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Aus der Neuen Solidarität Nr. 10/2005

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Wo bleibt die aktive Wirtschaftspolitik?

- Vorbemerkung -

Im Januar 2003 berichtete die BüSo-Vorsitzende Helga Zepp-LaRouche in einer Rede in Berlin über die Vorschläge von 1930-32 zu einer "aktiven Wirtschaftspolitik", womit die Massenarbeitslosigkeit damals überwunden und die Machtübernahme der Nazis hätte verhindert werden können.1 Was der Regierungsdirektor im Wirtschaftsministerium der Weimarer Republik, Dr. Wilhelm Lautenbach, und der Leiter der Statistischen Abteilung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, Wladimir S. Woytinsky, vorschlugen, war nahezu deckungsgleich: Arbeit für mindestens eine Million Arbeitslose bereits im ersten Jahr in öffentlichen Eisenbahn-, Straßen- u.a. nützlichen Infrastrukturprojekten, die durch produktive Kreditschöpfung der Reichsbank finanziert werden sollten. In der Neuen Solidarität erschienen immer wieder ausführliche Artikel über den Lautenbach-Plan und das Arbeitsbeschaffungsprogramm des ADGB2.

Immer wieder hat die BüSo außerdem eigene aktuelle Vorschläge zur Überwindung der Massenarbeitslosigkeit gemacht, den neuesten finden Sie in dieser Ausgabe. Aber jedesmal, wenn es aussah, als käme diese lebenswichtige Debatte endlich in Gang, und endlich mal ein mutiger Ökonom das Thema der öffentlichen Kreditexpansion und die Parallelen der Wirtschaftsdebatte Anfang der 30er Jahre aufgriff, sorgte die Gegenseite dafür, daß sie schnell wieder abgewürgt wurde.

So veröffentlichte der ehemalige Wirtschaftsweise Herbert Giersch einen Artikel über die letzte Depression in der Welt am Sonntag vom 24. November 2002, worin er schrieb: "Vor siebzig Jahren, als die Weltwirtschaftskrise ausgebrochen war, beeilten sich einige namhafte Ökonomen unterschiedlicher Couleur wie Wagemann, Woytinsky, Baade, Lautenbach, Sombart, Löwe und Lederer die politische Klasse und die öffentliche Meinung für eine aktive Ausgabenpolitik zu erwärmen: die hätte sehr wahrscheinlich den Nationalsozialisten den Wahlsieg vom Sommer 1932 gekostet."

Helga Zepp-LaRouche stellte damals fest: "Das ist meines Wissens das erste Mal, daß das Argument, eine Kreditpolitik gemäß des Lautenbach-Plans hätte die Machtergreifung Hitlers verhindern können, von jemand anderem als von LaRouche und der BüSo in die öffentliche Diskussion gebracht worden ist."3 Doch Gierschs Versuchsballon wurde offenbar abgeschossen, jedenfalls verstummte er wieder.

Prof. Heiner Flassbeck sagte Ende 2004 in einem Interview mit der Neuen Solidarität, diese öffentliche Diskussion werde sich auf Dauer nicht verhindern lassen, "die Umstände werden sie erzwingen". Allerdings könne man gegenwärtig in Deutschland "diese Debatte nicht führen, ohne sofort als esoterischer Außenseiter gebrandmarkt zu werden".4

So kommt es, daß diese verbotene Debatte über eine aktive Wirtschaftspolitik konsistent und beharrlich bisher exklusiv in der Neuen Solidarität geführt wurde. Hier haben wir zuvor der "Lautenbach-Plan" abgedruckt5, in dieser und den nächsten zwei Wochen wollen wir der heutigen Öffentlichkeit einige Originaldokumente zum "Woytinsky-Tarnow-Baade-Plan" zugänglich machen. Der besondere Reiz liegt darin, daß Wladimir Woytinsky selbst die Geschichte dazu erzählt.

Warum schrieb ein Russe das Arbeitsbeschaffungsprogramm des ADGB? Wer war dieser Wladimir Saweljewitsch Woytinsky (12.11.1885 - 11.06.1960)? Sein Vater war Mathematikprofessor in St. Petersburg, die Familie jüdischer Herkunft. Als Student trat Woytinsky 1905 der sozialistischen Bewegung bei. Während der ersten russischen Revolution war er zunächst Vorsitzender des Studentenrates, später Präsident des Rates der Arbeitslosen in St. Petersburg. Er konnte tatsächlich in Verhandlungen mit der Regierung (Graf Witte) durchsetzen, daß viele Arbeitslose gegen zufriedenstellende Bezahlung bei öffentlichen Infrastrukturprojekten (z.B. Brückenbau) beschäftigt wurden. Die Niederschlagung der Revolution und Wittes Entlassung machten dem leider ein Ende.

1908 wurde Woytinsky verhaftet und wegen Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (SDAPR) zu vier Jahren schwerer Zwangsarbeit und lebenslanger Verbannung nach Sibirien verurteilt. 1917 kehrte er mit seiner jungen Frau nach St. Petersburg zurück, unterstützte die Oktoberrevolution, nicht aber Lenins bolschewistischen Staatsstreich. Deshalb wurde er wieder in ein Lager gesperrt, aus dem er aber entfliehen konnte.

1922 kamen die Woytinskys nach Berlin. Wladimir schrieb Artikel für mehrere Zeitungen über wirtschaftliche Themen, u.a. für das sozialdemokratische Magazin Die Gesellschaft. Dessen Chefredakteur Rudolph Hilferding druckte gerne seine wirtschaftlichen Analysen und Kommentare, doch über Fragen der Wirtschaftstheorie kam es zum Bruch. Hilferding duldete es nicht, die marxistische Wirtschaftstheorie in irgendeiner Weise auf den Prüfstand zu stellen. Woytinsky wollte Marx' Berechung des Mehrwerts durch eine empirische Studie überprüfen, welche das Verhältnis zwischen Löhnen und Mehrwert in der amerikanischen Industrie statistisch untersuchte. Hilferding weigerte sich, den Artikel zu drucken.

1923 begann die Arbeit an dem großen statistischen Almanach Die Welt in Zahlen, die Woytinskys Ruf als ernstzunehmender Wirtschaftswissenschaftler festigte. 1929 machte ihm die ADGB-Führung das Angebot, die Statistische Abteilung zu übernehmen. "Die sozialistischen Gewerkschaften mit ihren sechs Millionen Mitgliedern waren die Bastion der Demokratie in Deutschland", schreibt Woytinsky. "Ich setzte mehr Vertrauen in sie als in die SPD oder die Zentrumspartei. Ich kritisierte an ihnen bloß die mangelnde Initiative, ihre zögernde Abneigung, sich schwierigen Problemen zu stellen, und ihre Bereitschaft, sich alle Entscheidungen von der SPD abnehmen zu lassen. Nun verlangten sie meinen Rat in wirtschaftlichen Fragen. Ich hatte kein Verlangen danach, mich wieder in politische Kämpfe zu stürzen, aber die Gewerkschaften wirtschaftspolitisch zu beraten, wäre vielleicht etwas anderes. Mein Rat könnte ihnen und der ganzen Arbeiterbewegung in Deutschland von Nutzen sein. Es war einen Versuch wert. Ich beschloß, das Angebot des ADGB anzunehmen."


Anmerkungen

1. Helga Zepp-LaRouche, "Die Bedeutung des Lautenbach-Plans heute", Neue Solidarität Nr. 1-3, 2003

2. Gabriele Liebig, "Das Arbeitsbeschaffungsprogramm des ADGB hätte die Hitler-Diktatur verhindern können", Neue Solidarität Nr. 47-48, 1996

3. Helga Zepp-LaRouche, "Nur große Infrastrukturprojekte können die deutsche Wirtschaft retten", Neue Solidarität Nr. 49, 2002

4. "Wir brauchen ein Neues Bretton-Woods", Interview mit Heiner Flassbeck, Neue Solidarität Nr. 47, 2004

5. Dr. Wilhelm Lautenbach, "Der Lautenbach-Plan: Produktive Kreditschöpfung als Notmaßnahme gegen die Depression", Neue Solidarität Nr. 1-2, 2002

Lesen Sie dazu auch:
Kernthema: Produktive Kreditschöpfung (Neue Solidarität online)

 

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