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Von Liu Chang
Liu Chang ist Sprecher der Botschaft der Volksrepublik China in den Vereinigten Staaten. Im EIR-Krisenforum am 31. Juli 2026 sagte er folgendes.
Meine Damen und Herren, zunächst möchte ich dem Schiller-Institut für die Einladung danken. Es ist mir eine große Freude, heute bei Ihnen zu sein und Ihnen einige Gedanken darüber mitzuteilen, wie China globale Entwicklung sieht.
Wenn es um Entwicklung geht, denken die meisten Menschen an das BIP, Investitionen oder große Infrastrukturprojekte. Doch für die meisten Familien sieht Entwicklung viel einfacher aus. Sie bedeutet: Licht in der Nacht. Straßen, die auch in der Regenzeit befahrbar bleiben. Ein Arzt, der erreichbar ist, wenn jemand krank wird. Ein junger Mensch, der Fähigkeiten erlernt, die zu einem guten Job führen.
Das mag selbstverständlich klingen. Aber genau darum geht es bei Entwicklung. Es geht nicht darum, die Zahlen zu verbessern. Es geht darum, das Leben der Menschen zu verbessern. Entwicklung ist dann von Bedeutung, wenn eine Familie den Unterschied spürt und eine ganze Gemeinschaft an ihren Vorteilen teilhaben kann.
Vor kurzem las ich einen Bericht über Bauern in Madagaskar, die in China entwickelten Hybridreis anbauen. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) können diese Sorten zwischen 9 und 11 Tonnen Reis pro Hektar erbringen, verglichen mit etwa 2,8 Tonnen bei traditionellen lokalen Sorten.
Diese Zahlen sind mehr als nur Statistiken. Für einen Bauern vor Ort bedeuten sie etwas Konkretes: vollere Speicher, ein etwas höheres Einkommen und eine bessere Chance, daß sein Kind zur Schule gehen kann.
Was also kann uns ein einzelnes Reiskorn sagen?
Es erinnert uns daran, daß Entwicklungszusammenarbeit nur dann sinnvoll ist, wenn sie das Leben der Menschen verbessert. Und in der heutigen vernetzten Welt wirft das vier grundlegende Fragen auf:
Genau diese Fragen versucht China zu beantworten.
Erstens: Wie können mehr Menschen von den Früchten der Entwicklung profitieren?
China hat 2021 die Globale Entwicklungsinitiative ins Leben gerufen. Im Rahmen dieser Initiative wurden mehr als 23 Milliarden Dollar mobilisiert und über 1800 Kooperationsprojekte gestartet.
Doch Zahlen allein sagen nicht alles. Die wichtigere Frage ist, ob diese Bemühungen das Leben der Menschen zum besseren wenden können. In Madagaskar – wie ich bereits erwähnte – bedeutet Wandel höhere Erträge durch Hybridreis. In Papua-Neuguinea könnte der Wandel durch Juncao-Gras eingeleitet werden, das es Kleinbauern ermöglicht, Speisepilze anzubauen, ohne Wälder zu roden, und gleichzeitig neue Einkommensquellen schafft. Oder es handelt sich um eine „Luban-Werkstatt“ [Berufsschule] in Kasachstan, in der einheimische Schüler praxisnahe Fähigkeiten in Bereichen wie erneuerbare Energien, Automatisierung und Bahnverkehr erwerben – ausgerichtet auf die Bedürfnisse der lokalen Industrie.
China geht es nicht einfach darum, ein Projekt abzuschließen, um dann zum nächsten überzugehen. Vielmehr sollen gemeinsam mit lokalen Partnern Kompetenzen aufgebaut, geeignete Technologien weitergegeben und Chancen geschaffen werden, die Wurzeln schlagen, weiter wachsen und den lokalen Gemeinschaften langfristig zugutekommen.
Zweitens: Was schützt die Errungenschaften der Entwicklung?
Für viele Entwicklungsländer bedeutet Sicherheit weit mehr als die Abwesenheit von Krieg. Sie bedeutet auch, daß Krankenhäuser bei Überschwemmungen, Dürren oder Gesundheitskrisen weiterarbeiten können. Sie bedeutet einen stabilen Zugang zu Nahrungsmitteln und Energie. Sie bedeutet Widerstandsfähigkeit, um gestärkt aus Herausforderungen hervorzugehen. Ein Krieg kann eine Schule über Nacht zerstören. Eine schwere Naturkatastrophe oder ein Gesundheitsnotstand kann die Entwicklung einer ganzen Gemeinschaft um Jahre zurückwerfen.
Aus diesem Grund hat China 2022 die Globale Sicherheitsinitiative vorgeschlagen. Sie fordert eine Sicherheitsvision, die auf Gemeinsamkeit, Vollständigkeit, Kooperation und Nachhaltigkeit beruht. Sie setzt auf die Beilegung von Differenzen durch Dialog und Konsultation und geht zugleich globale Herausforderungen wie Ernährungssicherheit, Energiesicherheit, öffentliche Gesundheit und Klimawandel an.
Frieden ist das Fundament, auf dem Entwicklung gedeiht. Und Entwicklung selbst kann dazu beitragen, die Ursachen von Konflikten und Instabilität zu bekämpfen und so eine solidere Grundlage für dauerhaften Frieden zu schaffen.
Drittens: Können unterschiedliche Entwicklungswege einander respektieren und bereichern?
Chinas Antwort lautet: Ja. Jedes Land hat seine eigene Geschichte, Kultur und seinen eigenen Entwicklungsweg. Zusammenarbeit sollte nicht von der Annahme ausgehen, daß ein Land zunächst ein Abbild des anderen werden muß. Wahrer zivilisatorischer Austausch bedeutet nicht, daß eine Seite die andere verändert oder ersetzt. Es geht darum, voneinander mit Gleichberechtigung und Respekt zu lernen, sich von unterschiedlichen Erfahrungen inspirieren zu lassen und es verschiedenen Zivilisationen zu ermöglichen, durch Dialog zusammenzuwachsen, anstatt durch Ausgrenzung miteinander zu konkurrieren.
2023 schlug China die Globale Zivilisationsinitiative vor, die anerkennt, daß der größte Wert des gegenseitigen Lernens zwischen Zivilisationen nicht darin besteht, Unterschiede auszulöschen, sondern diese Unterschiede als Ausgangspunkt für gegenseitiges Verständnis und gegenseitige Stärkung zu nutzen.
Nicht zuletzt stellt sich die Frage: Wer sollte die globalen Regeln gestalten, und wem sollten diese Regeln dienen?
Der Beitrag des Globalen Südens zur weltweiten Entwicklung wächst stetig. Dennoch bleiben seine Vertretung und sein Mitspracherecht in einigen internationalen Institutionen begrenzt.
2025 schlug China die Globale Governance-Initiative vor; sie betont die souveräne Gleichheit, die Geltung des Völkerrechts, den Multilateralismus, einen menschenzentrierten Ansatz sowie eine handlungsorientierte Zusammenarbeit. Das Ziel ist es nicht, das bestehende internationale System zu Fall zu bringen oder ganz von vorne anzufangen. Vielmehr geht es darum, dieses System repräsentativer und effektiver zu gestalten und es besser in die Lage zu versetzen, auf die Anliegen der Entwicklungsländer einzugehen.
Globale Regeln sollten unter Beteiligung möglichst vieler Länder gestaltet werden – sie dürfen nicht von wenigen verfaßt und vom Rest lediglich akzeptiert werden. Über die Angelegenheiten der Welt sollte gemeinsam beraten und entschieden werden. Und die Früchte der Entwicklung sollten allen zugutekommen.
Diese vier globalen Initiativen spiegeln Chinas Vision für die Zukunft unserer Welt wider: Entwicklung gibt den Menschen Hoffnung; Sicherheit schützt diese Hoffnung; der Austausch zwischen den Kulturen fördert das gegenseitige Verständnis; und globale Governance schafft gerechtere Institutionen für einen gemeinsamen Fortschritt.
China ist seit jeher Teil des Globalen Südens. Wir haben den langen Weg von der Armut zur Entwicklung selbst durchlaufen und wissen, daß es weder ein einziges Modell für die Modernisierung noch eine Abkürzung gibt, die man einfach kopieren und übernehmen könnte.
China ist bereit, seine Erfahrungen zu teilen, ohne sie anderen als verbindliches Rezept aufzudrängen. Wir sind bereit, Unterstützung zu leisten, ohne jedoch Entscheidungen anstelle unserer Partner zu treffen. Wir sind bereit, Brücken, Straßen und Krankenhäuser zu bauen, wollen aber auch gemeinsam mit Ländern weltweit Talente fördern, damit die Menschen ihre Zukunft selbst gestalten können.
China freut sich darauf, die Zusammenarbeit mit Ländern in aller Welt fortzusetzen – damit Entwicklung nicht das Privileg weniger bleibt, sondern ein Recht für alle ist; damit Modernisierung nicht in einer einzigen Farbe erscheint, sondern eine Vielfalt an Wegen und Möglichkeiten widerspiegelt; und damit jedes Land und jedes Volk an der Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft mitwirken kann.
Vielen Dank.
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