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Neue Solidarität
Nr. 23-24, 4. Juni 2026

Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und der EU:
Kein Ungleichgewicht, sondern gegenseitiger Nutzen

Von Qiu Xuejun,
Generalkonsul der Volksrepublik China in München

In jüngster Zeit mehren sich in Europa Stimmen, die ein angebliches „Ungleichgewicht im Handel mit China“ sowie eine „strukturelle Schwäche“ der chinesischen Wirtschaft thematisieren. Der chinesische Warenhandelsüberschuß gegenüber der EU wird dabei pauschal auf „Überkapazitäten“, „Dumpingpreise“ und „Handelsumlenkung“ zurückgeführt. Einige fordern gar Schutzmaßnahmen zur Handelsabwehr oder hohe Strafzölle. Dies wirft einen Schatten auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit, die eigentlich als „Anker“ der Beziehungen zwischen China und der EU gelten sollte.

Wirft man aber solche selektiven Daten und voreingenommenen Narrativen beiseite, könnte man die Fakten bestätigen: Das vermeintliche „Ungleichgewicht“ ist eine statistische Illusion und eine kognitive Fehleinschätzung. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und der EU sind kein Nullsummenspiel, sondern eine tiefgreifende, sich gegenseitig verstärkende Partnerschaft mit Gewinnen für beide Seiten – mit einer vielversprechenden Zukunft.

Erstens ist der Wandel der Handelsstruktur zwischen China und der EU wohl ein natürliches Ergebnis der globalen Arbeitsteilung und der dynamischen Anpassung der Wettbewerbsfähigkeit beider Seiten – und keineswegs ein von China bewußt herbeigeführtes Phänomen. Historisch betrachtet führte die EU in den 20 Jahren vor 1996 aufgrund ihrer Stärken in den Bereichen Industrieanlagen, Automobile und Präzisionsinstrumente einen beständigen Handelsüberschuß gegenüber China. Dies wurde damals in Europa als vernünftiges Ergebnis der globalen Arbeitsteilung betrachtet.

Die heutige Umkehrung ergibt sich aus objektiven Unterschieden in der industriellen Entwicklung beider Seiten. Europa steht vor vielfältigen internen Herausforderungen: Unterschiedliche Standards in den 27 Mitgliedstaaten, umständliche technische Vorschriften und langwierige Genehmigungsverfahren beschädigen die Reaktionsfähigkeit der Unternehmen maßgeblich. Der Marktanteil europäischer Hochtechnologiebranchen schrumpft, die Wettbewerbsfähigkeit traditioneller Industrien nimmt ab.

Gleichzeitig haben die Energiekrise sowie die zugespitzten Industriestromkosten infolge des Ukraine-Konflikts die europäische Energiestruktur beeinträchtigt. Über zwei Drittel der europäischen Produktionsunternehmen müssen Herstellungskosten hinnehmen, die 20% höher als in China sind und immer wettbewerbsunfähiger sind.

China hingegen treibt sein industrielles Upgrading konsequent voran, stützt sich auf den großen Binnenmarkt, eigene Innovationsanstrengungen sowie robuste Industrie- und Lieferketten. In Bereichen wie Erneuerbaren Energien und dem Anlagenbau hat China umfassende Wettbewerbsvorteile entwickelt. Daß einige dieser Produkte nach Europa exportiert werden, entspricht dem dringenden Bedarf Europas an der grünen Transformation – ein Ergebnis von Marktkräften, nicht von „unfairem Wettbewerb“.

Zweitens ist es die Politik der EU selbst, die dieses Ungleichgewicht maßgeblich verschärft – nicht China. Europa unterhält seit langem Ausfuhrkontrollen für Hochtechnologie gegenüber China, die den Marktzugang für fortschrittliche Produkte wie hochwertige Lithographie-Maschinen und Präzisionstechnologien einschränken. Der Gewinn aus einer einzigen solchen Maschine entspricht dem von 200.000 Tonnen Schweinefleisch. Würde Europa seine unangemessenen Beschränkungen lockern und sein Exportpotential voll ausschöpfen, könnte das sogenannte Defizit erheblich gemildert werden. Es ist widersprüchlich, einerseits den Export eigener hochwertiger Güter nach China zu beschränken und andererseits China für ein Handelsungleichgewicht verantwortlich zu machen.

Noch wichtiger ist, daß eine Bewertung der Wirtschaftsbeziehungen lediglich anhand der Warenhandelsbilanz weder vollständig noch objektiv ist.

Erstens ist es eine unbestreitbare Tatsache, daß viele Unternehmen „Überschuß in China, Gewinne in Europa“ machen. Viele europäische Unternehmen produzieren lokal in China und exportieren 40% ihrer Erzeugnisse zurück nach Europa. Die Zollstatistiken weisen diese als chinesische Exporte in die EU aus – doch die wesentlichen Wertschöpfungsanteile wie Markenprämien, Technologielizenzgebühren und Kapitalerträge fließen letztlich an die europäischen Muttergesellschaften zurück. So werden beispielsweise von Volkswagen in China produzierte und nach Deutschland re-exportierte Fahrzeuge statistisch als europäisches Defizit erfaßt, während der tatsächliche Gewinn dem europäischen Unternehmen zufließt.

Zweitens besteht nahezu die Hälfte des Handels zwischen China und der EU aus Vorprodukten. Chinesische Industrieanlagen sind im Durchschnitt 30% günstiger als vergleichbare europäische Produkte – dies hilft maßgeblich direkt bei der Senkung der Herstellungskosten europäischer Firmen und bei der Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit ihrer Endprodukte. China agiert damit als „Kostenhelfer“ der europäischen Industrie.

Drittens verzeichnet die EU im Dienstleistungshandel mit China seit langem einen Überschuß. 2024 belief sich dieser auf über 50 Mrd. US-Dollar. Allein die Einnahmen aus Lizenzgebühren für geistiges Eigentum belaufen sich auf jährlich mehr als 10 Mrd. US-Dollar. Diese zentralen Vorteile werden aber in der Ungleichgewichts-Debatte nie berücksichtigt.

Vorwürfe der „chinesischen Überkapazitäten“ oder „Handelsumleitung“ werden durch Daten und Fakten längst widerlegt. Die EU exportiert Güter im Wert von 25% ihres BIP – weit mehr als Chinas Anteil von 19% –, und ihr Gesamtüberschuß wächst kontinuierlich. Deutschland exportiert 80% seiner Automobilproduktion, europäische Pharmaunternehmen erzielen über 80% ihrer Einnahmen außerhalb Europas, Airbus generiert mehr als 85% seiner Erlöse aus Exporten. Der Exportanteil der chinesischen E-Fahrzeuge-Industrie beträgt dagegen nur 10%.

Ein Bericht der Europäischen Zentralbank zeigt zudem klar, daß Chinas Exporte in die USA 2025 um 104 Mrd. US-Dollar zurückgingen, während die Ausfuhren in den Euroraum nur um 32 Mrd. US-Dollar stiegen – weit weniger als die Zuwächse nach ASEAN und Afrika. Von einer „Umleitung nicht absetzbarer Waren aus den USA nach Europa“ kann keine Rede sein.

Europäische Unternehmen entscheiden mit ihren Investitionen und bestätigen damit die Unersetzbarkeit des chinesischen Marktes. 2025 stiegen die deutschen Investitionen in China um über 55%, die aus der Schweiz und Großbritannien um 66,8% bzw. 15,9%. 93% der in China tätigen deutschen Unternehmen planen, ihr Engagement weiter zu vertiefen; 80% der europäischen Pharmafirmen bauen ihre Produktionskapazitäten in China aus. China ist ein zentraler Absatzmarkt für europäische Hochtechnologie, Automobile und Chemieerzeugnisse. Europa bezieht 97% seines Magnesiums, 90% seiner Solarmodule und einen Großteil seiner seltenen Erden aus China. Die Industrieketten beider Seiten sind eng miteinander verwoben – beide profitieren oder verlieren gemeinsam.

Seit Beginn dieses Jahres haben zahlreiche europäische Staats- und Regierungschefs China besucht; die Beziehungen zwischen China und der EU haben sich spürbar erwärmt, was neue Impulse für die wirtschaftliche Zusammenarbeit gibt. China setzt derzeit den 15. Fünfjahresplan umfassend um – mit der strategischen Priorität auf der Ausweitung der Binnennachfrage, der schrittweisen Öffnung der Märkte durch institutionelle Reformen und der beschleunigten Etablierung eines neuen Entwicklungsparadigmas, das auf inländischen Wirtschaftskreisläufen basiert und durch internationale und inländische Doppelkreisläufe ergänzt wird. China setzt unbeirrt auf Offenheit und Zusammenarbeit und strebt keinen Handelsüberschuß um seiner selbst willen an. Durch die Stärkung der Binnennachfrage, die Erhöhung der Importe und die Optimierung der Handelsstruktur arbeitet China auf ein ausgewogeneres Wirtschaftsverhältnis hin – in voller Übereinstimmung mit den Zielen des 15. Fünfjahresplans, den innovativen Handelsausbau zu fördern und ein höheres Niveau gegenseitigen Nutzens zu erreichen.

China veranstaltete 2018 erstmals die China International Import Expo (CIIE) – die weltweit erste Messe auf nationaler Ebene mit Import als Schwerpunkt. Die neunte Ausgabe findet in diesem Jahr statt. Die CIIE ist ein wichtiger Schritt Chinas zur aktiven Öffnung seines Marktes für die Welt und hat sich zu einem globalen öffentlichen Gut entwickelt. Für Europa ist es eine kluge Wahl im eigenen Interesse, Protektionismus abzulegen, unangemessene Beschränkungen abzubauen, sich dem chinesischen Markt zu öffnen und an den Chancen teilzuhaben, die Chinas enormer Binnenmarkt und seine qualitativ hochwertige Entwicklung bieten.

In den Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und der EU darf es keine „Verlierer“ geben – nur „Gewinner“ einer gemeinsamen Entwicklung. Im Zeitalter der Globalisierung ist eine auf Zusammenarbeit beruhende Win-Win-Logik der irreversible Trend der Zeit. Ausgehend von dieser neuen Realität ist es der einzig richtige Weg, Nullsummendenken aufzugeben, die pragmatische Zusammenarbeit zu vertiefen, den gemeinsamen wirtschaftlichen Kuchen zu vergrößern und die Früchte dieser Kooperation den Menschen auf beiden Seiten zugutekommen zu lassen.

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