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Aus der Neuen Solidarität Nr. 43/2006

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Rußland und der eurasische Aufschwung:
Deutschlands zweite Chance

von Dr. Jonathan Tennenbaum

Rußland, China, Indien und andere Nationen Asiens haben eine strategische Allianz gebildet mit dem Ziel, den riesigen eurasischen Kontinent, wo zwei Drittel der Menschheit leben, zu entwickeln. Für Deutschland und Europa ist das eine kostbare zweite Chance, doch noch zu verwirklichen, was in den Jahren 1989-91 tragisch versäumt wurde. Der folgende Text ist die Einleitung zu Dr. Tennenbaums Beitrag in der neuen EIRNA-Studie Im Strudel des Systemkollapses - Eurasische Perspektive und Reanimierung der Realwirtschaft.


Produktives Dreieck und Eurasische Landbrücke
Die verpaßte Chance von 1989

Das Ende einer Epoche

Die alte chinesische Redewendung "Der Frosch im Brunnen" beschreibt anschaulich den Geisteszustand vieler Deutscher und Europäer heute: Ein kleiner Frosch lebt in einem kleinen Loch am Grunde eines Brunnens und denkt, das sei die ganze Welt. Eines Tages blickt zufällig ein Vogel in den Brunnen hinein und erzählt dem Frosch von den weiten Meeren und Ozeanen außerhalb des Brunnens. Der arme Frosch ist sprachlos vor Staunen.

Ähnlich starren in den letzten Jahren viele Menschen im krisengeplagten Deutschland nur auf ihre eigenen Probleme und merken gar nicht, wie grundlegend sich die ganze Welt verändert hat. Wir leben heute in einer anderen Welt als noch vor drei Jahren - diese Welt läuft in eine ganz andere Richtung, als sich die meisten Europäer vorstellen können. Es ist eine Welt voller Gefahren, aber auch voller enormer Chancen - ganz besonders für Deutschland. Diese Chancen liegen heute vor allem im Osten: in dem außerordentlichen wirtschaftlichen Wiederaufstieg Rußlands und in einer sich schnell entwickelnden strategischen Allianz von Nationen, deren Kern Rußland, China und Indien sowie andere wichtige Staaten Asiens bilden. Diese Nationen beteiligen sich an der gemeinsamen Verwirklichung einer großen Vision: der integrierten Entwicklung des ganzen eurasischen "Superkontinents" vom Atlantik zum Pazifik, der mit über 4,5 Mrd. Bewohnern rund zwei Drittel der Weltbevölkerung stellt.

Für Deutschland und Europa ist das eine kostbare zweite Chance, doch noch zu verwirklichen, was in den Jahren 1989-91 tragisch versäumt wurde. Bevor wir uns mit den atemberaubenden neuen Entwicklungen in Rußland und Eurasien befassen, müssen wir uns unbedingt noch einmal die große Chance von 1989 vor Augen führen und darüber nachdenken, was in der Zeit danach geschah. Nur vor diesem historischen Hintergrund können wir das Ausmaß der heutigen Chance ermessen.

Schon als der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Lyndon LaRouche im Oktober 1988 in Berlin quasi prophetisch das Ende der Sowjetunion und die deutsche Wiedervereinigung ankündigte, betonte er, Deutschlands Zukunft liege im Osten. Es sei Deutschlands große Aufgabe, die Schlüsselrolle bei der Modernisierung der gesamten Industrie und Infrastruktur Osteuropas zu übernehmen. Würde man hierzu die Methode der produktiven Kreditschöpfung anwenden - ähnlich wie etwa die berühmte Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beim westdeutschen "Wirtschaftswunder" nach dem Zweiten Weltkrieg - , dann könne die notwendige Modernisierung in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion in den größten Wirtschaftsaufschwung der Neuzeit münden.

LaRouches Perspektive war zu dem Zeitpunkt völlig realistisch. Mit dem Ende Kalten Krieges, dem Fall der Mauer und der langersehnten Wiedervereinigung erschienen die wirtschaftlichen Aussichten Deutschlands geradezu fantastisch. Geographisch und geopolitisch war Deutschland in einer idealen Position - vor allem im Hinblick auf die Nationen Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion, die allesamt auf Deutschland als bevorzugten Handelspartner und Lieferanten setzten, um die dringend benötigte Modernisierung ihrer Infrastruktur, Industrie und Landwirtschaft in Angriff zu nehmen.

Westdeutschland war der weltweit führende Exporteur im fortschrittlichsten Maschinen- und Anlagenbau. Ostdeutschland, die ehemalige DDR, war zwar wirtschaftlich ruiniert und technologisch im Vergleich zu den westlichen Industriestaaten rückständig, verfügte aber verglichen mit anderen Staaten des früheren Ostblocks über eine hochentwickelte Industrie mit gut ausgebildeten Facharbeitern sowie zahlreichen hochmotivierten Ingenieuren und Wissenschaftlern. Vor allem aber hatte die alte DDR als führende Volkswirtschaft des COMECON intensive Beziehungen zu allen Staaten Mittel- und Osteuropas sowie vielen Ländern Asiens, mit ausgezeichneten Sprachkenntnissen, Insiderwissen, langjähriger Erfahrung und wertvollen persönlichen Beziehungen.

Hätte man die Industrieanlagen in den neuen Bundesländern gründlich modernisiert und die vorhandenen wissenschaftlichen und technischen Fähigkeiten voll mobilisiert, so hätte dieser Teil der deutschen Wirtschaft die "Lokomotive" bei einem vorher nie gekannten Aufschwung spielen können: einer realwirtschaftlichen Entwicklung, die schnell ganz Mittel- und Osteuropa, Rußland und die Ukraine umfaßt und sogar bis zu Asiens Pazifikküste gereicht hätte.

Gleichzeitig schwanden 1989 über Nacht die riesigen Hindernisse und Beschränkungen, die während der ganzen Nachkriegszeit die Wirtschaftskraft Deutschlands im Osten wie im Westen gehemmt hatten: die Auswirkungen der deutschen Teilung im Zuge des "Kalten Krieges", die dazu führte, daß die westdeutsche Industrie von ihren traditionellen Märkten im Osten und die ostdeutsche Wirtschaft von denen im Westen abgeschnitten war; die verheerenden Folgen der Teilung Berlins, dem früher größten und mächtigsten Industriezentrum Europas; die Auswirkungen der militärischen und faktisch auch wirtschaftlichen Besatzung Ost- und Westdeutschlands durch ausländische Mächte; die gewaltigen Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit sowie der permanente psychologische Druck, der auf der Bevölkerung lastete; und schließlich das Fehlen wirklicher Souveränität und der sehr geringe Manövrierraum für eine unabhängige Außenpolitik im nationalen Interesse. Alle diese und andere Einschränkungen waren 1989 urplötzlich verschwunden; Deutschland schien bereit zum "Abheben".

Produktives Dreieck und Eurasische Landbrücke

All dies und mehr hatte Lyndon LaRouche bei seiner Berliner Pressekonferenz im Oktober 1988 im Sinn. 1990 erstellte eine Arbeitsgruppe unter seiner Leitung einen umfassenden Plan zur Ankurbelung eines neuen "Wirtschaftswunders" in Europa: das "Produktive Dreieck Paris-Berlin-Wien". Als entscheidender Auslöser eines europaweiten Aufschwungs sollte ein Programm für großdimensionierte Infrastrukturprojekte dienen, das in der Lage war, Ost-, Mittel- und Westeuropa zu integrieren. Im Zentrum dieses gesamteuropäischen Infrastrukturprogramms stand die zügige Errichtung eines neuen Verkehrsnetzes von Magnet- und Schnellbahnen von ca. 20 000 km Umfang, zusammen mit dem Bau modernster Energie- und Kommunikationssysteme und dem großzügigen Ausbau des europäischen Wasserstraßennetzes.

Der riesige zusätzliche Bedarf an Ausrüstung und Material, der mit dem Bau großdimensionierter Infrastrukturprojekte einhergeht, hätte bedeutet, die Industriekapazitäten im Osten Deutschlands und in ganz Mittel- und Osteuropa effizient zu nutzen, statt sie stillzulegen, also mutwillig zu zerstören, und gleichzeitig ein hohes Maß an Beschäftigung aufrechtzuerhalten und die veralteten Industrieanlagen stufenweise durch modernste westliche Technik zu ersetzen. Das geographische Dreieck Paris-Berlin-Wien, das ungefähr so groß ist wie Japan und die größte Dichte an Industrie, Infrastruktur und ausgebildeten Facharbeitern in der ganzen Welt aufweist, sollte das Zentrum dieser Investitionen in Industrie und Infrastruktur bilden. Verbände man diesen dichten Kern des "Dreiecks" mit anderen Bevölkerungs- und Industriezentren im Rest Europas durch hocheffiziente Infrastrukturkorridore - LaRouche nannte sie "Spiralarme" nach denen der Galaxien im Weltraum - , dann würde daraus das Kraftzentrum der zukünftigen europäischen Wirtschaft entstehen.

Der spektakuläre Wirtschaftsaufschwung Chinas, der sich in den 90er Jahren dramatisch beschleunigte, gab dieser Riesenchance für Deutschland und die ganze Welt eine entscheidende zusätzliche Dimension. Seit 1992 konzentrieren sich LaRouche und seine Mitarbeiter immer stärker auf Eurasien und auf die Perspektive, Europa mit seinem "produktiven Dreieck" über Rußland und Zentralasien mit den großen Bevölkerungszentren Asiens zu verbinden.

Schon früher hatte LaRouche China empfohlen, Sun Jatsens Vorschläge aus den 20er Jahren zum Bau eines gesamtchinesischen Eisenbahnnetzes und anderer großer Infrastrukturprojekte aufzugreifen und als Motor wirtschaftlicher Entwicklung einzusetzen. Als der Autor und seine Kollegin Mary Burdman 1994 anläßlich einer Verkehrskonferenz in Lanshou China besuchten, wurde deutlich, daß die chinesische Elite genau in diese Richtung dachte und anderen Nationen in Eurasien die Idee antrug, die Entwicklung Chinas und ganz besonders seines rückständigen Landesinneren mithilfe transkontinentaler Eisenbahnstrecken an die Europas anzubinden.

Die Fertigstellung des wichtigen letzten Teilstücks der Bahnverbindung zwischen China und Kasachstan ermöglichte in dieser Zeit eine neue Direktverbindung von China nach Europa; die Chinesen nennen sie die "Zweite eurasische Landbrücke", zusätzlich zur älteren der Transsibirischen Eisenbahn. Außerdem begann der Iran, sein Eisenbahnnetz massiv auszubauen; zügig wurden neue Verbindungen nach Zentralasien, Türkei und Pakistan eröffnet, aber auch zu Irans wichtiger Hafenstadt Bandar Abbas. Dahinter stand die Strategie, den Iran zu einem wichtigen Knotenpunkt eines zukünftigen euro-asiatischen Verkehrsnetzes zu machen. Eines der Resultate unserer anschließenden Gespräche mit chinesischen Wissenschaftlern und Regierungsvertretern war eine große internationale Konferenz 1996 in Peking mit hochrangigen Wissenschaftlern, Verkehrsexperten und Regierungsvertretern vieler europäischer und asiatischer Nationen, auf der Helga Zepp-LaRouche eine der Hauptreden hielt.

Auf dieser Konferenz stellte der offizielle Vertreter der chinesischen Regierung, Rui Xingweng, die folgende erstaunliche Perspektive vor:

Von diesem Denken in China angeregt, erweiterten der Autor und weitere Mitarbeiter LaRouches den Vorschlag des Produktiven Dreiecks mit LaRouches Methode der physischen Wirtschaft zu einem konkreten Programm für die wirtschaftliche Entwicklung ganz Eurasiens. Rückgrat dieses Programms ist ein neues transkontinentales Netz von "Infrastruktur-Entwicklungskorridoren" (siehe Karte) von je etwa 100 km Breite, die den ganzen eurasischen "Superkontinent" in ost-westlicher und nord-südlicher Richtung durchqueren. Durch die "Bündelung" hochmoderner Magnet- und Schnellbahnstrecken, Autobahnen, Pipelines, Energie- und Kommunikationslinien sowie Wasserstraßen schüfen diese Korridore optimale Voraussetzungen für Investitionen beim Bau neuer Städte sowie Zentren von Industrie, Bergbau und Landwirtschaft im Landesinneren und damit entlang dieser Korridore einen riesigen Exportmarkt für europäische Kapitalgüter und andere Industrieerzeugnisse.

LaRouche Antwort auf die Schlüsselfrage, wie ein derart riesiger Aufbau der Infrastruktur bezahlt werden soll, ist eine Kombination aus der bewährten Methode der produktiven staatlichen Kreditschöpfung - nach dem Vorbild von Alexander Hamilton, Franklin Roosevelts New Deal und dem Wiederaufbau Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg - sowie Export- und Entwicklungskredite im Rahmen langfristiger bilateraler Handelsabkommen zwischen den beteiligten Nationen. Voraussetzung dafür sei allerdings die längst überfällige Reorganisation des Weltfinanzsystems durch ein "Neues Bretton Woods", welches die Finanzblasen beseitigt und langfristig Währungsstabilität und geregelte Märkte sichert.

EIR erstellte dazu 1997/98 den grundlegenden Bericht Die neue Seidenstraße - Der Aufbau Eurasiens und eine radikale Reform des Weltfinanzsystems als Schlüssel zu weltweitem Wirtschaftswachstum. Der Bericht zirkulierte in verschiedenen Sprachen, und sein Inhalt wurde international auf vielen Konferenzen und Seminaren vorgestellt und diskutiert. Die "Eurasische Landbrücke" wurde praktisch zur offiziellen Politik der chinesischen Regierung, die ein positives Echo von Europa nicht nur erhoffte, sondern erwartete. Die Zusammenarbeit mit Deutschland beim Transrapid verkörperte die Perspektive, daß Deutschland bei dem anvisierten gesamteurasischen Wirtschaftsaufschwung der Hauptlieferant von Hochtechnologie-Investitionsgütern würde.

Die verpaßte Chance von 1989

Leider nahm die Entwicklung nach 1989 einen völlig anderen Verlauf. Wie konnte Deutschland angesichts dieser riesigen Chancen in die schwere wirtschaftliche, finanzielle und soziale Krise stürzen, die wir heute erleben?

Die Hoffnungen auf einen realwirtschaftlichen Aufschwung Europas wurden systematisch zunichte gemacht: 1. durch wirtschaftliche und politische Kriegführung gegen Deutschland, 2. durch Verbreitung der Ideologie der "freien Marktwirtschaft", unter der hohe Regierungsinvestitionen in Infrastruktur tabu waren - typisch war der "Thatcherismus".

Die Modernisierung der osteuropäischen Wirtschaft blieb aus. Stattdessen wurde unter dem Druck der "Schocktherapie" und anderer radikal-liberaler "Reformen" der größte Teil der Industrieanlagen in Mittel- und Osteuropa, einschließlich der früheren Sowjetunion, stillgelegt. In der ehemaligen Sowjetunion vernichtete eine Hyperinflation die Ersparnisse der Bevölkerung, und die Industrieproduktion stürzte auf ein Drittel ihres Niveaus vor 1990! Mittel- und Osteuropa, vor allem aber China und andere asiatische Staaten galten als Reservoir billiger Arbeitskräfte, die durch die beschleunigte Auslagerung ("outsourcing") der industriellen Produktionskapazitäten aus Deutschland und Westeuropa ausgebeutet wurden, während der Lebensstandard sank.

Mit den Morden am Chef der Deutschen Bank Alfred Herrhausen am 30. November 1989 und an Treuhandchef Detlev Carsten Rohwedder am 1. April 1991, deren Auftraggeber nie bekannt wurden, verlor der Teil der westdeutschen Elite, der ernsthaft entschlossen war, die neuen Bundesländer mit der im "Wirtschaftswunder" bewährten Politik langfristiger Industrieinvestitionen zu entwickeln, nicht nur zwei wichtige Führungspersönlichkeiten, sondern auch den Kopf. Da den neuen Ländern die alten Märkte im Osten verloren gingen, wurde ihre Industrie rücksichtslos abgebaut. Die Kriege auf dem Balkan, bei denen Kreise um Henry Kissinger sowie britische und französische Interessen eine üble Rolle spielten, versetzten Aussichten für einen europäischen Wirtschaftsaufschwung einen weiteren verheerenden Schlag, vor allem trieben sie einen tiefen Keil zwischen Deutschland und Rußland.

Bundeskanzler Helmut Kohl wurde durch massive britisch-französische Erpressung gezwungen, im Austausch für die deutsche Wiedervereinigung die D-Mark aufzugeben - und damit eine der Säulen von Unabhängigkeit und Souveränität. Der Maastrichter Vertrag und andere Bedingungen, die Deutschland im Zuge der Einführung des Euro aufgezwungen wurden, waren der letzte Sargnagel der deutschen Wirtschaft. Die folgende schwere Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit in Deutschland war vorprogrammiert, und die Möglichkeit, daß die deutsche Wirtschaft durch staatliche Großinvestitionen wieder auf die Beine kommt, ist auch weiterhin ausgeschlossen, solange die "Maastricht-Kriterien" gelten.

Da die deutsche Wirtschaft das Zugpferd für die europäische Wirtschaft bildet - Ost wie West - , war ganz Europa wirtschaftlich zu Lähmung und Verfall verurteilt. Die Folge ist, daß heute viele Staaten in der EU, nicht nur Länder wie Ungarn und Polen im Osten, sondern auch Frankreich und Deutschland selbst, an den Rand der Unregierbarkeit geraten. Helga Zepp-LaRouche hätte dem von ihr über dieses Thema herausgegebenen Buch keinen besseren Titel geben können als Die verpaßte Chance von 1989.

Aber heute gibt es Veränderungen auf der Welt, die nicht weniger radikal sind als die Wende von 1989 - Veränderungen, die gerade Deutschland eine riesige Chance eröffnen.

Das Ende einer Epoche

Rußland hat seine Wirtschaftskrise überwunden und nimmt jetzt seinen Platz als Weltmacht mit sehr ehrgeizigen Zukunftsplänen wieder ein. Die neue strategische Partnerschaft zwischen Rußland, China, Indien und anderen Nationen Asiens konzentriert sich ganz auf die Vision, den riesigen "Superkontinent" Eurasien mit der Wissenschaft und Technik des 21. Jahrhunderts zu entwickeln. Zusammen mit China und Indien setzen viele andere große Entwicklungsländer wie Südafrika, Iran, Argentinien, Venezuela und Brasilien auf die "Süd-Süd-Kooperation" - gegen die Regierung Bush und die Finanzkreise hinter ihr, die der Welt durch radikale Globalisierung, Deregulierung und Privatisierung einerseits und Einsatz militärischer Gewalt andererseits einen modernen Neoimperialismus aufzwingen wollen.

Wir stehen jetzt am Ende einer historischen Epoche. Das "neoliberale" Wirtschaftsmodell und die Politik der radikalen Globalisierung, Deregulierung und Privatisierung, die seit 1989 auf unserem Planeten vorherrschten, sind jetzt mit Ausnahme einer winzigen Minderheit, die davon profitiert, vor der ganzen Welt völlig diskreditiert. Auf der ganzen Welt spürt man, daß dieses System vor dem Untergang steht - und führende Nationen Eurasiens, darunter Rußland, bewegen sich schon in Richtung einer ganz anderen Welt.

Das Modell der EU von Maastricht und der verheerenden "europäischen Verfassung" hat sich als völliges Fiasko erwiesen. Die katastrophalen Folgen für Deutschland als Wirtschaftsmotor Europas und die wachsenden politischen Spannungen in Mittel- und Osteuropa, jetzt aber auch vermehrt in Westeuropa, beweisen das zur Genüge.

Aber alles das sind eher "Kleinigkeiten", verglichen mit dem verheerenden Zerfall des Dollar-gestützten Weltfinanzsystems. Deutschland erscheint zwar in dieser Frage immer noch weitgehend als ein "Tal der Ahnungslosen", aber es ist längst kein Geheimnis mehr, daß die Vereinigten Staaten selbst, als die einzige Supermacht seit 1990, mit der schlimmsten Finanz- und Wirtschaftskrise ihrer Geschichte konfrontiert sind. Diese Krise steuert jetzt mit dem Platzen der astronomischen Immobilienblase auf ihren Höhepunkt zu, während die Realwirtschaft zusammenbricht und das Land einen geistig minderbemittelten Präsidenten hat.

Man kann ohne jede Übertreibung sagen, daß die Lage in Washington jetzt in Rußland, China und Indien allgemein genauso eingeschätzt wird wie von Lyndon LaRouche: daß der proto-faschistische Charakter der Regierung Bush mit ihren Einschüchterungen untrennbar mit der Krise des gesamten Systems verbunden ist. Nicht ohne eine gewisse "Schadenfreude" betrachten führende Kreise in Rußland die offensichtlichen und wachsenden Schwierigkeiten ihres ehemaligen Gegners aus dem Kalten Krieg, der sich mit dem Irakkrieg und anderen Militäreinsätzen völlig übernommen hat und es mit wachsender Auflehnung in wichtigen Institutionen und weiten Bevölkerungsteilen zu tun bekommt.

Doch Schadenfreude hin oder her, man darf nicht übersehen, daß die Lage äußerst gefährlich ist. In den USA regieren heute ein Präsidenten und Vizepräsident mit einem höchst bedenklichem Geisteszustand, umgeben von einer fanatischen Gruppe sog. "Neocons" und gestützt von einer verzweifelten Fraktion der internationalen Hochfinanz, deren "Antwort" auf das drohende Ende des globalen Finanz- und Währungssystems in der Errichtung faschistischer Regime und Entfesselung von Kriegen besteht. Ohne fundamentalen politischen Kurswechsel in den USA hat kein Teil der Welt eine nennenswerte Zukunft. In diesem Sinne hängt tatsächlich alles ab vom Ausgang des gewaltigen Machtkampfs in den USA, wo LaRouche eine wachsende Koalition von Kräften in der Demokratischen Partei, aber auch gemäßigten Republikanern anführt, um die Macht der Bush-Cheney-Kabale im Weißen Haus zu brechen.

Auch wenn Deutschland natürlich keinerlei Grund hat, sich bequem zurückzulehnen und darauf zu warten, daß sich der positive Kurswechsel in den USA von ganz allein einstellt, sollte niemand die Illusion hegen, daß eine euro-asiatische "Wohlstandsinsel" irgendwie in einer Welt zusammen mit einem faschistischen Amerika existieren könnte. Die akute Gefahr eines großen Luftangriffs der USA auf den Iran, der praktisch jederzeit und ohne Vorwarnung droht, solange Bush und Cheney an der Macht sind, sollte daran keinen Zweifel lassen. Deshalb müssen sich die Europäer unbedingt mit den Kräften der Vernunft in den USA verbünden und diese aktiv unterstützen, während sie gleichzeitig die eurasische Entwicklungsperspektive, die tragischerweise vor 17 Jahren verworfen wurde, mit aller Macht vorantreiben.

Damit diese Chance jedoch ergriffen und genutzt werden kann, müssen die Denkschablonen der "nachindustriellen Gesellschaft", die in den letzten 30 Jahren bei den "Entscheidungsmachern" wie in der Bevölkerung vorherrschten, über Bord geworfen werden. Die kommende Entwicklung der Weltwirtschaft, angetrieben von China und Indien, wird sich durch eine sehr hohe Energie- und Materialintensität auszeichnen. Das ist schon jetzt "vorprogrammiert" durch die schiere Bevölkerungsgröße und die für ihre Entwicklung erforderliche riesige Menge an Realinvestitionen.

Heute könnte nur der Absturz ins globale Chaos oder der Ausbruch eines Dritten Weltkrieges den gigantischen Anstieg des weltweiten Verbrauchs an Energie und Rohstoffen, den die Menschheit für ihr Überleben braucht, noch aufhalten. Das hat enorme Auswirkungen auf die Zukunft Deutschlands. Jede Nation, die ihre Zukunft an dem Modell der "virtuellen Ökonomie" grüner Ideologen oder dem "Heuschrecken"-Modell des schnellen Geldes ausrichtet, wie es das wiedervereinigte Deutschland zum großen Teil in den letzten 17 Jahren getan hat, macht sich selbst sehr schnell nutzlos und irrelevant. Eine deutsche Wirtschaft, die sich an der Zukunft Eurasiens ausrichtet, wird dagegen mehr dem industriellen Motor gleichen, der den Westen Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut hat. Dieser Wachstumskurs wurde in Deutschland bis Mitte der 70er Jahre weiterverfolgt, bevor die Bildungsreformen von Willy Brandt und der OECD, die technikfeindliche "grüne" Bewegung der Kernkraftgegner und das anschließende Abdriften in die "nachindustrielle" Dienstleistungsgesellschaft sich durchsetzten. Ein Wesensmerkmal der deutschen "Wirtschaftswunderwirtschaft", ihr Flaggschiff sozusagen, war der deutsche Kernenergiesektor, damals der fortschrittlichste der Welt. Deutschland muß sich wieder als ein solcher "industriell-wissenschaftlich-technologischer Motor" sehen, wenn es von den Chancen, die sich ihm jetzt bieten, profitieren will.

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