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Aus der Neuen Solidarität Nr. 10/2006

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Strategieseminar in Berlin: Was steht hinter der Irankrise?

Bei einem EIRNA-Seminar in Berlin machte Lyndon LaRouche deutlich, daß die Irankrise künstlich herbeigeführt wurde und die Gefahr besteht, daß sie zum Zünder des Zusammenbruchs des Weltfinanzsystems werden könnte. Nur ein allgemeines wirtschaftliches Wiederaufbauprogramm bietet einen Ausweg. Erster Schritt dazu müsse die Entmachtung von US-Vizepräsident Dick Cheney sein.


Globalisierung und Dauerkrieg
Was wissen wir über den Iran und sein Atomprogramm?

Helga Zepp-LaRouche: Dialog der Kulturen

Die Diskussion um Hintergründe und Implikationen der Krise um das iranische "Atomprogramm" standen auf dem Programm eines Strategieseminars der Nachrichtenagentur Executive Intelligence Review (EIR) am 2. März in Berlin. In vielen Institutionen der Hauptstadt - von Regierungskreisen bis zu den diversen Denkfabriken - hatte im Vorfeld des Seminars der ungewöhnliche Denkansatz des amerikanischen Oppositionspolitikers und Herausgebers von EIR, Lyndon LaRouche, zu lebhaften Diskussionen geführt.

LaRouche hatte am 3. Februar öffentlich in Washington erklärt, ein Krieg gegen den Iran sei lediglich der Zünder, die Bombe, die dadurch explodieren würde, sei das globale Finanzsystem. Es ist im allgemeinen nicht üblich, militärstrategische und ökonomische Probleme als komplexes Ganzes zu betrachten - genau dies ist aber im Fall einer kompetenten Beurteilung der Irankrise notwendig, denn die simplen Erklärungsmodelle versagen angesichts einer hochkomplexen, multidimensionalen Krisenlage vollkommen.

Dies war gewissermaßen der Kern der Erkenntnis, den die 70 ausgewählten Besucher des Seminars mitnehmen konnten, zu denen 15 Vertreter von Botschaften aus dem Nahen Osten, Asien und Afrika sowie zahlreiche Diplomaten, Professoren, Politiker, Geschäftsleute und Journalisten gehörten, die mit der Region vertraut sind.

Globalisierung und Dauerkrieg

Lyndon LaRouche eröffnete das Seminar mit einer schonungslosen Lagebeurteilung der amerikanischen Wirtschaft und des Weltfinanzsystems. Die amerikanische Ökonomie sei angesichts der Immobilienblasen, dem Kollaps der Autoindustrie und der Infrastruktur ein einziges Desaster, und das Weltfinanzsystem, das in den 70er Jahren das System von Bretton Woods ablöste, stehe vor dem Kollaps. Der einzige Ausweg wäre, langfristige staatliche Kreditlinien in erheblichem Umfange für den Wiederaufbau der amerikanischen Infrastruktur, insbesondere in den Bereichen Transport und Energie, bereitzustellen - so wie es dem eigentlichen Geist des Amerikanischen Systems entspricht und unter Franklin D. Roosevelt in den 30er Jahren Amerika aus der Depression geführt hat. Die Anwendung dieser Prinzipien in Europa und Asien, so LaRouche, sei die einzige strategische Perspektive für Frieden.

Langfristige Investitionen in die Produktion von Trinkwasser, die Herstellung neuartiger Rohstoffe sowie eines modernen Infrastrukturnetzes auf eurasischer Ebene bildeten die wirkliche Herausforderung des 21. Jhs. "Wir können als Staatengemeinschaft diese Herausforderung nur durch eine vom wissenschaftlichen Fortschritt angetriebene Entwicklung neuer Technologien bewältigen, wobei dem Einsatz der Kernenergie eine zentrale Rolle zukommt", betonte LaRouche.

Damit war das Thema gesetzt: Der Iran hat nicht nur das Recht auf die friedliche Nutzung der Kernenergie, sondern zur langfristigen Friedenssicherung ist dies sogar die Voraussetzung.

Worum geht es also wirklich bei dem Säbelrasseln gegen den Iran? Bastelt der Iran an der Atombombe? Ist das "Mullah-Regime" eine ernsthafte Bedrohung für Israel oder gar Europa? Zur Frage der eigentlichen Motive hinter einem möglichen Angriff auf den Iran sagte LaRouche folgendes: "Ein Angriff auf den Iran würde den Ölpreis auf 200-300 $ treiben, dies würde zu globalem Chaos führen. Das ist es, was die Leute um Dick Cheney und die Finanzinteressen in London erreichen wollen! Sie wollen einen neuen ,Kreuzzug' gegen eine Milliarde Muslime, der sich zu einem permanenten Krieg der Religionen auf dem Globus ausbreiten würde." Wie kann jemand dies wollen und warum? So wurde vielfach aus dem Publikum gefragt.

LaRouche entgegnete: "Die meisten Leute suchen nach einfachen Erklärungen, aber wir müssen ein historisch-strategisches Verständnis einer hochkomplexen Lage entwickeln. Hier geht es nicht um einen Krieg zwischen zwei Nationen, sondern wir müssen verstehen, daß es globale Mächte sind, wie zur Zeit des Römischen oder Babylonischen Empires, die heute unter dem Begriff der "Globalisierung" ihre Macht durchsetzen wollen. Sehen wir uns die Hedgefonds an, die systematisch die Volkswirtschaften zerstören. Ein Angriff auf den Iran hätte nichts mit dem Iran zu tun, der Iran ist nicht die Ursache, sondern lediglich das Angriffsziel. Denn wenn ein Land über Hochtechnologie verfügt, kann es sich leichter gegen die Globalisierung wehren. Darum geht es: Die Finanzinteressen Londons und die Kreise um Dick Cheney sind bereit, die Zivilisation zu zerstören, um ihre Form der Globalisierung, die man auch als ,Universalfaschismus' bezeichnet, durchzusetzen."

Aus diesem Grund sei der entscheidende erste Schritt zur Friedenssicherung, den Rücktritt Dick Cheneys vom Amt des US-Vizepräsidenten herbeizuführen. Dies hätte weitestreichende strategische Implikationen, so LaRouche, im Sinne einer massiven Schwächung der privaten Finanzinteressen um George Shultz, der eigentlichen grauen Eminenz hinter Cheney und den Neocons.

Was wissen wir über den Iran und sein Atomprogramm?

Natürlich wäre die überwältigende Mehrheit in Deutschland nur allzu froh über einen Rücktritt Cheneys, allerdings fehlt noch weitgehend ein historisches Verständnis jener globalen, namentlich britischen Empire-Mächte, die vom Siebenjährigen Krieg im 18. Jh. über den Ersten Weltkrieg bis zum Zweiten Weltkrieg Europa wiederholt in die Selbstzerstörung hineingetrieben haben und die nun mit dem Thema Iran einen globalen asymmetrischen Krieg vorbereiten. Zu leicht zeigt man lediglich auf "die Amerikaner" und verfehlt damit den wichtigsten Punkt.

Insofern war es sehr instruktiv, von Oberst a.D. Jürgen Hübschen über die Konsequenzen eines US-geführten Angriffs auf den Iran zu hören. Hübschen, der als Militärattaché an der deutschen Botschaft in Bagdad tätig gewesen war, sprach nach LaRouche und beschrieb die Folgen eines (höchstwahrscheinlich nuklearen) Luftangriffs auf den Iran: "Das NATO-Bündnis würde auseinanderbrechen, die transatlantische Partnerschaft wäre endgültig kaputt, und die USA müßten überall auf der Welt ihre Truppen zurückziehen." Hübschen schloß deswegen noch längst nicht aus, daß jemand wie Cheney (im Sinne der erwähnten globalen Mächte) wahnsinnig genug wäre, trotzdem einen solchen Angriff zu befehlen. Die einzige politische Lösung des Konflikts besteht für Hübschen in folgenden Punkten:

1. Der Westen und insbesondere die USA müssen mit dem Iran als gleichberechtigtem Partner verhandeln.

2. Der Westen muß dem Iran eindeutig das Recht auf die Nuklearanreicherung zugestehen.

3. Dem Iran müsse eine Brücke gebaut werden, um freiwillig dieses Recht nicht in Anspruch zu nehmen.

4. Diese "Brücke" könnte u.a. eine Sicherheitsgarantie der USA sowie weitreichende Formen wirtschaftlicher Zusammenarbeit sein.

Oberst Hübschen wies im übrigen auf einen sehr entscheidenden Punkt hin, den die Menschen angesichts der diversen Medienkampagnen zum iranischen Atomprogramm genau bedenken sollten: Wir wissen gar nichts! Es wurden weder überzeugende Beweise für ein iranisches Atombombenprogramm vorgelegt, noch ist der Stand der jetzigen Forschungen und Experimente im Iran bekannt. Diese Sichtweise wurde von einem Vertreter des Deutschen Atomforums im Publikum unterstützt. Er erläuterte die technischen Voraussetzungen sowohl für die Urananreicherung als auch zum Bau einer Bombe. Das Fazit war: Von der Anreicherung ist der Iran noch weit entfernt, von der Bombe noch ewig weit. Dies war nochmal eine ganz deutliche Unterstützung für LaRouches These, daß der Iran nicht der Grund für einen möglichen globalen asymmetrischen Krieg, sondern höchstens der Auslöser sei.

Helga Zepp-LaRouche: Dialog der Kulturen

Am Nachmittag wurde das Seminar mit einem Vortrag der Büso-Bundesvorsitzenden Helga Zepp-LaRouche fortgesetzt. Ihr Thema war der deutsche Beitrag zur Entschärfung der Krise. Zwei grundlegende Tabus müßten gebrochen werden, die uns momentan daran hindern, sowohl nach außen wie auch nach innen den "Kampf der Kulturen" zu verhindern:

1. Eine erfolgreiche Integration der Muslime in unsere Gesellschaft hat die Überwindung der Massenarbeitslosigkeit und der sozial-ökonomischen Krisenlage zur Voraussetzung. Dies kann nur gelingen, wenn Deutschland sich aus den Fesseln des Maastricht-Vertrags und der Europäischen Währungsunion befreit.

2. Einen wirklichen Dialog der Kulturen kann es nur auf Grundlage der Anerkennung universeller Prinzipien geben. Dazu müssen die kulturellen Paradigmen der 68er Generation, wie z.B. Existentialismus und Relativismus, aufgegeben werden.

Zepp-LaRouche unterstrich dieses Argument mit dem Verweis auf die Schrift De pace fidei des großen Kardinals Nikolaus von Kues aus dem 15. Jh. Dieser hatte in Reaktion auf die gewaltsame Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453 diesen Dialog Über den Frieden im Glauben geschrieben. "Die Vertreter der verschiedenen Religionen erscheinen vor Gott", erläuterte Frau Zepp-LaRouche diesen Dialog, "um sich darüber zu beschweren, daß Gott statt einer verschiedene Religionen geschaffen habe, die nun miteinander im Streit liegen. Gottes Antwort lautet: ,Als Philosophen wißt ihr, daß es nur eine Wahrheit gibt. Und so ist es auch mit der Religion: Über allen verschiedenen Auslegungen der Religion existiert die eine, wahre Religion.' Wie Nikolaus von Kues damals müssen wir heute erst einmal nach den universellen Prinzipien der Einheit und Wahrheit suchen. Wenn wir diese gefunden haben, dann können wir uns auch über die Vielfalt der Religionen und Kulturen freuen, ohne daß dies zu Konflikten führen muß", betonte Zepp-LaRouche.

Die beiden letzten Redebeiträge des Seminars kamen aus Ägypten und den USA. Prof. Mohammad Selim von der Universität Kairo mußte leider in letzter Minute seine persönliche Teilnahme absagen, seine Rede wurde aber verlesen. Er wies darauf hin, daß die Kriegspläne der Neocons gegen den Iran in der konkreten Form seit dem Januar 2005 existieren.

Schließlich sprach Prof. Clifford Kiracofe, ein früherer Berater des außenpolitischen Ausschusses des US-Senats. Er machte ein weiteres Mal den Unterschied zwischen der ursprünglich republikanischen Tradition und der imperialen Denkweise in den USA deutlich. Das Empire-Konzept bzw. die Idee der "imperialen Präsidentschaft", wie es die Neocons jetzt unter Bush/Cheney durchzusetzen versuchen, geht auf die Zeiten des Kalten Krieges unter Truman und vor allem Richard Nixon zurück. Schon damals habe man mit gefälschten Geheimdientsberichten wie im Irakkrieg den Vietnamkrieg eskaliert bzw. die Bedrohung durch den Warschauer Pakt in geradezu paranoider Weise stark übertrieben. Die Methoden der Neocons sind also eigentlich nicht neu - warum fällt ein Teil der Öffentlichkeit immer wieder darauf herein?

Eine solche Komplexität strategischer, historischer und ökonomischer Konzepte zum Verständnis aktueller globalpolitischer Konflikte wird in der deutschen Hauptstadt selten geboten. Da ist es nicht verwunderlich, wenn einige Teilnehmer zum Teil kritisch bzw. skeptisch auf manche These reagierten. In einem waren sich die meisten jedoch einig: Wir befinden uns am Ende eines historischen Zyklus, und wir werden die zahlreichen, miteinander verknüpften Krisen nur meistern, wenn wir bereit sind, Tabus zu brechen und die Axiome des Denkens zu verändern. Vor allem müssen wir uns von den Axiomen der Technikfeindlichkeit und des Existentialismus lösen. Wenn dies gelingt und gleichzeitig mit dem Rücktritt Cheneys die Wende in den USA eingeleitet würde, dann kann die Kriegsgefahr gebannt werden.

Frank Hahn

 

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