der Begriff der "Energieflußdichte"

Man muß sich jedoch nicht auf diese erste Annäherung der Technologiefunktion beschränken. Der wichtigste Begriff, der den Vergleich verschiedener Technologien erlaubt, ist die Leistungs-oder Energieflußdichte. Dieser Begriff wird in der Technik zum Vergleich von Maschinen gleichen Typs erfolgreich angewandt. Im Rahmen der LaRouche-Analyse tritt er in verallgemeinerter Form auf.

Die Energieflußdichte von Maschinen wird auf folgende Weise abgeschätzt. Zuerst wird die wichtigste physikalische Transformation bestimmt, welche die Funktion der Maschine charakterisiert. Bei einer Dampfmaschine besteht diese Funktion in der Umwandlung der Wärmeenergie in kohärente Bewegungsenergie. Dann wird die für den Energiefluß wirksame Fläche bestimmt, die man annäherungsweise als den Ort der Haupttransformation betrachten kann. Im gewählten Beispiel der Dampfmaschine ist diese einfach die Kolbenoberfläche. Die Energieflußdichte berechnet sich nun als das Verhältnis der pro Zeiteinheit im Haupttransformationsprozeß "umgewandelten" Energiemenge pro Zeiteinheit (gemessen in Watt), geteilt durch die Umwandlungsfläche. So hat z.B. eine Dampfmaschine von 117 kW Leistung und einem Kolbendurchmesser von 500 mm eine Energieflußdichte von etwa 595 000 Watt/m2.

Betrachten wir ein weiteres Beispiel. Eine moderne Drehbank hat eine Motorleistung von 3,7 kW. Diese Leistung wird auf eine sehr kleine Fläche "fokussiert" - nämlich auf die Kontaktfläche zwischen Werkzeug und Werkstück - und dort verbraucht. Diese Fläche beträgt größenordnungsmäßig einen Quadratmillimeter. Daraus ergibt sich für eine moderne Drehbank eine Energieflußdichte von 3 700 000 000 Watt/m2.

Die auf diese Weise abgeschätzten Energieflußdichten sind natürlich keine exakten physikalischen Werte, sondern stellen nur die Größenordnung der Dichte an nützlichen physikalischen Transformationen dar, die mit einer gegebenen Technologie realisiert werden kann. Wie bereits abgedeutet, liegt die Bedeutung einer derartigen Abschätzung vor allem darin, daß man damit verschiedene Technologien bzw. ganze Technologiefamilien über längere Zeiträume sinnvoll vergleichen kann.

Zur Anwendung des Konzepts der Energieflußdichte auf die "Wirtschaftsmaschine" als ganzer muß man noch einen Schritt weiter gehen. Die Energieflußdichte ist keine skalare Größe, sondern ergibt sich als "Energieflußspektrum" (Abbildung 10). Hier sind die in den verschiedenen Wirtschaftsbereichen auftretenden charakteristischen Energieflußdichten für eine heutige Industriegesellschaft aufgetragen. Dabei stellt sich heraus, daß sich verschiedene Bereiche sehr deutlich unterscheiden. Wir finden beispielsweise am unteren Ende des Leistungsdichtespektrums die privaten Haushalte, gefolgt von der Landwirtschaft und dem Verkehrssektor. Darauf folgen die chemische Industrie, die Energieerzeugung usw., bis schließlich die höchsten Leistungsdichten in der Militärtechnik und der Forschung erreicht werden. Abbildung 10 stellt die Ordinate des gesuchten Energiespektrums dar, über die nun die jeweilig umgesetzten Mengen abgetragen werden müssen.

Es ist recht aufwendig, aber auch sehr wichtig, dieses Bild in seiner zeitlichen Entwicklung zu ermitteln. Im Unterschied zur Situation bei den volkswirtschaftlichen Daten existieren anscheinend kaum aggregierte Daten, welche bei dieser Aufgabe hilfreich sein können. Die Fortsetzung der in diesem Artikel dargestellten Arbeit wird deshalb hauptsächlich darin bestehen, eine gangbare Lösung für die Bestimmung der Technologiefunktion zu finden und auf die deutsche Wirtschaft anzuwenden. Dann soll das gleiche Verfahren auf andere Volkswirtschaften angewandt und dadurch bestätigt werden, um schließlich eine schrittweise Verfeinerung der Berechnung zu ermöglichen.


Anhänge:

A. Berechnung von C

C umfaßt alle Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe (das heißt deren Materialverbrauch), die von den produktiven Wirtschaftsbereichen verbraucht werden sowie die von diesen Bereichen verbrauchten Investitionsgütern.

Die produktiven Wirtschaftsbereiche sind die folgenden:

1) Land- und Forstwirtschaft, Fischerei
2) Warenproduzierendes Gewerbe (es enthält Bergbau, Energie und Wasserwirtschaft sowie verarbeitendes Gewerbe)
3) Verkehr

Dem gegenüber stehen die unproduktiven oder mittelbar produktiven Bereiche, bestehend aus

4) Handel
5) Dienstleistungsunternehmen
6) Staat

Die verbrauchten Investitionsgüter entsprechen den Abschreibungen im System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechung, die in der BRD richtigerweise zu Wiederbeschaffungspreisen angegeben werden.

Der Materialverbrauch ist ein Teil der Vorleistungen, die in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechung nicht gesondert ausgewiesen wird. Eine Möglichkeit, den entsprechennden Anteil aus den Vorleistungen herauszurechnen, ergibt sich durch die Veröffentlichungen der Kostenstruktur des warenproduzierenden Gewerbes. In diesen Faktor gehen somit nicht der Verkehr und die Landwirtschaft ein. Das ist jedoch kein großer Mangel, da beide Bereiche im Verhältnis zum warenproduzierenden Gewerbe relativ klein sind (Die Vorleistungen waren 1980 im Verkehrsbereich 71280 Mio DM, in der Landwirtschaft 33 750 Mio DM und im warenproduzierenden Gewerbe 1 015 430 Mio DM), und zweitens die Berechnung der Vorleistungen in der Landwirtschaft in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechung ohnehin aus dem Rahmen fällt, weil die von inländischen Produzenten bezogenen Erzeugnisse nicht als Vorleistungen gerechnet werden. Zusätzliche Probleme ergeben sich hier dadurch, daß die Kostenstruktur-Statistik in den 70er Jahren umgestellt wurde. Der Faktor ist deshalb für die Jahre 1975 bis 1983 genau errechnt und für die vorhergehenden Jahre aus diesen Werten gemittelt.

Quellen:

Abschreibungen: Stat BuAmt, Fachserie 18, Reihe 1, Tab 3.2 bzw. Stat BuAmt, Fachserie 18, Reihe S 5, Tab 3.6

Vorleistungen: Stat BuAmt, Fachserie 18, Reihe 1, Tab 3.2 bzw. Star BuAmt, Fachserie 18, Reihe S 5, Tab 3.6

Verbrauch von Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen (als Teil der Vorleistungen) im warenproduzierenden Gewerbe: Stat BuAmt, Fachserie 4, Reihe 4.3 (Tab. 6)

B. Berechnung von V

V sind die (von den produktiven Bereichen erzeugten) materiellen Güter, welche für den Unterhalt der Arbeitskraft (der gesamten Volkswirtschaft) nötig sind. Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung weist den privaten Verbrauch nach Lieferbereichen aus. Folgende Lieferbereiche müssen gewählt werden: Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, Energie- und Wasserwirtschaft, Bergbau, verarbeitendes Gewerbe, Baugewerbe, Großund Einzelhandel, Verkehr, Nachrichtenübermittlung. Um den aus Wohnungsvermietung gewonnenen Mietgewinn (der ja nicht produktiv ist) auszuschließen, sollte nicht einfach der Lieferbereich Wohnungsvermietung hinzuaddiert werden, sondern nur die Vorleistungen und Abschreibungen des Bereichs Wohnungsvermietung.

Quellen:

Privater Verbrauch nach Lieferbereichen: Star BuAmt Fachserie 18, Reihe 1, Tab 3.14 (1984) bzw. Fachserie 18, Reihe S 5, Tab 3.15.

Vorleistungen und Abschreibungen des Wohnungsbaus: Stat BuAmt Fachserie 18, Reihe 1, Tab 3.2 bzw. Fachserie 18, Reihe S 5, Tab 3.2

C. Berechnung von S

S berechnet sich entsprechend S = T-(C+V), wobei T gleich dem Produktionswert der produktiven Bereiche ist. Die Berechnung erfolgt aus denselben Tabellen wie die Vorleistungen.

D. Berechnung von D

D enthält die (von den produktiven Bereichen erzeugten) materiellen Güter, welche für den Unterhalt des Produktionsprozesses ausgegeben werden müssen. Folgende Bereiche sind zu berücksichtigen: Kreditinstitute und Versicherungen, sonstige Dienstleistungsunternehmen, Staat.

Der Wert für den Verbrauch des Staates kann angenähert werden durch die wirtschaftlichen Beziehungen des Staates zu anderen Sektionen, wobei nur folgende Käufe berücksichtigt werden: Käufe für laufende Produktionszwecke, Käufe für Investitionen und Käufe von gebrauchten Anlagen und Land.

Für die Bereiche Kreditinstitute, Versicherungen, sonstige Dienstleistungen müssen die Abschreibungen und der vom produktiven Bereich bezogene Teil der Vorleistungen aufsummiert werden. Zur Bestimmung dieses Teils wurden die Input-Output-Tabellen, die jedoch nur für wenige Jahre zur Verfügung stehen, benutzt.

Quellen:

Wirtschaftliche Beziehungen des Staates zu anderen Sektoren: StatAmt FS 18, Reihe 1, Tab. 3.38 (1983) bzw. FS 18, Reihe S 5, Tab 3.38.

Vorleistungen und Abschreibungen der nichtproduktiven Bereiche genau wie bei produktiven Bereichen.

Anteil der produktiven Vorleistungen: StatAmt FS 18, Reihe 2, Input-OutputTabellen (z.B. für 1970, 1974, 1975, 1978)

E. Berechnung von S'

Der Wert ergibt sich aus S' = S - D.

F. Bedeutung der Datenreihen

CVORL = Vorleistungen Landwirtschaft CVORW = Vorleistungen warenprod. Gewerbe CVORV = Vorleistungen Verkehr

CABSL = Abschreibungen Landwirtschaft CABSW = Abschreibungen warenprod. Gewerbe CABSV = Abschreibungen Verkehr

CMATK = Materialkosten im prod. Gew. (Betriebe 20 Mitarb.) CVORK = Vorleistungen im prod. Gewerbe (Betriebe 20 Mitarb.) CFAKT = CMATK/CVORK (Verhältnis der Materialkosten an den Vorleistungen im warenprod. Gewerbe)

TOUTL = Produktionswert Landwirtschaft TOUTW = Produktionswert warenprod. Gewerbe TOUTV = Produktionswert Verkehr

SINVL = Anlageinvestitionen Landwirtschaft SINVW = Anlageinvestitionen warenprod. Gewerbe SINVV = Anlageinvestitionen Verkehr

DSTAT = Käufe des Staates für laufende Produktion und Investitionen, sowie Käufe gebrauchter Anlagen

DVORD = Vorleistungen der Dienstleistungsunternehmen DABSD = Abschreibungen der Dienstleistungsunternehmen

DFAKT = Anteil der Käufe aus den Sektoren Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, Energie- und Wasserwirtschaft, Bergbau, verarb. Gewerbe, Baugewerbe, Großhandel, Einzelhandel, Verkehr, Nachrichtenübermittlung in den Vorleistungen des Dienstleistungssektors

V = Summe der priv. Käufe aus den Lieferbereichen Landund Forstwirtschaft, Fischerei, Energie- und Wasserwirtschaft, Bergbau, verarb. Gewerbe, Baugewerbe, Großhandel, Einzelhandel, Verkehr, Nachrichtenübermittlung, sowie Vorleistungen und Abschreibungen des Sektors Wohnungsvermietung.

G. Berechnungen

(CVORL+CVORW+CVORV) * (CMATK/CVORK) + (VABSL+CABSW+CABSV) = C

(TOUTL+TOUTW+TOUTV) - (C+V) = S

DVORD * DFAKT + DABSD + DSTAT = D S - D = S'

 

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