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Von Karel Vereycken
Am 3. Januar 2026 unternahmen die Vereinigten Staaten Militärschläge gegen Venezuela und entführten Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores, die von den US-Streitkräften nach New York City geflogen wurden, um sich dort wegen Drogenhandels und Drogenterrorismus zu verantworten.
Juan Orlando Hernández, ehemaliger Präsident von Honduras und verurteilten Drogenhändler, wurde von Präsident Trump begnadigt.
Einen Monat zuvor hatte Präsident Trump den ehemaligen Präsidenten von Honduras und verurteilten Drogenhändler Juan Orlando Hernández begnadigt. Laut einer Erklärung des US-Justizministeriums vom 26. Juni 2024 hatte Hernández dabei geholfen, „die Einfuhr von fast unvorstellbaren 400 Tonnen Kokain” in die USA zu ermöglichen. „Milliarden von Einzeldosen wurden in die Vereinigten Staaten geschickt.” Der US-Staatsanwalt für den Südlichen Distrikt von New York, Damian Williams, erklärt seinerzeit dazu: „Jetzt, nach Jahren des zerstörerischen Drogenhandels von unvorstellbarem Ausmaß, wird Hernández 45 Jahre dort verbringen, wo er hingehört: im Bundesgefängnis.“ Die 45 Jahre dauerten nur etwa 18 Monate.
Maduro, der „böse Drogenterrorist“, saß auf den größten Ölreserven der Welt, und die USA wollen nicht, daß der aufstrebende Wirtschaftsgigant China diese nutzt. Hernández, der „gute Drogenterrorist“, ist dagegen ein rechter Politiker, der in Honduras besondere Zonen für Beschäftigung und wirtschaftliche Entwicklung (Zona de empleo y desarrollo económico, ZEDE) schuf und den Mogulen des Silicon Valley erlaubte, auf der honduranischen Insel Roatán mit dem Aufbau einer libertären Dystopie namens „Próspera“ zu experimentieren.
Próspera entspricht Peter Thiels und Curtis Yarvins libertärer Phantasie von „Charter-Städten“. Honduras‘ erste private Stadt wurde nach dem Staatsstreich 2009 konzipiert, der Hernández‘ Nationale Partei an die Macht gebracht hatte. Damals wurden Sonderentwicklungsregionen geschaffen, nach dem Modell der Charter-Städte des Amerikaners Paul Romer, Wirtschafts-Nobelpreisträger 2018 und ehemaliger Chefökonom der Weltbank, der nach dem Staatsstreich Berater der Regierung wurde. Romer wurde vom Charter Cities Institute (CCI) beeinflußt, einer Organisation mit Sitz in Washington, die sich weltweit für die Entwicklung solcher Sonderverwaltungszonen einsetzt.
Der deutsche Ökonom Titus Gebel, ein Investor von Honduras Próspera, Inc., erläuterte das Konzept 2023 in dem Weißbuch Free Private Cities – A New Operating System For Living Together (Freie Privatstädte – ein neues Betriebssystem für das Zusammenleben).1 ZEDEs „behalten sich das Recht vor, Schwerverbrecher, Kommunisten und Islamisten nicht aufzunehmen”, erklärte Gebel 2019. „Gegen eine feste [jährliche] Gebühr bietet der Betreiber den Bürgern der freien Privatstadt Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum.”
Das ist die Formulierung von John Locke, die die Gründerväter der USA ablehnten, indem sie stattdessen „Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit” als Grundrechte aller Menschen definierten.
Thiels Version der ZEDEs (die von China klug genutzt wurden, um seine Entwicklung anzukurbeln) wurde als „Wohlstandszonen“ angepriesen, in denen man die Gesetze so anpassen kann, daß sie Kapital anziehen und die private Stadt nicht den Gesetzen, der Besteuerung oder der Polizeigewalt der Zentralregierung unterworfen ist. ZEDEs wurden auch in den Vereinigten Staaten ausprobiert, stießen jedoch auf Widerstand, weshalb die Befürworter ins Ausland gingen.
Das Próspera-Projekt gewann 2013 an Fahrt, als es vom Obersten Gerichtshof von Honduras genehmigt wurde. 2017 beantragten die Gründer offiziell eine Charter-Stadt in Honduras und nutzten Unternehmen wie Brimont Holding und North Shore Development Company, um Land auf der Insel zu kaufen, auf der Próspera liegt.
Auf den ersten Blick könnte man glauben, es wäre ein honduranisches Projekt, aber Honduras Próspera, Inc. war und ist ein Ableger von NeWAY Capital LLC, einem Washingtoner Vermögensverwalter unter Leitung des Venezolaners Erick Brimen, der sich als „Finanzprofi” bezeichnet, sowie Gabriel Delgado Ayau, dem Enkel des Gründers der Francisco Marroquín-Universität in Guatemala – das „Nervenzentrum“ der rechtsextremen libertären Bewegung in Lateinamerika – und Ex-Präsidenten der ultraneoliberalen Mont-Pelerin-Gesellschaft.
Wenig überraschend ist Honduras Próspera, Inc. im US-Staat Delaware registriert, einer Steueroase. Die Informationen über die Investoren von Próspera werden wie die Konten von Honduras Próspera, Inc. von der Trident Trust Company LTD mit Sitz auf den Kaimaninseln registriert und verwahrt – ebenfalls eine berüchtigte, undurchsichtige Steueroase, die kriminelle Drogenbarone und ihre Banker nutzen.
Um sein Projekt besser zu verkaufen, gab Brimen 2024 vor, er habe die Stadt als „Initiative zur Armutsbekämpfung” für Honduras konzipiert. Seit Baubeginn 2021 habe die Stadt dazu beigetragen, mehr als 200 Unternehmen zu gründen und über 100 Millionen Dollar an Investitionen zu beschaffen. „Was heute Próspera ist, begann als eine Idee, die aus meiner Herkunft aus Venezuela entstand”, sagte Brimen gegenüber Insider News. „In meinem Geburtsland gab es enorme Armut, eine starke Konzentration des Reichtums und eine große Kluft zwischen beiden. Ich wollte Wege finden, um die Armut zu beseitigen.”
In Wirklichkeit folgt Brimen den Plänen des kolonialen „Tech-Zionismus” von Balaji Srinivasan, dem ehemaligen Technologiechef der Kryptowährungsbörse Coinbase und Autor des Konzepts vom „Netzwerkstaat“:
1. Geld und Einfluß der Technologiekonzerne nutzen, um bei Wahlen gefügige Regierungen an die Macht zu bringen;
2. Die Autorität von Nationalstaaten durch den Kauf von Land umgehen, um „Sonderzonen außerhalb der gesetzlichen Kontrolle“ zu schaffen. (Ein ähnliches Modell wurde bereits im vorisraelischen Palästina von den Rothschilds verfolgt).
Prósperas Niedrigsteuer-Modell mit einer Unternehmenssteuer von 1%, Einkommensteuer von 5% und Grundsteuer von 1% macht es zu einem attraktiven Standort für Unternehmen und Einwohner. Zudem hat sich die Zone offenbar für Bitcoin entschieden, alle Transaktionen – einschließlich Steuererklärungen – werden in Bitcoin abgewickelt.2 Einwohner müssen nur den QR-Code ihrer elektronischen Geldbörse scannen, um Zahlungen in Sekunden abzuschließen.
Noch schlimmer ist, daß mehrere Netzwerkstaaten zu Plattformen für unregulierte, sprich illegale medizinische Experimente wurden. Vorschriften, seien es Vorgaben der Arzneimittelaufsicht, KI-Sicherheitsbedingungen und andere Funktionen und Prozesse, die die Eingriffe von Risikokapitalgebern in die nationale Souveränität – bis hin zur Demokratie – einschränken können, sollen abgeschafft werden.
Die Ideologen der Netzwerkstaaten wollen medizinische Vorschriften abschaffen und statt dessen Tests durchführen, deren einzige Bedingung die Einwilligung der Testperson ist. Dazu gründen sie Kolonien, in denen sie solche medizinischen Experimente ohne staatliche Aufsicht durchführen können. Mit Tausenden von Biotech-Startups, die sie fördern wollen, ist das ein Hauptmotor des Netzwerkstaates.
In Próspera werden solche unregulierten Medizinexperimente und Gentherapien durchgeführt. Sie wurden auch in Europa in Montenegro für Zuzalu in Betracht gezogen, eine „schwimmende Stadt”, die sich auf biomedizinische Experimente konzentriert. In Próspera offenbart eine Willkommens-Plakatwand deutlich diese transhumanistische Agenda: „Willkommen in Vitalia, der Stadt, in der der Tod optional ist.”
In einem Artikel in Le Monde hieß es: „Im Keller eines Labors können Menschen sich Magnete in ihre Fingerspitzen implantieren oder Follistatin injizieren lassen, um an einer Studie zur Langlebigkeits-Gentherapie teilzunehmen. Diese medizinische Studie wurde möglicherweise von keiner Gesundheitsbehörde in irgendeinem Land genehmigt, aber das spielt keine Rolle.”3
Die Trump-Spender und -Berater Peter Thiel von Palantir und Marc Andreessen, angeblich Geldgeber des Risikokapitalfonds Pronomos Capital, führen mit Millionen von Dollar eine globale Kampagne zur Finanzierung von Charter-Städten auf der ganzen Welt.
Thiels Pronomos-Portfolio umfaßt Investitionen in Menschen, Organisationen und Unternehmen, die ihre „eigenen“ digitalen Nationen aufbauen.4 Dazu gehören bereits Charter-Städte wie Próspera in Honduras, Yung Drun City in Bhutan und Metropolis, eine Charter-Stadt im Kleinstaat Palau, einem mikronesischen Archipel auf halbem Weg zwischen Guam und den Philippinen.
Metropolis Global war stolz auf die Investitionen von Pronomos:
„Wir freuen uns, bekannt geben zu dürfen, daß Metropolis Global eine Startkapitalinvestition von Pronomos Capital und Patri Friedman erhalten hat. Diese Investitionsrunde unterstützt unsere Mission, Weltbürgern universellen Zugang zu digitalen Nationen zu verschaffen – Ländern, die im digitalen Raum existieren und durch physische Souveränität verankert sind. Die Teilnehmer der digitalen Nation werden bald in der Lage sein, vertrauenswürdige staatliche Produkte und Dienstleistungen aus aller Welt zu nutzen, unabhängig von ihrer Heimatgerichtsbarkeit.
Pronomos Capital wird von Patri Friedman geleitet. Patri ist Gründer und Vorsitzender des Seasteading Institute, einer gemeinnützigen Organisation, die sich mit der Schaffung souveräner Meeresgemeinschaften befaßt. Er gründete auch Ephemerisle, ein selbstorganisiertes Festival, das vollständig auf dem Wasser stattfindet. Außerdem war er Mitbegründer der Future Cities Development Corporation, einem Projekt zur Gründung einer selbstverwalteten Charter-Stadt innerhalb der Grenzen von Honduras. Er ist Libertär, Neoreaktionär, Anarchokapitalist und Theoretiker der politischen Ökonomie. Kurz gesagt, er ist eine führende Persönlichkeit auf diesem Gebiet.“5
Metropolis Global verschweigt, daß Patri Friedman ein ehemaliger Google-Mitarbeiter und Enkel des ultra-neoliberalen Ökonomen Milton Friedman ist, einem der Gründer der Chicagoer Schule und Ideengeber der Diktaturen in Chile und Argentinien der 1970er Jahre.
Zum Portfolio von Pronomos gehören auch das Unternehmen Alpha City, das für „privat verwaltete und betriebene Städte“ in Afrika wirbt, und Afropolitan, in dessen Manifest es heißt: „Das Experiment des Nationalstaates ist für schwarze Menschen weltweit gescheitert. Es hat nichts als Armut, Völkermord, Polizeibrutalität, ethnische Konflikte, Inflation, schwache Regierungen und das Versagen unserer Ökosysteme gebracht.“
Wie soll man eine digitale Nation aufbauen? Afropolitan empfiehlt:
„Der Krypto-Philosoph Balaji Srinivasan hob dies als die praktikabelste Strategie hervor, um ein solches Land – das er als Netzwerkstaat bezeichnet – im 21. Jahrhundert aufzubauen. Der Netzwerkstaat ist eine digitale Nation, die erst als Online-Community startet, bevor sie nach Erreichen einer kritischen Masse physisch auf Land materialisiert wird.“
Auf seiner Website kündigte der senegalesische Unternehmer Magatte Wade im vergangenen Jahr eine Partnerschaft mit NeWAY Capital zur Gründung von „Próspera Africa“ an.6
Die Macht der Kryptowährungen wächst. 2013 gründeten Brian Armstrong und Fred Ehrsam von San Francisco und dem Silicon Valley aus die amerikanische Kryptowährungsbörse Coinbase Global, Inc. Heute hat Coinbase mehr als 100 Millionen Nutzer und ist seit 2024 der weltweit größte Bitcoin-Verwahrer. Das Unternehmen ist in über hundert Ländern tätig und verfügt über ein Vermögen von knapp 516 Milliarden Dollar, darunter fast 12% aller existierenden Bitcoins und 11% aller Ether, einer weiteren beliebten Kryptowährung. Seit 2025 arbeitet es als „Remote-First-Unternehmen“ ohne physischen Hauptsitz.
Im Januar 2025 erklärte Coinbase-Chef Brian Armstrong, die Risikokapitalabteilung seines Unternehmens werde als Investor in Próspera einsteigen, um „finanzielle Inklusion und Innovation zu fördern”.
Próspera zeichnet sich durch seine halbautonome Verwaltungsstruktur aus, unter der Unternehmen weitgehend unabhängig von der honduranischen Regierung agieren können. Die Stadt wird von einem anonymen Rat verwaltet, ein Schiedsgericht aus ehemaligen US-Richtern schlichtet Streitigkeiten. Private Sicherheitsfirmen setzen die Regeln der Stadt durch.
Ein Unternehmen, das sich in Próspera niederläßt, kann aus einer Liste von 37 Ländern (oder dem Common Law, das eher auf Präzedenzfällen basiert) den für sich passenden Rechtsrahmen wählen. „Wenn Sie der Meinung sind, daß Singapur den besten Rechtsrahmen hat, können Sie sich in Próspera niederlassen und nach singapurischen Standards arbeiten“, erklärte ein Beamter.
Wie schon so oft in der Vergangenheit lassen sich die dekadenten US-Eliten, die sich zur herrschenden Tech-Aristokratie der Welt hochstilisieren, von den ehemaligen Kolonialherren inspirieren. Peter Thiel fühlt sich inspiriert von John Locke, Thomas Hobbes, Carl Schmitt, Alexandre Kojève, Leo Strauss und dem französischen post-synarchistischen „katholischen“ Denker René Girard, dessen Anhänger er an der Universität Stanford wurde.7 Ebenfalls kürzlich aus Großbritannien importiert und nun von Thiel und anderen Silicon-Valley-Größen finanziert werden die gruseligen Theorien des britischen Professors Nick Land, der vor seiner Pensionierung (die auf übermäßigen Amphetaminkonsum zurückgeführt wird) als eine Art „Guru“ galt. In den 1990er Jahren war Land Mitbegründer und Leiter der Cybernetic Culture Research Unit (CCRU), einer avantgardistischen Abteilung der britischen Universität Warwick.
Land, der inzwischen zusammen mit seinem eifrigsten US-Anhänger Curtis Yarvin weithin bekannt wurde, entwickelte das Konzept des „Akzelerationismus”: Anstatt sich gegen ein als ungerecht und ineffizient empfundenes System zu wehren, interpretierten Land und Yarvin Hegels Dialektik und den klassischen
Faschismus neu, mit einer besonderen Betonung auf inneren Widersprüchen, und rieten dazu, die Selbstzerstörung des Systems zu beschleunigen, um so Raum für radikale soziale Veränderungen zu schaffen.
„Nick Land ist der Guru aus dem Silicon Valley, der die Philosophie von Elon Musk, Peter Thiel und Donald Trump geprägt hat: Sein Vorschlag lautet, den Kapitalismus auszubeuten, bis er sich selbst zerstört”, hieß es in der spanischen Zeitung La Vanguardia am 26. Oktober 2025.
Für die neuen Instrumente, die sie dafür nutzen wollen, wird heute massiv geworben: künstliche Intelligenz (KI) und private Kryptowährungen. Unter den Akzelerationisten bildeten sich zwei Schulen heraus: eine linke Schule, die vom Sozialismus träumt, sowie in den USA die „Alternative Rechte“, Alt-Right. Sie wünscht sich anstelle eines gewählten Präsidenten einen „verantwortlichen Monarchen“ (so Curtis Yarvin), einen „CEO-König“, der über einen bis an die Zähne bewaffneten privaten Unternehmensstaat herrscht und damit de jure schafft, was sie bereits als de facto real ansehen. Diese „Revolution”, die eine demokratische Volksvertretung abschafft, bezeichnen Land und Yarvin als Dark Enlightenment – „dunkle Aufklärung“.
Yarvin hat großes Aufsehen erregt und steht in persönlichem Kontakt mit führenden Persönlichkeiten aus Fraktionen von Donald Trumps MAGA-Bewegung, darunter Steve Bannon, Vizepräsident JD Vance, der Direktor für Politikplanung im Außenministerium Michael Anton, der Risikokapitalgeber und Trump-Berater Marc Andreessen sowie KI-Milliardäre aus dem Silicon Valley wie Peter Thiel, Elon Musk und Larry Ellison.
Wie Ava Kofman am 2. Juni 2025 in The New Yorker schrieb:
„Im Frühjahr und Sommer 2008, als Donald Trump noch als Demokrat registriert war, veröffentlichte Yarvin einen ‚Offenen Brief an aufgeschlossene Progressive‘. Der Autor schlug darin ,die Abschaffung von Demokratie, Verfassung und Rechtsstaat‘ vor, sowie die letztendliche Übertragung der Macht an einen CEO-in-Chief (jemanden wie Steve Jobs oder Marc Andreessen, wie er vorschlug), der die Regierung in ein ,schwerbewaffnetes, extrem profitables Unternehmen‘ umwandeln würde.
Dieses neue Regime würde öffentliche Schulen verkaufen, Universitäten schließen, die Presse abschaffen und ,unzivilisierte Bevölkerungsgruppen‘ inhaftieren. Außerdem würde es massenhaft Beamte entlassen (eine Politik, die Yarvin später als RAGE – Retire All Government Employees – bezeichnete) und internationale Beziehungen, einschließlich ,Sicherheitsgarantien, Auslandshilfe und Masseneinwanderung‘, einstellen.“8
Spätestens als Elon Musk mit dem DOGE-Programm (Department of Government Efficiency) beauftragt wurde, alle als nutzlos erachteten öffentlichen Arbeitsplätze abzubauen, was Vance unterstützte, mußte man davon ausgehen, daß Yarvins wahnsinnige Ideen von der Theorie in die Praxis umgesetzt werden sollen.
Próspera und ähnliche Charter-Städte werden vom US-finanzierten Tony Blair Institute auch als Modell für den Wiederaufbau des Gazastreifens und Donald Trumps „Friedensplan“ für Gaza beworben. Gaza ist nur eine aus einer langen Liste möglicher Charter-Städte, wie man auf der Website ns.com nachlesen kann.9
Am 6. Februar 2025 befürwortete Yarvin in einem Beitrag mit dem Titel „Gaza, Inc.“ auf seinem Blog Gray Mirror Trumps Plan, Gaza in ein gigantisches privatisiertes Immobilienprojekt umzuwandeln (was die vollständige Entvölkerung der Enklave impliziert).10 Aber das ist nur die Oberfläche.
Laut der Onlinezeitung Le Grand Continent will Yarvin aus
Gaza „nicht nur ein erfolgreiches Immobilienprojekt machen, sondern auch eine
‚Charter-Stadt‘: eine Unternehmensstadt, in der die Bewohner Gazas Token
besitzen könnten (während sie ihr Land und ihre Häuser verlieren); ein reines
Börsenprodukt (die GAZA-Aktie würde mit einem sehr hohen Nennwert an den Märkten
eingeführt werden); das erste souveräne Unternehmen, das mit Unterstützung
Washingtons in den Vereinten Nationen vertreten wäre. Eine libertäre Utopie à la
Thiel.
Eine reaktionäre Dystopie à la Trump.”11
„Charter-Staaten” sind nichts Neues, nur eine Neuauflage dessen, was die Historiker „Charter-Unternehmen” nennen: eine Vereinigung von Aktionären, die durch eine königliche Urkunde (oder ähnliches) zum Zwecke von Handel, Erforschung oder Kolonisierung oder einer Kombination davon gegründet und mit (oft exklusiven) Rechten ausgestattet wird. Die bekanntesten Beispiele sind die Britische und die Niederländische Ostindien-Gesellschaft.
Und wer wäre als Leiter von „Gaza, Inc.“ besser geeignet als der britische „Pirat“ und Ex-Premier Tony Blair. Bemerkenswert ist, daß Larry Ellison, ein Anhänger der Theorien der Dunklen Aufklärung, seit 2021 etwa 343 Millionen Dollar in das Tony Blair Institute for Global Change (TBI) investiert hat. Ellison, den Donald Trump als „CEO von allem“ bezeichnet, ist der Gründer des Technologieriesen Oracle und gilt als der zweitreichste Mann der Welt. Das TBI ist heute die größte britische Nichtregierungsorganisation, mit über 900 Mitarbeitern in mehr als 45 Ländern, es agiert hinter den Kulissen und funktioniert fast wie eine moderne Ostindien-Gesellschaft, die weitgehend die Regierung von Premierminister Keir Starmer und über ihre Afrika-Beratungsabteilung auch die Regierung Ugandas lenkt.12
Yarvins Vorschlag, Gaza zu einem Charter-Staat zu machen, aktualisiert frühere Vorschläge seit dem 7. Oktober 2023. Er will das „Palästinenserproblem“ lösen, indem er seine formalistische Theorie mit dem Wahnsinn der „Entterritorialisierung“ der Dunklen Aufklärung kombiniert.
Yarvin gibt seiner Barbarei ein humanitäres Mäntelchen. Anstatt Menschen, die in Kriegsgebieten leiden, nur zu bedauern, solle man sich die Bedingungen vorstellen, sie von dort zu „befreien“. Es gebe „keinen guten Grund“, warum ein Mensch an einem bestimmten Ort bleiben soll, deshalb seien Eroberungskriege absurd. Yarvin verachtet jede Form von Patriotismus und verspottet diesen als „ethnischen Rassismus“. Alles Land sei nur „Privateigentum“. Er sieht keinen rationalen Grund für die Bewohner Gazas, in ihrer Heimat zu bleiben. Sein Patentrezept sind Immobilien:
„Was wäre, wenn die Bewohner Gazas wegziehen, aber das Eigentum an ihren Immobilien behalten würden? Oder Anteile an einem Unternehmen, das von arabischen MIT-Absolventen geführt wird, mit dem Recht, den Gazastreifen zu einer neuen israelischen Stadt zu entwickeln? Das Las Vegas des südlichen Israel? Vielleicht könnte die ,internationale Gemeinschaft‘ sogar einen Anteil am Kapital erhalten – als Belohnung für die Vermittlung des Deals?“
Etwas ähnliches sagte Präsident Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, der durch Blairs Vermittlung der Abraham-Abkommen hohen Profit machte, bei einer Veranstaltung in Harvard im Februar 2024:
„Die Küste von Gaza könnte einen großen Wert haben..., wenn sich die Menschen darauf konzentrieren würden, Lebensgrundlagen zu schaffen... Die Situation ist etwas unglücklich, aber aus israelischer Sicht würde ich mein Bestes tun, um die Menschen herauszuholen und dann das Gebiet zu räumen. Darüber hinaus würde ich etwas im Negev bauen und versuchen, die Menschen dorthin umzusiedeln. Ich halte das für die bessere Option, damit wir dorthin gehen und die Arbeit zu Ende bringen können.”
Im Mai 2024 veröffentlichte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seinen Plan für eine „Freihandelszone Gaza-Arisch-Sderot“: ein Mega-Immobilienprojekt – ähnlich wie NEOM in Saudi-Arabien, mit dem das Projekt per Bahn verbunden werden soll – mit dem Codenamen Gaza2035. Das Ziel ist, die Enklave mit Wolkenkratzern vollzustopfen und in ein Technologie- und Energiezentrum zu verwandeln, finanziert u.a. durch Offshore-Ölförderung.
Gaza soll ein Experiment für den Aufbau eines „Netzwerkstaates“ werden, um von Unternehmen kontrollierte private Städte zu schaffen – „Startup-Nationen“, in denen Demokratie, Gesetze und Steuern keine Geltung haben.13 Aber wenn die Eigentümer dieser Charter-Städte alles selbst regulieren, wären dann dort solche Dinge, wie sie auf Epsteins Privatinsel veranstaltet wurden, überhaupt noch strafbar?
Es wird als Innovation verkauft, in Wirklichkeit geht es um Flucht: ein Bunker-System für Milliardäre, um sich der Demokratie und der öffentlichen Rechenschaftspflicht zu entziehen. Man erinnere sich, daß Präsident Emmanuel Macron bei seinem Amtsantritt verkündete, er wolle Frankreich zu einer „Start-up-Nation“ machen.
Ähnlich plant das von Marc Andreessen, Sam Altman und Peter Thiel finanzierte Unternehmen „Praxis“ den Bau einer Technologiestadt auf Grönland. Elon Musk hat bereits eine eigene Privatstadt in Texas, Starbase. Der Coinbase-Chef Brian Armstrong hat Präsident Trump aufgefordert, sein Wahlversprechen einzulösen, auf US-Territorium zehn Freedom Cities, „Freiheitsstädte“, zu errichten.
In einer Schrift aus dem Jahr 2008 forderte Yarvin unter dem Pseudonym Mencius Moldbug „eine vollständige Ersetzung des Staates. Wir haben genug. Wir haben genug vom gegenwärtigen Regierungssystem.”14 Anstelle der Vielstimmigkeit souveräner Nationalstaaten schlägt Yarvin ein „Patchwork” (Fleckenteppich) vor, ein „Netzwerk aus einer großen Anzahl kleiner, aber unabhängiger Staaten. Genauer gesagt ist das Grundstück jedes Staates sein Patch; für den souveränen Eigentümer, d.h. die Regierung des Patches, ist es sein Reich. Zumindest anfangs besitzt jedes Reich genau einen Patch. In der Praxis kann sich das mit der Zeit ändern, aber die Reich-Patch-Struktur ist zumindest so konzipiert, daß sie stabil ist.“
Vielleicht inspiriert von Leopold Kohr und Ernst Friedrich Schumachers „Small is Beautiful“, wirbt Yarvin offen für eine Rückkehr zu einer feudalen Ära von Stadtstaaten in einer Welt voller Spaltung und Chaos:
„Die wesentliche Inspiration für Patchwork ist die Beobachtung, daß die Perioden, in denen die menschliche Zivilisation blühte, diejenigen waren, in denen sie politisch am stärksten gespalten war. Das antike Griechenland, das mittelalterliche Italien, Europa bis 1914, China in der Frühlings- und Herbstperiode und so weiter. Jacob Burckhardt bemerkte einmal, daß Europa sicher war, solange es nicht vereint war, und jetzt, da es vereint ist, können wir genau sehen, was er damit meinte. Klein ist gut. Lokal ist gut. Anders ist gut. Das wissen wir.“
Er versucht sich zu rechtfertigen: Es sei „nur natürlich, daß ein reaktionäres Konzept für eine zukünftige Regierungsform einen etwas feudalen Anstrich hat. Aber Patchwork ist etwas Neues. Es wird sich nicht wie die Vergangenheit anfühlen. Es wird sich wie die Zukunft anfühlen. Die Vergangenheit – also die demokratische Vergangenheit – wird sich zunehmend grau, fremd und beängstigend anfühlen.“
Für Yarvin wäre die „Privatisierung“ des Gazastreifens und die Vertreibung der Palästinenser nichts besonders Umwälzendes oder gar Störendes. Im Gegenteil, es wäre nur der Einstieg in eine neue Realität, an die sich die Menschheit gewöhnen müsse. Zuerst würden die Menschen eine Kryptowährung einführen, dann einen „Konzernchef“ anstelle eines Regierungschefs und schließlich einen virtuellen Charterstaat, in dem alles Profit wird.
Zurück zu Honduras: Nach der Verhaftung und Auslieferung von Hernández an die USA wegen Drogenterrorismus 2022 wurde Xiomara Castro Präsidentin. Sie versprach im Wahlkampf, die ZEDEs abzuschaffen, und erklärte vor der UN-Vollversammlung: „Nie wieder werden wir das Klischee der Bananenrepublik auf uns sitzen lassen.“ 2022 stimmte der honduranische Kongreß einstimmig für die Aufhebung der ZEDEs, obwohl internationale Verträge Próspera für mindestens 50 Jahre schützen und somit eine sofortige Auflösung verhindern.
Als Reaktion darauf reichte Honduras Próspera, Inc. beim Internationalen Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten (ICSID) eine Klage in Höhe von fast 10,8 Milliarden Dollar gegen die honduranische Regierung ein. Dieser Betrag entspricht fast zwei Dritteln des Staatshaushalts für 2022.
Der Trump-Berater Roger Stone, der seinen Gönner verzweifelt zu retten versucht, befürwortete die Begnadigung von Hernández mit dem Argument, dies könne „den Sozialismus zerschlagen und eine Stadt der Freiheit in Honduras retten“, denn Próspera sei ein Projekt mit „großen Auswirkungen auf die US-Politik und die Zukunft der Freiheit in der ganzen Welt“.
Wir würden Donald Trump eher eine Invasion der Kaimaninseln vorschlagen, einer Steueroase, wo Banken wie HSBC Milliarden von Dollar der internationalen Drogenkartelle waschen.
Anmerkungen
1. „Free Private Cities – A New Operating System For Living Together”, Whitepaper von Titus Gebel.
2. „Honduran special economic zone adopts bitcoin as legal tender”, Reuters, 07.04.2022.
3. „Prospera, the eccentric private libertarian enclave in Honduras”, Le Monde in English, 16.08.2024.
4. Selected Pronomos Capital Investments.
5. „Shaking up the Status Quo: Metropolis Global ,Digital Nations' Platform Backed by Pronomos”,
6. „Introducing Afropolitan: A Digital Nation”.
7. Lesen Sie hierzu auch „Peter Thiel, der fünfte Reiter der Apokalypse“, Karel Vereycken, Neue Solidarität, Nr. 46-47/2025.
8. Curtis Yarvin's Plot Against America, The New Yorker, 02.06.2025.
9. „The Network States of The Internet”.
10. „Gaza, Inc.”, Artikel auf Curtis Yarvins Blog Gray Mirror, 06.02.2025.
11. „Gaza Inc.: l'influence cachée derrière le plan de Trump”, Le Grand Continent, 07.02.2025.
12. Lesen Sie hierzu auch: „Tony Blairs digitale Dystopie ist
eine Gefahr für uns alle“,
Daniel Platt und David Christie, Neue
Solidarität, Nr. 46-47/2025.
13. The Network State: How To Start a New Country ist der Titel eines 2022 erschienenen Selbstverlagsbuchs (https://thenetworkstate.com/) des amerikanischen Unternehmers und Investors Balaji Srinivasan, ehemaliger Chief Technology Officer der Kryptowährungsbörse Coinbase und ehemaliger General Partner der Risikokapitalfirma Andreessen Horowitz, einem Freund von Curtis Yarvin. Er fordert digitale Gemeinschaften auf, durch Crowdfunding Ressourcen für den Aufbau autonomer Städte und Staaten zu beschaffen. In einem Interview aus dem Jahr 2023 forderte Srinivasan Technologiebegeisterte auf, die politische Macht zu ergreifen und die Kontrolle über Städte zu übernehmen. Er offenbarte seinen Hang zur Autokratie und schlug vor, die Polizei zu bestechen (mit Banketten und Jobs für ihre Verwandten), um sie davon abzuhalten, Gesetze durchzusetzen, die für die „Technikfreaks” nachteilig sind.
14. „Patchwork: A Political System for the 21st Century”.
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