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Neue Solidarität
Nr. 23-24, 4. Juni 2026

Der systemische Bankrott hinter dem EU-Kredit an die Ukraine

Von Karel Vereycken

Schon vor 50 Jahren veranschaulichte Lyndon LaRouche, einer der wenigen unorthodoxen US-Ökonomen, den Zustand des internationalen Finanzsystems mit folgendem Bild: Unter einer Pariser Brücke klammern sich zwei völlig betrunkene Landstreicher aneinander, um nicht zu stürzen. Der erste reicht dem zweiten einen Monopoly-Geldschein: „Hier, Kumpel, damit kannst du dir noch einen Liter Rotwein kaufen!“

Dieses Bild kommt einem heute in den Sinn, wenn man an den 90-Milliarden-Euro-Kredit denkt, den die EU der Ukraine kürzlich gewährt hat.

Was auf dem Spiel steht

Offiziell verkündet die EU ihre Absicht, mit diesem Kredit mehrere Herausforderungen anzugehen:

Das Narrativ von einer „unmittelbaren“ russischen Bedrohung für Europa ist daher ein notwendiges Mittel, um die Zustimmung der europäischen Bevölkerung dafür zu gewinnen, die Früchte ihrer Arbeit für eine Kriegswirtschaft zu opfern.

Die Banken haben in eine solche Wirtschaft investiert, und für sie wäre jedes Friedensabkommen eine Katastrophe.

In Wirklichkeit hat die amerikanische Regierung, getrieben von Größenwahn und der Illusion einer unipolaren Welt unter anglo-amerikanischer Führung, schon seit 1991 alles getan, um die Krise in der Ukraine anzuheizen. Staatssekretärin Victoria Nuland hat zugegeben, daß ihr Land fünf Milliarden Dollar ausgab, um die von George Soros inszenierte „Orangene Revolution“ zu finanzieren. Und als die Europäer Alternativen zu ihren Vorschlägen durchsetzen wollten, kommentierte Nuland: „Schei… auf die EU“ (Fuck the EU).

Aus dieser Sicht ist es tragisch zu sehen, wie Europa, das eine einheitliche Front gegen andere Blöcke bilden will, sich kopfüber in einen Konflikt stürzt, der voll und ganz von den Anglo-Amerikanern geschaffen wurde, und dabei riskiert, uns alle in einen Atomkonflikt hineinzuziehen.

Die Ukraine ist bankrott. Für dieses Jahr schätzt sie ihren Finanzierungsbedarf von außen auf rund 44,4 Milliarden Euro. Fast 60% ihres Haushalts entfallen auf Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben (etwa 54 von 93 Milliarden Euro). Diese enorme Summe entspricht 27,2% ihres BIP. Zum Vergleich: Die meisten NATO-Staaten haben sich unter dem Druck von Donald Trump verpflichtet, 5% ihres BIP für Verteidigung auszugeben.

Wer zahlt?

Schon lange vor dem neuen 90-Milliarden-Darlehen vom 23. April waren es die EU-Länder, die unter dem Vorwand, die Freiheit ganz Europas stehe auf dem Spiel, die meisten Hilfen für die Ukraine bereitstellten. Stand Februar 2026 belief sich die Unterstützung der Union und ihrer Mitgliedstaaten für Kiew nach den neuesten Daten des EU-Rates und des Europäischen Rates insgesamt auf 193,3 Milliarden Euro, verglichen mit 115,3 Milliarden Dollar an US-Hilfe von 2022 bis 2025.

Diese 193,3 Milliarden Euro verteilen sich wie folgt:

Wirtschaftliche Hilfe

Der erste Posten, in Höhe von 103,3 Mrd. €, gliedert sich wie folgt:

Sie haben richtig gelesen: Fast die Hälfte aller Hilfen ist darauf ausgerichtet, den Beitritt der Ukraine zur EU zu fördern! Obwohl viele Experten betonen, daß eine Ausweitung der EU um jeden Preis – und ohne die Ukrainer auch nur zu konsultieren –, eine Katastrophe wäre, beharrt die Kommission stur darauf und legt noch eine Schippe drauf.

Militärische Hilfe

Das nächste ist die militärische Hilfe. Im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2022-24 stieg die europäische Militärhilfe 2025 um 67%, die nichtmilitärische Hilfe um 59%. „Dank der europäischen Bemühungen blieb das Gesamtvolumen der für Kiew bereitgestellten Hilfe im Jahr 2025 relativ stabil, trotz der Einstellung der amerikanischen Unterstützung mit der Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus im Januar“, freute sich die Website Toute l’Europe.1

Finanziell, militärisch und wirtschaftlich wird die Ukraine somit von der amerikanischen unter die europäische Vormundschaft verlagert. Und die Hilfe, die bisher vor allem humanitärer und wirtschaftlicher Natur war, ist nun überwiegend militärischer Art. Man könnte sagen, angesichts des Ausmaßes der EU-Investitionen ist die Ukraine „schon EU-Mitglied, bevor sie Mitglied ist“. Viele vergessen, daß die EU gemäß ihren eigenen Statuten ihre Integration durch ihre Politik kontinuierlich ausweiten und vertiefen muß.

Russische Vermögenswerte

Anfang Dezember 2025 stellte die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, in Brüssel einen wahnwitzigen Plan vor, um die Ukraine über zwei Jahre hinweg zu finanzieren und sie angeblich in eine „Position der Stärke“ in Verhandlungen mit Rußland zu bringen. Der Plan sah zwei Optionen vor, um zwei Drittel des Finanzierungsbedarfs der Ukraine für 2026 und 2027, der auf 137 Milliarden Euro geschätzt wird, zu decken:

  • ein europäisches Darlehen oder

  • die Nutzung russischer Vermögenswerte, die in Europa angelegt sind.

    Von der Leyen plante, die nach der Invasion der Ukraine 2022 eingefrorenen Vermögenswerte der russischen Zentralbank in zinslose Darlehen umzuwandeln, um den finanziellen und militärischen Bedarf der Ukraine für die kommenden Jahre zu decken.

    Belgien, wo der Großteil dieser Werte liegt, weigerte sich jedoch, die Risiken eines solchen Raubes allein zu tragen, und lehnte völlig zu Recht die Beschlagnahmung russischer Vermögenswerte ab. Und Ungarn unter Viktor Orban lehnte jedes europäische Darlehen ab, bis die Ukraine eine Ölpipeline, die Ungarn lebenswichtiges russisches Öl liefert, wieder in Betrieb nimmt. Während die Kommission ihren Plan zur Beschlagnahmung russischer Vermögenswerte aufgeben mußte, weil sie Belgien nicht überzeugen konnte, machte Orbans spätere Wahlniederlage das Projekt des europäischen Kredits wieder möglich.

    So konnte der Präsident des Europäischen Rates, Antonio Costa, am 23. April verkünden, daß der 90-Milliarden-Euro-Kredit an die Ukraine von der EU endgültig genehmigt wurde. „Diese für Kiew entscheidende finanzielle Unterstützung markiert einen Wendepunkt in der europäischen Hilfe angesichts des Krieges“, bemerkte die Pariser Zeitung Les Echos.

    Was gesagt wird – und was verschwiegen wird

  • Die Europäische Kommission wird das Geld auf den Märkten durch die Ausgabe von Eurobonds beschaffen. 37 Großbanken, sogenannte Primärhändler, können diese EU-Anleihen kaufen und (mit Gewinn) auf dem Sekundärmarkt an andere Finanzakteure weiterverkaufen.

    Kommentar: Die EU ist pleite. Alles, was sie hat, ist ein Haushalt und eine Unterschrift. Praktisch verwandelt sich die Europäische Kommission zu dem Anlaß in einen Kreditgeber, indem sie Geldmittel auf den Finanzmärkten beschafft. Wie bei einer Investmentbank führen Anleiheemissionen immer zur Ausgabe von derivativen Finanzprodukten. Die Kommission wird also Derivate ausgeben. Die Sicherheit der Unterschrift der EU garantieren ihre Eigenmittel, also im wesentlichen die Beiträge der Mitgliedstaaten zum EU-Haushalt. Da der EU-Haushalt für 2026 bei 192,8 Milliarden Euro liegt, macht der Kredit über 90 Milliarden Euro fast 45% des europäischen Haushalts aus. Das ist weit mehr als die Maastricht-Kriterien den Mitgliedstaaten erlauben. Und die Möglichkeit, daß ein größeres Land aus der EU austritt, wird überhaupt nicht in Betracht gezogen. Weil die Kommission sich zum Kreditgeber macht, wäre dann ein Finanzcrash garantiert.

  • Das auf den Märkten beschaffte Geld wird der Ukraine zinslos geliehen.

    Kommentar: Die Ukrainer müssen keine Zinsen zahlen, die EU aber sehr wohl. Daß es die EU, sprich der Steuerzahler ist, der die Rückzahlung an die Banken gewährleisten muß, wird geflissentlich verschwiegen. Laut AFP „ist der genaue Betrag nicht bekannt: Er wird von den Zinssätzen abhängen, die man den Anlegern bietet, die diese Anleihen zeichnen, deren Laufzeit und Emissionsplan noch nicht bekannt gegeben wurden. Unter den aktuellen Marktbedingungen dürfte dies mindestens mehrere Milliarden Euro pro Jahr betragen. Diese Kosten werden unter den Mitgliedstaaten aufgeteilt, mit Ausnahme von drei Ländern (Ungarn, Slowakei und Tschechische Republik), die sich geweigert haben, an der Operation teilzunehmen.“

    Einige Experten schätzen die Zinszahlungen auf 1 Milliarde Euro in diesem Jahr und 3 Milliarden Euro im nächsten Jahr. Die wird man bei Löhnen, Sozialleistungen, Schulen und Krankenhäusern einsparen, oder glaubt jemand etwas anderes?

  • Von den 90 Milliarden Euro werden 45 Milliarden bis Ende 2026 freigegeben, die andere Hälfte 2027. Von jeder Tranche werden 28,3 Milliarden für militärische Zwecke verwendet, und 16,7 Milliarden für den regulären Haushaltsbedarf (Bildung, Gesundheit, Infrastruktur usw.).

    Kommentar: Die Zahlungen „werden davon abhängig gemacht, daß Kiew Reformen beschließt“, heißt es, wohl wissend um die dort seit jeher herrschende, verbreitete Korruption. „Jeder Rückschlag im Kampf gegen die Korruption könnte zu einer vorübergehenden Aussetzung der Hilfe führen“, warnte eine Quelle in Brüssel.2

    Fast 60% der Hilfe fließen in militärische Zwecke, das ist enorm viel! Wie viel Geld und wie viele Waffen wurden schon von ukrainischen Mafiagruppen veruntreut und weiterverkauft?

  • Der militärische Teil des Darlehens wird nur Lieferungen „Made in Europe“ finanzieren.

    Kommentar: Die Ukraine wird dazu angehalten, ihre Waffen entweder im Inland oder von der EU zu beschaffen – mit anderen Worten: bei den Rüstungskonzernen, deren Mitbesitzer dieselben Banken sind, die diese Eurobonds kaufen, die den Ukrainern (zinsfrei) das Geld für den Kauf dieser Waffen liefern. Eine moderne Variante von „Kreislaufwirtschaft“? Mit dem interessanten Nebeneffekt, die Rüstungsindustrie, die die europäischen Länder dringend benötigen, um ihre nationalen Verteidigungsfähigkeiten auszubauen, zu konsolidieren und rentabel zu machen.

    In Frankreich z.B. bilden 4000 Unternehmen die industrielle und technologische Basis der Rüstungsindustrie. Bis Ende 2025 beliefen sich die Finanzierungen der sechs größten französischen Bankengruppen – BNP Paribas, Crédit Agricole, Société Générale, BPCE, Crédit Mutuel und La Banque Postale – an Rüstungsunternehmen auf mehr als 46,6 Milliarden Euro. Durch diese Militärausgaben könnten in Frankreich bis 2035 zwischen 570.000 und 800.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze geschaffen werden.

  • Die Ukrainer werden keine amerikanischen oder Nicht-EU-Waffen kaufen.

    Kommentar: Es gibt Ausnahmen. Wenn die Ukraine bestimmte Waffentypen weder im Inland noch in einem EU-Land beschaffen kann, wird die EU ihr im Einzelfall gestatten, diese in Großbritannien oder den USA zu kaufen. Für die großen Drohnenfabriken, die britische Ingenieure für Palantir in der Ukraine gebaut haben, wird das sicherlich ein Glücksfall für erhebliche Gewinne sein. Jedenfalls müssen wir von der Kommission vollständige Transparenz fordern.

    Wie Ouest-France im Januar feststellte: „Die deutsche Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen präsentierte diesen Plan mit vorsichtiger Wortwahl: ‚Die Mittel werden für den Kauf von Ausrüstung … aus der EU und von unseren Partnern (insbesondere Norwegen und der Schweiz) verwendet‘, verkündete sie zunächst. ‚Sollte diese notwendige Ausrüstung jedoch in der Region und innerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens nicht verfügbar sein, wird es möglich sein, sie von Fall zu Fall von außerhalb der EU zu beschaffen.‘

    Zuvor hatte sie Paris gegenüber klargestellt, daß ,Käufe im Ausland nur als letztes Mittel in Betracht gezogen werden‘. Gemäß Artikel 13 des Vorschlags der Kommission muß die Europäische Kommission diese Ausnahmen genehmigen. Aber wie kann man den Kauf von Patriot-Raketen ablehnen, die nur mit einer amerikanischen Abschußrampe funktionieren? Ursula von der Leyen hat die Quadratur des Kreises geschafft: Paris und Berlin können einen Sieg für ihre Position verbuchen.“

  • Die Ukraine wird den Kredit mit dem Geld des Kriegsverlierers zurückzahlen.

    Kommentar: Die Ukraine soll den Kredit mit den „Kriegsreparationen“ zurückzahlen, die sie von Rußland erhalten soll – dessen Niederlage vorausgesetzt wird. Die Kommission beharrt weiter darauf, sie könne dafür die 210 Milliarden Euro Vermögenswerte der russischen Zentralbank, die in der EU eingefroren sind, verwenden, falls die Reparationen nicht ausreichen!

    Wie am Ende des Dreißigjährigen Krieges werden Kriege nicht mehr aus politischen oder militärischen Gründen geführt, sondern um zu entscheiden, wer die Rechnung zahlt! Rußland auf irgendeine magische Weise zu besiegen, wird damit zur Voraussetzung für das politische und finanzielle Überleben der EU überhaupt. Haben die Kriegsreparationen, die Deutschland im Vertrag von Versailles auferlegt wurden, nicht viel zum Aufstieg des Faschismus beigetragen? Haben unsere Politiker nichts aus der Geschichte gelernt?

    Fazit

    Technisch gesehen ist die Ukraine bankrott. Nur wegen „höherer Gewalt“ hat dieser Bankrott keinen globalen Finanzcrash ausgelöst. Seit 2024 zahlt die EU die Zinsen für die Schulden der Ukraine und pumpt gleichzeitig frisches Geld, das sie eigentlich gar nicht besitzt, in das Land. Die EU ist von räuberischen Banken ähnlich abhängig wie einst Kaiser Karl V. von den Fuggern an dem Tag, als sie seine Wahl finanzierten.4

    Die Vorstellung, man könnte die eigene Gesundheit wieder herstellen, indem man das „finanzielle Tschernobyl“ im Garten des Nachbarn wässert, ist so lächerlich wie tragisch. Selbst ein Meisterbetrüger wie Charles Ponzi hat seine Finanzpyramiden mit echtem Geld aufgebaut…

    Jeder weiß, daß es undenkbar ist und gegen sämtliche Regeln verstößt, daß ein Land, das sich im Krieg befindet, Mitglied der EU wird. Am 27. April schockierte Bundeskanzler Friedrich Merz die Beobachter, als er andeutete, Kiew müsse eines Tages möglicherweise Gebiete abtreten, um die Feindseligkeiten mit Moskau zu beenden, während das französische Außenministerium in seinen Erklärungen weiterhin fordert, daß Moskau die territoriale Integrität der Ukraine uneingeschränkt respektiert. Paradoxerweise wird für einige führende europäische Politiker wie Merz – der zweifellos gerne den Ruhm eines EU-Beitritts der Ukraine für sich beanspruchen würde –, der Frieden endlich zu einer Möglichkeit. Moskau hat deutlich gemacht, daß es zwar nach wie vor einen NATO-Beitritt der Ukraine kategorisch ablehnt, ihren Beitritt zur EU jedoch nicht für undenkbar hält.

    Unterdessen ist der 90-Milliarden-Kredit im aktuellen Kontext eine weitere Münze, die man in den Automaten der Zerstörung wirft. Das Geld hätte man für einen echten Wiederaufbauplan im Rahmen eines dauerhaften Friedensabkommens zwischen den Kriegsparteien verwenden können.


    Anmerkungen

    1. Guerre en Ukraine: quels sont les montants des aides de l'Union européenne depuis 2022?,
        Website der Toute l'Europe, 23.04.2026.

    2. Le Parlement approuve un prêt de 90 milliards d'euros en faveur de l'Ukraine, Website des EU-Parlaments, 11.02.2026.

    3. L'Ukraine pourra bien acheter des armes américaines avec le prêt européen de 90 milliards d'euros,
        Website von Ouest-France, 14.01.2026.

    4. Jacob Fugger « le Riche », père du fascisme financier, Website der Solidarité & progrès, 28.12.2024.

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