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Aus der Neuen Solidarität Nr. 42/2005

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Finanzsystem: Einsturzgefahr durch Heuschrecken-Fonds

1998 hatte schon einmal der Beinahebankrott des Spekulationsfonds LTCM das Weltfinanzsystem ins Schleudern gebracht. Jetzt droht erneut ein systemisches "Klumpenrisiko" bei den spekulativen Hedgefonds.


"Heidenangst" vor Derivatspekulation
Großbanken & Hedgefonds Hand in Hand

Keine wirksame Regulierung

Explosion bei Kreditderivaten

Neue Hedgefondsskandale

Vor sieben Jahren stand das Weltfinanzsystem unmittelbar vor dem Kollaps. Am 23. September 1998 rief die New Yorker Federal Reserve über Nacht die Chefs der 16 größten Banken der Welt zusammen, um unverzüglich eine gemeinsame Rettungsaktion für den gerade untergegangenen Hedgefonds Long-Term Capital Management (LTCM) einzuleiten. Diesem war es gelungen, mit rund 3 Mrd. $ an Investorenkapital 100 Mrd. $ an Bankkrediten hereinzuholen und damit wiederum Finanzwetten im Nominalvolumen von mindestens 1 200 Mrd. $ einzugehen. Andere Schätzungen der Derivatverpflichtungen von LTCM beliefen sich sogar auf bis zu 3 Bio. $.

Wäre mit LTCM in all diesen zweiseitigen Finanzwetten jeweils die eine Partei ausgefallen, hätte dies praktisch jedes große Finanzinstitut rund um den Globus ins Schleudern gebracht. Einige Monate nach dem Beinahe-Zusammenbruch von LTCM mußte der damalige IMF-Direktor Michel Camdessus deshalb einräumen, im September/Oktober 1998 habe das Weltfinanzsystem "am Rande des Zusammenbruchs" gestanden.

"Heidenangst" vor Derivatspekulation

Heute gibt es sehr viel mehr Hedgefonds als vor sieben Jahren, und sie bewegen ein zehnmal größeres Kapital. Am 22. September schockte der Präsident der deutschen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin), Jochen Sanio, die anwesenden Bankiers auf einer von Goldman Sachs organisierten Konferenz in New York mit der Warnung, eine neue Derivatkatastrophe wie im Falle LTCM stehe möglicherweise unmittelbar bevor: "Es wird geschehen. Und niemand ist im Moment darauf vorbereitet. Deshalb habe ich eine Heidenangst."

Angst gibt es wohl, was sich nicht zuletzt in dieser wie auch mehreren anderen Konferenzen über Hedgefonds und Derivate zeigt. Am 14. September hatte die Federal Reserve zu diesem Thema führende internationale Banken nach New York eingeladen. Dabei ging es um die völlig unübersichtliche Lage der mehrfach verschachtelten Derivatkontrakte zwischen Banken und Hedgefonds sowie Hedgefonds untereinander.

Ein Großteil dieser enorm vielen Derivatverträge wurden nie rechtsverbindlich unterschrieben, was beim Zahlungsausfall einer Vertragsseite zu chaotischen Verhältnissen führen kann. Die Zahlungsverpflichtungen durch nicht rechtsverbindlich unterschriebene Derivatverträge scheinen sich in den Computern der "Hinterzimmer" von Banken und Hedgefonds riesig aufzutürmen.

Am 5. Oktober trafen dann führende Vertreter von Aufsichtsbehörden für die Finanzmärkte in Frankfurt zusammen. Wiederum erklärte BaFin-Chef Jochen Sanio, die Hedgefonds seien die "schwarzen Löcher der internationalen Finanzmärkte... Niemand weiß genau, was da vor sich geht". Daher stellten Hedgefonds eine "ziemliche Bedrohung der Stabilität der Finanzmärkte" dar. Auf dem Frankfurter Treffen erklärte Michel Prada von der französischen Finanzaufsichtsbehörde, angesichts der Tatsache, daß an manchen Handelstagen mehr als die Hälfte des Handelsvolumens an den New Yorker Börsen auf Hedgefonds entfalle, seien die bisherigen Versuche der Regulierung dieser Fonds wenig zufriedenstellend. Am 10/11. Oktober fand in London eine Konferenz mit dem aufschlußreichen Titel "Hedgefonds und systemische Risiken" statt. All das zeigt eine weitverbreitete - und völlig berechtigte - Angst, daß ein neues LTCM-Desaster jederzeit passieren kann.

Dadurch, daß man die "Übersichtlichkeit", die "Abwicklungsabläufe" und die "Rechtssicherheit" bei der Derivatspekulation von Banken und Hedgefonds erhöht, ist dem Problem aber nicht beizukommen. Die Derivatspekulation muß nicht "besser erfaßt" werden, damit die Aufsichtsbehörden einen Überblick gewinnen können, sondern sie muß so effektiv reguliert werden, daß sie damit unterbunden wird, um die enormen spekulativen Mittel in langfristige realwirtschaftliche Investitionen umzuleiten.

Ein früheres Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank erklärte am 6. Oktober in einem privaten Gespräch mit einem Vertreter von EIR, er fürchte aufgrund der außer Kontrolle geratenen Derivatspekulation der Hedgefonds einen "wirklich großen Knall im Finanzsystem".

Großbanken & Hedgefonds Hand in Hand

Die führenden Banken selbst betreiben die Ausweitung des Hedgefondssektors, um mit diesem verlängerten Arm in hochriskante Abenteuer einzusteigen, ohne dabei irgendeiner Finanzaufsicht zu unterliegen. Die enge Verknüpfung zwischen Großbanken und Hedgefonds wurde gerade durch eine Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) belegt. Sie trägt den Titel Hedge Funds and their implications for financial stability.

Bekanntlich haben sich in den letzten paar Jahren mehrere Tausend führende Derivathändler von Großbanken, mit ausdrücklicher Unterstützung der jeweiligen Bank, selbständig gemacht und einen "eigenen" Hedgefonds gegründet. Dieser erfährt sodann eine Rundumbetreuung durch dieselbe Bank, einschließlich der Versorgung mit Krediten und der Überlassung der Handelscomputer. Dieses neue Geschäftsfeld der Banken nennt man "Prime Brokerage". Nach der EZB-Studie ragen in diesem Bereich drei Banken weltweit heraus: Morgan Stanley, Goldman Sachs und Bear Sterns.

Morgan Stanley arbeitet derzeit mit 398 Hedgefonds zusammen, gefolgt von Goldman Sachs (341), Bear Sterns (299), UBS (98), ABN Amro (72), Citigroup (69), der Deutschen Bank (67), Lehman Brothers (60), CSFB (53), Merrill Lynch (39) und Credit Agricole (34). Auch hinsichtlich des von diesen Hedgefonds eingesammelten Kapitals haben die drei amerikanischen Investmentbanken die Nase vorn; Morgan Stanley 66 Mrd. $, Bear Sterns 52 Mrd. $ und Goldman Sachs 51 Mrd. $. Nimmt man LTCM zum Maßstab, dann gerät man bei der Abschätzung des Derivatvolumens dieser Fonds in schwindelerregende Höhen.

Keine wirksame Regulierung

In der EZB-Studie taucht zwar das Wort LTCM an 33 verschiedenen Stellen auf, jedesmal mit Zusätzen wie "Debakel", "Krise" oder "Beinahezusammenbruch", aber auf konkrete Vorschläge für eine Regulierung wartet man vergebens. Stattdessen wird ein Überblick über den weltweiten "Stand der Diskussion" im Finanzestablishment geliefert, und da wolle man keine direkte Regulierung von Hedgefonds, allenfalls eine indirekte Regulierung über die jeweiligen Gegenparteien in Derivatkontrakten, das heißt insbesondere die Großbanken.

In Europa habe man in den vergangenen Jahren eher versucht, bestehende Regulierungen abzubauen, um Hedgefonds, die heute zu rund 60 % ihr Hauptquartier in Offshore-Zentren wie den Cayman Islands aufgeschlagen haben, an die europäischen Finanzplätze zu bringen. Und die Europäische Kommission habe deutlich gemacht, daß sie auf absehbare Zeit keinerlei Initiative zur Regulierung von Hedgefonds anstrebe.

Immer größere Teil des Finanzsystems stehen neuerdings unter der Kontrolle von Hedgefonds und der von ihnen betriebenen Finanzwetten. Selbst die Aufrechterhaltung von jährlich rund 800 Mrd. $ an Kapitalzuflüssen, die für die Finanzierung des US-Handelsdefizits unerläßlich sind, wird zunehmend eine Sache von Hedgefondsaktivitäten. So berichtete das US-Finanzministerium am 16. September, im Monat Juli seien netto 87,4 Mrd. $ an Kapital in die USA geflossen.

Bislang war man gewohnt, daß asiatische Zentralbanken, insbesondere die von Japan und China, den Löwenanteil dieser Nettokäufe an US-Wertpapieren ausmachten, um auf diese Weise ihre Währungen an einem zu raschen Anstieg zu hindern. Inzwischen hat sich die Lage aber grundlegend geändert. Deutlich mehr als die Hälfte der Kapitalzuflüsse im Juli, und zwar 50,4 Mrd. $, stammten aus der Londoner City (25,8 Mrd. $) und den folgenden Offshore-Zentren: Bahamas (8,6 Mrd. $), Cayman-Inseln (4,5 Mrd. $), Karibikinseln (11,5 Mrd. $). Die Kapitalzuflüsse aus Asien machten nur noch 27,8 Mrd. $ aus, angeführt von China (13,8 Mrd. $), Hongkong (5,1 Mrd. $) und Japan (4,9 Mrd. $).

Explosion bei Kreditderivaten

Neben Finanzwetten auf die künftigen Preise von Erdöl und anderen Rohstoffen, die wiederum in entscheidender Weise die tatsächlichen Preise bestimmen, gibt es einen anderen Bereich von Derivaten, dessen Volumen gegenwärtig explosionsartig anwächst: Kreditderivate. Hier wettet man darauf, ob Unternehmen wie Parmalat, General Motors oder auch die Deutsche Telekom ihren Verpflichtungen bei ausstehenden Bankkrediten und Anleihen nachkommen werden. Auch bei Herabstufungen dieser Unternehmen durch die Ratingagenturen kann man mit Kreditderivaten viel Geld gewinnen - oder verlieren.

Noch vor fünf Jahren waren Kreditderivate kaum vorhanden. Am 28. September veröffentlichte die International Swaps and Derivatives Association (ISDA), eine private Organisation der 650 wichtigsten Banken und übrigen Derivathändler in der Welt, ihren neuesten Halbjahresbericht. Danach ist das Volumen ausstehender Kreditderivate im ersten Halbjahr 2005 von 8,42 auf 12,43 Bio. $ angestiegen, ein Zuwachs um 48 %. Im Vergleich mit den Zahlen vom Vorjahr (5,44 Bio. $) ergibt sich eine jährliche Wachstumsrate von 128%.

Diese Wetten türmen sich auf, während zugleich die Ratingagenturen eine Lawine von Herabstufungen vorbereiten. Standard & Poor's gab bekannt, man habe zur Zeit eine Liste mit weltweit 623 Großunternehmen mit dem jeweiligen Vermerk "negativer Ausblick" oder "Credit Watch", was einer verschärften Beobachtung entspricht. Gewöhnlich müßten zwei Drittel aller Unternehmen, die auf diese Liste geraten, binnen weniger Monate mit einer Herabstufung rechnen. Diejenigen Branchen, die in dieser Hinsicht die größte Verwundbarkeit aufweisen, so S&P, seien Telekommunikation, Konsumentenprodukte und Automobile (einschließlich Zulieferer). In allen drei Sektoren sei die Zahl der von Herabstufung bedrohten Unternehmen so groß wie nie zuvor. Ein neuer Flächenbrand bei Kreditderivaten und Hedgefonds, wie der nach der Ramsch-Einstufung von General Motors und Ford im Mai, könnte demnach in Kürze ausbrechen.

Im Finanzestablishment heißt es, man habe die Lage unter Kontrolle. Und Regulierung brauche man schon gar nicht. Auch der sich demnächst verabschiedende Vorsitzende der Federal Reserve verpaßt kaum eine Gelegenheit, die positive Rolle von Finanzderivaten und Hedgefonds bei der "Transmission von Risiken" zu betonen.

Mit einer Ausnahme: Fannie Mae und Freddie Mac. So schrieb Alan Greenspan in einem Brief an US-Senator Robert Bennett, Mitglied des Bankenausschusses im Senat, man müsse schleunigst etwas unternehmen, um das Risikoportfolio der beiden Hypothekenfinanzierer zu senken. Der Brief war am 2. September verfaßt und zwei Wochen später veröffentlicht worden.

Greenspan warnt: "Übermäßige Vorsicht bei der Reduzierung ihres Bestandes könnte sich als destabilisierend für unser ganzes Finanzsystem erweisen." Wegen des großen Umfangs an Anleiheverpflichtungen und daran gekoppelten Zinsderivaten hätten Fannie und Freddie zunehmend Schwierigkeiten, "die unvermeidlichen Fehlurteile in ihren komplexen Hedging-Strategien rasch zu korrigieren". Heute sei das amerikanische Finanzsystem "hochgradig davon abhängig, daß die Risikomanager bei Fannie und Freddie alles richtig machen."

Neue Hedgefondsskandale

Was die "Risikomanager" der Hedgefonds tatsächlich machen, zeigte sich vergangene Woche bezüglich der britischen "Man Group", einem der weltweit größten Hedgefonds, und dem amerikanischen Hedgefonds "Refco".

Sowohl die britische als auch die amerikanische Finanzaufsichtbehörde - FSA und SEC - haben gegen Man Group Ermittlungsverfahren eingeleitet. PAAM-Fonds auf den Cayman Islands, ein "Tochter"-Hedgefonds der Man Group, hatte bei schiefgelaufenen Derivatwetten 175 Mio. Dollar verloren. Der rechtlich dafür verantwortliche Hedgefonds Man Group unterließ es, den Investoren in PAAM ihre Spekulationsverluste mitzuteilen, obgleich Man Group dazu verpflichtet ist.

Schon vor einigen Wochen hatte Man Group eingeräumt, daß im zweiten Quartal der Zufluß neuer Mittel eingebrochen war. Könnte es sein, daß die Verlustmeldung bei PAAM nervöse Investoren dazu veranlaßt hätte, im großen Stil Kapital von Man Group abzuziehen, und dies möglicherweise die Existenz des Hedgefonds gefährdet hätte? Jedenfalls versuchte Man Group zunächst, die Derivatverluste zu vertuschen.

Auch bei Refco, einer "Topadresse" unter den Derivathändlern der Wall Street, geht es um die Verheimlichung von Derivatverlusten. Im Umfeld der LTCM-, Asien- und Rußlandkrise des Jahres 1998 verlor der Hegdefonds Refco 430 Mio. $ durch zahlungsunfähige Gegenparteien von Derivatkontrakten. Die Offenlegung der Verluste und entsprechende Rückstellungen hätten wohl bedeutet, daß Refco selbst zahlungsunfähig geworden wäre. Deshalb wurde der Verlust von mindestens 430 Mio. $ "versteckt", woran ein anderer Hegdefonds - "Liberty Corner Capital" - wesentlichen Anteil hatte.

Sieben Jahre funktionierte das Versteckspiel, aber jetzt wurde Philip Bennett, der Chef von Refco, verhaftet. Merkwürdig ist der Zeitpunkt der Auffliegens des Refco-Schwindels sowie der Versuch, Bennett zum alleinigen Übeltäter zu machen. Daß Refco jetzt aufflog, könnte damit zu tun haben, daß der Hedgefonds neben Derivatkontrakten mit Aktien, Anleihen und Devisen auch zunehmend in der Derviatspekulation mit Rohstoffen und Energie tätig geworden ist. Sind hier Spekulationen schiefgelaufen, die es unmöglich machten, die alten "faulen Kredite" versteckt weiter mitzuschleppen?

Der Fall Refco zeigt auch nochmals überdeutlich das oben erwähnte Zusammenspiel von internationalen Großbanken und Hedgefonds. Erst im Sommer 2005 wurde Refco an die New Yorker Börse gebracht - und zwar von Credit Swisse First Boston, Goldman Sachs und Bank of America. Damit war Refco allerdings kein "reinrassiger" Hedgefonds mehr, obgleich Derivatspekulation seine primäre Geschäftstätigkeit blieb. Wichtig ist, daß drei Großbanken der internationalen Spitzenliga einem rein spekulativen Hedgefonds zu den höheren Weihen der Wall Street verhalfen, der nur mit massiven Bilanzfälschungen seinen wahrscheinlichen Bankrott aufgeschoben hatte.

So etwas schiebt man natürlich gerne einem einzelnen Bösewicht in die Schuhe - in diesem Falle Philip Bennett. Aber der Fall Refco war nur möglich in dem systemischen Spekulationsgeflecht von Großbanken und Hedgefonds an der Wall Street. Die kommenden Wochen werden zeigen, daß Man Group und Refco keine Einzelfälle waren.

Nochmals: die Derivatspekulation muß nicht "transparenter" werden, sondern sie muß so effektiv reguliert werden, daß sie damit unterbunden wird und die enormen spekulativen Mittel in langfristige realwirtschaftliche Investitionen umgeleitet werden können.

Lothar Komp und Michael Liebig

 

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