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Neue Solidarität
Nr. 41-42, 8. Oktober 2026

Die Welt braucht mehr Menschen

Die antientropische Wissenschaft von Wernadskij und LaRouche

Von Megan Dobrodt

Megan Dobrodt, Präsidentin des Schiller-Instituts in den USA, hielt am 15. August 2026 bei einer Online-Veranstaltung für junge Menschen den folgenden Vortrag. Es war die vierte Veranstaltung einer Vortragsreihe für junge Aktivisten des Schiller-Instituts mit Teilnehmern aus den USA, Gambia, Mexiko, Brasilien, Uganda, Deutschland, Frankreich, Nigeria, Kanada und Liberia.

Ich nenne diesen Kurs „Die Welt braucht mehr Menschen: die antientropische Wissenschaft von Wernadskij und LaRouche“, und ich möchte ihn mit der meiner Meinung nach wichtigsten Frage beginnen, vor der wir – und insbesondere ihr als junge Menschen – in diesem historischen Moment stehen. Es ist ein unglaublicher Moment, in dem die alte, imperiale Weltordnung zerfällt – und sie fällt tatsächlich auseinander, nicht ohne Gefahren – und es eine wachsende Bewegung von Nationen gibt, die gemeinsam daran arbeiten, ein neues System der Weltordnung zu entwickeln: eine postkoloniale, postunipolare Weltordnung.

Diese entscheidende Frage lautet: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Was sind wir als Gattung? Welche Aufgabe ist uns als menschlicher Gattung vom Planeten, von der Biosphäre, vom Universum zugewiesen? Welche Rolle spielen wir in der universellen Ordnung?

Ich bin überzeugt, daß wir diese Frage unbedingt in den Vordergrund stellen müssen, daß wir sie diskutieren, erörtern und als Leitfaden für die von uns umgesetzten politischen Maßnahmen nutzen müssen, wenn wir erfolgreich ein System gestalten wollen, von dem wir sicher sein können, daß es zu einer Renaissance des menschlichen Fortschritts und der menschlichen Entwicklung führen wird. Das muß ganz bewußt als das Fundament definiert werden, auf dem wir politische Maßnahmen zur Gestaltung eines neuen Systems erarbeiten und aufbauen, wenn wir darauf vertrauen wollen, daß dieses neue System eine wachsende und sich weiterentwickelnde Bevölkerung über Generationen hinweg in der Zukunft versorgen kann.

Es gibt viele Ansatzpunkte, von denen aus man diese Frage beantworten könnte: religiöse, philosophische. Viele bedeutende Denker – und viele unbedeutende – haben sie philosophisch beantwortet. Doch wie sieht es mit dem wissenschaftlichen Ansatz aus? Können wir wissenschaftlich aufzeigen, was es bedeutet, Mensch zu sein? Welche Verpflichtungen wir als Menschen in diesem Universum haben?

Zwei große Genies des 20. Jahrhunderts haben das getan, und ihre Arbeit hat sich ergänzt: Lyndon LaRouche, ein US-amerikanischer Ökonom und Staatsmann, ein Allround-Genie und Ehemann der Gründerin des Schiller-Instituts, Helga Zepp-LaRouche; und Wladimir Wernadskij, ein russisch-ukrainischer Biogeochemiker, der das Prinzip der Biosphäre und das übergeordnete Prinzip der Noosphäre – also den Bereich des menschlichen Denkens – entwickelte.

Wir werden mit Wernadskij beginnen und dann zu LaRouche übergehen, und ich denke – ich hoffe –, daß Sie erkennen werden, wie diese beiden Genies für uns die wissenschaftliche und wahrhaft revolutionäre Grundlage für die Gestaltung der Politik im neuen Paradigma geschaffen haben.

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Wladimir Iwanowitsch Wernadskij (1863–1945), ein wahres Universalgenie, gilt als Begründer eines Wissenschaftszweigs, der als Biogeochemie bekannt ist.

Wernadskij

Beginnen wir mit der folgenden Frage von Wernadskij:

Menschliches Denken kann man weder sehen noch wiegen; es hat keine Farbe; es hat keine Masse und keinen festen Ort – und doch ist es die mächtigste geologische Kraft auf diesem Planeten. Lassen wir diesen Gedanken einen Moment lang auf uns wirken und kommen später darauf zurück. Das ist unsere zentrale Frage.

Wernadskij lebte in einer sehr turbulenten Zeit. Er wurde 1863 im zaristischen Rußland geboren und starb 1945 in der Sowjetunion. Er erlebte die Russische Revolution und zwei Weltkriege. Sein Vater war Ökonom und machte die Werke von Henry C. Carey, dem Ökonomen des „Amerikanischen Systems“ in Rußland bekannt. Seine Mutter war eine Intellektuelle, starb jedoch, als Wernadskij noch recht jung war. Seine Stiefmutter war Pianistin, und im Haus erklang stets Musik.

Er war ganz und gar kein Wissenschaftler im Elfenbeinturm. Er sah zwar in der Wissenschaft den Bereich, in dem er den größten Beitrag für die Menschheit leisten konnte; er war aber sehr geprägt von den politischen Veränderungen seiner Zeit, von denen viele tiefgreifend waren, und engagierte sich intensiv politisch, im Sinne des Strebens nach einer besseren, gerechteren Regierungsform (schon in seiner Jugend, als er und andere Studenten sich gegen die unterdrückerischen Bedingungen des zaristischen Systems im Hinblick auf das freie Denken wehrten) und der Suche nach Wegen, das Wohlergehen des einfachen Menschen in Rußland in materieller Hinsicht zu verbessern – unter anderem durch die Kartierung der Bodenschätze Rußlands und später der Sowjetunion, in der Hoffnung, die materiell-wirtschaftlichen Kapazitäten des Landes und damit seines Volkes zu stärken.

Wernadskij war fest davon überzeugt, daß der menschliche Fortschritt, der zu seinen Lebzeiten eine völlig neue Dimension angenommen hatte, ein kraftvoller Ausdruck eines größeren, sich aufwärts entwickelnden und natürlichen Evolutionsprozesses unseres Planeten als Ganzes war.

Was tut das Leben?

Bei seinen Untersuchungen des Lebens verfolgte er den Ansatz eines Geologen und stellte dabei nicht die seit langem heiß und eher ergebnislos diskutierte Frage, was das Leben ist, sondern die weitaus wichtigere: Was tut das Leben? Welchen Einfluß hatte die lebende Materie, als Ganzes betrachtet, auf die geologische Entwicklung der Erde?

Sciencia58/CC0
Diese Grafik zeigt verschiedene Stadien in der Entwicklung des Lebens, beginnend mit der Entstehung der Erde vor 4,5 Milliarden Jahren. Dobrodt betont, daß das „Große Sauerstoffereignis“ vor 2,5 Milliarden Jahren zur Entstehung einer sauerstoffreichen Atmosphäre führte, die die Entstehung höher entwickelter, mehrzelliger Lebensformen ermöglichte.

Wenn wir die Aktivität des Lebens seit seinem ersten Auftreten betrachten – und übrigens gab es, soweit wir wissen, Leben auf der Erde im Grunde schon von Anfang an, über eine Epoche der Erde vor dem Leben wissen wir wirklich nicht viel –, dann sehen wir, daß die Aktivität der lebenden Materie hauptsächlich immer darin bestanden hat, ihre Umwelt zu verändern. Wie geschieht das? Durch einen Prozeß, den Wernadskij die „bio­gene Migration von Atomen“ bezeichnete. „Biogen“ heißt durch Leben verursacht, „Migration“ ist die Bewegung von Atomen.

Wir wollen das einmal veranschaulichen. Nehmen wir den menschlichen Körper. Aus wie vielen Atomen besteht Ihr Körper? Im Durchschnitt aus sieben Quadrilliarden, also einer Sieben mit 27 Nullen dahinter. Wie viele der Atome, aus denen Ihr Körper jetzt besteht, waren schon vor einem Jahr da? Nur etwa 2%. 98% von dem, was man als „dich“ bezeichnen könnte, war vor einem Jahr noch nicht da. Wenn du 7 bis 10 Jahre in die Zukunft blickst, wird so gut wie jedes Atom in deinem Körper ersetzt worden sein.

Der menschliche Körper – und der aller lebenden Organismen – befindet sich in ständigem Wandel: Er nimmt ständig Atome aus der Umgebung auf und gibt sie dann früher oder später über Prozesse wie Atmung, Stoffwechsel und Fort­pflanzung wieder an die Umwelt ab. Das ist ein unaufhörlicher Prozeß, den Wernadskij als „biogene Wanderung der Atome“ bezeichnete und der niemals aufhört, solange der Organismus lebt. Wenn der Organismus stirbt, hört dieser Fluß der Atome auf.

Wernadskij zitierte, zumindest an einigen mir bekannten Stellen, die Arbeit eines Wissenschaftlers namens Cuvier, der den Körper eines lebenden Organismus mit einem Strudel verglich. Stellen wir uns einen Strudel vor: Ein Strudel hat eine Struktur – wir könnten diese Struktur skizzieren oder schematisch darstellen –, aber es fließt ständig Wasser hinein und heraus. Es gibt keine festen Wassermoleküle, die Teil des Strudels sind. Ähnlich verhält es sich mit dem Körper eines lebenden Organismus.

Das Faszinierende ist, daß im Inneren der lebenden Materie Dinge geschehen, die in nichtlebender Materie nicht vorkommen. Das Leben verbindet die aufgenommenen Stoffe zu neuen Arten von Mineralien; es wählt ganz selektiv bestimmte Isotope und bestimmte Teile von Molekülen aus und spaltet diese auf; es entstehen neue Konzentrationen von Stoffen wie Kalzium, indem Organismen neue Strukturen wie harte Schalen, Skelette und Zähne entwickelten (die kambrische Explosion vor etwa 540 Millionen Jahren war das erste Auftreten von Exoskeletten mit harter Schale); gebänderte Eisenformationen, die die Hauptquelle für Eisenvorkommen weltweit darstellen, wurden vor 2-3 Milliarden Jahren von kleinen, eisenoxidierenden Bakterien hinterlassen.

Ein weiteres wichtiges Produkt des Lebens ist freier Sauerstoff, wofür wir alle dankbar sein können. Das geschah vor fast 2,5 Milliarden Jahren, als das Leben auf der Erde eine Technologie namens Photosynthese entwickelte, die ihm die äußerst leistungsfähige Fähigkeit verlieh, kosmische Energie – Energie von der Sonne – einzufangen und sie an der Erdoberfläche in chemische Energie umzuwandeln. Im Zuge dessen begann ein Mikroorganismus namens Cyanobakterien, CO2 zu verschlingen und enorme Mengen an Sauerstoff in die Umwelt abzugeben. Was war das Ergebnis? Freier Sauerstoff, der für den Großteil des Lebens auf dem Planeten giftig war, und dadurch ein Massensterben, bei dem schätzungsweise 99% allen Lebens auf der Erde ausgelöscht wurde!

Interessant ist jedoch, was daraus hervorging: Was überlebte und sich zu den dominierenden Artengruppen auf dem Planeten entwickelte, waren Organismen, die Sauerstoff im Stoffwechsel verarbeiten konnten – was bedeutete, daß die für Stoffwechselprozesse lebender Materie verfügbare freie Energie sprunghaft anstieg. In der Folge wurden die Technologie, die wir Mitochondrien nennen, und schließlich das vielzellige Leben erst möglich. Ein höherer, energiereicherer Zustand entstand.

Lebende Materie verändert ihre Umwelt tiefgreifend. Diese Tatsache stellt eine Annahme in Frage, die die meisten Menschen, zumindest im Westen, ohne jeden Beweis vertreten: daß die Natur sich in einem empfindlichen Gleichgewicht befindet, was gut ist; und daß der Mensch dieses Gleichgewicht nur stört, was schlecht ist. In Wirklichkeit gibt es so etwas wie ein „Gleichgewicht“ der Natur oder einen Stillstand nicht, und das ist eine der sehr wichtigen Entdeckungen von Wernadskij. Die Biosphäre hat sich immer weiterentwickelt, sich neu organisiert, ihre Umwelt verändert, neue Technologien entwickelt und den Raum der unbelebten Erde erobert.

Evolution ist determiniert, nicht zufällig

Die andere Idee von Wernadskij, die für uns hier entscheidend ist, ist das, worauf ich vorhin angespielt habe: Nach dem „Großen Sauerstoffereignis“ entstand eine Biosphäre höherer Ordnung. Die Evolution, so behauptet Wernadskij, wird nicht von zufälligen Ereignissen oder zufälligen Mutationen angetrieben, sondern verläuft in eine bestimmte Richtung, gekennzeichnet durch das Entstehen von Artengruppen mit höheren Raten biogener Atommigration, größerem Energiedurchsatz und größerer Fähigkeit, das Material der Erde umzugestalten:

Er trifft eine allgemeine Aussage über das, was man als die antientropische Entwicklung der Biosphäre durch den Evolutions­prozeß bezeichnen könnten – antientropisch, weil sich die Biosphäre in höhere Organisationszustände als zuvor bewegt. Aber er hat – einige werden es bemerkt haben –, auch den entscheidenden Faktor ins Spiel gebracht, nämlich den Menschen. Die Biosphäre entwickelte sich so weit, daß sie kognitives Leben tragen konnte, und der Mensch erschien: ein Lebewesen, das sich nicht bloß durch biogene Atomwanderung auszeichnet.

Tatsächlich ist der Einfluß durch unsere Körper nicht sonderlich beeindruckend und entspricht in etwa dem der Menschenaffen. Aber wir tun etwas, was kein anderes Lebewesen in irgendeiner nennenswerten Weise tut, nämlich das, was Wernadskij als „biogene Migration durch Technologie“ bezeichnet. Wir gestalten die Geologie der Erde neu, wir verändern sie grundlegend, indem wir auf Mineralvorkommen zugreifen und diese transportieren, schaffen neue Eisenkonzentrationen in Eisenbahnstrecken, die die Kontinente durchqueren und hoffentlich irgendwann die ganze Erde umspannen. Wir schaffen neue Mineralien, die es zuvor nicht gab, zum Beispiel neue Metallegierungen. Wir setzen unglaubliche Mengen an Energie und Wärme ein, die ohne unser Eingreifen zur Veränderung oder Erzeugung von Materialien nicht existieren würden.

Obwohl es uns erst seit wenigen Millionen Jahren gibt, ist die menschliche Aktivität in dieser Zeit zur dominierenden Kraft auf dem Planeten geworden und beginnt, die Biosphäre selbst zu übertreffen – oder übertrifft sie sogar bereits.

Wie? Wir sind weder die Stärksten noch die Schnellsten. Aber unsere Gedanken! Um auf Wernadskijs „Rätsel“ zurückzukommen: Unsere Entdeckungen wissenschaftlicher Prinzipien, etwas Immaterielles, wirken als eine mächtige materielle Kraft bei der Umgestaltung des Planeten – so weit, daß wir von einer Bevölkerung von etwa hunderttausend auf 8,3 Milliarden Menschen angewachsen sind, und bald werden es 10 Milliarden sein.

© EIRNS/Stuart Lewis
Der Ökonom und Staatsmann Lyndon H. LaRouche jr. setzte sich eingehend mit den Werken von Wernadskij auseinander und lehrte, daß der Mensch kein Geschöpf der Biosphäre sei, sondern der von Wernadskij so bezeichneten Noosphäre, die durch menschliches kreatives Denken gekennzeichnet ist.

Lyndon LaRouche

LaRouche schrieb folgendes über Wernadskijs Unterscheidung zwischen der Biosphäre – dem Bereich des Lebensprinzips – und der Noosphäre – dem übergeordneten Bereich, der durch das schöpferische Denken des Menschen gekennzeichnet ist:

LaRouche legte einen sehr starken Fokus und großen Wert auf die Beiträge Wernadskijs. Ich würde nicht sagen, daß sie mit seinen eigenen genau parallel verlaufen, aber wie Sie sehen werden, weisen sie eine sehr wichtige Verwandtschaft zu seinem Werk auf. Wenden wir uns nun den physikalisch-ökonomischen Entdeckungen LaRouches zu.

Der Ursprung der Wirtschaft ist der Mensch

Wir beginnen mit dieser Aussage von LaRouche, die er 2003 auf einer Konferenz traf:

Behalten Sie diesen Satz im Hinterkopf: „Der Ursprung der Wirtschaft ist der Mensch.“

Einige von Ihnen kennen Lyndon LaRouche vielleicht besser, andere vielleicht weniger gut. Wir könnten und sollten wahr­scheinlich eine ganze Vorlesung oder Vortragsreihe über LaRouche und seine wirtschaftswissenschaftlichen Entdeckungen halten, aber ich hoffe, Ihnen heute einen Eindruck vermitteln zu können.

LaRouche war Amerikaner. Er wurde 1922 geboren und diente im Zweiten Weltkrieg. Nicht lange nach seiner Rückkehr aus diesem Krieg, in den Jahren 1948-1952, machte LaRouche grundlegende Entdeckungen, die die Wirtschaftswissenschaft voll und ganz als Zweig der Naturwissenschaft etablierten – nicht als irgendeine alberne Vorstellung von Angebot und Nachfrage oder der Verteilung knapper Ressourcen, wie man es aus den meisten Volkswirtschafts-Vorlesungen an Universitäten kennt, oder als etwas, das auf der Messung monetärer oder finanzieller Werte basiert. Das ist keine Wirtschaftswissenschaft. LaRouche sagte: Wirtschaftswissenschaft ist eine Naturwissenschaft, die von physikalischen Prinzipien bestimmt wird.

LaRouche entdeckte, ähnlich wie Wernadskij, daß entgegen der Vorstellung, es gäbe inhärente Grenzen für das Wachstum der menschlichen Bevölkerung – eine Vorstellung, die explizit von derselben imperialen Fraktion stammt, die die Politik der letzten 75 Jahre durchgesetzt hat – menschliches Handeln von Natur aus antientropisch ist. Die Wirtschaftswissenschaft ist daher die Wissenschaft vom antientropischen Fortschritt der Menschheit im und über das Universum hinweg.

Lassen Sie uns etwas Grundlegendes aus dem herausgreifen, was LaRouche in dem Videoclip gesagt hat:

Lassen Sie uns ein wenig darüber nachdenken, denn hier verbirgt sich ein Paradox – ein größeres Paradox, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

In seinem Wirtschaftslehrbuch aus dem Jahr 1984, Was Sie schon immer über Wirtschaft wissen wollten, fordert LaRouche den Leser auf, die gesamte wirtschaftliche Aktivität einer Gesellschaft – sagen wir einer Nation – als Ganzes zu betrachten. Nicht als eine Ansammlung kleiner Individuen, die ihren jeweiligen Tätigkeiten nachgehen, sondern als die wirtschaftliche Aktivität aller Menschen im ganzen Land – so, als wäre es ein einziges agro-industrielles Unternehmen.

Betrachten wir also, in physischer Hinsicht, nicht in Bezug auf Geld – und es kann manchmal schwierig sein, nicht in Begriffen von Geld zu denken –, alle notwendigen Inputs und Investitionen, um die Aktivitäten des produktiven Teils der Erwerbs­bevölkerung zu ermöglichen: Gewinnung, Verarbeitung und Transport von Rohstoffen; Herstellung von Werkzeugmaschinen; Produktion von Gütern; Anbau, Verarbeitung und Transport von Lebensmitteln; Aufbau und Instandhaltung des Stromnetzes usw. Das ist „C“ in Abbildung 1. Und nun betrachten wir alle materiellen Inputs, die die Haushalte der im produktiven Sektor beschäftigten Arbeitskräfte versorgen – „V“ in Abbildung 1.

Abb. 1: LaRouches berühmtes Balkendiagramm aus seinem Wirt­schafts­lehrbuch „Was Sie schon immer über Wirtschaft wissen wollten?“

LaRouche spricht von C+V als Systemenergie, er entlehnt diesen Begriff aus der Thermodynamik: das, was der Produktionsprozeß verbraucht.

Alles, was darüber hinaus produziert wird, ist der Brutto­betriebsgewinn, S. Dieser muß dazu verwendet werden, die Arbeit und die Haushalte anderer Personengruppen zu versorgen. LaRouche bezeichnet das als „Gemein­kosten“, D: die Menschen, die noch nicht oder nicht mehr zur Erwerbsbevölkerung gehören; nicht-produk­tive, aber notwendige Arbeit (Ärzte, Lehrer, Verwaltung, Musiker, Künstler); diejenigen, die arbeitslos sind, aber beschäftigt werden könnten; sowie wirtschaftliche Verschwendung – Daytrader an der Wall Street, Drogenhändler usw.

Alles, was darüber hinausgeht, ist der Netto­betriebs­gewinn oder die freie Energie, S’: Das kann investiert werden, um den Produktionsprozeß zu erweitern und zu verbessern: der Bau eines neuen Hochgeschwindigkeitsbahnnetzes quer durch das Land oder den Kontinent; der Bau einer Reihe neuer Städte – das Hinterland der Kontinente ist stark unterentwickelt; die Gründung eines Netzwerks wissenschaftlicher Universitäten, die sich an wesentlichen Fragen forschen; das Raumfahrtprogramm, usw.

Diese Abbildung 1 ist LaRouches berühmtes Balkendiagramm aus seinem Wirtschaftslehrbuch. Man sieht die Systemenergie – er übernimmt die Begriffe eigentlich von Marx –, aus C und V. Diese werden im Produktionsprozeß und in den Haushalten der produktiven Arbeiter verbraucht. C+V ist die Systemenergie. S ist der Bruttobetriebsgewinn. Und nach Deckung der Gemeinkosten D ist alles, was übrig bleibt, freie Energie, S‘: Das ist das, was wir zur Reinvestition in die Wirtschaft nutzen.

Das Paradox einer gesunden Wirtschaft

Eine Steigerung der Produktivkräfte der Arbeit wird durch die Einführung neuer, effizienterer Technologien in den Produktions­prozeß erreicht – eine direkte Folge der kreativen, noetischen Fähigkeiten des menschlichen Geistes. Unsere Abbildung zeigt als Beispiel einen Mähdrescher bei der Reisernte.

© USDA Media/Lance Cheung
Eine Steigerung der Produktivkräfte der Arbeit wird durch die Einführung neuer, effizienterer Technologien in den Produktionsprozeß erreicht – eine direkte Folge der kreativen, noetischen Fähigkeiten des menschlichen Geistes. Hier abgebildet ist ein Mähdrescher bei der Reisernte.

Nun kommt das Paradox: Durch diesen Prozeß und in einer gesunden Wirtschaft steigt „C“, also die Produk­tionskosten. Der Gesamtverbrauch pro Kopf, pro Person, steigt. Sowohl der Produktionsprozeß als auch jeder einzelne kostet in physischer Hinsicht mehr. Trotzdem bricht die Wirtschaft nicht zusammen. Warum? LaRouche schreibt:

Mit anderen Worten: Die Produktivkräfte der Arbeit des einzelnen müssen so gesteigert werden, daß tatsächlich weniger Arbeit, weniger Aufwand erforderlich ist, um das gleiche oder mehr zu produzieren. Wie erreicht man das?

Betrachten wir die Auswirkungen der Einführung einer neuen Technologie, beispielsweise in der Landwirtschaft. Wenn man sich etwa einen Mais- oder Weizenbauern vorstellt, der mit Pferd oder Ochse und Pflug arbeitet: Wie viel kann dieser Landwirt an einem Tag oder in einem Jahr produzieren? Wie viele Menschen kann dieser Landwirt ernähren? Je nach Größe des Betriebs vielleicht etwas mehr seine eigene Familie, aber wahrscheinlich nicht viel mehr.

Stellen Sie sich nun den modernen Landwirt vor – mein Freund Bob Baker nennt ihn den „Astronauten-Landwirt“ –, der die modernsten Traktoren und Maschinen hat. Wer diese Maschinen schon einmal gesehen hat, der weiß, daß sie riesig sind; sie sind selbstfahrend, werden per GPS gesteuert, nutzen eine auf den Quadratzentimeter genaue Karte des Feldes und können die benötigte Menge an Saatgut und Dünger genau auf die Bedürfnisse jedes kleinen Fleckchens Erde abstimmen. Wie viel mehr kann derselbe Landwirt damit an einem Tag produzieren, oder in einem Jahr? Dieser Landwirt hat das Potential, einen gewissen Prozentsatz der Bevölkerung zu ernähren. Wie viel teurer ist dieser Landwirt im Vergleich zum ersten? Relativ gesehen unglaublich teuer. Aber der Sprung in der Produktionsleistung macht die Kosten mehr als wett.

Wie schafft der Landwirt das? Mit etwas, das kein Tier leisten kann: durch den Einsatz von Technologie, einer Maschine, einer eigenen Schöpfung der Menschheit, die eigentlich kein Ding an sich ist, sondern ein Fossil von etwas anderem, basierend auf etwas, das nur Menschen hervorbringen können: einer gültigen Entdeckung eines universellen Prinzips. Ein völlig neuer Gedanke, eine Idee, die vom denkenden Verstand eines Menschen erzeugt wurde und dabei mit der realen Funktionsweise des Universums übereinstimmt.

Betrachtet man eine Maschine aus geologischer Sicht, so ist sie eine beeindruckend einzigartige und spezifische Art von Mineral. Sie ist eine Anordnung von Materialien und Energien, die sonst größtenteils auf der Erde vorhanden waren, die aber nun auf einzigartige Weise zusammengesetzt sind. Und wir bauen eine Maschine, um die Kraft dieses Prinzips zu erproben oder zu verkörpern und anzuwenden. Diese gültigen Entdeckungen sind Ideen, die innerhalb eines einzelnen menschlichen Verstandes entstehen und dort geschaffen werden. Sie stimmen irgendwie so eng mit der tatsächlichen Funktionsweise des Universums überein, daß sie uns neue Kräfte in materiellen Prozessen und über sie verleihen.

Diese schwerelosen, farblosen, immateriellen Gedanken haben eine physikalische Wirkung, die unseren Planeten in einen hochorganisierten Zustand der Noosphäre umgestaltet hat. Und ich glaube, dabei stehen wir erst am Anfang.

Die potentielle relative Bevölkerungsdichte

Wie messen wir aus dieser Perspektive Werte in einer Wirtschaft?

LaRouche hat in vielen seiner Schriften die Finanzbuchhaltung heftig kritisiert und machte sich regelrecht lustig über die Vorstellung, Geld sei in irgendeiner Weise ein Spiegelbild von Wert in der Wirtschaft. Er sagte oft: Geld ist ein Idiot. Es weiß nicht, wohin es soll, es weiß nicht, was es mit sich selbst anfangen soll.

Nehmen wir dagegen das Konzept, das LaRouche als „potentielle relative Bevölkerungsdichte“ bezeichnete. Das ist die maximale Anzahl von Menschen, die auf einer bestimmten Landfläche unter Berücksichtigung des derzeitigen Stands der Technik und der kumulierten Verbesserungen des Bodens versorgt werden könnten. Wenn wir die heute vorhandenen Technologien auf eine bestimmte Landfläche anwenden würden – Infrastruktur, Produktion usw. –, wie hoch wäre dann die maximale Bevölkerungszahl, die versorgt werden kann?

In einer gesunden Wirtschaft steigt nicht nur die potentielle relative Bevölkerungsdichte, sondern auch die Rate, mit der sie zunimmt. Wir beschleunigen das Tempo, mit dem wir mehr Menschen versorgen können. Das ist eine negentropische Wirtschaft. Wie LaRouche sagte:

Das ist das richtige Maß für das Wachstum der Noosphäre. Es spiegelt die natürliche Aktivität der Menschheit wider. Wenn wir uns so verhalten, werden wir sozusagen dadurch belohnt, daß wir mehr Menschen mit einem höheren Lebensstandard versorgen können, die ein längeres und gesünderes Leben führen als heute.

Und daher müssen wir zu dem Schluß kommen: Sowohl die Quelle des Reichtums – die Quelle der Verbesserung, des Fortschritts und des Wohlstands in einer Wirtschaft – als auch das wichtigste, ja eigentlich das einzig wichtige Produkt einer Wirtschaft sind die Menschen: der kreative menschliche Geist, der weitere kreative menschliche Geister hervorbringt. Wir haben heute gerade einmal 8,3 Milliarden Menschen auf dem Planeten. Wir sind unterversorgt.

Ich glaube, es war im Jahr 1988, vielleicht war es auch '86, da hielt LaRouche eine Rede, in der er sagte: Wenn wir alle Technologien, die schon in den 1960er Jahren verfügbar waren, auf die heutige Wirtschaft anwenden würden, dann könnten wir problemlos 100 Milliarden Menschen ein längeres, gesünderes und glücklicheres Leben ermöglichen, als wir es heute genießen.

Die Nationen des Globalen Südens – Rußland und China spielen dabei eine wichtige Führungsrolle, ebenso wie die BRICS-Staaten und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit – unternehmen derzeit große Anstrengungen. Wenn diese Nationen LaRouches Wirtschaftswissenschaft studieren würden, ergänzt durch Wernadskijs Werk – wenn man diese Erkenntnisse nutzen würde, um international Wirtschaftspolitik zu gestalten und die Grundzüge einer neuen weltweiten Wirtschaftsordnung zu entwerfen –, dann könnten wir als die heute lebenden Generationen sicher sein, daß die nächsten Generationen, wenn wir einmal nicht mehr da sind, viel mehr erreichen können, als wir es getan haben. Denn wir hätten, indem wir diese Ideen nutzen, die Armut innerhalb von ein oder zwei Generationen vollständig überwunden und eine internationale Wirtschaftspolitik nach den Grundsätzen von Wernadskys und LaRouches Wissenschaft der Noosphäre etabliert.

NASA (gemeinfrei)
Eine künstlerische Darstellung der Landung des NASA-Marslanders „Phoenix“ auf dem Roten Planeten am 25. Mai 2008. Dobrodt argumentiert, eine auf den Ideen von Wernadskij und LaRouche basierende Wirtschaftspolitik werde den „praktisch unaufhörlichen Fortschritt der menschlichen Spezies“ fördern und die Ausdehnung der Noosphäre bis in die äußeren Bereiche unseres Sonnensystems und schließlich auf unsere gesamte Galaxie ermöglichen.

Wenn es dann so weitergeht, können wir einen praktisch endlosen Fortschritt der menschlichen Gattung gewährleisten. Dann wird die Noosphäre nicht mehr lange auf die Erde beschränkt bleiben, schon sehr bald werden wir beginnen, andere Teile unseres Sonnensystems und schließlich unserer Galaxie in sie aufzunehmen.

Das ist es, was ich als Herausforderung für die jungen Menschen zur Diskussion stellen wollte: Werdet Experten für Lyndon LaRouches Entdeckungen in der Wirtschaftswissenschaft. Übernehmt die Führung. Die Menschen müssen diese wunderbaren Ideen studieren und sich der mächtigen Position bewußt werden, in der wir uns heute glücklicherweise befinden, als die lebenden Generationen, die die Chance haben, ein Neues Paradigma, ein neues Regierungssystem für die Menschheit zu etablieren, das etwas das eröffnen kann, was meiner Meinung nach zum ersten Mal möglich wäre: eine unendliche Renaissance. Wir können die Menschheit auf eine neue Stufe heben, auf eine neue Ebene ohne die Abfolge von Umbruch, Zusammenbruch, Fortschritt und erneutem Zusammenbruch, sondern eine neue Ära ewigen Fortschritts.

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