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Neue Solidarität
Nr. 27, 7. Juli 2022

Die Ukraine hat den Krieg verloren,
aber es droht immer noch ein Atomkrieg

Von Oberst a.D. Richard Black

Oberst a.D. Richard Black, Veteran der US-Marines, ehemaliger Leiter der Strafrechtsabteilung der US-Armee im Pentagon und langjähriger Abgeordneter des Abgeordnetenhauses und des Senats des US-Bundesstaats Virginia, hielt am 18. Juni 2022 in der Internetkonferenz des Schiller-Instituts den folgenden Vortrag. (Übersetzung aus dem Englischen, die Zwischenüberschriften wurden hinzugefügt.)

Vielen Dank, daß ich heute bei Ihnen sein darf.

Ich möchte zunächst einmal klarstellen, daß ich kein linker Pazifist bin. Ich habe 32 Jahre lang in Uniform gedient; ich liebe mein Land und habe hunderte Male mein Leben dafür riskiert. Ich flog 269 Kampfeinsätze als Hubschrauberpilot der Marine Corps; mein Flugzeug wurde bei vier Flügen von Bodenfeuer getroffen. Ich meldete mich freiwillig zum Bodenkampf mit der 1. Marinedivision und habe 70 blutige Kampfeinsätze absolviert. Ich wurde verwundet und meine Funker wurden beide bei der Rettung eines umzingelten Marine-Außenpostens getötet.

Ich war zunächst Pilot des Marine Corps, dann Anwalt der Armee. Nach meiner Zeit im aktiven Dienst war ich Leiter der Strafrechtsabteilung im Pentagon, sagte vor dem Kongreß aus, bereitete Durchführungsverordnungen zur Unterzeichnung durch den Präsidenten vor und beriet den Senatsausschuß für Streitkräfte in Fragen von nationaler Bedeutung.

Später war ich über zwei Jahrzehnte hinweg ein führendes konservatives Mitglied des Abgeordnetenhauses und des Senats von Virginia.

Die Ukraine hat den Krieg verloren

Die Ukraine hat den Krieg verloren. Natürlich ist der Krieg noch nicht vorbei, aber er ist verloren. Er ist zu einem Artillerieduell geworden. Rußland feuert 50.000 Granaten pro Tag ab, zehnmal mehr als die Ukraine. Der Washington Post zufolge hat die Ukraine fast keine Munition mehr und es gibt keinen Ersatz für ihre Geschütze aus der Sowjet-Ära.

Am 10. Juni berichtete die Post, daß die Ukraine täglich 1.000 Opfer zu beklagen habe, darunter 200 Gefallene. Die Zahl der Opfer hat sich in nur drei Wochen verdoppelt.

Lassen Sie uns das in die richtige Perspektive bringen. Vietnam war Amerikas letzter wirklich blutiger Krieg. Wir haben in zehn Jahren 60.000 Männer verloren, also etwa 6.000 Tote pro Jahr. Bei einer viel kleineren Bevölkerung verliert die Ukraine jeden Monat 6.000 Soldaten, was einer 12-mal höheren Zahl von Opfern entspricht als in Vietnam.

Vergleichen Sie nun die Bevölkerungszahlen der beiden Länder. Bevor Millionen aus der Ukraine flohen, lebten dort 43 Millionen Menschen. Jetzt sind es nur noch 38 Millionen. In den USA lebten während des Vietnamkrieges etwa 200 Millionen Menschen. Da unsere Bevölkerung etwa fünfmal so groß war wie die der Ukraine, ist die Zahl der Todesopfer pro Kopf der Bevölkerung 60 mal höher als die der USA während ihres blutigen Krieges in Vietnam.

Die Ukrainer haben mit großem Mut gekämpft. Aber keine Nation kann eine solche Zahl von Opfern lange ertragen. Die Ukraine ist am Ende.

Am 12. Juni hat NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg fast zugegeben, daß die Ukraine bald gezwungen sein wird, um Frieden zu bitten. Er sagte: „Die Frage ist nur, welchen Preis sind Sie bereit, für den Frieden zu zahlen? Wie viel Territorium, wie viel Unabhängigkeit, wieviel Souveränität ... sind Sie bereit, für den Frieden zu opfern?“ Stoltenbergs Äußerungen deuten darauf hin, daß die NATO erkennt, daß der Krieg verloren ist. Er ist zu einem unangenehmen Ablenkungsmanöver geworden, das einfach beendet werden muß.

Der Sanktionskrieg ist gescheitert

Der Sanktionskrieg ist gescheitert. Die gesamte Finanzmacht der westlichen Welt wurde gegen Rußland eingesetzt. Die Biden-Regierung schwor, den russischen Rubel zu Staub zu zerschlagen. Sie brüstete sich, die russische Wirtschaft zu zerstören und eine Revolution anzuzetteln. Sie würden die Russen so sehr in Bedrängnis bringen, daß sie revoltieren und ihren Präsidenten stürzen würden.

Doch heute ist der Rubel stärker als vor dem Krieg. In diesem Jahr war er die stärkste aller Währungen. Die russische Inflation erreichte einen Höchststand von etwa 15% und wird voraussichtlich wieder zurückgehen. Aber während die Inflation dort ihren Höhepunkt bereits erreicht, hat die Inflation in Europa und Amerika einen gefährlichen Höhenflug begonnen.

Bidens Versuch, den russischen Handel zu unterbinden, ist gescheitert. Weit davon entfernt, Rußlands Handel mit anderen Ländern zu blockieren, berichtet der Economist, daß Rußland einen Rekord-Handelsüberschuß erwirtschaftet, mit einer Milliarde Dollar pro Tag aus Öl und Gas. Mit einem Handelsüberschuß von 250 Milliarden Dollar hat Rußland seinen Überschuß vom Jahr 2021 mehr als verdoppelt.

Trotz der Sanktionen hat Rußland stärkere Handelsbeziehungen zu China, Indien, Südafrika, Iran, Brasilien und Saudi-Arabien aufgebaut, die alle weiterhin mit Rußland Handel treiben. Wichtige Länder des Globalen Südens weigern sich, dem Befehl Washingtons, Sanktionen zu verhängen, Folge zu leisten. Unabhängige Nationen fürchten die USA, aber sie nehmen es übel, wenn man ihnen vorschreibt, mit wem sie Handel treiben dürfen und mit wem nicht. Souveränen Nationen die Sanktionspolitik zu diktieren, schwächt den Respekt der Welt vor Amerika.

Seit Beginn des Krieges haben die Russen nie einen Mangel an Lebensmitteln, Wohnraum, Heizöl oder Benzin erlebt. Diejenigen, die erwarten, daß die Russen wegen des verlorenen Zugangs zu Gucci-Handtaschen oder Big Macs zusammenbrechen, verstehen die russische Psyche nicht.

Die Hoffnungen, Präsident Putin zu stürzen, sind gestorben. Am 1. März sagte der britische Premierminister Boris Jonson voraus, daß Sanktionen „das Putin-Regime zu Fall bringen“ würden. Seitdem wäre Boris Johnson beinahe selbst durch ein Mißtrauensvotum im Parlament gestürzt worden. Gleichzeitig ist Putins Popularität auf 83% gestiegen und liegt damit höher als die aller seiner westlichen Amtskollegen.

Der Propagandakrieg gerät aus den Fugen

Unterdessen gerät der Propagandakrieg aus den Fugen. Bei Ausbruch des Krieges entfesselten die Vereinigten Staaten ein sorgfältig orchestriertes Sperrfeuer antirussischer Propaganda; alle abweichenden Stimmen wurden blockiert.

Westliche Medien berichteten atemlos über die dramatischen Heldentaten des „Gespensts von Kiew“, eines Piloten, der so geschickt war, daß er 40 russische Jets abschoß, bevor er heldenhaft im Kampf starb. Doch das „Gespenst von Kiew“ war ein kompletter Schwindel. Er war eine Erfindung der Medien, eine Fiktion, ein Betrug, der nie existierte.

Es gab eine weitere Falschmeldung über ukrainische Grenzsoldaten, die von der russischen Marine auf der Schlangeninsel gefangengehalten wurden. Die Ukraine berichtete, daß sie sich weigerten, sich zu ergeben, ihre Peiniger verfluchten und bis zum Tod kämpften. Selenskyj kündigte an, daß jeder von ihnen die höchste Auszeichnung des Landes, den Helden der Ukraine, erhalten würde. Auch dies war ein Betrug und eine Täuschung. Die Wachen, die sich einem russischen Kriegsschiff gegenübersahen, taten tatsächlich das Vernünftigste und ergaben sich kampflos. Sie wurden unversehrt an Bord eines russischen Schiffes gebracht und im Rahmen eines Gefangenenaustauschs an die Ukraine zurückgegeben.

Die Verwendung solcher erfundenen Geschichten durch die Ukraine stellt nicht nur diese Berichte in Frage, sondern auch andere, in denen von Kriegsverbrechen oder Siegen auf dem Schlachtfeld die Rede ist. Dennoch haben die USA und die NATO bis vor kurzem unhinterfragt ungenaue ukrainische Einschätzungen des Krieges zitiert.

In jüngster Zeit haben die Medien jedoch begonnen, die Möglichkeit einer ukrainischen Niederlage anzuerkennen. Am 10. Juni berichtete Newsweek, daß sogar der stellvertretende Leiter des ukrainischen Militärgeheimdienstes zugab, daß die Ukraine Gefahr läuft, den Krieg gegen Rußland zu verlieren. Die ersten Risse bilden sich, und bald muß die Welt der Realität ins Auge sehen. Der Krieg ist verloren.

Die Amerikaner verlieren das Interesse an diesem Krieg. Am 13. Juni berichtete der britische Express über eine Umfrage, die ergab, daß die Amerikaner den Mangel an Babynahrung für fünfmal so wichtig halten wie den Krieg in der Ukraine. Nur 5% sehen die Ukraine als oberste Priorität an, während 36% sich um Inflation, Wirtschaft und Arbeitsplätze sorgen. 56% glauben jetzt, daß die Sanktionen den USA mehr geschadet haben als Rußland. Die Amerikaner sind wankelmütig und sie haben sich abgewandt.

Europa ist der große Verlierer

Europa ist ein großer Verlierer in diesem Krieg. Die US-Sanktionen haben Europa daran gehindert, zuverlässiges, kostengünstiges russisches Gas und Öl zu nutzen, und es gezwungen, teures Flüssiggas aus Amerika zu importieren. Die US-Sanktionen haben Europa, das in hohem Maße auf russische Rohstoffimporte angewiesen ist, schwer getroffen. Amerikas Verliebtheit in alternative Energien zwang die Europäer, sich auf unzuverlässige Solar- und Windenergie zu verlassen. Die Beschränkung des Zugangs zu russischem Öl und Gas hat den kommenden Winter zu einer Zeit der Gefahr gemacht.

Ein wichtiges militärisches Ziel der USA war es immer, Deutschland daran zu hindern, seine lebenswichtige Nord-Stream-2-Erdgaspipeline zu öffnen. Diese Pipeline wurde von mehreren Ländern über einen Zeitraum von elf Jahren gebaut, um den Gasfluß nach Deutschland und in den Rest Europas zu verdoppeln. Doch nachdem ein Vermögen für die Pipeline ausgegeben wurde, haben die USA das gewaltige Projekt nutzlos gemacht.

Solche Aktionen zeigen, daß Europa nicht mehr die volle Souveränität genießt, sondern den Launen Londons und Washingtons unterworfen ist.

Vor dem Krieg operierte Europa mit moderaten Verteidigungshaushalten. Rußland stellte keine echte Bedrohung dar und China war ein wichtiger Handelspartner. Sich mit seinen Nachbarn sicher fühlend, entschied sich Deutschland, nur 200 einsatzfähige Panzer zu unterhalten. Doch die Kriegshysterie hat ein unnötiges Wettrüsten erzwungen, das die europäischen Verteidigungskosten enorm in die Höhe treiben und die europäischen Volkswirtschaften dauerhaft belasten wird.

Ironischerweise hat der Marsch in den Krieg die EU faktisch der NATO untergeordnet und damit Großbritannien trotz des Brexit wieder zu einer Vormachtstellung in Kontinentaleuropa verholfen.

Es droht weiter ein Atomkrieg

Es droht weiter ein Atomkrieg. Es gibt weiterhin Stimmen, die von einem Atomkrieg sprechen. Heather Conley, Leiterin des einflußreichen German Marshall Fund, schließt eine weitere Eskalation nicht aus und sagt, der Westen dürfe sich von Rußland nicht einschüchtern lassen. „Wir müssen uns auf den Einsatz taktischer Nuklearwaffen vorbereiten“, so Conley. Ein EU-Beamter schlug darüber hinaus vor, die Ukraine mit Atomwaffen zu bewaffnen, um sich selbst zu verteidigen – eine waghalsige Aktion, die eine unkonventionelle russische Antwort auslösen könnte.

Die Ukraine muß einen Frieden aushandeln, um dieses sinnlose Gemetzel zu beenden. Vielleicht könnte sie einen Rahmen vorschlagen, der an den äußerst erfolgreichen österreichischen Staatsvertrag von 1955 erinnert. Damals waren die Sowjetunion und die verbündeten Mächte bereit, ihre Streitkräfte aus Österreich abzuziehen, wenn Österreich im Gegenzug seine Verfassung ändert, um für immer ein neutraler, bündnisfreier Staat zu bleiben, und ausländischen Truppen verbietet, jemals wieder einen Fuß nach Österreich zu setzen. Die Ukraine könnte ähnliche Bestimmungen verabschieden.

Die NATO sollte einen separaten Vertrag in Erwägung ziehen, der die Ukraine zu einem ständigen nuklearen Puffer zwischen Ost und West macht. Durch die Vereinbarung, daß die Ukraine niemals in die NATO aufgenommen wird, könnte sie die regionalen Spannungen dauerhaft abbauen und das Risiko, daß eine der beiden Seiten versehentlich einen tödlichen nuklearen Zwischenfall auslöst, erheblich verringern.

Wenn die Ukraine handelt, bevor ihre Verteidigungslinien zusammenbrechen, könnte sie die Kontrolle über die Küstengebiete rund um den Hafen von Odessa verlangen; sie könnte darauf bestehen, ganz Kiew auf beiden Seiten des Dnjepr zu kontrollieren, und sie könnte darauf bestehen, daß Rußland alle Truppen westlich dieses Flusses abzieht. Natürlich muß auch über die Kontrolle vieler anderer Gebiete verhandelt werden, aber dies könnte ein erster Rahmen für einen Frieden sein.

Damit möchte ich meine Ausführungen abschließen. Ich danke dem Schiller-Institut für seine wirksamen Bemühungen, den Frieden zu fördern und dem irrsinnigen Streben nach einem Atomkrieg vorzubeugen.