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Aus der Neuen Solidarität Nr. 47/2004

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Das neue Ruhrgebiet - Anlagenbauer für die Welt

Teil 2: Ansatzpunkte der Neu-Industrialisierung

Von Lothar Komp

Wiederaufbau. Im zweiten Teil seiner Serie über Perspektiven zur Neuindustrialisierung Nordrhein-Westfalens beschreibt Lothar Komp die Bedeutung des Anlagenbaus für den deutschen Export. Das dichte Wasserstraßennetz des Ruhrgebiets ermöglicht die Serienproduktion von Großanlagen, einschließlich kompletter Kraftwerke.


Export kompletter Industrieanlagen
Kernkraftwerke vom Fließband

Knotenpunkt der Wasserstraßen

Die Verwirklichung der Eurasischen Landbrücke erfordert Investitionen in Infrastruktur und Industrieanlagen in Billionenhöhe. Allein für den Aufbau der Energieversorgung in China, von der Rohölförderung bis hin zu Kraftwerken und Stromnetzen, müssen nach einer neuen Schätzung über zwei Jahrzehnte hinweg pro Jahr rund 75 Mrd. Euro an Investitionen aufgebracht werden.

Schon jetzt dominieren Aufträge aus Asien die Aktivitäten des deutschen Großanlagenbaus. In dem Ende Juni 2004 abgeschlossenen Geschäftsjahr meldeten die 33 Unternehmen, die zur Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) zählen, mit 18,2 Mrd. Euro einen neuen Auftragsrekord. Freilich kamen dabei nur magere 4,3 Mrd. Euro an Aufträgen aus dem Inland. Dagegen hatten sich die Aufträge aus China gegenüber dem Vorjahr auf 2,4 Mrd. Euro beinahe verdoppelt. Dies ist das höchste Auftragsvolumen, das dem deutschen Großanlagenbau jemals innerhalb eines Jahres von einem einzelnen Land beschert wurde. Im Vordergrund standen hierbei Aufträge zum Bau von Anlagen für die Eisen- und Stahlindustrie.

Aber neben Walzstraßen oder kompletten Stahlwerken gehören auch Kraftwerke und Anlagen für die Herstellung von Zement, Papier oder chemischen Erzeugnissen zur Produktpalette des deutschen Großanlagenbaus. In Zeiten explodierender Ölpreise werden zudem Methanolanlagen made in Germany immer stärker nachgefragt. Methanol kann bei der Herstellung zahlreicher Chemikalien und Kunststoffe an Stelle von Erdöl verwendet werden. Rund zwei Drittel aller zur Zeit weltweit laufenden Methanolanlagen stammen von der Lurgi AG, einer Tocher von MG Technologies (das Kürzel MG steht für Metallgesellschaft). Insgesamt sind bei den deutschen Großanlagenbauern gegenwärtig 55 000 Personen beschäftigt. Weitere 150 000 Arbeitsplätze hängen bei Zulieferern vom Großanlagenbau ab.

Die genannten Zahlen unterstreichen, daß neben Maschinen, Automobilen, Chemie und Elektrotechnik gerade auch der Export von schlüsselfertigen Anlagen unter Bedingungen eines weltweiten Aufbaus von Industrie und Infrastruktur enorme Chancen für produktive Arbeitsplätze in Deutschland bietet. Auf Dauer kann dies aber nur dann gelingen, wenn auch in Deutschland wieder neue Anlagen entstehen.

Ein Beispiel hierfür ist der Kraftwerksbau. Eine Anfang Oktober veröffentlichte Umfrage von Trend Research bei 100 Experten aus Energieversorgung und Anlagenbau förderte folgendes zutage: Bis zum Jahr 2020 müssen in Deutschland rund 60 Großkraftwerke mit 40 Gigawatt Stromleistung neu gebaut werden, um veraltete Kraftwerke zu ersetzen und den Ausstieg aus der Kernkraft möglich zu machen.

Das geringere Problem dabei sind die notwendigen 30 Mrd. Euro an Investitionen. Schlimmer ist: Weil seit der Liberalisierung der Strommärkte fast gar keine neuen Anlagen in Deutschland mehr gebaut wurden, haben die entsprechenden Unternehmen ihre Beschäftigung massiv ausgedünnt, viele fusionierten mit anderen. Und es stellt sich dann tatsächlich die Frage, wer denn demnächst all diese Kraftwerke bauen soll. Von den sieben Generalunternehmen, die noch vor wenigen Jahren in Deutschland Kraftwerksbau betrieben, sind jetzt nur noch Siemens, Babcock-Hitachi und Alstom übrig geblieben. Im Jahre 1990 gab es noch fünf Unternehmen, die große Turbinen herstellen konnten. Jetzt sind es noch zwei. Auch im Rohrleitungsbau und bei den für den Anlagenbau benötigten Stahlerzeugnissen sind demnächst kaum noch deutsche Hersteller vorhanden.

Die Lösung muß schnell kommen und sie sollte zwei zentrale Bereiche umfassen. Einerseits muß im Zuge des Aufbaus der Eurasischen Landbrücke auch schleunigst in Deutschland eine Investitionsoffensive großen Stils angestoßen werden. Aufgrund des riesigen, in den vergangenen Jahren angesammelten Rückstands an Investitionen in Industrie und Infrastruktur ist dies nicht nur unerläßlich zur Erhaltung von Produktivität und Kompetenzen der deutschen Wirtschaft, sondern auch zur Schaffung von Millionen neuer Arbeitsplätze.

Diese Investitionsoffensive muß aber zudem von Wellen neuer industrieller und infrastruktureller Technologien begleitet sein. Auch in diesem Zusammenhang gilt es drei Jahrzehnte des Mangels zu überwinden. Und das Ruhrgebiet ist in hervorragender Weise dazu geeignet, hierbei eine führende Rolle spielen.

Export kompletter Industrieanlagen

So kann man sich zum Beispiel die Frage stellen, warum man hochmoderne Stahlwerke, wie das in Rheinhausen, oder die produktivste Kokerei der Welt, Kaiserstuhl in Dortmund, erst mühsam in deutschen Landen aufbaut, dann wieder in Millionen Einzelteile zerlegt, in Container verpackt, über Rhein und Nordsee nach China verfrachtet und dort nach genauem Plan Stück für Stück wieder zusammenschraubt.

Anders ausgedrückt: Man könnte dieses Verfahren doch auch serienweise für Stahlwerke und Kokereien betreiben, ohne diese zuvor irgendwo anders abzubauen. Die immer noch einzigartige Verkehrsinfrastruktur des Ruhrgebiets - trotz aller Demontagen der vergangenen Jahre - bietet beste Voraussetzungen dafür, Anlagen aller Art, hergestellt im Ruhrgebiet, entweder in Teilen oder gleich komplett auf Bargen montiert zu jedem beliebigen Punkt der Welt zu transportieren.

Ein aktuelles Beispiel hierfür ist die im Frühjahr 2004 abgeschlossene Verfrachtung der weltweit größten Kompressoren, hergestellt im Siemens PG-Werk in Duisburg, für den Betrieb einer Flüssiggas-Anlage im Nordpolarmeer. Die zwei Turbo-Kompressoren haben ein Gewicht von 400 Tonnen und bilden mit vier weiteren Verdichtern aus Duisburg und dem niederländischen Hengelo das Herz der Gasverflüssigungsanlage. Diese kann aufgrund der geographischen Bedingungen gar nicht vor Ort - in einem Gasfeld an der Nordspitze Norwegens, das nördlichste Gasfeld der Welt - montiert werden. So werden die Kompressoren über die deutschen und niederländischen Wasserwege zur Nordsee und sodann zu einer Werft im spanischen Cadiz transportiert. Dort wird das Ganze auf einem 154 Meter langen und 54 Meter breiten Spezialfloß montiert und schließlich nach Hammerfest geschleppt.

Kernkraftwerke vom Fließband

Ein besonders vielversprechender Exportschlager aus dem Ruhrgebiet könnten schwimmende Anlagen zur Energieerzeugung sein. Weltweit findet zur Zeit eine grundlegende Neubetrachtung der Kernenergie statt. Es hat sich - zumindest außerhalb der deutschen öko-ideologischen Dunstglocke - die Einsicht durchgesetzt, daß die sogenannten alternativen Energien aufgrund ihrer extrem niedrigen Energieflußdichten weder heute noch in Zukunft einen nennenswerten Beitrag zur Energieversorgung der Menschheit leisten können. Die Verbrennung fossiler Rohstoffe noch einmal zu vervielfachen ist auch keine Lösung. Zumindest bis zur Einsatzreife der Kernfusion sind deswegen Kernspaltungsreaktoren unverzichtbar.

Neue Aufmerksamkeit findet dabei in letzter Zeit die revolutionäre Technik des in Jülich entwickelten Hochtemperaturreaktors (HTR). Die aufwendige Sicherheitstechnik herkömmlicher Kernkraftwerke ist beim HTR aufgrund seiner "inhärenten Sicherheit" überflüssig. Selbst beim Versagen sämtlicher Kühlsysteme und völligem Fehlverhalten der Bedienungsmannschaft ist die Freisetzung von Radioaktivität wegen der physikalischen Eigenschaften der handgroßen Brennstoffkugeln ausgeschlossen. Der HTR liefert zudem nicht nur Strom, sondern nebenbei Prozeßwärme bei Temperaturen von 950°C für Industrie oder Fernheizung. Dadurch kann er den gesamten Wärmemarkt abdecken und dabei einen erheblichen Anteil des Bedarfs an fossilen Energieträgern einsparen.

Die Kohleveredelung mit Hilfe von HTR-Prozeßwärme bietet dabei zugleich dem Kohlebergbau neue Chancen, denn zum bloßen Verbrennen ist der Rohstoff Kohle im Grunde viel zu wertvoll. Nicht unwesentlich ist weiterhin der Umstand, daß der HTR auch in kleineren Modulen von wenigen Hundert Megawatt Leistung wirtschaftlich betrieben werden kann. Für die Serienfertigung wurde das Konzept der schwimmenden Plattformen vorgeschlagen. Die Module könnten auf diese Weise komplett an einem Industriestandort mit Anbindung zur Nordsee konstruiert werden und dann schlüsselfertig übers Meer an den Einsatzort transportiert werden. In einer Welt, in welcher der Mangel an Trinkwasser zu einem wirtschaftlich und geopolitisch immer drängenderen Menschheitsproblem wird, wären HTR-Module beispielsweise der ideale Energielieferant für den Betrieb von Meerwasserentsalzungsanlagen.

Knotenpunkt der Wasserstraßen

Die Fähigkeit, industrielle Anlagen verschiedenster Art herzustellen und sodann über Wasserstraßen zu exportieren, verdankt das Ruhrgebiet einem seit zwei Jahrhunderten andauernden Prozeß fortgesetzter Infrastrukturinvestitionen. Tatsächlich wurde durch die Entwicklung der Kohle- und Stahlindustrie im Ruhrgebiet das dichteste Kanal- und Hafensystem Europas geschaffen.

Im Zentrum dieser einzigartigen Wasserstraßen-Infrastruktur steht der Duisburger Hafen, der größte Binnenhafen der Welt. Vor rund 800 Jahren wurde die damaligen Hafensiedlung Duisburg vom Rhein abgeschnitten, weil der Rhein nach einem Hochwasser sein Flußbett um einige Kilometer nach Westen verlegte. Im Zuge der Industrialisierung des Ruhrgebiets mußte daher in den Jahren 1828 bis 1832 zunächst ein Kanal zum Rhein gebaut werden, der heutige Duisburger Innenhafen. Sodann wurden die Hafenanlagen Duisburgs und Ruhrorts beständig ausgebaut und gegen Ende des 19. Jahrhunderts zusammengeschlossen. Heute umfaßt der Duisburger Hafen 21 Hafenbecken, eine Wasserfläche von 180 Hektar und eine Uferlänge von 40 Kilometern. Im Jahre 2003 wurden hier 12,8 Millionen Tonnen an Massengütern umgeschlagen, insbesondere Kohle, Mineralölprodukte und chemische Erzeugnisse. Zusätzlich bewältigte der Hafen 8,4 Millionen Tonnen Stückgut, das heißt vor allem Container sowie Produkte der Eisen-, Stahl- und übrigen Metallindustrie.

Im späten 19. Jahrhundert erfolgte der Bau langer Kanäle zur besseren Durchdringung des Ruhrgebiets sowie zur Anbindung des Ruhrgebiets an die Nordsee und an die Industrieregionen im Osten Europas. So wurde zwischen 1891 und 1899 der 226 km lange Dormund-Ems-Kanal gebaut, der unter anderem Rhein und Ruhr mit der zentralen Ost-West-Wasserstraße Deutschlands, dem Mittelland-Kanal verbindet. In Datteln kreuzt der Dortmund-Ems-Kanal den zwischen 1915 und 1931 erbauten Wesel-Datteln-Kanal. Im Osten schließt sich daran der bereits 1914 einsatzfähige und danach weiter ausgebaute Datteln-Hamm-Kanal an. Mitten durch das Ruhrgebiet verläuft ebenso der in den Jahren 1906 bis 1914 erbaute Rhein-Herne-Kanal.

Nach den Weltkriegen wurde die zerstörte Hafeninfrastruktur wieder errichtet. Danach wurde der Ausbau der Kanäle fortgesetzt. In den 70er und 80er Jahren wurde der Wesel-Datteln-Kanal für die Befahrbarkeit durch große Schubverbände und das Europaschiff ausgebaut. Für den Rhein-Herne-Kanal ist dies seit dem Jahr 2000 für die Strecke Duisburg-Gelsenkirchen der Fall, aber noch nicht für den übrigen Teil des Kanals. Auch beim Dortmund-Ems-Kanal sind zu diesem Zweck zusätzliche Investitionen erforderlich. Zudem müssen deutlich leistungsfähigere Schnittstellen zwischen dem Wasserstraßennetzes und anderen Verkehrsträgern, insbesondere der Bahn, geschaffen werden.

Noch lassen sich die Früchte dieser über Jahrhunderte getätigten Investitionen für produktive Arbeitsplätze nutzbar machen.

(Fortsetzung folgt)

Lesen Sie dazu auch:
Das neue Ruhrgebiet - Anlagenbauer für die Welt, Teil 1 (Nr.44/2004)

 

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