* * * Internetforum mit Helga Zepp-LaRouche * * *
Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Gehe zu ... Kernthemen Suchen Abonnieren Leserforum

Artikel als
=eMail=
weiterleiten

Aus der Neuen Solidarität Nr. 17/2008

Jetzt
Archiv-CD
bestellen!

  Produktive Kreditschöpfung 
  Neues Bretton Woods
  Glass-Steagall
  Physische Wirtschaft
  Kernenergie
  Eurasische Landbrücke
  Transrapid
  Inflation
  Terror - Cui bono?
  Südwestasienkrise
  11. September und danach
  Letzte Woche
  Aktuelle Ausgabe
  Ausgabe Nr. ...
  Heureka!
  Das Beste von Eulenspiegel
  Erziehungs-Reihe
  PC-Spiele & Gewalt 
  Diskussionsforum
  Wirtschaftsgrafiken
  Animierte Grafiken

Die Frage des Prinzips: Das Projekt „Genesis“

Von Lyndon LaRouche
- 1. Teil -

Die folgende Schrift erschien im englischen Original am 14. März 2008; wir veröffentlichen sie in mehreren Teilen.

Wir beziehen uns hier auf Arbeiten aus dem Umkreis von Carl Woese u.a., besonders auf „Collective evolution and the genetic code“ (Kollektive Evolution und der genetische Kode) von Kalin Vetsigian, Carl Woese und Nigel Goldenfeld, Fachbereich Physik und Mikrobiologie und Institut für Genombiologie der Universität von Illinois in Urbana-Champaign, 16. Mai 2006.

Mein kritischer Beitrag beschränkt sich hier auf bestimmte hochwichtige Fragen der Erkenntnismethode, die durch eine Grundannahme hinter der von Carl Woese und seinen Mitarbeitern verwendeten Methode aufgeworfen werden. Im vorliegenden Aufsatz empfehle ich eine erneute Beschäftigung mit meinen auf Bernhard Riemanns Erkenntnisse gestützten Argumenten, wie ich sie in „Wernadskij und das Dichrichlet-Prinzip“ (Fusion 2/2005) dargelegt habe.

* * *

Mitarbeiter unseres Nachrichtenmagazins EIR, die sich weiter mit den Streitfragen beschäftigen, die im Umkreis der Fusion Energy Foundation (FEF) in den siebziger und achtziger Jahren viel Beachtung fanden, sehen in den Arbeiten von Carl Woese u.a. eine erfrischend andere Gangart als bei den radikal reduktionistischen Untersuchungen lebender Prozesse, die in den dreißiger Jahren und noch mehr in der Nachkriegszeit allgemein Verbreitung fanden, als sich ein gewisser radikal empiristischer Einfluß in der Wissenschaft durchsetzte. Typisch für letztere Praxis ist die sogenannte Cambridge-Schule der Systemanalyse, nicht nur bei den Anhängern des Exzentrikers Ernst Mach, sondern insbesondere bei den Anhängern Bertrand Russells, beispielsweise am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) im österreichischen Laxenburg.

In diesem Aufsatz geht es darum, daß Woese u.a. in dem oben erwähnten Papier, trotz der ansonsten lobenswerten Betonung der Dynamik, in einer wichtigen methodischen Frage irren. Der Irrtum besteht darin, daß sie versuchen, Fragen physikalischer Prinzipien mit den damit unverträglichen, derzeit vorherrschenden statistischen Methoden zu behandeln. Sie haben offenbar einige grundlegende Prinzipienfragen übersehen - wenn auch Prinzipien, die außerhalb des Bereichs der Biologie liegen, den sie für den Zweck ihres Berichts abgesteckt haben.

Meine Kritik richtet sich deshalb nicht auf die Einzelheiten ihres Berichts über Versuchsergebnisse in dem von ihnen gewählten Unterbereich der Biologie lebender Prozesse. Ich konzentriere mich hier auf Prinzipien, die sie gar nicht ins Spiel bringen. Sie stellen sich nicht den grundsätzlichen Problemen, die immer entstehen, wenn man bei seinen Darlegungen stillschweigend oder ausdrücklich davon ausgeht, daß die Rolle der Menschheit in der Biologie durch eine bestimmte gängige Grundannahme hinsichtlich der praktischen statistischen Methode beschränkt sei. Entscheidend ist auch, daß sie die entsprechenden Fragen zum ironischen Wechselverhältnis zwischen Biosphäre und Noosphäre weglassen. Mir geht es darum, daß durch diese Versäumnisse eine falsche Annahme, ein Fehlschluß im Aufbau, toleriert wird, der ihren Absichten wohl zuwiderläuft: nämlich die Annahme, wissenschaftliche Erkenntnisse dürften sich auf Beweise stützen, die von unbewiesenen, rein aprioristischen Annahmen ausgehen - wie den Annahmen, die aufgrund des anhaltenden Einflusses der euklidischen und kartesischen Geometrie den gängigen statistischen Methoden zugrunde gelegt wurden.

Die Autoren könnten dies als „Erbsenzählerei“ meinerseits mißverstehen. Das ist es aber nicht, wie aus der Darlegung meiner Argumente hervorgehen wird.

Die typische falsche Grundannahme ist hier, daß die Gewinnung neuer Erkenntnisse statistisch folgendermaßen ablaufen müßte: Erst untersucht man die Chemie nichtlebender Prozesse, um dann, zweitens, zum Bereich der Biosphäre überzugehen und anschließend durch Schlußfolgerung zur dritten Stufe, den einzigartigen Merkmalen der menschlichen Gattung, fortzuschreiten. Mein Ansatz verläuft, wie ich hier zeigen werde, in entgegengesetzter Richtung: von der Noosphäre abwärts zur Biosphäre und dann statistisch zu der einfacheren, reduktionistischen Sicht des Periodensystems der Elemente und seiner Isotope.1

Leider ist die Methode der statistischen Interpretation von Versuchsergebnissen, gegen die ich mich hier stelle, heute so allgemein vorherrschend, daß sie unter Wissenschaftlern oft als eine Art Wunderautorität gilt, die über die ganze Natur herrscht. Der statistische Mystizismus apriorischer mathematischer Methoden, wie in dem reduktionistischen Sophismus, den man euklidische und kartesische Geometrie nennt, hat für sie oberste Autorität.

Schlimmer noch, die heutige Wissenschaftspraxis folgt gewöhnlich der axiomatisch irrationalen Lehre des modernen philosophischen Liberalismus, die vom Präzedenzfall des mittelalterlichen Irrationalisten Wilhelm von Ockham abgeleitet ist. Ich verweise hier nachdrücklich auf den anhaltenden ererbten Einfluß der Lehre des Gründers des modernen europäischen Liberalismus, Paolo Sarpi. Dies nahm dann die Form des anglo-holländischen Liberalismus an und wirkte so auf die Wissenschaftsmethode, wie sie von Descartes, de Moivre, D’Alembert, Leonhard Euler und Joseph Lagrange praktiziert wurde. Noch schlimmer, in der heutigen Wissenschaftspraxis herrscht die degenerierte, radikal positivistische Variante dieses Liberalismus vor, die aus dem Einfluß von Ernst Mach und Bertrand Russell auf die Mechanik sowie den noch radikaleren Auswüchsen von Russells Principia Mathematica herrührt.

Wenn uns die Wissenschaft bis heute eine entscheidende Tatsache bewiesen hat, dann die, daß das Universum weder euklidisch noch etwas auch nur ansatzweise Ähnliches ist.2 Ich protestiere gegen die verdrehte Vorstellung, wissenschaftliche Argumente müßten immer a priori digital-statistisch kohärent sein. Man leitet die Argumente von diesem willkürlich gewählten ideologischen Ursprung ab, verwendet sie ohne jede Rücksicht auf diese Einseitigkeit und setzt sie als „objektiven“ Maßstab für die Interpretation physikalischer Versuchsergebnisse. Das ist das derzeit wohl größte und verbreitetste ideologische Hindernis für akademischen oder vergleichbaren Fortschritt im wissenschaftlichen Denken und in der Gestaltung der Wirtschaftspolitik.

Meine Methode der physischen Ökonomie

Meine grundsätzliche Herangehensweise an das hier vorgestellte Thema besteht darin, die Irrtümer in den inhärent reduktionistischen, sogenannten statistischen Methoden anzusprechen. Das gilt insbesondere, wenn solche Methoden verwendet werden, um das Willentliche am menschlichen Verhalten zu behandeln - so als könnte man bei jeder Beschäftigung mit anderen, niederen Lebensformen einfach darüber hinwegsehen, daß diese wichtige Besonderheit des menschlichen Verhaltens dort fehlt.

Bei allem, auf das man zum ersten Mal stößt, ist das wichtigste das, was es nicht ist. Wenn heute die unverzichtbare Bedeutung der Noosphäre für die Definition der ihr untergeordneten Biosphäre unterschlagen wird, liegt genau da das Problem, das beispielsweise die hier angesprochene Forschungsrichtung von Vetsigian, Woese und Goldenfeld gefährdet. Daher wähle ich in jedem praktischen Zweig der Naturwissenschaft, etwa in der naturwissenschaftlichen Wirtschaftswissenschaft, die Methode so, daß der entsprechende Gegenstand aus der Sicht des willentlichen menschlichen Verhaltens behandelt wird, denn man muß davon ausgehen, daß diese Dinge nicht einfach auf strikt statistische (d.h. a priori wie bei Euklid) oder vergleichbarer Weise vorhersagbar sind.3

Sehr frühe Seefahrer der Antike, die sich am Sternenhimmel orientierten, entdeckten die Kraft, die das Sternenuniversum ständig verändert, und somit die Kraft, die die Wirklichkeit definiert, in der wir leben. Wir sollten erkennen, daß kompetente Wissenschaft in allen ihren Zweigen, seit sich die erste Wissenschaft aus dieser Sternen-Seefahrt entwickelte, darin besteht, diesen Entdeckungsprozeß weiter voranzutreiben. Es werden immer mehr Prinzipien entdeckt, und deren Prozeß der Ansammlung definiert implizit den menschlichen Geist. Die Schlußfolgerung, zu der uns diese Überlegungen leiten müssen, lautet zusammengefaßt: In der heutigen Wissenschaft müssen wir vom generativen, Riemannschen Standpunkt der Wernadskijschen Noosphäre als eigentlicher Grundlage ausgehen und von da abwärts zu den funktionell untergeordneten Bereichen der Biosphäre und der unbelebten Natur fortschreiten.

So gesehen sollten wir die Biologie unterhalb des Menschen, die Biosphäre, nach Maßgabe der ihr übergeordneten höheren Autorität behandeln, also der höheren Autorität, die nur im Bereich der Noosphäre existiert. Um die Prinzipien zu definieren, innerhalb derer die Existenz der Biosphäre ontologisch liegt, sollte man - wie ich in diesem Aufsatz zeige - gerade diejenigen Aspekte der Noosphäre heranziehen, die in der Biosphäre fehlen.

Ich verweise dazu auf Beispiele falscher Ansätze, wie den typischen Fall, daß (z.B. von radikalen Positivisten) bestritten wird, daß ein wirkendes universelles Naturprinzip des Lebens überhaupt existiert, oder daß versucht wird, die Ursprünge der spezifisch menschlichen Erkenntniskräfte aus der Biologie des Tierreichs abzuleiten.

Wer heute die Bedeutung der höheren Ordnung im spezifisch menschlichen Entdeckungsprozeß wirklich verstanden hat, der weiß, daß das Universum vom Prinzip her so beschaffen ist, wie Leibniz es zum universellen physikalischen Prinzip der geringsten Wirkung erklärte oder wie Albert Einstein das Universum sah: Es ist ein dynamisches, analoges Riemannsches Universum, kein neukartesisches statistisches (digitales) Universum. Entgegen dem Schwindel des berühmten „Zweiten Gesetzes“ von Clausius, Grassmann, Kelvin u.a. existiert unser Universum für unsere Entdeckungskräfte als ein grenzenloses, endliches Universum - ein in sich geschlossener, antientropischer, universeller Prozeß ständiger Schöpfung, wie es auch im berühmten Satz des Heraklit heißt.

Beispielhaft für diesen Punkt ist für uns in der neuzeitlichen europäischen Zivilisation eine Abfolge von Entdeckungen universeller Prinzipien, wofür die einzigartigen Entdeckungen, mit denen Johannes Kepler die moderne Astrophysik begründete, typisch sind - so wie auch Einstein die beispielhafte Bedeutung von Keplers Entdeckung der Gravitation betont.4

So stützt sich mein Argument in bezug auf die erwähnte Arbeit von Woese u.a. nicht nur auf W.I. Wernadskijs einzigartige Entdeckung des universellen Naturprinzips, das wir die Biosphäre nennen, sondern auch auf Wernadskijs damit zusammenhängende Erkenntnis der Existenz der Noosphäre als einem strikt dynamischen, eigenständigen universellen Phasenraum, der auch im Riemannschen Sinne experimentell zu definieren ist. Bei der Beschäftigung mit Fragen lebender Prozesse liegt die Betonung auf den Präzedenzfällen der physikalischen Chemie, die mit der von Wernadskij übernommenen Riemannschen Methode behandelt wurden. Ich habe das für die Wissenschaft realwirtschaftlicher Prognose nachgewiesen, wo die gleichen Riemannschen Prinzipien der Noosphäre gültig sind.

Manchen mag es so erscheinen, daß die Noosphäre ein Produkt der Biosphäre sei. Es stimmt, die Biosphäre stellt der Noosphäre Stoffe zur Verfügung, und umgekehrt; aber die Noosphäre umfaßt die Biosphäre und wirkt auf sie ein. Die Noosphäre verwandelt die Biosphäre nicht nur in bezug auf die Stoffe, sie schreibt ihr auch vor, was sie zu enthalten oder zu produzieren hat, indem sie dem Substanz- und Wirkrepertoire der Biosphäre etwas entnimmt oder hinzufügt.

Mein persönlicher Beitrag zu diesem Themenkreis liegt darin, daß ich eine wirkliche physikalische Wirtschaftswissenschaft auf die Argumente Bernhard Riemanns - deren Bedeutung im Kern bereits deutlich aus seiner Habilitationsschrift von 1854 hervorgeht - gegründet habe.5 Das ist der Standpunkt, den ich seit Ende der fünfziger Jahre für den Sonderfall langfristiger Wirtschaftsprognosen und ähnliche Zwecke verwende. Meine Ansichten über die Bedeutung von Riemanns Werk für die Wirtschaftswissenschaft, die aus einer Entdeckung - einem „Funken“ - in den fünfziger Jahren erwuchsen, bilden seither die Grundlage meiner Weiterentwicklung einer naturwissenschaftlichen Wirtschaftswissenschaft, die ganz in der Tradition von Leibniz steht, indem sie den Schwerpunkt auf die Dynamik statt auf kartesische und verwandte Methoden legt. Die Gründung einer naturwissenschaftlichen Wirtschaftswissenschaft durch die Arbeiten von Gottfried Leibniz zwischen 1671 und 1716 wurde damit aufgegriffen und fortgesetzt. Meine Methode diente ab Ende der fünfziger Jahre als Grundlage für eine einmalige, nachweislich quasi fehlerfreie Serie langfristiger Wirtschaftsvorhersagen.

Der Dreh- und Angelpunkt meiner Entdeckung in diesem Bereich ist der Begriff der potentiellen menschlichen Bevölkerungsdichte als etwas, was spezifisch dynamisch ist (d.h. analog: leibnizisch-riemannisch) und nicht etwa, wie manchmal fälschlich angenommen, digital (d.h. euklidisch-kartesisch); sie ist somit etwas völlig anderes als die ökologische potentielle Populationsdichte von Tiergattungen. Das menschliche Individuum besitzt das einzigartige Potential, die menschliche Gattung durch transzendentale, qualitative Sprünge ihrer potentiellen relativen Bevölkerungsdichte immer wieder auf qualitativ höherer Ebene neu zu erfinden.

So steht die Abhängigkeit von unterschiedlichen Energieträgern in Volkswirtschaften mit aufsteigender Qualität - erst die Verbrennung von Holz, dann Kohle, Öl, Kernspaltung und weiter aufwärts - jeweils für charakteristische Phasenraum-Abschnitte einzelner Evolutionsschritte menschlicher Kulturen: eine vorsätzliche, qualitative Entwicklung, die bei keiner gewöhnlichen Tierart vorkommt. Daß der Mensch lernte, das „Feuer“ zu gebrauchen, was der Olympier Zeus der Menschheit verbieten wollte, definiert die menschliche Gattung in ihrem wirklichen Unterschied zu allen niederen Lebensformen.

Anders gesagt, die reale Existenz der menschlichen Gattung in der dynamischen Form, die sie kennzeichnet, rührt von einer spezifischen (noetischen) Qualität des menschlichen Geistes her, die in niederen Lebensformen (d.h. in der Biosphäre) nicht vorhanden ist. Das Prinzip menschlichen Lebens existiert bei niederen Daseinsformen nicht und läßt sich auch nicht aus dem Studium nichtmenschlicher Aspekte der Biosphäre ableiten, als wären diese „vormenschlich“. Die Biosphäre schafft zwar das Potential für wirksame Arbeit der Noosphäre, aber die Umsetzung eines solchen Potentials erfolgt nur innerhalb der Noosphäre selbst.

Richten wir die Aufmerksamkeit darauf, daß der Teil der Gesamtmasse unseres Planeten, der sich aus der Biosphäre und der Noosphäre zusammensetzt, absolut zunimmt, und bedenken wir dabei, daß sich die Noosphäre schneller ausdehnt als die Biosphäre als solche. Dies weist darauf hin, daß es ein universelles physikalisches Prinzip gibt, die Erkenntniskraft des menschlichen Individuums, die bei keiner niederen Lebensform als dem Menschen willentlich ausgedrückt wird.

Wie weiter unten noch ausgeführt, wird daran auch deutlich, daß sich der Grundcharakter der Biosphäre durch die Einwirkung der Noosphäre qualitativ verändert, so daß die Biosphäre keine festen eigenständigen Merkmale mehr hat, weil ihre Eigenschaften sich durch die Einwirkung der Noosphäre ständig verändern. Das bezieht sich nicht nur auf die Anordnung der Elemente, aus denen sich die Biosphäre zusammensetzt, sondern auch auf die Prinzipien, welche die entsprechenden Elemente - alte wie neu geschaffene - der Evolution der Biosphäre unter der Herrschaft der Noosphäre erzeugen. Anders könnte die Evolution von Isotopen, ihre jeweilige Rolle und ihre relative Häufigkeit - wie jene mit besonderer Bedeutung für lebende Prozesse - nicht stattfinden; das zeigt jüngst die Rolle der Kernspaltung.

Diese besondere Eigenschaft sollte man die Funktion der menschlichen potentiellen relativen Bevölkerungsdichte nennen: Der Anstieg der Energie je Quadratzentimeter Querschnitt des verwendeten Energieträgers bewirkt eine (potentielle) Zunahme menschlicher Besiedlung von Regionen (bzw. Kontinenten oder des Planeten als Ganzem) pro Kopf und pro Quadratkilometer. Dieser Umstand ist auch für wenigstens halbwegs kompetente heutige Untersuchungen relativ offensichtlich. Aber die Art und Weise, wie diese Wirkung entsteht, führt uns über die Grenzen, in denen das Thema „Wissenschaftsmethode“ heute im Lehrsaal und anderswo gewöhnlich dargestellt wird. Der entscheidende Punkt, den man betonen muß, ist hier: Die Noosphäre leitet sich von einem universellen natürlichen Prinzip des menschlichen Lebens ab, der Erkenntniskraft, einer Organisationsfähigkeit, die unter den Arten der niederen Lebensformen, einschließlich der Menschenaffen, nicht existiert.

Der Fortschritt der menschlichen Gattung gegenüber anderen Gattungen liegt in einem Prinzip, das nur dem Menschen und keiner anderen Gattung eigen ist. Und deshalb wäre es falsch, zu versuchen, den Übergang zum höheren Kardinalszustand in einem Prozeß mehrerer Phasenräume - wie den Übergang vom Unbelebten zur Biosphäre oder den von der Biosphäre zur Noosphäre -, nach dem üblichen „von unten nach oben“ zu erreichen. Man darf nicht von den Faktoren des vorigen (niederen) Zustands ausgehen, sondern muß den „teleologischen“ Übergang so behandeln, als wäre er vom höheren Zustand auf den niedrigeren gekommen - so wie Wernadskij die relative Verteilung der Masse von Unbelebtem, Biosphäre und Noosphäre betont hat. Anders gesagt, die Zunahme der potentiellen relativen Bevölkerungsdichte des Menschen hat (dynamisch) mathematisch-physikalisch die Form, daß das vorhandene Potential durch Veränderungen (etwa durch die menschliche Entdeckung eines höheren Prinzips) vorherbestimmt ist, durch die quasi das „zukünftige“ Systempotential eingeführt wurde; der zukünftige Zustand ist nicht als etwas ablesbar, das durch einen derzeitigen Zustand statistisch vorbestimmt ist.

Die Entwicklung dieses Potentials der menschlichen Gattung bestimmt, wie sich dies auf den gesamten Bereich der Biosphäre auswirkt. Und so weiter und so fort.

Ich erläutere die Bedeutung dieses Phänomens.

Carl Woese u.a.

Hier liegt der Kern meiner Entdeckung auf dem Feld der physischen Wirtschaftswissenschaft. Jedoch beschränkt sich meine Entdeckung nicht darauf; sie hat in verschiedener Hinsicht weitaus tiefere Bedeutung, und diese sollte man nicht übersehen, wenn man wichtige Abschnitte der erwähnten Arbeit von Carl Woese u.a. noch einmal liest.

Wer mit dem Werk von Carl Woese u.a. vertraut ist, wird verstehen, daß ich mich bei meinem wesentlichen Punkt gerade auf ihr Werk beziehe, weil ich mit der dynamischen Auffassung bei Passagen wie der folgenden zufrieden bin: „...Insbesondere werden wir hier die Evolution der Übertragung, die Codon-Tafel, die darin enthaltenen Beschränkungen, die Universalität des Kodes und die Dekodierungsmechanismen nicht als Summe von Teilen, sondern als Gesamtheit modellieren...“ In anderen Worten: Dynamik, wie sie von Leibniz gegen Descartes und später von Riemann definiert wurde.

So weit, so gut - das stimmt mit Riemannscher Dynamik überein. Aber die Frage bleibt: Was ist die Organisation des Entwicklungsprozesses als ganzem, die bedingt, daß qualitativ höhere Ordnungen dynamischer Zustände tatsächlich wirksam erzeugt werden - prinzipiell höhere Zustände, wie etwa die Tatsache, daß der Mensch eine prinzipiell höhere Qualität eines physischen Zustands darstellt als irgendeine andere, niedrigere Lebensform?

Warum wir eine Lösung dieser Frage entdecken müssen, sieht man leicht an der Aufwärtsentwicklung etwa durch die praktische Anwendung höherer Naturprinzipien. Letzteres sind natürlich realwirtschaftliche Prozesse, aber diese Beispiele können nur von entscheidender Bedeutung sein, wenn man andere dynamische Modelle lebender Prozesse oder die Wirkung der realwirtschaftlichen Evolution des Menschen auf die beiden niedrigeren Phasen der internen Prozesse unseres Planeten verstehen will.

Die Antwort lautet in diesem Fall „sozialer Modelle“ (etwa dem Modell der Menschheit, die in Keplers Astrophysik lebt), im Gegensatz zur Organisation des Verhaltens im Tierreich: Das Universum ist seinem Wesen nach antientropisch - entgegen dem, was der Kult des „Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik“ von Clausius, Grassmann und Kelvin vertritt. Aber Wernadskijs Werk hat unsere Aufmerksamkeit auf den fundamentalen, prinzipiellen Unterschied zwischen dem abiotischen Bereich, der Biosphäre und der Noosphäre gelenkt, es gibt also als universelles Prinzip qualitative Unterschiede zwischen diesen Bereichen des Universums, die man berücksichtigen muß. Wie die Geschichte der Veränderung der relativen Masse der abiotischen, der Biosphären- und der Noosphären-Komponente der oberen Regionen der Erde zeigt, ist die Entropie als Phänomen nur ein untergeordneter Ausdruck des überlegenen Einflusses der Anti-Entropie, innerhalb derer eine scheinbare Entropie auftritt und definiert werden muß. Bevor es den Tod geben konnte, mußte es erst Leben geben.

Den schlüssigen Beleg dafür liefert die Steigerung des relativen Bevölkerungsdichtepotentials der menschlichen Bevölkerung, die nur durch die noetischen Prozesse der Entdeckung von Naturprinzipien oder verwandten Prinzipien der klassischen Kunst erreicht wird - Prozesse, die ein Widerhall des Prozesses der Schöpfung sind. Johannes Keplers ureigenste Entdeckung der Rolle der Gravitation im Sonnensystem ist typisch dafür.

Der Mensch unterscheidet sich von allen Tierarten durch die Verhältnisse, in denen sich sein Doppelwesen widerspiegelt: Auf der einen Seite hat er einen Körper, wie ihn Tiere haben; gleichzeitig ist er aber ein ganz anderes Wesen als alle Menschenaffen, die bloße Säugetiere sind, dank der Existenz des menschlichen Geistes, der nicht in die Schranken des geistigen Lebens (soweit vorhanden) eines Tieres eingesperrt ist. Man nennt diesen herausragenden Unterschied gewöhnlich den „Geist“ oder die „Seele“ des Menschen, der keiner Eigenschaft irgendeiner bekannten Form tierischen Lebens ähnelt - es sei denn, daß Tiere sich in Abhängigkeit vom Menschen entwickeln.6

Allerdings wird mit einem naiven Gebrauch des Begriffs „Geist“ oder „Seele“ nicht nur der wesentliche Punkt verfehlt, es fördert auch weitverbreitete, absurde Spekulationen. Die menschliche „Seele“ ist ein sehr wirksamer Teil des physischen Universums, im Sinne des berühmten Genesis 1, aber nicht in dem reduktionistischen Sinne, wie „physisch“ normalerweise als Begriff verwendet wird. Diese „Seele“, in dem Sinne, wie Platon diesen Begriff verwendet, ist die eigentliche Persönlichkeit des individuellen Menschen. Sie ist Ausdruck eines wirksamen Phasenraums innerhalb des gesamten Universums und zeigt in Gestalt der Noosphäre die Macht des einzelnen Menschen, dieses Universum vorsätzlich zu verändern.

Der biologische Bereich, die Biosphäre, ist in der Noosphäre enthalten und ihr untergeordnet. Das ist so zu verstehen, daß man an ihr erkennt, daß die Noosphäre die Macht hat, die Biosphäre zu begrenzen und ihre Eigenschaften zu verändern. Mit dem Auftreten der Menschheit hat die Biosphäre also ihre unabhängigen funktionalen Eigenschaften verloren (wenn sie diese überhaupt jemals hatte). Aus der Biosphäre wird in jeder Hinsicht ein Phasenraum, der Teil der Noosphäre ist.

Deshalb behandeln wir den Gegenstand der Biosphäre hier in diesem Bezugsrahmen. Wir stellen die zu belegende These vor, indem wir uns ihr nach und nach konzeptionell annähern.

Das bis hierher auf diese Weise beschriebene ist mein Thema.

Fortsetzung folgt


Anmerkungen

1. Zur Unterscheidung jener Isotope des Periodensystems, die spezifisch auf lebende Prozesse abgestimmt sind.

2. Siehe auch Lyndon LaRouche, „Meine frühe Begegnung mit Leibniz: Über die Monadologie“, Neue Solidarität, Nr. 14 und 15, 2008, und Lyndon LaRouche, „A Strategic Economic Assessment: That Doomed & Brutish Empire“, LPAC, 19. Februar 2008.

3. Daraus folgt die falsche Methode, die den gewohnheitsmäßigen Fehlern gängiger statistischer Wirtschaftsvorhersagen zugrunde liegt.

4. Wie ich bereits an früherer Stelle ausgeführt habe, leitet sich die Wissenschaft, beispielsweise die von Ägyptern und Pythagoräern praktizierte Sphärik, von einem Universalienbegriff ab, dessen Konzept auf eine sehr lange Zeitspanne empirischer Kalenderentwicklung zurückgeht, welche auf den gesammelten Erkenntnissen sehr vieler Seefahrer-Generationen in maritimen Kulturen während der etwa 200.000 Jahre Eiszeit beruht, als große Teile der nördlichen Hemisphäre mit Gletschern überzogen war, ein Zustand, zu dem die Erde jetzt zurückzukehren droht.

5. Ablenkungen von Wernadskijs eigentlicher Originalität gehen hauptsächlich von fehlgeleiteten, „fundamentalistischen“ oder entsprechenden religiösen Eiferern aus, besonders jener Art, die entweder die fragwürdigen Spekulationen des „Piltdown“-Mitbetrügers und reduktionistischen Mystikers Teilhard de Chardin teilen oder deutlich erkennbare Elemente des heidnischen Delphikults von Gaia in der Antike darstellen, die darauf aus sind, den mächtigen Schöpfer des Universums sozusagen zurück auf die Erde zu bringen. In seinen wichtigen Schriften erwähnt Teilhard, wenn auch in Täuschungsabsicht, die Namen gültiger Konzepte, was zur Folge hat, daß die Irrtümer vieler seiner vermeintlich noch orthodoxeren Kritiker noch schlimmer sind als seine eigenen. In der durchgehenden Anwendung seines Konzepts der Noesis kommt der wesentliche Fehler seiner Erklärungen deutlicher zum Vorschein. Die Quelle der Verwirrung liegt in Teilhards Versuch, die Idee der Kreativität mit einer christlichen Lehre in Einklang zu bringen, die leider auch noch „klassisch“ genannt wird; sein Versuch, dies mit einer axiomatisch reduktionistischen (d.h. aristotelischen oder quasi-aristotelischen) Theorie der Weltentstehung zu verbinden, ist der Ursprung seiner Verwirrung. Daß Teilhard den Begriff „Noosphäre“ prägte, wurde von Wernadskij eingeräumt; Teilhard gab dem Baby den Namen, aber Wernadskij zeugte und gebar es.

6. Ich komme hierauf und auf die Behandlung dieses Gegenstands durch Nikolaus von Kues im 2. Kapitel dieses Aufsatzes zurück.

Lesen Sie hierzu bitte auch:
Meine frühe Begegnung mit Leibniz: Über die Monadologie - Zweiter Teil
- Neue Solidarität Nr. 15/2008
Meine frühe Begegnung mit Leibniz: Über die Monadologie - Erster Teil
- Neue Solidarität Nr. 14/2008
Schriften von Lyndon H. LaRouche 1981-2006
- Internetseite des Schiller-Instituts
Was Lyndon LaRouche wirklich sagt
- Internetseite der Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo)
Internetseite des LaRouche-Aktionskomitees
- in englischer Sprache

 

Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Kernthemen Suchen Abonnieren Leserforum