* * * Internetforum mit Helga Zepp-LaRouche * * *
Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Gehe zu ... Kernthemen Suchen Abonnieren Leserforum

Artikel als
=eMail=
weiterleiten

Aus der Neuen Solidarität Nr. 25/2005

Jetzt
Archiv-CD
bestellen!

  Produktive Kreditschöpfung 
  Neues Bretton Woods
  Glass-Steagall
  Physische Wirtschaft
  Kernenergie
  Eurasische Landbrücke
  Transrapid
  Inflation
  Terror - Cui bono?
  Südwestasienkrise
  11. September und danach
  Letzte Woche
  Aktuelle Ausgabe
  Ausgabe Nr. ...
  Heureka!
  Das Beste von Eulenspiegel
  Erziehungs-Reihe
  PC-Spiele & Gewalt 
  Diskussionsforum
  Wirtschaftsgrafiken
  Animierte Grafiken

Vor einer Kettenreaktion auf den Finanzmärkten?

Am Ende des zweiten Quartals müssen die Karten auf den Tisch gelegt werden. Einige Hedgefonds sind in eine akute Schieflage geraten und drohen Banken und Anleger mit in den Abgrund zu reißen.


Zentralbanken in Ungewißheit
Regulierung sichert Arbeitsplätze

Seit dem 5. Mai, als 450 Milliarden Dollar Schulden von General Motors und Ford auf "Ramsch"-Status herabgestuft wurden, pflanzt sich eine Welle der Zerstörung durch das Weltfinanzsystem fort. Das Medium, welches die Schockwelle von einem Teil des Systems zum nächsten transportiert, sind Finanzderivate. Insbesondere der Markt für Kreditderivate - hochkomplexe Wetten zwischen je zwei Parteien auf den künftigen Preis eines Bündels von Schuldentiteln - wurde durch die Abstufung vollständig durcheinandergewirbelt. Einige Hedgefonds haben dabei das gesamte Kapital ihrer Anleger verspielt.

Keinem der Beteiligten liegt etwas daran, derartige Ereignisse in der Öffentlichkeit breitzutreten. Und da die meisten Hedgefonds keiner nennenswerten Kontrolle durch irgendwelche Behörden unterliegen, kann man die Dinge eine Weile unter den Teppich kehren. Besonders groß dürfte die Zahl derjenigen Hedgefonds sein, die sich zwar gerade noch über Wasser halten, aber tödlich verwundet wurden. Sie sind nun verzweifelt bemüht, Anlagen zu liquidieren, um mit dem erlösten Kapital an anderer Stelle Löcher zu stopfen. Auf diese Weise werden weitere Märkte, etwa die für Ölkontrakte oder Währungen, mit in den Strudel hineingerissen.

Zugleich wird die Zerstörungskraft der Schockwelle noch beständig verstärkt durch die Panik, die längst unter den Anlegern von Hedgefonds ausgebrochen ist. An jedem Monatsende werden sie von ihrem Fonds über den Stand der Dinge unterrichtet. Jetzt wollen sie nur noch raus. Dies zwingt wiederum die Hedgefonds, entweder zusätzliche "Notschlachtungen" vorzunehmen, wodurch sie noch größere Verluste einfahren, oder mit neuen, extrem riskanten Finanzwetten alles auf eine Karte zu setzen.

Das volle Ausmaß dieses finanziellen Dramas kann zur Zeit niemand mit Bestimmtheit angeben, weil es sich hier, wie der Chef der deutschen Finanzaufsicht Jochen Sanio bemerkte, um die "schwarzen Löcher" des Finanzsystems handelt. Hinter vorgehaltener Hand zirkulieren allerdings Schätzungen, wonach die 8 000 weltweit tätigen Hedgefonds durch Derivatverluste und Kapitalabzug möglicherweise 20 bis 40% ihres gesamten Kapitals eingebüßt haben.

Am 14. Juni berichtete die Londoner Financial Times, ihr sei der neueste Investorenbrief von GLG Partners, der größten europäischen Hedgefondsgruppe, zugespielt worden. GLG sitzt in London und unterhält 16 verschiedene Hedgefonds. Einer dieser Fonds mit dem Namen Credit Fund hat nach Angaben des GLG-Managements im Mai einen Verlust in Höhe von 14,5% eingefahren. Der Credit Fund handelt mit Unternehmensanleihen und Kreditderivaten.

In dem Brief ist GLG nach Kräften bemüht, seinen Investoren eine halbwegs beruhigende Geschichte zu erzählen, auf daß diese ihr Kapital im Fonds belassen. So behauptet GLG, die Verluste seien nur deshalb eingetreten, weil man für die Derivatwetten ein bestimmtes mathematisches Modell verwendet habe, welches die Auswirkungen der Abstufung von General Motors und Ford auf die Preise verschiedener Kreditderivate falsch vorhergesagt habe.

Die gute Nachricht lautet: GLG wird fortan mit einem - angeblich - besseren Modell arbeiten. Die schlechte Nachricht besteht darin, daß zahlreiche Hedgefonds exakt nach dem Modell des europäischen Marktführers GLG gearbeitet haben und deshalb ebenfalls schwer getroffen sein müssen. GLG selbst schreibt in dem Brief: "Segmente der Hedgefondsgemeinschaft und eine substantielle Zahl von Investmentbanken kurieren aufgrund der jüngsten Marktbedingungen an schweren Verlusten bei strukturierten Kreditkontrakten."

Niemand soll glauben, die Zusammenbruchserscheinungen ließen sich auf den Hedgefondssektor begrenzen. Die Zahl der Hedgefonds hat sich in den vergangenen drei Jahren nur deshalb verdoppelt, weil diese vielfach aus dem Management von Großbanken heraus gegründet wurden und eigentlich den verlängerten Arm dieser Banken darstellen. Sowohl über Kredite wie über Derivatwetten sind Hedgefonds und Banken auf das engste miteinander verstrickt.

Die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley meldete am 13. Juni einen Gewinneinbruch im zweiten Quartal um 20%, der mit der andauernden Krise bei Hedgefonds und Kreditderivaten unmittelbar in Zusammenhang gebracht wird. Am gleichen Tage gab Morgan Stanley bekannt, der Vorstandsvorsitzende Philip Purcell werde seinen Hut nehmen. Drei Tage später mußte auch Goldman Sachs den Absturz des Quartalsgewinns auf den tiefsten Stand seit drei Jahren berichten. JP Morgan und UBS haben bereits Gewinnwarnungen abgegeben. Seit dem 10. Mai kursieren zudem - unter anderem von amerikanischen Großbanken verbreitete - Meldungen über beträchtliche Derivatverluste bei der Deutschen Bank.

Zentralbanken in Ungewißheit

In ihrem jüngsten Quartalsbericht zur Lage an den Finanzmärkten kommt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) nicht daran vorbei, zu den genannten Ereignissen Stellung zu nehmen. Gleich zu Beginn des Berichts wird eingeräumt, daß die weltweiten Kreditmärkte gerade von der größten Verkaufswelle seit drei Jahren erfaßt wurden. Die Probleme der US-Automobilunternehmen haben allgemein die Risikoprämien auf Unternehmensanleihen hochschießen lassen und zu "ungewöhnlicher Volatilität" bei sog. "Credit Default Swaps" (CDS), speziellen Kreditderivaten, geführt.

"Einige Hedgefonds verloren Berichten zufolge substantielle Beträge mit Kontrakten, die General Motors und Indizes von CDS-Tranchen beinhalteten. Die Furcht vor systemischen Konsequenzen nach dem Zusammenbruch einiger dieser mit hoher Hebelwirkung agierenden Spieler lastete auf dem Kreditmarkt in der ersten Maihälfte. Es heißt, die Kreditmärkte seien zusätzlich unter Druck geraten, weil Hedgefonds nach liquideren Positionen strebten, da einige Fonds einen Anstieg von Kapitalabzügen als Reaktion auf die schwachen Ergebnisse der letzten Monate antizipierten."

Anfang Juni, bei Fertigstellung des Berichts, sei "noch nicht absehbar, ob die Verkaufswelle an den Kreditmärkten" ihren Höhepunkt überschritten habe. Mehrfach führt die BIZ einen Vergleich mit den finanziellen Turbulenzen nach dem Kollaps der russischen GKO-Anleihen im August 1998 und der sich daran anschließenden LTCM-Systemkrise an, um sogleich zu behaupten, es werde diesmal wohl nicht so schlimm kommen.

Auch der Vorsitzende der amerikanischen Federal Reserve sieht sich genötigt, die Folgen der Derivate für das System in der Öffentlichkeit herunterzuspielen. Anläßlich einer Bankenkonferenz in China betonte Alan Greenspan am 7. Juni: "Nach einem starken Wachstum könnte die Branche zeitweilig wieder schrumpfen und viele vermögende Fondsmanager und Investoren weniger vermögend sein." Hedgefonds weiteten ihr Risiko beständig aus und "entwickeln immer komplexere Handelsstrategien". Dennoch gebe es keinerlei Gefahr für das Finanzsystem. Greenspan hat sich in der Vergangenheit immer vehement gegen eine echte Regulierung von Hedgefonds ausgesprochen.

Regulierung sichert Arbeitsplätze

Selbst die vorsichtigen Ansätze zur Regulierung, welche Bundeskanzler Schröder auf dem G8-Treffen im Juli anregen will, lösen im Finanzestablishment heftigste Reaktionen aus. Besonders deutlich wurde der amerikanische Finanzminister John Snow, der sich am 14. und 15. Juni in Europa aufhielt.

In Brüssel forderte Snow von den europäischen Regierungen die sofortige Einstellung jeglicher antikapitalistischer Rhetorik. Andernfalls würden in der Zukunft amerikanische Investitionen in Europa ausbleiben. Keinesfalls dürften Hedgefonds einer starken Kontrolle unterstellt werden. Schließlich handele es sich um "unglaublich wichtige Spieler an den Finanzmärkten. Sie machen die Finanzmärkte effizienter, bewegen Kapital umher und legen es in die Hände derer, die damit am meisten anfangen können." Angesichts der eskalierenden Hedgefondskrise sowie der dramatischen Ereignisse im September 1998, als die Schieflage des Fonds Long Term Capital Management (LTCM) um ein Haar das Weltfinanzsystem zum Einsturz gebracht hätte, klingen diese Äußerungen wie Hohn.

Abgesehen von den finanziellen Erschütterungen gibt es einen weiteren dringenden Grund für die sofortige Überwachung und Beschränkung der Aktivitäten von Hedgefonds: Gemeinsam mit Private-Equity-Fonds (Beteiligungsgesellschaften) kaufen sich diese zur Zeit in Hunderte von deutschen Unternehmen ein, um sie kurzfristig unter Kontrolle zu bekommen, die Vermögenswerte zu plündern und anschließend die Anteile mit Gewinn zu verkaufen.

Während Private-Equity-Fonds die vollständige Übernahme von Unternehmen innerhalb weniger Jahre anstreben, begnügen sich Hedgefonds zumeist mit Minderheitsbeteiligungen. Sowohl im Fall der Deutschen Börse wie beim Maschinen- und Anlagenbauer IWKA gelang es Hedgefonds, unter den übrigen Aktionären zwecks eines gemeinsamen kurzfristigen Beutezugs eine Revolte anzuzetteln und die Geschäftsführung aus dem Amt zu jagen. Schon bei 16 der 30 im DAX gelisteten Großunternehmen Deutschlands besitzen internationale Hedgefonds beträchtliche Beteiligungen. DaimlerChrysler gehört nach Schätzungen des Managements schon zu 10-15% einer Gruppe von Hedgefonds.

Immer häufiger gelingt es Hedgefonds, sich größere Aktienpakete gegen geringe Gebühr für einige Wochen auszuleihen, diese sodann an den Börsen zu verkaufen, wobei die Kurse in den Keller fallen, um dann zum Ende der Leihfrist die gleichen Aktien zu stark erniedrigten Preisen zurückzukaufen. Diese Leerverkäufe stellen nicht nur Manipulationen des Marktes dar, sie können Hedgefonds zudem für gewisse Zeit bedeutende Beteiligungen an den jeweiligen Unternehmen verschaffen.

Ein weiteres immer häufiger angewandtes Mittel, um gerade mittelständische Unternehmen in Deutschland in den Griff zu bekommen, ist das Aufkaufen von faulen Schulden. Massenhaft verschachern die deutschen Großbanken gegenwärtig ihre Unternehmenskredite an spekulativ ausgerichtete Fonds im In- und Ausland. Besitzt man erst einmal die Schulden eines Unternehmens, so kann man dessen Management zu Maßnahmen zwingen, die kurzfristig den Aktienkurs in die Höhe treiben. Man kann auch zunächst einen Tausch der Schulden gegen Anteile erpressen und sodann das Unternehmen zur Aufnahme neuer Schulden zwingen, wobei der Kreditbetrag oder der Erlös der Anleihe unverzüglich auf die Konten des Fonds transferiert werden.

Zum Schutze der Volkswirtschaft ist sofortiges Handeln angebracht.

Lothar Komp

 

Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Kernthemen Suchen Abonnieren Leserforum