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Neue Solidarität
Nr. 19-20, 7. Mai 2026

Der Iran und der Dialog der Zivilisationen

Von Karel Vereycken

© Wikimedia Commons, Siamax, cc

Kyros der Große (gest. 530 v. Chr.), Ausschnitt einer modernen Nachbil­dung eines Flach­reliefs aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. in Pasargadae mit der Inschrift „Ich bin Kyros, der König, ein Achämenide“.





Karte des Persischen Reichs [unten].
William Shepherd, Historical Atlas, 1923, gemeinfrei
© Wikimedia Commons/Mike Peel (www.mikepeel.net), cc-by-sa 4.0
Kopie des Kyros-Zylinders, gezeigt im Britischen Museum, London.

Als Reaktion auf einen Tweet von US-Kriegsminister Pete Hegseth Anfang April, in dem er drohte, den Iran „in die Steinzeit“ zurückzu­bomben, antwortete die iranische Botschaft in Südafrika mit diesem kurzen, aber prägnanten Kommentar, der großes Potential für diplomatische Lösungen enthält:

 

Geschichte

Kyros gründete 552 vor Christus das persische Reich der Achämeniden. Seine Eroberung Babylons 539 v. Chr. leitete die imperiale Ära Persiens ein. Durch das Zerschlagen des Babylonischen Reiches, das bis dahin Westasien beherrscht hatte, gründete Kyros ein Reich, das sich von Indien bis Karthago und vom Kaukasus und der Donau bis Äthiopien erstreckte. Mit einer Fläche von 5,5 Millionen km² hatte das Persische Reich etwa 50 Millionen Einwohner, das entsprach 40% der Weltbevölkerung.

Das Persische Reich ist das früheste der indoeuropäischen Reiche. Mit seinen 20 Provinzgouverneuren (Satrapen) diente seine dezentrale Organisationsform zeitweise als Vorbild für das griechische und römische Reich sowie darauf aufbauend später für die Reiche der Angelsachsen, Franzosen, Spanier usw.

Der Gründungsakt des Persischen Reiches war die Veröffentlichung des berühmten „Edikts“ von König Kyros, von dem 1879 in Babylon eine in Keilschrift auf einen Terrakotta-Zylinder gravierte Kopie gefunden wurde. Sie wird im Britischen Museum in London aufbewahrt.

Dieses Edikt ist von unschätzbarem Wert, weil es die erste Erklärung der Menschen­rechte in der Geschichte der Menschheit darstellt. Mit diesem Edikt schaffte Kyros der Große die Zwangsarbeit ab und verkündete feierlich gleiche Rechte für alle Mitglieder des Reiches sowie Religions- und Glaubensfreiheit für alle Menschen.

Deshalb ist es sehr interessant, wenn die iranische Botschaft gerade auf diese Weise reagiert hat. Natürlich spottet sie mit der Ehre der großen iranischen Zivilisation über die eklatante Unwissenheit der Trump-Regierung. Doch indem der Iran sich auf den Kyros-Zylinder beruft und dabei sich auf ein höheres Konzept stützt, macht er gleichzeitig ein Friedensangebot für eine Verhand­lungslösung und implizit für die Möglichkeit einer erneuten gemeinsamen Zukunft.

Schauen wir uns an, warum:

  • Auch wenn auf den Nahen Osten spezialisierte Archäologen und Historiker solche Interpretationen meistens als anachronistisch ablehnen, wurde der Zylinder von Schah Mohammad Reza Pahlavi als Symbol übernommen, der ihn als „erste Menschenrechtscharta“ präsentierte und 1971 in Teheran ausstellte, um den 2500. Jahrestag des iranischen Reiches zu feiern.

  • Im selben Jahr übersetzte die UNO ihn in alle ihre Amtssprachen und erkannte ihn als Vorläufer der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte an. Seine Rückführung in den Iran 2010 war ein bedeutendes Ereignis, das in der Islamischen Republik Iran gefeiert wurde, wo Präsident Mahmud Ahmadinedschad ihn als Inspirationsquelle für den Kampf der Unterdrückten anführte. Drei Jahre später wurde der Zylinder in den Vereinigten Staaten als Freiheitssymbol ausgestellt und hochgelobt. Kürzlich, am 6. November 2025, erkannte die 43. UNESCO-Generalkonferenz den Kyros-Zylinder (der nach wie vor als die erste Menschenrechtserklärung der Welt gilt) einstimmig als weltweites Symbol für Freiheit, Gerechtigkeit und Respekt vor kultureller Vielfalt an.

  • Die Beziehungen zwischen Iranern und Juden reichen bis in die Antike zurück. Eine der gefeiertsten Episoden für die iranische Identität ist die Befreiung der Juden aus Babylon durch Kyros den Großen, eine Tat, die auf dem berühmten Zylindersiegel festgehalten und eingraviert wurde – ein Zeugnis für Offenheit und Toleranz. Darüber hinaus liefert die Bibel eine sehr positive Interpretation von Kyros’ Herrschaft, sie wird im Buch Esra als diejenige dargestellt, die dem jüdischen Volk nach seiner Gefangenschaft in Babylon die „Rückkehr nach Zion“ ermöglichte.

    Die jüdische Gemeinde im Iran wird heute auf 8.000 bis 12.000 Menschen geschätzt und ist damit nach Israel die größte im Nahen Osten, obwohl ihre Zahl seit 1979 stark zurückgegangen ist (vor der Revolution waren es etwa 100.000). Anfang April bombardierte Israel, gesteuert durch KI ohne menschliche Überprüfung, die Synagoge in Teheran. Die israelische Armee äußerte ihr Bedauern über die Schäden durch den nächtlichen Angriff, der auf einen iranischen Militärkommandanten abgezielt habe.

    Dialog der Zivilisationen

    Sich auf den Kyros-Zylinder zu berufen, bedeutet daher, einen Olivenzweig zu reichen: die Aussicht auf einen interkulturellen, interreligiösen und zivilisationsübergreifenden Dialog, der die Grundlagen für eine friedliche Lösung vieler sonst unlösbarer Konflikte schafft, sowohl innerhalb des Landes (mit den Anhängern einer Erneuerung der Pahlavi-Dynastie) als auch außerhalb (mit Israel, den Christen und dem Westen im allgemeinen).

    Seit Jahrtausenden am Kreuzungspunkt der Seidenstraßen ist die „DNA“ der iranischen Zivilisation nicht Terrorismus und Destabilisierung, sondern der Kampf für Gerechtigkeit, Respekt und Offenheit gegenüber anderen.

    1971, ein Jahr nach den iranischen Feierlichkeiten zum Kyros-Zylinder, machte der österreichische Professor Hans Köchler, Präsident der International Progress Organization (IPO) und enger Freund und Mitstreiter des Schiller-Instituts und dessen Gründerin Helga Zepp-LaRouche, der UNESCO den Vorschlag, einen „internationalen Kongreß zum Thema der Probleme, die sich aus dem Dialog zwischen verschiedenen Zivilisationen ergeben“, zu veranstalten. Jahrelang leistete Köchler durch unzählige Vorträge, Vorlesungen und Symposien weltweit und insbesondere im Iran außergewöhnliche Arbeit zur Verbreitung dieses Konzepts, bevor es vom Schiller-Institut aufgegriffen und gefördert wurde. 1974 fand unter der Schirmherrschaft der österreichischen und senegalesischen Präsidentschaften dazu ein großes Symposium in Innsbruck statt.

    1997 stellte der iranische Präsident Mohammad Chatami den Dialog der Kulturen in den Mittelpunkt seines Mandats – gegen die These vom „Kampf der Kulturen“ des Geopolitikers Bernard Lewis, die von Samuel Huntington populär gemacht wurde. Auf seinen Vorschlag hin erklärte die UNO 1998 das Jahr 2001 zum „Jahr des Dialogs zwischen den Zivilisationen“.

    Dieses Konzept steht heute wieder zur Debatte. Was wird der „Westen“ tun? Können wir uns an die iranische DNA anpassen, oder wollen wir in der moralischen Steinzeit stecken bleiben?

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