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Aus der Neuen Solidarität Nr. 43/2006

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Muslimische Gelehrte treten in Dialog mit dem Papst

Interreligiöser Dialog. 38 muslimische Gelehrte aus aller Welt haben in einem Offenen Brief auf die Regensburger Vorlesung von Papst Benedikt XVI. geantwortet - und sein Angebot zum Gespräch angenommen.


Glaube und Vernunft
Christentum und Islam

Es sieht ganz so aus, als käme es nun doch noch zu einem konstruktiven Dialog zwischen Muslimen und Christen über den "Frieden im Glauben", die zu überwindende Kluft zwischen "Glaube und Vernunft" sowie die Absage an Gewalt im Namen religiösen Fanatismus', wie ihn Papst Benedikt XVI. mit seiner Regensburger Vorlesung auf höchstem theologischen Niveau anregen wollte. Am 12. Oktober 2006 schickten 38 muslimische Gelehrte aus fast ebenso vielen Ländern der Welt einen Offenen Brief an den Papst (dem in den internationalen Medien auffallend geringe Aufmerksamkeit gewidmet wurde). Der Brief ist einzigartig in der Geschichte der interreligiösen Beziehungen, da alle acht Schulen islamischer Gelehrsamkeit von den Unterzeichnern repräsentiert sind. Unter den Unterzeichnern sind die Großmuftis von Ägypten, Rußland, Bosnien, Kroatien, Kosovo, Slowenien, Usbekistan, Oman und Istanbul sowie ein schiitischer Ayatollah aus dem Iran.

Der "Offene Brief an seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI" beginnt so: "Im Hinblick auf Ihre Vorlesung an der Universität Regensburg in Deutschland am 12. September 2006 hielten wir es für angebracht, im Geiste eines offenen Gedankenaustauschs darauf einzugehen, wie Sie eine Debatte zwischen dem Kaiser Manuel II. Paläologos und einem ,gelehrten Perser' als Ausgangspunkt für einen Diskurs über die Beziehung zwischen Vernunft und Glauben nahmen. Wir loben zwar Ihre Bemühungen gegen die Vorherrschaft des Positivismus und Materialismus im menschlichen Leben, aber wir müssen Sie auf einige Irrtümer hinweisen, wenn Sie den Islam als Kontrapunkt zum richtigen Gebrauch der Vernunft anführen, sowie auf einige Fehler in den Behauptungen, die Ihre Argumentation untermauern sollen."

Tatsächlich überwiegt in dem Brief aber die Übereinstimmung in grundsätzlichen Fragen gegenüber der Kritik einzelner Punkte, die sich in keinem Falle auf die christliche Glaubenslehre, sondern auf die auf von Papst Benedikt herangezogene Sekundärliteratur (Theodore Khoury, Roger Arnaldez) bezieht. So stamme die Sure 2, 256 "Kein Zwang in Glaubenssachen" nicht, wie der Papst sagte, aus der Zeit, in der Mohammed "selbst noch machtlos und bedroht war", sondern in der die muslimische Gemeinschaft sich politisch und militärisch im Aufstieg befand. "Kein Zwang in Glaubenssachen war kein Gebot an Muslime, angesichts von Forderungen ihrer Unterdrücker, daß sie ihrem Glauben abschwören sollten, standhaft zu bleiben, sondern es war eine Mahnung an die Muslime selbst, daß sie, wenn sie die Macht besäßen, keines andern Herz zum Glauben zwingen könnten."

Der zweite Kritikpunkt betrifft die "Transzendenz Gottes". Papst Benedikt hatte im Anschluß an das Zitat des Kaisers Manuel II. gesagt: "Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider. Theodore Khoury kommentiert dazu: Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist der Satz evident. Für die muslimische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden, und sei es die der Vernünftigkeit. Khoury zitiert dazu den bekannten französischen Islamwissenschaftler R. Arnaldez, der darauf hinweist, daß Ibn Hazn so weit gehe zu erklären, daß Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und daß nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren."

Die 38 muslimischen Gelehrten halten dies für eine irreführende Vereinfachung. Der erwähnte Ibn Hazn (gest. 1069) sei eine unbedeutende Randfigur, viel wichtiger hinsichtlich der Transzendenzlehre sei z.B. Al Ghazali (gest. 1111).

Die Behauptung, daß Gottes Wille "an keine unserer Kategorien gebunden" sei, könne zu dem Mißverständnis führen, "daß Muslime an einen willkürlichen Gott glauben, der Böses befehlen könne oder auch nicht". Gott sei im Islam keineswegs ohne Eigenschaften, sondern heiße "der Barmherzige, der Gerechte, der Sehende, der Hörende, der Wissende und der Milde". "Das Wort für Erbarmen, rahmah wird auch übersetzt mit Liebe, Freundlichkeit und Mitleid. Von dem Wort rahmah kommt die von Muslimen täglich angewandte Gebetsformel, Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Mitleidigen. Ist es nicht selbstevident, daß es gegen Barmherzigkeit und Mitleid verstößt, das Blut von Unschuldigen zu vergießen?"

Glaube und Vernunft

Besonders interessant ist die muslimische Antwort auf Papst Benedikts Darlegungen über die Kluft zwischen Glaube und Vernunft in den westlichen Gesellschaften. Das Oberhaupt der Katholiken hatte in Regensburg seine theologische Überzeugung formuliert, "daß es zwischen Gott und uns, zwischen seinem ewigen Schöpfergeist und unserer geschaffenen Vernunft eine wirkliche Analogie gibt ... Gott wird nicht göttlicher dadurch, daß wir ihn in einen reinen und undurchschaubaren Voluntarismus entrücken, sondern der wahrhaft göttliche Gott ist der Gott, der sich als Logos gezeigt und als Logos liebend für uns gehandelt hat und handelt."

Leider sei diese Idee im Zuge der Reformation und Aufklärung verloren gegangen, beklagte der Papst. Besonders radikal habe Immanuel Kant "den Glauben ausschließlich in der praktischen Vernunft verankert und ihm den Zugang zum Ganzen der Wirklichkeit abgesprochen". Ursache der Kluft zwischen Glauben und Vernunft sei die "neuzeitliche Selbstbeschränkung der Vernunft, wie sie in Kants Kritiken klassischen Ausdruck gefunden hatte, inzwischen aber vom naturwissenschaftlichen Denken weiter radikalisiert wurde." Danach gestatte es nur noch die "im Zusammenspiel von Mathematik und Empirie sich ergebende Form von Gewißheit..., von Wissenschaftlichkeit zu sprechen ... Damit aber stehen wir vor einer Verkürzung des Radius von Wissenschaft und Vernunft, die in Frage gestellt werden muß ... Der Mensch selbst wird dabei verkürzt." Dies führe zu "Pathologien der Religion und der Vernunft", deshalb müsse der Begriff und der Gebrauch unserer Vernunft wieder ausgeweitet werden. "Nur so werden wir auch zum wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen fähig, dessen wir so dringend bedürfen."

Darauf antworteten die 38 muslimischen Gelehrten: "Die Kluft zwischen "Vernunft" auf der einen und "Glaube" auf der anderen Seite existiert im islamischen Denken nicht in genau derselben Form. Vielmehr haben die Muslime, was die Macht und Grenzen des menschlichen Verstandes betrifft, ihre eigene Lösung gefunden, die eine Hierarchie des Wissens anerkennt, von der die Vernunft ein wesentlicher Teil ist. Es gibt zwei Extreme, welche die islamische Geistestradition im allgemeinen zu vermeiden wußte: das eine ist, den analytischen Verstand zum letzten Richter über die Wahrheit zu machen; das andere ist, dem menschlichen Denken überhaupt die Fähigkeit abzusprechen, sich mit den letzten Fragen zu befassen. Noch wichtiger ist, daß die muslimische Erforschung des menschlichen Geistes in ihrer reifsten und verbreitetsten Ausprägung durch die Zeitalter einen Zusammenklang zwischen den Wahrheiten der Offenbarung des Koran und den Forderungen der menschlichen Intelligenz beibehalten hat, ohne das eines dem anderen zum Opfer fiel."

Papst legt überarbeitete Fassung
seiner Regensburger Rede vor

Mitte Oktober legte der Vatikan eine überarbeitete Fassung der Rede vor, deren verfälschende Wiedergabe in den Medien in der moslemischen Welt für scharfe Reaktionen gesorgt hatte. Der Papst nahm an fünf Stellen geringfügige Änderungen vor, um sich von den "unannehmbar schroffen" Äußerungen Manuels II. Paläologos über Mohammed zu distanzieren. Außerdem unterstreicht Fußnote 3:
   "Dieses Zitat ist in der muslimischen Welt leider als Ausdruck meiner eigenen Position aufgefaßt worden und hat so begreiflicherweise Empörung hervorgerufen. Ich hoffe, daß der Leser meines Textes sofort erkennen kann, daß dieser Satz nicht meine eigene Haltung dem Koran gegenüber ausdrückt, dem gegenüber ich die Ehrfurcht empfinde, die dem heiligen Buch einer großen Religion gebührt. Bei der Zitation des Texts von Kaiser Manuel II. ging es mir einzig darum, auf den wesentlichen Zusammenhang zwischen Glaube und Vernunft hinzuführen. In diesem Punkt stimme ich Manuel zu, ohne mir deshalb seine Polemik zuzueignen."
   Fußnote 5 wurde am Ende der folgenden Textpassage eingefügt: "Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider."
   In der Fußnote heißt es: "Einzig um dieses Gedankens willen habe ich den zwischen Manuel und seinem persischen Gesprächspartner geführten Dialog zitiert. Er gibt das Thema der folgenden Überlegungen vor."

Christentum und Islam

Natürlich fehlen im Brief der Muslime nicht Erläuterungen zum Begriff "Dschihad", was lediglich "Kampf" bedeutet, der Begriff "Heiliger Krieg" existiere im islamischen Sprachgebrauch nicht. Allerdings gebe es islamische Regeln für die Kriegführung, z.B. daß Zivilisten weder an Kampfhandlungen teilnehmen noch im Krieg Ziel von Angriffen sein dürfen. Sie erinnern daran, daß man aus Jesu Zorn auf die Geldwechsler im Tempel (Matth. 10,34-36) auch nicht ableiten würde, daß die christliche Religion gewalttätig sei. Sie zitieren den Koran "Laß keinen Haß auf irgendwen dich hinreißen, ungerecht zu sein" und verurteilen in diesem Zusammenhang terroristische Gewaltakte wie den an der Nonne in Somalia.

Später kommen sie noch einmal auf das Zitat des Manuel II. Paläologos zurück ("Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat..."), von dem sich Papst Benedikt wiederholt und sehr ausführlich (siehe Kasten) distanziert hat. Natürlich gebe es kein Gebot des Propheten, "den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten". Aber der Kaiser verkenne offenbar auch, daß Mohammed "nie behauptet hat, etwas grundsätzlich Neues zu bringen." Laut Koran sei Mohammed lediglich einer von mehreren Boten Gottes. "So ist der Glaube an den Einen Gott nicht das Eigentum irgendeiner Glaubensgemeinschaft. Nach dem islamischen Glauben haben alle wahren Propheten verschiedenen Völkern zu verschiedenen Zeiten dieselbe Wahrheit gepredigt. Die Gesetze mögen verschieden sein, aber die Wahrheit bleibt dieselbe." Dies erinnert gewiß nicht zufällig an den Dialog des Kardinals Nikolaus von Kues über den Frieden im Glauben und seine Idee der "Einheit in der Vielfalt", wozu er durch das Studium griechischer und islamischer Philosophen wie Ibn Sina (Avicenna, gest. 1037) angeregt wurde.

In diesem Geiste endet der Brief der 38 muslimischen Gelehrten. Bezugnehmend auf die (hierzulande viel zu wenig bekannten) Worte des Zweiten Vatikanischen Konzils über die muslimische Religion (Nostra Aetate, 1965) und Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. wenden sie sich an das "Oberhaupt von über einer Milliarde Katholiken und moralisches Vorbild für viele andere rund um die Welt". Sie würdigen seine wiederholten Bemühungen, die Mißverständnisse um die Regensburger Vorlesung klarzustellen und versichern: "Wir teilen Ihren Wunsch nach einem ehrlichen und ernsthaften Dialog und erkennen, wie wichtig dieser in einer zunehmend miteinander verflochtenen Welt ist." Muslime und Chriten machten zusammen 55% der Weltbevölkerung aus, daher sei "die Beziehung zwischen den beiden Glaubensgemeinschaften der wichtigste Faktor, um auf einen sinnvollen Frieden in der Welt hinzuwirken".

Hoffen wir für die Bewohner unserer hochgefährdeten Welt, daß dieser Dialog nun im cusanischen Geiste fortgesetzt wird und sich drängenden Fragen wie diesen zuwendet:

1. Wie kann der drohende Angriffskrieg gegen den Iran abgewendet werden, der einen furchtbaren asymmetrischen Weltkrieg entfesseln und die Menschheit in ein finsteres Zeitalter stürzen würde?

2. Wie kann anstelle der destruktiven Mechanismen der "Globalisierung" eine neue, gerechte Weltwirtschaftsordnung treten, in der das Prinzip "Frieden heißt Entwicklung" der Enzyklika Populorum progressio von 1966 über den "Fortschritt der Völker" endlich verwirklicht wird?

3. Wie kann die innere Zerrissenheit zwischen Glaube und Vernunft so überwunden werden, daß der Mensch das Vorbild des Schöpfers nachahmen und ihm immer ähnlicher werden kann?

Diese Fragen hat der amerikanische Denker und Oppositionspolitiker Lyndon LaRouche immer wieder aufgeworfen, auch in seiner eindringlichen Schrift vom 17. September 2006 "Hinter der Medienkampagne gegen den Papst - die Verbrechen des Engländers Bernard Lewis", die auf deutsch in Neue Solidarität Nr. 39/2006 erschien und im englischen Original auf www.larouchepac.com, auf arabisch in www.nysol.se/arabic/sida.html zu finden ist.

Lesen Sie hierzu bitte auch:
Offener Brief der muslimischen Gelehrten - Internetseite des IslamicaMagazine
Hinter der Medienkampagne gegen den Papst - Neue Solidarität Nr. 39/2006
Glaube, Vernunft und Universitšt - Regensburger Vorlesung von Papst Benedikt XVI. - Neue Solidarität Nr. 39/2006
Wie wir den Dialog der Kulturen verstehen - Internetseite des Schiller-Instituts

 

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