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Von Dean Andromidas
Die von der EU erzwungenen Sparmaßnahmen haben die Sterblichkeit der griechischen Bevölkerung stark ansteigen lassen.
Ein Jahrzehnt brutaler Sparmaßnahmen, die Griechenland von seinen internationalen Gläubigern aufgezwungen wurden, hat dort zum schlimmsten Massenmord seit der Nazi-Besetzung im Zweiten Weltkrieg geführt. Diese Tatsache bestätigen offizielle Statistiken des griechischen Statistikamtes, aus denen hervorgeht, daß die Sterbeziffer zwischen 2010 – dem Jahr des ersten Memorandums mit rücksichtsloser Austerität als Gegenleistung für ein „Rettungspaket“ – und 2021 um über 40% gestiegen ist. Das entspricht einem Anstieg um 140.000 Todesfälle im Laufe des letzten Jahrzehnts, in dem die brutale Austerität zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft um 35%, einem Anstieg der Arbeitslosigkeit auf bis zu 35%, einer Zerstörung des Gesundheitssystems, Renten- und Lohnkürzungen sowie einer Zunahme der Selbstmorde geführt hat.
Der Zusammenbruch des Gesundheitssystems wurde auf dramatische Weise offengelegt, als ein Parlamentarier, Panagiotis Kouroumblis, der Regierungspartei Neue Demokratie vorwarf, sie habe mit ihrer Politik „Tausende von Menschen ermordet“. Er bezog sich auf einen offiziellen Bericht, der dokumentiert, daß eine hohe Zahl von Menschen in privaten Krankenhäusern an unsachgemäß bedienten Beatmungsgeräten starb, weil die Regierung sich weigert, die Intensivstationen in öffentlichen Krankenhäusern auszubauen. Einer der Verfasser des Berichts ist Dr. Sotiris Tsiodras, Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten bei der Nationalen Organisation für öffentliche Gesundheit und ehemaliger Sprecher des medizinisch-wissenschaftlichen Beratergremiums der Regierung zur Pandemie. Der Bericht belegt auch, wie regionale Ungleichheiten im Gesundheitswesen einen Anstieg der Sterberate von COVID-19-Kranken zur Folge haben.
Das Ergebnis des Berichts ist keine Überraschung, denn die brutale Austerität, die der griechischen Regierung von der Europäischen Union und den internationalen Gläubigern aufgezwungen wurde, hat das Gesundheitssystem weitgehend ruiniert. Die schlimmsten Kürzungen gab es unter der Regierung der Neuen Demokratie (2012-15), was die SYRIZA-Partei, als sie 2015 an die Macht kam, nicht wieder rückgängig machen konnte. Kouroumblis war selbst Gesundheitsminister der SYRIZA-Regierung, gab dieses Amt aber bald wieder auf, weil er den Schaden nicht beheben konnte. In ganz Griechenland gibt es in staatlichen Krankenhäusern nur gut 500 Intensivbetten, was in der Pandemie nicht aufgestockt wurde. Die Regierung mußte auf private Krankenhäuser zurückgreifen, deren Kapazitäten jedoch ebenfalls begrenzt sind.
Die derzeitige Regierung der Neuen Demokratie hatte die erste Welle von COVID-19 noch sehr gut gemeistert, weil sie auf die medizinischen Experten hörte. Aber heute, nach der Öffnung für den Tourismus und ohne Stärkung des Gesundheitssystems, sind die Zustände katastrophal. In einem Land mit nur zehn Millionen Einwohnern hat sich mehr als ein Zehntel der Bevölkerung angesteckt, und seit Beginn der Pandemie starben fast 21.000 Menschen.
Für seine wahren Worte wurde Kouroumblis, der ein erfahrener Politiker und blind ist, nicht nur von der Regierungspartei scharf angegriffen, sondern auch aus der SYRIZA ausgeschlossen, die zu feige war, ihn zu unterstützen. Er wurde vom Parlamentspräsidenten gerügt, und ihm wird ein Viertel seines Gehalts gekürzt. Er ist aber weiter als unabhängiger Abgeordneter tätig.
Nach den offiziellen Statistiken ist die Bevölkerung Griechenlands in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg stetig gewachsen und erreichte 2004 mit 11,2 Millionen ihren Höchststand. Das war drei Jahre nach Griechenlands Beitritt zur Eurozone 2001, aber die wirtschaftlichen Vorteile, die man sich vom Euro versprach, erwiesen sich als Illusion. Seitdem ist die Gesamtbevölkerung stetig gesunken, sie liegt jetzt bei 10,4 Mio., ein Verlust von etwa 800.000 Menschen, hauptsächlich wegen der Massenmigration, die sich seit dem ersten Memorandum 2010 stark beschleunigt hat.
Im Zeitraum 2000 bis 2009 schwankte die Zahl der Todesfälle zwischen 102.000 und 108.000, in manchen Jahren stieg sie an, in manchen Jahren sank sie. Doch seit 2010 ist die Zahl dramatisch gestiegen, während die Bevölkerungszahl schrumpfte. 2010 lag die Zahl der Sterbefälle bei 109.084, bis Ende 2012 stieg sie auf 116.668 an. Nach der Unterzeichnung eines zweiten Memorandums 2012 sank die Zahl kurzfristig und lag 2013 bei 111.794, aber 2014 stieg sie wieder auf 113.740 und 2015 sogar auf 121.183. Das ist kein Wunder, denn genau in diesen Jahren wurde das öffentliche Gesundheitssystem auf Anordnung von Griechenlands Gläubigern stark reduziert.
Ende 2015 mußte die Regierung – damals unter SYRIZA – ein drittes Memorandum unterzeichnen, sie wurde damit erpreßt, daß sonst die Europäische Zentralbank den Geldhahn zudreht und/oder das Land aus der Eurozone geworfen wird. Ohne Chance, die Kürzungen im Gesundheitswesen rückgängig zu machen, begann die Zahl der Todesfälle erneut zu steigen: auf 124.501 (2017) und 120.296 (2018). Nachdem 2019 die Neue Demokratie an die Macht zurückkehrte, stieg die Zahl der Todesfälle weiter, erst auf 124.965 und 2020 auf 130.920. Und nach Angaben des griechischen Innenministeriums gab es 2021 sogar 143.850 Todesfälle.
Laut dem CIA World Fact Book stieg die Sterberate in Griechenland je tausend Einwohner von 9,8 im Jahr 2009 auf etwa 12,05 im Jahr 2021. Da sich die Todesursachen im Laufe des Jahrzehnts nicht wesentlich geändert haben (abgesehen natürlich von der COVID-Pandemie), läßt sich dieser Anstieg leicht auf wirtschaftliche Ursachen zurückführen, insbesondere auf das Schrumpfen der Wirtschaft um mehr als Drittel, den Zusammenbruch des Gesundheitssystems, Dauerarbeitslosigkeit und zunehmende Armut, insbesondere bei älteren Rentnern, deren Renten drastisch gekürzt wurden. An dieser Stelle ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß die Sterberate in Deutschland, Frankreich und Großbritannien – deren Banken von der sog. „Griechenland-Rettung“ profitierten – während der COVID-19-Pandemie nicht nennenswert anstieg.
Unter der Nazi-Besatzung wurden 21.000 Griechen hingerichtet und 578.000 Griechen starben, meist an Hunger und Krankheiten aufgrund der Kriegsbedingungen und der wirtschaftlichen Ausplünderung des Landes. Ohne die brutale Austerität, die Griechenland auferlegt wurde und die den wirtschaftlichen Niedergang bis hin zum Einbruch der Wirtschaft um 35% beschleunigte, hätte die Zahl der Verstorbenen im Durchschnitt nicht mehr als 108.000 betragen. Wenn man diese Zahl von den jährlichen Gesamtzahlen des letzten Jahrzehnts abzieht, kann man davon ausgehen, daß mehr als 140.000 Menschen an den Folgen der menschenfeindlichen Wirtschaftspolitik gestorben sind.
Man könnte sagen, das sei „nur“ ein Viertel der Zahl der Opfer im Zweiten Weltkrieg. Aber diese Todesfälle wurden nicht unter Kriegsbedingungen von den Nazis und der Wehrmacht verursacht. Sie sind die Folge von Entscheidungen der Schreibtischtäter der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank und des Internationalen Währungsfonds, deren Waffen schwarze Aktenkoffer und Füllfederhalter waren, und unter der Drohung, aus der Eurozone herausgeworfen und vom Kredit abgeschnitten zu werden, hatte Griechenland keine Wahl.