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Neue Solidarität
Nr. 43-44, 22. Oktober 2026

Was treibt so manche einflußreiche Persönlichkeit
zur Anpassung an „große Mächte“ oder „Mächtige“?

Zeitgenossen fragen, Friedrich Schiller antwortet

Von Silvia Nogradi

Der folgende Aufsatz erschien im Vorfeld der Abstimmung über die Neutralitätsinitiative für eine Stärkung des Neutralitätsgebots in der Verfassung der Schweiz in der schweizerischen Zeitschrift „Zeit-Fragen“, Ausgabe 20/21 vom 29. September 2026. Wir drucken ihn mit freundlicher Genehmigung der Autorin ab.

Manchmal hat man den Eindruck, als ob ein vermeintlich angestaubter Klassiker gerade für die Gegenwart geschrieben worden sei. So erging es mir vor kurzem, als ich in Schillers Wilhelm Tell einige weniger bekannte Passagen wieder las, die mit verblüffendem psychologischen Scharfblick zeigen, welche – durchaus nachvollziehbaren – Motive zu Anpassung und Unterwerfung unter eine dominierende politische Macht führen können.

In Wilhelm Tell (1805) stellt Schiller zwei Grundhaltungen im Umgang mit einer nach Dominanz strebenden Großmacht, in diesem Fall den Habsburgern, gegenüber: die würdevolle, gleichzeitig bescheidene und selbstbewußte Haltung des alten Freiherrn von Attinghausen einerseits und die anpassungsbereite, unterwürfige seines nach (internationaler) Bedeutung strebenden Neffen Ulrich von Rudenz. Dieser glaubt, sich der Übermacht der Habsburger unterwerfen zu müssen, während Attinghausen die Unabhängigkeit und Würde des eigenständigen Volkes betont. Es sei dem Nachdenken des Lesers überlassen, welche Großmacht inzwischen an die Stelle der Habsburger getreten ist.

Schiller legt in diesem Drama dem Freiherrn von Attinghausen und seinem Neffen Rudenz die Motive für Rudenz’ Bereitschaft zur Anpassung an die scheinbar überlegene, ihm imponierende Macht der Habsburger in den Mund.

Rudenz fühlt sich fremd in der ländlichen Heimat, worauf sein Onkel erwidert:

Daß Rudenz sich von seinen Wurzeln im Volk distanziert, auf das er eher hochmütig hinabschaut, und sich auf die Einflußreichen, vermeintlich Überlegenen und Tonangebenden (heute würde man wohl vom Mainstream sprechen) ausgerichtet hat, macht ihn zum wankelmütigen Spielball der bewunderten Großmacht, was sein Onkel deutlich sieht.

Während Attinghausen zunächst auf die tyrannische Gewalt hinweist, bei der sein Neffe „um die Fürstengunst buhlt“ (V. 794), hält Rudenz alle Schwierigkeiten einzig für die Folge mangelnden Gehorsams gegenüber der vermeintlich überlegenen Macht und für den Ausdruck fehlenden gesellschaftlichen Ehrgeizes, fehlenden Strebens, bei den Vertretern dieser Macht mitspielen zu dürfen:

Rudenz will überregionale Bedeutung, will bei den (internationalen) Gremien, in den Hierarchien oben dabei sein. Die Gleichheit unter seinen Leuten, die er als Provinzialität abtut, befriedigt sein Geltungsstreben nicht. Ihm fehlt die größere Bedeutung innerhalb oder an der Spitze hierarchischer Strukturen. Attinghausen weiß genau, was den jungen Rudenz so beeindruckt:

Und Rudenz bestätigt, was ihn dazu antreibt, sich von seinem Land und seinen Leuten zu distanzieren und sie so zu verraten:

„Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“, aber allfällige Parallelen zur Gegenwart drängen sich auf. Die Welt des Ruhms und der internationalen Anerkennung hat nichts von ihrer Verführung für nach Bedeutung strebende, ehrgeizige Charaktere verloren. Allerdings: Wer von den heutigen einflußreichen (Schweizer) Politikern würde wohl so offen sprechen, wenn er oder sie überhaupt bereit und fähig wäre, ihre eigentlichen Motive zu reflektieren?

Messerscharf fällt im Anschluß an Rudenz’ Geständnis Attinghausens Replik aus.

Auch hier kann man nicht umhin, an die gegenwärtig grassierende Haltung unserer elitären Blasen zu denken, die sich von den Leistungen der Schweiz und des Schweizervolkes und seiner Regierungen in den beiden Weltkriegen so leicht distanziert haben. Auch an sie könnte sich Attinghausen wenden, wenn er sagt:

Aber Rudenz ist überzeugt, daß nur Anpassung der Situation entspricht. Das Beharren auf dem eigenständigen Weg seiner Vorfahren hält er für sture Unbelehrbarkeit:

Wenn das nicht Argumente sind, die man in aktuellen Debatten in ähnlicher, aktualisierter Form zu hören bekommt…
Dieser resignativen Haltung setzt Attinghausen sein entschlossenes „Lern dieses Volk der Hirten kennen, Knabe!“ (Vers 909) entgegen. Er kennt die Kräfte und Möglichkeiten des Volkes, deshalb ist für ihn eine eigenständige, selbstbewußte und würdige Haltung keine Frage.

Ehrgeiz, Eitelkeit, Geltungsstreben, der Wunsch bei denen „da oben“ dazuzugehören oder zumindest anerkannt zu werden, auch im Orchester der Mächtigen mitspielen zu dürfen, all das treibt Rudenz zu seinem Wunsch, unter das vermeintlich schützende Dach der habsburgischen Macht zu kriechen. Die Angst vor Spott, die Befürchtung als bäurisch, hinterwäldlerisch, stur und ewig-gestrig verachtet zu werden, stellt eine entscheidende Triebkraft für sein gesamtes Verhalten dar.

In Rudenz’ Anpassungsbereitschaft – man könnte an seine Stelle auch Namen von lebenden Personen setzen – kommt die Unterschätzung der eigenen Möglichkeiten zum Ausdruck, aber vor allem auch die Unterschätzung der Gefahren, die immer von einer Großmacht ausgehen, da diese danach strebt, ihre Macht zu erhalten bzw. möglichst zu erweitern. Diese Unkenntnis und die Unterschätzung, ja sogar Mißachtung des „einfachen Volkes“ führen zu einer im Grunde tief resignativen Haltung, die nur die Unterwerfung kennt. Daß es ein würdevolles Selbstbewußtsein braucht, so wie Attinghausen es verkörpert, und daß sich ein bedrängtes Volk sehr wohl aufrichten kann, wird er erst später erfahren.

Gleichzeitig geht Rudenz von der folgenschweren Fehleinschätzung aus, daß ein kleines Land sich in schwierigen Zeiten an die Großmacht anschließen müsse, um seine Sicherheit zu gewährleisten. Daß genau das Gegenteil der Fall ist, haben die europäischen Kriege des letzten Jahrhunderts bewiesen. Dies sollte uns Heutigen eine Warnung sein!

Rudenz verfällt (wie viele seiner aktuellen Stellvertreter) gängigen Irrtümern, er ist aber nicht einfach ein skrupelloser Ehrgeizling. Er ist jung, aktiv und politisch unerfahren; es soll eben schnell vorwärtsgehen. Die Ruhe des alten Attinghausen, der sich nicht antreiben läßt, sondern zuerst in gleichwertiger Runde „den Frühtrunk mit meinen Knechten teilen“ (Vers 753) will, stört Rudenz bei seinem blinden Vorwärtsstürmen. Denn der „fremde Zauber reißt die Jugend fort“, (Vers 967) weiß der erfahrene Attinghausen.

Neben jugendlicher Unternehmungslust und Geltungsstreben ist es aber vor allem eine große Fehleinschätzung, die Rudenz leitet: Daß er, geblendet von monarchischem Imponiergehabe und abgetrennt vom eigenen Herkommen, die Situation der Schweizer völlig falsch einschätzt, führt ihn in die Irre.

Schauen wir auf unsere aktuelle Situation, so war die Herrschaft der Habsburger ein harmloses Vorspiel, verglichen mit der politisch und militärisch um die Aufrechterhaltung ihrer Dominanz kämpfenden Großmacht „ennet dem großen Teich“ und ihrer europäischen Vasallen. Aber die Worte des sterbenden Attinghausen, der einige Zeit später von Rudenz’ Umdenken erfahren hat, geben auf längere Sicht hin durchaus Hoffnung.

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