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Aus der Neuen Solidarität Nr. 46/2004

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Grippealarm: Es braut sich was zusammen

Die Qualität der Gesundheitsversorgung sinkt überall. Niemand sollte sich der Illusion hingeben, irgendein Land bliebe von einer neuen Epidemie verschont.

Gesundheitsexperten auf der ganzen Welt warnen in jüngster Zeit vermehrt vor der Gefahr einer verheerenden Grippepandemie, der möglicherweise Hunderte Millionen bis zu einer Milliarde Menschen zum Opfer fallen könnten. Zwar beruhen diese Schätzungen meistens auf Hochrechnungen der Opferzahlen der berüchtigten Influenzapandemie von 1918, an der damals bis zu 100 Millionen Menschen starben, doch angesichts jüngster Erkenntnisse über die Erregerentwicklung sollten wir die Warnungen in jedem Falle ernst nehmen.

Die Weltbevölkerung wäre einem neuen Grippevirus heute fast genauso schutzlos ausgeliefert wie die von Krieg und Elend heimgesuchten Menschen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Damals gab es zwar noch keine Impfmöglichkeit gegen die Influenzaviren, aber angesichts des weltweiten rapiden Verfalls der Gesundheitseinrichtungen darf sich heute niemand der Illusion hingeben, irgendein Land könnte von einem neuen Seuchenfeldzug verschont bleiben.

Die Tatsache, daß in den USA für diese Grippesaison fast die Hälfte der geplanten 100 Mio. Influenza-Impfdosen weggefallen ist, ist nur das nach außen sichtbare Symptom des jahrelangen Raubbaus an der Gesundheitsinfrastruktur, der uns nicht nur bei einer Grippepandemie, sondern bei jedem anderen gesundheitlichen Notstand in eine hilflose Lage brächte. Die USA sind heute nur noch von zwei Impfstofflieferanten abhängig, die beide auch noch im Ausland arbeiten.

Genauso prekär ist dort die Lage praktisch in allen anderen Bereichen der Gesundheitsversorgung. Es ist mehr als nur fahrlässig, daß die Regierung Bush bereits seit Jahren nichts gegen diese Entwicklung unternommen, sondern im Gegenteil die Politik der Produktionsauslagerung und Kosteneinsparung um jeden Preis noch gefördert hat. Immerhin ist es schon das fünfte Mal in sechs Jahren, daß es in den USA zu Verknappungen bei der Grippeimpfung gekommen ist.

In dieser Lage erscheint es um so bedenklicher, wenn Wissenschaftler, die die Entwicklung der Grippelage verfolgen, vor einer neuen "Killer-Pandemie" warnen. So hat John Clemens, der Direktor des Internationalen Impfinstituts in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, am 23. Oktober erklärt, es sei nur eine Frage der Zeit, bis eine neue Grippepandemie ausbreche, und die Welt sei sehr schlecht auf eine solche Situation vorbereitet. "Es geht nicht darum, ob es dazu kommt, sondern wann."

Das Problem geht weit über die Lieferschwierigkeiten bei dem Grippeimpfstoff der Firma Chiron an Amerika hinaus, sondern betrifft praktisch die Herstellung aller anderen Impfstoffe. So komme "etwa 80% des Masernimpfstoffes weltweit von einer Firma in Indien. Wenn diese Firma ähnliche Probleme wie Chiron bekäme, wäre das ein Desaster", sagte Clemens.

Noch wesentlich schärfer äußerte sich Prof. Dmitrij Lwow, Direktor des Iwanowskij-Instituts für Virologie und Mitglied der Russischen Akademie für Medizinwissenschaften, am 28. Oktober in Moskau. Er erklärte, die Welt stehe an der Schwelle einer schweren Grippepandemie, die wahrscheinlich von einem Vogelgrippestamm ausgelöst würde. Bis zu eine Milliarde Menschen weltweit könnten daran innerhalb von sechs Monaten sterben. "Wir sind nur einen halben Schritt von einer weltweiten Pandemie-Katastrophe entfernt." Die russischen Gesundheitsbehörden rief er auf, sich auf eine solche Lage vorzubereiten, was für Rußland bedeutet, mindestens 300 000 Krankenhausbetten in Reserve zu halten.

Selbst angesichts unseres bruchstückhaften Wissens über die Ausbreitungs- und Wandlungsfähigkeiten von Influenzaviren scheint die dringende Warnung vor dem Auftauchen eines neuen Grippevirusstamms mehr als gerechtfertigt. Spätestens seit dem wiederholten Aufflackern der sogenannten Vogelgrippe (Geflügelpest) in Asien in den letzten Jahren und besonders seit der dortigen massiven Geflügelseuche Anfang dieses Jahres, die nie vollständig eingedämmt werden konnte, ist die Gefahr immer weiter gestiegen, daß sich durch Mutationen oder Austausch genetischen Materials ein neuer Influenzastamm herausbildet, der entweder direkt von Hühnern und anderem Geflügel auf den Menschen übergehen und dann auch von Mensch zu Mensch weitergegeben werden kann.

Eine andere Befürchtung ist, daß Schweine von Geflügel-Grippeviren infiziert werden könnten. Das Schwein diente dann als Brutstätte zur Rekombination von Geflügel-Influenzaviren mit menschlichen Grippeviren, woraus ein neuer gefährlicher Virusstamm entstünde, gegen den die Menschen keinerlei Immunabwehr hätten.

Diese Vorgänge sind vom herkömmlichen molekularbiologischen Forschungsansatz nur unzureichend verstanden, was entsprechende präventive Maßnahmen zur Minderung der Gefahr erschwert.

Die einzige praktische Maßnahme besteht in der Tötung befallener Tiere, was die Schlachtung von manchmal Millionen Hühnern in den betroffenen Gegenden bedeutet. Ansonsten kann man nur hoffen, daß durch genaues Monitoring das Auftauchen eines neuen gefährlichen Influenzavirusstamms so rechtzeitig bemerkt wird, daß seine Ausbreitung noch rechtzeitig eingedämmt werden kann.

Wahrscheinlich wäre beim Erscheinen eines solchen neuen Stamms die Zeit zu knapp, einen wirksamen Impfstoff herzustellen, dessen Entwicklung und Produktion mit herkömmlichen Verfahren mehrere Monate in Anspruch nimmt.

Den Regierungen der Welt bleibt angesichts dieser Lage keine andere Wahl, als ihrer Verantwortung für das Gemeinwohl wieder gerecht zu werden und die weltweite Gesundheitsinfrastruktur zur Abwehr von Seuchen zumindest wieder auf den Stand vor dem neoliberalen Zerstörungswerk der letzten zwei Jahrzehnte zu bringen. Mit seuchenhygienischen Maßnahmen und der Bereitstellung von genügend Behandlungskapazitäten ließen sich dann zumindest die schlimmsten Folgen einer Grippepandemie lindern. Und zusätzlich müßte eine großangelegte Forschungsoffensive mit neuen Konzepten über grundlegende Lebens- und Krankheitsvorgänge gestartet werden.

Dr. Wolfgang Lillge

 

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