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Von Botschafter Youssouf Abassalah
S.E. Youssouf Abassalah ist Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter der Republik Tschad in Deutschland. Im EIR-Krisenforum am 31. Juli 2026 sagte er folgendes. (Übersetzung aus dem Französischen.)
Meine Damen und Herren,
die afrikanische Migration hat sich zu einer der großen geopolitischen Herausforderungen unserer Zeit entwickelt. Sie berührt Fragen der Entwicklung, der Sicherheit, der Regierungsführung, der Demographie, des Klimawandels und der internationalen Zusammenarbeit. Bilder von Tausenden junger Afrikaner, die der Sahara und den Gewässern des Mittelmeers trotzen, zeugen von einer zutiefst besorgniserregenden Realität.
Migration – ob zyklisch (zeitlich und räumlich begrenzt) oder linear – stellt sowohl für das Herkunfts- als auch für das Aufnahmeland eine Herausforderung und zugleich eine Lösung dar. Zwei Ursachen sind hierbei maßgeblich:
80 % der Migration finden innerhalb Afrikas statt.
Für bestimmte alternde Nationen bringt Migration neue Vitalität in Länder, deren Fertilitätsrate zur Bestandserhaltung der Bevölkerung unter 2,1% liegt. Gleichzeitig entzieht die Migration Afrika jedoch seine arbeitsfähige Bevölkerung, insbesondere aus ländlichen Gebieten. Tatsächlich leben 60% der Afrikaner in städtischen oder halbstädtischen Siedlungen; auf dem afrikanischen Land verbleiben vorwiegend Frauen, kleine Kinder und ältere Menschen.
Die afrikanische Migration ist kein demographischer Zufall, sondern das rationale Ergebnis struktureller Ungleichgewichte: Einkommensunterschiede von bis zu 20 zu 1 zwischen dem Norden und bestimmten Regionen des Südens, demografischer Druck (die Bevölkerung Afrikas wird bis 2050 voraussichtlich von 1,4 auf 2,5 Milliarden anwachsen), staatliche Instabilität, Konflikte sowie klimatische Veränderungen in der Sahelzone.
Ein realistischer Ansatz verwirft zwei spiegelbildliche Illusionen: Migration entweder lediglich als „Sicherheitsproblem“ zu betrachten, das durch Mauern eingedämmt werden muß, oder sie als einen Akt der Solidarität darzustellen, der ohne Kosten oder Grenzen auskommt. Migrationsströme werden gleichermaßen durch die Interessen von Einzelpersonen, Herkunftsländern und Aufnahmeländern bestimmt; jede nachhaltige Lösung muß diesen Interessen Rechnung tragen, anstatt sie zu leugnen.
Der Gesamtumsatz der 100 größten Waffenhersteller beläuft sich auf 679 Milliarden US-Dollar – eine Zahl, die jährlich steigt.
Migration hat vielschichtige Auswirkungen.
Für die afrikanischen Länder führt sie zu einem Verlust an Fachkräften, insbesondere in den Bereichen Gesundheitswesen, Hochschulbildung, Ingenieurwesen und neue Technologien. Diese Abwanderung von Talenten bremst die Entwicklungsbemühungen.
Gleichzeitig stellen die afrikanischen Diasporas eine strategische Ressource dar. Ihre Rücküberweisungen, Investitionen und Kompetenzen sind ein wesentlicher Hebel für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Auch die Aufnahmeländer profitieren von den Migranten, die zur wirtschaftlichen Dynamik beitragen, Arbeitskräftemangel ausgleichen und die kulturelle Vielfalt bereichern.
Sind die Migrationsströme hingegen unzureichend organisiert, können sie Druck auf die öffentliche Politik ausüben, extremistischen Strömungen Vorschub leisten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt erschweren.
Dennoch bleibt der Migrant das Hauptopfer; er sieht sich oft kriminellen Schleusernetzwerken, Gewalt, Diskriminierung und extremer Prekarität gegenüber.
1. Produktive Investitionen in Afrika, gezielt in Regionen mit hoher Abwanderungsrate – etwa in Infrastruktur, Leichtindustrie und Landwirtschaft –, statt sich allein auf humanitäre Hilfe zu verlassen, die lediglich die Symptome bekämpft.
2. Legale Migration, organisiert durch bilaterale Arbeitskräfteabkommen (wie sie Deutschland und bestimmte Golfstaaten bereits praktizieren); dies schmälert die Gewinne von Schleusern und ermöglicht die Steuerung der Migrationsströme.
3. Stärkung der Staaten statt deren Umgehung – politische Stabilität und der Kampf gegen Korruption sind oft wichtiger als reine Finanzhilfen.
4. Reform der kontinentalen Migrationssteuerung durch die Afrikanische Union, um die innerafrikanische Mobilität (die zahlenmäßig umfangreicher ist als die Migration nach Europa) in einen regionalen Wirtschaftsfaktor zu verwandeln.
5. Diplomatischer Realismus: Anerkennung der Tatsache, daß Aufnahmeländer ihre Aufnahmekapazitäten selbst definieren, ohne dabei entweder einer völligen Abschottung oder einem naiven Idealismus zu verfallen – denn beides schürt Extremismus, sowohl im Norden als auch im Süden.
Die Sahelzone veranschaulicht auf ideale Weise die Wechselwirkung zwischen Sicherheit, Entwicklung und Migration. Die Region steht vor gleichzeitigen Herausforderungen: Terrorismus, rasches Bevölkerungswachstum, die Auswirkungen des Klimawandels, Ernährungsunsicherheit und eine schwache Infrastruktur.
Der Tschad, mein Heimatland, trägt eine große regionale Verantwortung. Während das Land den Kampf gegen terroristische Gruppen fortsetzt, nimmt es trotz begrenzter Ressourcen Hunderttausende von Flüchtlingen aus Nachbarländern auf. Dieses Engagement zeugt von Solidarität, unterstreicht aber auch die Notwendigkeit verstärkter internationaler Unterstützung.
Die Stärkung der Resilienz der Sahelzone muß für die internationale Gemeinschaft weiterhin Priorität haben.
Afrikanische Migration ist weder eine Bedrohung noch eine Unausweichlichkeit. Sie offenbart die tiefgreifenden Entwicklungsunterschiede, die zwischen den Weltregionen fortbestehen.
Die nachhaltige Lösung liegt in einem neuen Pakt der gemeinsamen Verantwortung zwischen afrikanischen Staaten, Zielländern, internationalen Organisationen, der Privatwirtschaft und den Diasporas – kurz: einem afrikanischen Marshallplan.
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