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Buchbesprechung. Dr. Uwe Behrens: „Feindbild China – Was wir alles nicht über die Volksrepublik wissen“, Edition Ost – Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage GmbH, Berlin, Februar 2021 ISBN 978-3-360-01896-0, 221 Seiten, 15,00 Euro.
Ein Zeichen des gegenwärtigen kulturellen Niedergangs ist die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, mit dem Nichtwissen umzugehen. Wenn das Ergebnis im Vornherein feststeht, dann schafft Wissenschaft kein Wissen und Berichterstattung degeneriert zur reinen Propaganda. Mit der Dämonisierung anderer Staatsmodelle und deren politischer Führung, wie beispielsweise in Bezug auf Rußland und China, driftet die Welt jeden Tag näher an den Malstrom des nuklearen Krieges, den niemand überleben wird.
Die Erkenntnis, daß wir etwas nicht wissen, veranlaßt uns, Abhilfe zu suchen und uns zu neuen Erkenntnissen voran zu arbeiten. Es versteht sich von selbst, daß wirkliche Erkenntnis nur erworben werden kann, wenn wir uns unvoreingenommen mit der jeweiligen Materie auseinandersetzen. Denn sonst würden wir ja nur altes Wissen oder altes Vorurteil projizieren.
Das sympathische an Uwe Behrens Buch Feindbild China ist seine Darstellung, wie er in den 27 Jahren, die er in der Volksrepublik lebte und arbeitete, Stück für Stück das Land, die Menschen und die Kultur besser kennenlernte. Von den persönlichen Eindrücken und Erfahrungen aus dieser Zeit handelt sein Buch. Gerade dieser sehr subjektive Aspekt macht das Buch so lesenswert. Denn Uwe Behrens hinterfragte die eigenen Vorurteile („was man halt so über China gelesen hat“) und versuchte in Gesprächen mit chinesischen Mitarbeitern, Geschäftspartnern und Menschen auf der Straße mehr über die Ideenwelt der Chinesen zu ergründen.
Mit kurzen Exkursionen in die Geschichte untermauert er die neuen Erkenntnisse und schildert die Anstrengungen der letzten 40 Jahre, in denen das Land zu neuer Stärke aufstieg, in dem es sich u.a. an die Lehren Friedrich Lists und dessen Schutzzollsystem hielt. Aber auch die gängigen Reizthemen, wie Hongkong, Uiguren, Sozialpunktesystem, Korruption und vieles mehr werden behandelt.
Ich habe Uwe Behrens vor einigen Jahren bei einer Veranstaltung des Konfuzius-Instituts in Berlin kennengelernt. Schnell kamen wir auf die Neue Seidenstraße zu sprechen und ich war baß erstaunt, als er mir damals erzählte, er habe 1986 seine Doktorarbeit über Landbrückenverkehre geschrieben. Die langjährigen Leser dieser Zeitung wissen, daß man den Begriff Eurasische Landbrücke oder Weltlandbrücke (seit den 90er Jahren) aktuell nur hier lesen konnte, obwohl historisch der Begriff „Landbrücke“ für Projekte, wie die Transsibirische Eisenbahn oder die Kontinentalquerung in den USA natürlich schon länger in Gebrauch war.
Als Logistiker hatte Behrens den Containertransport bei der Deutschen Reichsbahn der DDR eingeführt und vertrat diese von 1980-84 bei Intercontainer in Basel. Nach dem Fall der Mauer ging er für eine West-Spedition nach China, gründete für diese später ein Joint Venture und kam 2017 nach 27 Jahren im Reich der Mitte nach Deutschland zurück. Auch den Kulturschock, den er bei seiner Rückkehr erfuhr, behandelt er am Ende des Buches. Ein zusätzlicher Gewinn für den „West“-Leser ist die Perspektive des Autors mit DDR-Vergangenheit, lernt man doch nebenbei noch einiges über den Osten unseres Landes – quasi ein Beitrag zur innerdeutschen „Völkerverständigung“.
Von Uwe Behrens erschien auch ein Beitrag zum Thema „Uiguren-Genozid?“ in der Ausgabe Nr. 20-21/2021 der Neuen Solidarität.
Klaus Fimmen