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Von S.E. Eskinder Yirga Asfaw
S.E. Eskinder Yirga Asfaw ist Botschafter Äthiopiens in Deutschland. Im dritten Abschnitt der Berliner Konferenz des Schiller-Instituts hielt er am 31. 5. 2026 den folgenden Vortrag. (Übersetzung aus dem Englischen.)
Exzellenzen, verehrte Delegierte, geschätzte Mitglieder des Schiller-Instituts, meine Damen und Herren, zunächst möchte ich dem Internationalen Schiller-Institut meinen tiefsten Dank für die freundliche Einladung und die Organisation dieser wichtigen Konferenz hier in Berlin aussprechen. Diese Stadt, die Zeuge historischer und bedeutsamer Ereignisse in der Menschheitsgeschichte war, bietet einen passenden Rahmen für eine Diskussion über die aktuellen Themen Souveränität, Entwicklung und den ungebrochenen Freiheitswillen der Nationen. Es ist mir eine große Ehre, heute zu Ihnen zu sprechen und Ihnen die Geschichte meines Landes, Äthiopiens, näherzubringen.
Äthiopien ist mehr als ein Land; es ist eine Zivilisation, die älter ist als die meisten Nationen. Es ist das Ursprungsland, die Wiege der Menschheit. Vor über 3,2 Millionen Jahren betrat unsere älteste Vorfahrin, Lucy (Dinknesh), in der Afar-Senke die Erde. Doch unsere Zivilisation machte dort nicht Halt. Vom Königreich Axum, einer der Großmächte der Antike, bis zu den im 11. Jahrhundert in den Fels gehauenen Kirchen von Lalibela, von den Obelisken von Axum bis zu den Burgen von Gondar hat Äthiopien über drei Jahrtausende hinweg eine kontinuierliche, ununterbrochene Zivilisation und Staatlichkeit bewahrt.
Heute steht Äthiopien in Afrika an erster Stelle, was immaterielles und materielles UNESCO-Weltkulturerbe betrifft. Wir sind die einzige afrikanische Nation mit einer eigenen einheimischen Schrift – Ge’ez – und einem eigenständigen Kalender, der auch heute noch das Jahr 2018 anzeigt. Das ist keine Übertreibung. Das ist Geschichte. Wir haben der Welt den Kaffee geschenkt. Äthiopien, das Land der Ursprünge. Äthiopien ist die Quelle des Blauen Nils, der 86 Prozent des Wassers liefert, das Ägypten erreicht und die alten Zivilisationen der Welt im Niltal erhält.
Es heißt, die europäischen Mächte, die an der berüchtigten Berliner Konferenz (1884-85) teilnahmen, hätten Äthiopien dem kolonialen Italien als Einflußsphäre zugesprochen, obwohl es zu dieser Zeit ein eigenständiges Reich war. Allerdings gab es seitens Italiens viele Bedenken, und eine Eroberung fand in der Zeit unmittelbar nach der Berliner Konferenz nicht statt. Warum? Weil Äthiopien bereits ein souveränes Reich war, das nicht aufgeteilt werden konnte. Während der „Wettlauf um Afrika“ die Unabhängigkeit der Nationen in ganz Afrika zunichtemachte – abgesehen von Liberia –, blieb Äthiopien die einzige afrikanische Nation, die nie unter Kolonialherrschaft fiel.
Als das koloniale Italien erstmals in das Land eindrang und versuchte, den berüchtigten Vertrag von Wuchale aufzuzwingen – einen Betrug, der in der italienischen Fassung des Vertrags ein Protektorat beanspruchte, während der amharische Text nichts dergleichen enthielt –, entlarvte Kaiser Menelik II. die Täuschung mit diplomatischem Genie. Es kam zum Krieg. Italien, bewaffnet mit moderner Artillerie und im Glauben an die Überlegenheit der „europäischen Rasse“, marschierte in die Berge von Tigray.
Am Morgen des 1. März 1896 haben äthiopische Truppen – vereint unter Kaiser Menelik II. und der legendären Kaiserin Taytu Betul, die ihr eigenes Heer befehligte – in Adwa die italienischen Kolonialtruppen vernichtet. Es sei hier festgehalten: Äthiopien siegte nicht durch Hinterhalt oder Zermürbung. Es siegte in einer konventionellen Feldschlacht gegen eine moderne europäische Armee. Die Truppen des italienischen Generals Baratieri wurden eingekesselt und vernichtet. Über 7000 italienische Soldaten starben, 3000 wurden gefangen genommen.
Der Sieg bei Adwa fand auf allen kolonialisierten Kontinenten Widerhall. Er widerlegte die rassistische Überlegenheitsideologie, die als Rechtfertigung für koloniale Aggression diente. Er sandte eine klare Botschaft: Afrika konnte Europa besiegen. Für die Äthiopier war es mehr als eine Schlacht; es war eine Erklärung ewiger Freiheit. Adwa wurde zum Leuchtfeuer der Freiheit für die schwarze Bevölkerung auf der ganzen Welt, inspirierte antikoloniale Bewegungen von Jamaika bis Südafrika und läutete die panafrikanische Bewegung ein.
Da Äthiopien seine Unabhängigkeit nie verloren hat, konnte es einen Platz am Tisch der Nationen einnehmen, als andere dies nicht konnten. 1923 trat Äthiopien dem Völkerbund bei – als eine von nur zwei unabhängigen afrikanischen Nationen. Als das faschistische Italien 1935 erneut einmarschierte, trat Kaiser Haile Selassie I. vor den Völkerbund und sprach eine prophetische Warnung aus: „Heute sind wir es. Morgen seid ihr es.“ Der Völkerbund versagte damals gegenüber Äthiopien, aber Äthiopien versagte nie gegenüber der Sache der kollektiven Sicherheit.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Äthiopien 1945 Gründungsmitglied der Vereinten Nationen, wieder eine der vier afrikanischen Nationen, die die UN-Charta als Gründungsmitglied neben den Großmächten unterzeichneten. Und als 1963 der Wind der afrikanischen Befreiung wehte, war Äthiopien in Addis Abeba Gastgeber der Gründungskonferenz der Organisation für Afrikanische Einheit, der heutigen Afrikanischen Union. Auch heute noch ist unsere Hauptstadt die diplomatische Hauptstadt Afrikas und beherbergt neben dem Hauptsitz der AU über 137 Botschaften sowie eine große Anzahl regionaler und internationaler Organisationen.
In jüngster Zeit ist Äthiopien den BRICS beigetreten - ein Zeichen für unser wachsendes wirtschaftliches Gewicht und unser Engagement für eine multipolare, gerechte Weltordnung. Wir treten entschieden für den Multilateralismus ein und sind der Überzeugung, daß kein Land, wie mächtig es auch sein mag, einem anderen Vorschriften machen sollte. Äthiopien spielt eine führende Rolle als größter Truppensteller bei UN-Friedensmissionen; in Klimaverhandlungen oder Handelsforen vertritt Äthiopien den Grundsatz, daß das Völkerrecht für alle gleichermaßen gelten muß.
Heute geben wir uns nicht mit unserer reichen Geschichte zufrieden, sondern gestalten unsere eigenen Wege zum Wohlstand. Wir begeben uns auf einen außergewöhnlichen Weg zum Wohlstand. Lassen Sie mich einige wichtige Fakten nennen:
Wir in Äthiopien sind überzeugt, daß Wohlstand nicht auf einer geschädigten Umwelt aufgebaut werden kann. Deshalb hat Premierminister Abiy Ahmed die Green Legacy Initiative ins Leben gerufen. In nur fünf Jahren hat Äthiopien über 40 Milliarden Setzlinge gepflanzt – kein Tippfehler: 40 Milliarden. Wir haben geschädigtes Land wiederhergestellt, die Waldbedeckung vergrößert und eine der größten Kampagnen zur Wiederaufforstung in der Weltgeschichte durchgeführt. Die meisten gepflanzten Bäume sind Obstbäume, was die Bewegung für Ernährungssouveränität unterstützt.
Zur Ernährungssouveränität: Äthiopien war einst ein Synonym für Dürre. Heute nicht mehr. Durch gemeinsame Anstrengungen im Rahmen der landwirtschaftlichen Transformation haben wir nahezu Selbstversorgung bei Weizen erreicht, die Produktivität von Teff (Zwerghirse) und Mais gesteigert und strategische Getreidereserven aufgebaut. Unser Ziel ist es nicht nur, uns selbst zu ernähren, sondern zur Kornkammer der Region zu werden.
Äthiopien hat sich zum Ziel gesetzt, das Produktionszentrum Afrikas zu werden. Warum? Weil wir über folgendes verfügen:
Wir streben nicht nur Textilien im Niedrigpreissegment an. Wir bauen Agrarverarbeitung auf, Pharmazeutika, Montage und Fertigung von Elektrofahrzeugen, Verkehrsinfrastruktur und Digitalisierung. Äthiopien will der Ort sein, an dem die Welt nachhaltig und ethisch produziert.
Lassen Sie mich auf zwei transformative Projekte eingehen.
Erstens der Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD) – das größte Wasserkraftprojekt in Afrika. Mit einer Leistung von 5150 Megawatt versorgt der GERD über 60% unserer Bevölkerung, die bisher ohne Strom lebt, mit sauberem, erschwinglichem Strom. Er ist keine Bedrohung für unsere Nachbarn flußabwärts, sondern eine Plattform der Zusammenarbeit. Der GERD ist fertiggestellt, voll funktionsfähig und treibt unsere industrielle Revolution an.
Zweitens der Bishoftu International Airport, ein neuer, hochmoderner Luftverkehrsknotenpunkt. Ethiopian Airlines ist bereits Afrikas größte und profitabelste Fluggesellschaft mit 140 internationalen und 30 inländischen Zielen, die mit ihrer derzeitigen Flotte von 200 Flugzeugen bedient werden. Der neue Flughafen, der für 100 Millionen Passagiere jährlich ausgelegt ist, wird Addis Abeba als Luftverkehrstor nach Afrika festigen. Das ist kein Traum; der Bau ist bereits im Gange.
Hinzu kommen Projekte von strategischer Bedeutung wie das 4-Milliarden-Dollar-Düngemittelprojekt und die wiederbelebte Tourismusbranche.
Addis Abeba entwickelt sich zu einem bevorzugten Austragungsort für internationale Großveranstaltungen, wie die bevorstehende COP-32.
Meine Damen und Herren, Äthiopien bittet nicht länger um Almosen. Wir arbeiten und setzen uns für gemeinsamen Wohlstand mit unseren unmittelbaren Nachbarn und darüber hinaus ein. Unser Weg zum Wohlstand wird vor allem von einem Prinzip bestimmt: dem Recht des äthiopischen Volkes, sein Schicksal ohne Einmischung von außen selbst zu bestimmen. Wir haben zu oft erlebt, daß Länder Hilfe mit Auflagen oder „Rat“ erhielten, die ausländischen Interessen dienten. Äthiopien hat mit seinem Blut gegen den Kolonialismus gekämpft; wir werden unsere Souveränität nicht aufgeben. Wir lehnen jede Form von Zwang unter dem Deckmantel von Auflagen ab.
Wir haben selbst Fehler gemacht, jawohl: interne Konflikte, ethnische Spannungen und Herausforderungen bei der Regierungsführung. Aber wir gehen sie an durch nationalen Dialog, inklusive Reformen und selbst entwickelte Lösungen. Bei diesem edlen Unterfangen brauchen wir Partner, keine Herren. Deshalb stehen wir an vorderster Front der Länder, die sich in der UNO und anderen multilateralen Foren für das Prinzip „Afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme“ einsetzen.
Das Schiller-Institut setzt sich seit langem für die Ideale der universellen Menschlichkeit, des Friedens und der Entwicklung ein. Ich sage Ihnen heute: Betrachten Sie Äthiopien nicht als einen Fall für Wohltätigkeit, sondern als eine wiedergeborene Zivilisation. Von Lucy bis zum GERD, von Adwa bis zu den BRICS, von der Dürre bis zur Ernährungssouveränität – Äthiopien schreibt eine neue Geschichte.
Lassen Sie uns zusammenarbeiten – Berlin und Addis Abeba, Europa und Afrika – im Geiste einer gleichberechtigten Partnerschaft. Investieren Sie in unsere Industrieparks. Kaufen Sie bei unseren Fabriken ein. Lernen Sie von unserem Wiederaufforstungsprogramm. Respektieren Sie unsere Entscheidungen.
Wir sind ein Land ohne koloniale Hemmungen. Ein Leuchtfeuer. Und dieses Licht ist nicht erloschen. Es erhellt nun den Weg zum Wohlstand.
Vielen Dank, und möge Frieden unter allen Nationen herrschen.
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