Produktive Kreditschöpfung 
  Neues Bretton Woods
  Glass-Steagall
  Physische Wirtschaft
  Kernenergie
  Eurasische Landbrücke
  Transrapid
  Inflation
  Terror - Cui bono?
  Südwestasienkrise
  11. September und danach
  Letzte Woche
  Aktuelle Ausgabe
  Ausgabe Nr. ...
  Heureka!
  Das Beste von Eulenspiegel
  Erziehungs-Reihe
  PC-Spiele & Gewalt 
  Diskussionsforum
  Wirtschaftsgrafiken
  Animierte Grafiken
» » » Internetforum mit Helga Zepp-LaRouche « « «
Neue Solidarität
Nr. 35, 2. September 2021

Eine historische Debatte: Lyndon LaRouche und Abba Lerner

Nach Präsident Nixons Entscheidung vom 15. August 1971, den Dollar vom Gold abzukoppeln, warnte Lyndon LaRouche vor den Folgen dieser Entscheidung und forderte die führenden Ökonomen zu einer öffentlichen Debatte hierüber heraus. Der prominente Keynesianer Abba Lerner am New Yorker Queens College stellte sich dieser Herausforderung – hier ein Auszug:

Prof. Abba Lerner: Man hat mir auch vorgeworfen, eine Art Sadist zu sein; es heißt, es mache mir Spaß, den Lebensstandard der arbeitenden Menschen zu senken, „ihre Gesichter in den Staub zu drücken“ – ich denke, das ist der treffende Ausdruck. Hauptsächlich deshalb, weil ich gegen Lohnerhöhungen war und in einigen Fällen sogar eine Senkung der Löhne vorgeschlagen habe.

In diesem Zusammenhang muß man das verstehen: Ich habe nie geglaubt, daß diese Lohnsenkung die Arbeitnehmer ärmer machen würde oder daß sie weniger zu essen hätten. Man hat nicht verstanden, daß man mit einer Senkung der finanziellen Entlohnung eine Inflation vermeiden könnte, so daß es ihnen mit der niedrigeren finanziellen Entlohnung genauso gut gehen würde wie mit der höheren. Der wichtigste Unterschied ist, daß es mehr Arbeit für mehr Menschen geben würde, und das befürworte ich.

Lyndon LaRouche: Das Problem, das Professor Lerner offenbar nicht begreift, ist, daß die Volkswirtschaftslehre an den Universitäten in der Regel eher der Ausübung eines Priesteramtes gleicht, als daß sie irgend etwas mit der Realität zu tun hat. Es ist schlicht etwas, was man lernt, aber man wendet es in der Wirtschaft nicht oft an. Tatsächlich haben die meisten Betriebswirte oder die meisten praktizierenden Ökonomen in der Wirtschaft keine volkswirtschaftliche Ausbildung, sondern in der Regel eine Ausbildung in Wirtschaftsingenieurwesen oder eine andere Art von Ausbildung.

Im Zuge einer Krise jedoch werden diese Abstraktionen, diese Priester-Angelegenheiten der Volkswirtschaftslehre, die man insbesondere lernen muß, um den Kurs zu bestehen, zu mehr als Abstraktionen. Sie werden zu etwas, was mit konkreten politischen Maßnahmen zu tun hat, die sich auf das Leben der Menschen auswirken, und sie haben Folgen für die Menschen. Menschen, die zu weit von der Realität entfernt sind und diese Abstraktionen nur als unschuldiges intellektuelles Spielzeug betrachten, haben kein Verständnis für die blutigen konkreten Folgen, zu der diese Abstraktionen manchmal in der Praxis führen.

Und da das Leben und das Wohlergehen von Millionen, ja sogar Milliarden von Menschen auf dem Spiel steht, ist ein Fehler im Bereich der Abstraktion kein intellektueller Fehler. Er kann ein blutiges Verbrechen gegen die Menschheit sein.

Ein Professor, der unschuldig sagt: „Die Wirtschaft wäre aus meiner Sicht besser organisiert, wenn bestimmte administrative Vorkehrungen getroffen würden“, denkt nicht notwendigerweise an die Art von administrativen Vorkehrungen, die in der Praxis genau diese „unschuldige“ Praxis umsetzen. Professor Lerner mag versuchen, seine Wirtschaftspolitik von der Politik der brasilianischen Regierung zu distanzieren, und in dieser Abstraktion die Loslösung von ihr sehen. Man kann aber die für Brasilien empfohlene Wirtschaftspolitik nicht durchführen ohne eine Regierung, die diese Wirtschaftspolitik zum Funktionieren bringt. Sonst kann man nicht die Art von Politik betreiben, die er als klassische Austerität zum Abbau der Arbeitslosigkeit empfiehlt. „Klassisch“ in dem Sinne, daß dies genau die Politik ist, die Schacht ab 1933 in Deutschland verfolgte, wo die Löhne eingefroren wurden, um Inflation zu verhindern und die Beschäftigung zu erhöhen.

Er mag sich persönlich davon distanzieren, aber die Politiker, die seinen Rat annehmen, können sich nicht von der Art des Regierens und von den Methoden distanzieren, die diese Abstraktionen Wirklichkeit werden lassen. Und das muß man begreifen, denn jetzt ist die Wirtschaft nicht mehr nur ein Spielball in einer obskuren Nische der akademischen Priesterschaft. Jetzt bestimmt die Wirtschaftspolitik das Leben, den Alltag und die Lebensbedingungen der Menschen. Die Form der Wirtschaftspolitik bestimmt die Art der Regierung, die notwendig ist, um sie durchzuführen. Und die einzige Art von Regierung, die die Art von Politik durchführen kann, die Prof. Lerner in aller guten Absicht empfiehlt, müsste eine bonapartistische oder faschistische Regierung sein.

Er mag nun mit jeder Faser seines Wesens ein Gegner des Faschismus sein. Das war auch in Deutschland so, wo viele liberale Ökonomen, die Austerität befürworteten, auch Gegner des Nazi-Regimes waren. Trotzdem gibt es Männer, die diese Politik aufgreifen und umsetzen werden, und das werden Bonapartisten oder Faschisten sein, aber nicht Professor Lerner. Er muß also verstehen, daß seine guten Absichten manchmal nicht ausreichen, damit seine Politik in der Praxis so funktioniert, wie er sich die Folgen für die Menschen vorstellt.