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Neue Solidarität
Nr. 45-46, 5. November 2026

Friedenstreffen in Assisi gegen die „Kultur der Macht“

Das traditionelle Friedenstreffen der Gemeinschaft Sant’Egidio in Assisi diskutierte über einen „unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“.

Die Gemeinschaft Sant’Egidio eröffnete am 25. Oktober in Assisi ihr internationales Treffen „Unbewaffneter und entwaffnender Frieden“. Das Treffen markiert den 40. Jahrestag des Gebetstages für den Frieden, den Papst Johannes Paul II. 1986 dorthin einberufen hatte. Rund 5000 Menschen kamen dazu in Assisi zusammen, darunter 384 Vertreter von Religionen, Kulturen und Institutionen aus 53 Ländern, und 155 Referenten sprachen in 24 thematischen Foren.

Kardinal Matteo Zuppi, Erzbischof von Bologna und Vorsitzender der italienischen Bischofskonferenz, der 2023 als Friedensbotschafter von Papst Franziskus für die Ukraine fungierte, sagte: Das Gebet „ist eine Rebellion gegen den Krieg, gegen dessen Logik, gegen die vielen Formen der Mitschuld, gegen die subtile Abstumpfung, durch die wir uns an den Schmerz gewöhnen… Niemals darf der Name Gottes den Krieg segnen.“

In den vergangenen 40 Jahren „haben wir viele Unheilspropheten gesehen – jene, die … zum Krieg aufstacheln, den immer die anderen führen, … die Spaltung säen, Haß schüren und Feinde suchen statt Brüder und Schwestern“. Heute „läßt uns der vorherrschende Strudel glauben, Aufrüstung sei unverzichtbar – ein Strudel, der unweigerlich zu mehr Aufrüstung führt“. Eine „grobe und ignorante Kultur der Macht“ habe sich ausgebreitet, die internationale Organisationen diskreditiere und „versucht ist, eine kollektive Identität gegenüber einem Feind zu konstruieren“. Das sei etwas ganz anderes als „die Organisation einer notwendigen Verteidigung, die stets verhältnismäßig ist und immer von Dialog und angemessenen diplomatischen Mitteln begleitet wird“. Laut dem Bericht von ANSA warnte Zuppi, daß „Waffenarsenale in Verbindung mit künstlicher Intelligenz den Krieg auf tragische Weise noch unmenschlicher machen“, und schloß: „Nur die Unbewaffneten können entwaffnen.“

Zuppi zitierte Papst Leos Warnung, daß „auf diese Weise die Kraft des Völkerrechts durch das sogenannte ‚Recht des Stärkeren‘ ersetzt wird“, sowie die Enzyklika Pacem in Terris von Johannes XXIII., in der es hieß, wenn sich eine Nation bewaffne, „müssen die anderen Schritt halten“, und die ein Verbot von Atomwaffen forderte.

Der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy argumentierte, das 20. Jahrhundert habe gelernt, daß es „notwendig war, internationale Gremien zu schaffen“, weil „jeder Krieg in einem globalen Kontext stattfindet“, aber diese Ordnung sei nun in „der Ära der Stärke ... in eine Krise geraten. Die Idee einer rationalen internationalen Ordnung, die dem Frieden dient, verschwindet vor unseren Augen“, sagte er. „Das Ziel guter Politik ist der Frieden und nicht bloß die Unterwerfung oder Vernichtung des anderen.“ Die Antwort, so Roy, komme von unten: „Der Widerstand gegen Gewalt beginnt an der Basis“, im „Protest gegen moralische Gleichgültigkeit und Zynismus, der alle Menschen guten Willens im Streben nach Frieden vereinen kann“.

Der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella sandte eine Botschaft an die Eröffnungssitzung und bezeichnete das Treffen von 1986 als „ein prophetisches Ereignis“: „Untätigkeit ist nicht zu rechtfertigen. Niemand ist davon befreit, seinen Teil beizutragen.“

Die Moderatorin Hilde Kieboom würdigte zwei Hibakusha – Überlebende des Atombombenabwurfs auf Hiroshima – im Publikum, die beide schon an dem Treffen 1986 teilgenommen hatten.

Diskussionsbeiträge aus dem Globalen Süden

Die weiteren Redner des Forums übertrugen die Themen auf Afrika, Asien und die Ökonomie des Krieges.

Kardinal Fridolin Ambongo Besungu, Erzbischof von Kinshasa, wies die Maxime zurück, Vorbereitung auf den Krieg sichere den Frieden. „Wer sich auf den Krieg vorbereitet, führt ihn am Ende auch, und es sind immer die Armen, die dafür bezahlen“, betonte er. Im Osten des Kongo „nähren das Coltan, das Kassiterit und das Gold unserer Hügel den Krieg, anstatt unsere Kinder zu ernähren“, inmitten einer „externen Ungerechtigkeit“ durch ausländische Interessen, die um die Ressourcen des Landes konkurrieren. Er warnte zudem: „Ein Dialog, der diejenigen ausschließt, mit denen man im Krieg steht, ist kein Dialog: Es ist ein Monolog.“

In der anschließenden Diskussion erklärte Ambongo, die Kirche stehe in ständigem Kontakt mit der Regierung und mit der bewaffneten und unbewaffneten Opposition in seinem Land, und die katholische und die protestantische Kirche hätten einen Sozialpakt für Frieden und Zusammenleben ins Leben gerufen. Im Kongo stehe die wohl größte UN-Friedenstruppe der Welt, jedoch ohne klare Ergebnisse: „Wir wissen nicht wirklich, welche Richtung sie eingeschlagen haben.“

Die italienische Philosophin Donatella Di Cesare beschrieb eine Wirtschaft, in der „Krieg zu einer unverzichtbaren Investition“ und „Katastrophen zu einem Markt“ werden, dadurch würden Demokratien gedrängt, „die Hauptaktionäre des Kriegsmarktes“ zu werden.

Der Inder Sudheendra Kulkarni sagte in Anlehnung an Gandhi: „Die Kraft der Gewalt kann nicht mit einer Gegenkraft der Gewalt bekämpft und besiegt werden.“ Auf eine Frage zur künstlichen Intelligenz antwortete Kulkarni, ihr Vormarsch sei nicht aufzuhalten; man solle aber Maschinen unter menschlicher Kontrolle das tun lassen, was sie besser können als wir, und den Menschen die Aufgabe überlassen, die Probleme zu lösen, die nur Menschen lösen können.

Der französische Großrabbiner Haïm Korsia sagte: „Man darf Frieden niemals mit Schwäche verwechseln“, und forderte die Gläubigen auf, „unsere Macht in die Fähigkeit zum Aufbau umzuwandeln“. Der indonesische Minister für religiöse Angelegenheiten und Großimam der Istiqlal-Moschee, Nasaruddin Umar, sagte: „Um Frieden auf Erden zu haben, müssen wir Frieden mit der Erde schließen… Wir haben etwas viel Stärkeres: das moralische Gewissen der Menschheit.“

In einem Forum mit dem Titel „Die Welt wird gemeinsam wiederhergestellt“ sprachen ein schiitischer Geistlicher aus Nadschaf und ein sunnitischer Prediger aus Bagdad Seite an Seite. Jawad Al-Khoei, Generalsekretär des Al-Khoei-Instituts in Nadschaf, sagte, die Erfahrungen des Irak mit Terrorismus und konfessionellen Kriegen hätten gelehrt, daß „der Schutz der Gesellschaft nicht durch den Schutz einer einzelnen Gruppe erreicht wird, sondern durch den Schutz ihres gesamten menschlichen Gefüges“. Im Osten wie im Westen wirke derselbe Mechanismus: „Er verwandelt die Sorge über komplexe, reale Probleme in Angst vor einer anderen Gruppe und reduziert die Welt auf ein simples Bild von ‚wir‘ und ‚die anderen‘“. Extremisten auf beiden Seiten seien nicht daran interessiert, einander zu bekämpfen, „und es endet immer damit, daß der Spielraum für die gemäßigten Kräfte im eigenen Land immer weiter schrumpft“.

Abdulwahhab al-Samarrai vom irakischen Fiqh-Rat, Prediger an der Abu-Hanifa-Moschee in Bagdad, verurteilte Doppelmoral und betonte, Leid dürfe nicht „aufgrund von Unterschieden der Rasse, Sprache oder Hautfarbe an einem Ort groß und an einem anderen nur klein sein“. Das sei eine „Selektivität bei der Verteilung von Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Rechten“.

Der belgische muslimische Theologe Khalid Benhaddou sagte, das Leiden der Zivilbevölkerung in Gaza offenbare „die Kluft zwischen den universellen Prinzipien, die wir verteidigen, und den politischen Entscheidungen, die wir treffen... Religiöse Führer können nicht über Frieden in der Welt sprechen und gleichzeitig zu Haß innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaften schweigen.“

Der Geist von Assisi gegen die Kultur der Macht

Papst Leo XIV., der nach seiner Krebsoperation nicht persönlich teilnehmen konnte, erklärte in einer Videobotschaft an die Abschlußveranstaltung des dreitägigen Treffens: „Gerade in diesen Zeiten, die von einer ‚Kultur der Macht‘ geprägt sind, muß der Geist von Assisi gepflegt werden. Dieser beinhaltet die Ablehnung einer religiösen Rechtfertigung des Krieges, einen Geist der Vermittlung und des Dialogs sowie besinnliche Reflexion, verbunden mit schöpferischem Handeln im Dienste einer friedlichen Zukunft.“

„Nach 1989“, so das Oberhaupt der katholischen Kirche weiter, „glaubten viele, die Globalisierung der Welt würde einen dauerhaften Frieden sichern. In Wirklichkeit hat die Globalisierung jedoch keine Einheit und keinen Frieden hervorgebracht, sondern fundamentalistische, identitätsbezogene und nationalistische Gegenreaktionen ausgelöst. Vor diesem Hintergrund kam es zu einer beunruhigenden Wiederbelebung des Krieges als Instrument der Außenpolitik.“

„Wir müssen überall den Frieden wiederherstellen“, mahnte Leo, „statt weitere Kriege vorzubereiten. Krieg darf niemals im Namen Gottes geführt werden. Für uns Gläubige bedeutet ‚im Namen der Religion zu kämpfen, die Religion selbst anzugreifen‘. Es gibt keinen heiligen Krieg: Heilig ist allein der Frieden.“

Im Anschluß an die Ausführungen des Papstes wurde ein gemeinsamer „Friedensappell“ veröffentlicht, der in aller Deutlichkeit formuliert, daß wir dem Krieg an sich ein Ende setzen müssen. Darin heißt es:

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Die Dokumentation der Konferenzbeiträge finden Sie auf der Internetseite der Gemeinschaft Sant’Egidio.

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