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Neue Solidarität
Nr. 29-30, 16. Juli 2026

Afghanistans Kampf für Fortschritt in der Landwirtschaft

Von Marcia Merry Baker

Afghanistan, das an den Iran und an Pakistan grenzt, wurde von den wirtschaftlichen Schocks des amerikanisch-israelischen Krieges gegen den Iran hart getroffen. Dabei ist die Wirtschaft ohnehin schon schwer angeschlagen nach 40 Jahren ausländischer Besatzung und ständigem Wirtschaftskrieg der USA und des Westens im allgemeinen mit Sanktionen, Beschlagnahmung von Vermögenswerten und Verbote. Dazu hat das Land mit seinen 45 Millionen Einwohnern allein seit 2023 etwa 5,7 Millionen afghanische Rückkehrer aus dem Iran und Pakistan aufgenommen, davon Hunderttausende, die in jüngster Zeit vor Bombenangriffen und Chaos im Iran und vor dem Konflikt mit Pakistan flohen.

Etwa 17,5 Millionen Afghanen, mehr als ein Drittel der Bevölkerung, haben nicht genug zu essen, Millionen leiden unter akutem Hunger und Unterernährung. Seit Herbst 2021, nach dem Abzug der USA und der NATO, hat die Taliban-Regierung von Anfang an Katastrophen- und humanitäre Hilfe geleistet und gleichzeitig versucht, die Wirtschaft anzukurbeln, doch die Ressourcen sind äußerst begrenzt. Afghanistan ist unter den ersten 13 Ländern, die im halbjährlichen Bericht „Hunger Hotspots“ der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und des Welternährungsprogramms (WFP), der diesen Monat erschien, als „Hunger-Hotspots“ eingestuft werden.1

Darüber hinaus leidet das Land stark unter Versorgungsengpässen und Preisanstieg als direkte Folge der Beschränkungen in der Straße von Hormus. So sind seit März beispielsweise die Preise für Düngemittel in die Höhe geschossen. Gleichzeitig sind die üblichen Lieferwege für humanitäre Hilfe des WFP durch den Konflikt blockiert, und die Hilfslieferungen, die im Umfang ohnehin bereits geringer sind, müssen umgeleitet werden, was zu wochenlangen Verzögerungen geführt hat. Das WFP hat am 9. Juni die Ergebnisse einer Fallstudie zu Afghanistan und den Auswirkungen des Iran-Kriegs auf die Bevölkerung veröffentlicht.2

© USDA, FEWS.net
Abb. 1: In den gelb gekennzeichneten Gebieten Afghanistans wird die Ernährungslage nach der in der Nahrungsmittelhilfe verwendeten fünfstufigen Integrierten Klassifizierung der Ernährungssicherheits­phasen als „Hunger“ beschrieben, in den orangefarbenen Gebieten als „Akuter Hunger“.

Abbildung 1 veranschaulicht den landesweiten Ernährungsnotstand, wobei Gelb die Gebiete kenn­zeichnet, die hinsichtlich der Nahrungsmittelverfüg­bar­keit in die Kategorie „Hunger“ fallen, und Orange den Zustand „Akuter Hunger“ anzeigt (Kategorien zwei und drei des fünfstufigen Hungerindexes „Integrierte Klassifizierung der Ernährungssicherheitsphasen“.)3

Glücklicherweise hat im Mai und Juni die Weizenernte begonnen und könnte größer ausfallen als im letzten Jahr, wenn auch unter dem Fünfjahresdurchschnitt. Weizen ist das Grundnahrungsmittel im Land; die Ernte lindert den gravierenden Nahrungsmittelmangel in vielen Landesteilen, jedoch nicht allen. Bis in die 1970er Jahre war Afghanistan in Bezug auf Nahrungsmittel autark, doch seitdem wurde es immer mehr von Importen abhängig.

Unterstützung für den „Erweiterten Oasenplan“

Diese wenigen Fakten zeigen bereits die ernste humanitäre Krise, die jedoch trotz der vielen Hinder­nisse durchaus gelindert werden kann, wenn der strategische wirtschaftliche Kontext günstiger wird. Angesichts der Chance mit der iranisch-amerikanischen Absichtserklärung vom 17. Juni, wonach die USA und Israel die Kriegshandlungen einstellen sollen, bietet sich nun die Gelegenheit, sowohl die humanitäre Hilfe als auch die Dynamik für wirtschaftliche Entwicklung in Afghanistan und der gesamten Region voranzutreiben.

Zwar rechnet derzeit niemand damit, daß Washington eine Führungsrolle übernimmt, was wirtschaftliche Verbesserungen in der Region als Grundlage für Sicherheit betrifft, aber international findet eine Neuausrichtung hin zu entwicklungs- und friedensfördernden Initiativen statt, angeführt von Ländern im Globalen Süden. Es liegt im Interesse der transatlantischen Nationen, diese Epochenwende anzuerkennen und sich daran zu beteiligen.

Die entscheidende Intervention in diesem entscheidenden Moment ist nun, in Südwestasien und der gesamten Region vom Mittelmeer bis nach Indien einen „Erweiterten Oasenplan“ umzusetzen, mit Projekten in Bereichen wie Wasser, Energie, Verkehr, Ernährung, Landwirtschaft und Industrie zum gegenseitigen Nutzen aller beteiligten Länder.

Das Konzept des „Oasenplans“ wurde in den 1970er Jahren vom US-Ökonomen und Staatsmann Lyndon LaRouche (1922-2019) vorgestellt und ist heute weithin bekannt.4 Das Schiller-Institut und die Internationale Friedenskoalition setzen sich dafür als entscheidendes Element zur Schaffung kollektiver Sicherheit in der Region ein, und das Konzept läßt sich auch auf anderen Kontinenten auf andere Situationen von Konflikten, Ressourcenknappheit und wirtschaftlicher Unterversorgung anwenden.

Streben nach wirtschaftlicher Entwicklung

Die Regierung des Islamischen Emirats Afghanistan (IEA) arbeitet trotz erheblicher Einschränkungen kontinuierlich für das Ziel der nationalen Entwicklung, indem sie Infrastruktur aufbaut und instand setzt, Hilfsprogramme durchführt und vorrangige Projekte beginnt. Im November 2023 fand in Kabul eine bemerkenswerte Konferenz zur nationalen wirtschaftlichen Entwicklung statt, die von der Ibn-Sina-Forschungs- und Entwicklungsorganisation (ISRAND, https://isrand.org/) initiiert wurde und an der Minister und andere Regierungsvertreter sowie das Schiller-Institut teilnahmen. Sie trug den Titel „Operation Ibn Sina: das kommende afghanische Wirtschaftswunder“.5

Die Gründerin des Schiller-Instituts, Helga Zepp-LaRouche, ging in ihrer Videobotschaft an die Konferenz näher auf die Idee ein, die sie erstmals im Oktober 2021 für eine „Operation Ibn Sina“ vorgestellt hatte - benannt nach dem Arzt und Philosophen Ibn Sina (980-1037) aus dem Gebiet im Norden Afghanistans und Usbekistans, der auch als Avicenna bekannt ist. Zepp-LaRouche erläuterte die Notwendigkeit einer Oasenplan-Initiative für ganz Südwest- und Zentralasien.

ISRAND setzt seine Aktivitäten in Afghanistan fort, die von der Vermittlung von Fachärzten über Workshops zur Bildung bis hin zur Arbeit an der nationalen Energieplanung reichen. So veranstaltete ISRAND beispielsweise am 20. Juni eine Online-Landwirtschaftskonferenz mit Vorschlägen zur Verbesserung der Qualifikation und Produktivität der afghanischen Bauern. Sie trug den Titel „Von Bildung zu Innovation, von Innovation zu Beschäftigung, von Beschäftigung zu Wirtschaftswachstum und Wohlstand“.

Die Hilfsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA), die im März 2002 zur Förderung von Stabilität und wirtschaftlicher Entwicklung gegründet wurde, ist seitdem ununterbrochen tätig - wenn auch mit unterschiedlich starken positiven und manchmal auch negativen Auswirkungen. Am 15. Juni beschloß der UN-Sicherheitsrat, das Mandat von UNAMA bis 2027 zu verlängern. UNAMA und andere wiederkehrende Mandate der UNO verfallen leicht in die Rolle einer Art „Neo-Vizekönigs“, ohne jemals wirklich zu Souveränität und Wohlstand beizutragen, aber das ist ein Ausdruck der gescheiterten westlichen Geopolitik und muß nicht so bleiben.

Bei der Debatte im UN-Sicherheitsrat anläßlich der Abstimmung über die Verlängerung des UNAMA-Mandats am 15. Juni erklärte Rußlands stellvertretende Ständige Vertreterin bei den Vereinten Nationen, Anna Ewstignejewa, Rußland begrüße es, in die Resolution Bestimmungen zur wirtschaftlichen Entwicklung Afghanistans aufzunehmen. Dies werde dazu beitragen, die Grundlage für die Selbstversorgung des Landes zu schaffen. Sie wies zudem darauf hin, daß China in diesem Jahr die Rolle des UN-Vermittlers, des sogenannten „Penholder/Federführer“, für die UNAMA übernimmt.

Die Taliban wünschen sich Investitionen und Partnerschaften mit Nachbarländern, der UNO sowie allen interessierten Staaten und privaten Unternehmen weltweit. Der afghanische Außenminister Amir Khan Muttaqi führte am 17. Juni ein Telefonat mit der UN-Untergeneralsekretärin für Politische Angelegenheiten und Friedensförderung, Rosemary DiCarlo, unter anderem über die Verbesserung der humanitären Hilfslieferungen.

Afghanistan hat an zahlreichen regionalen Veranstaltungen und Konsultationen zu Projekten teilgenommen, von Plänen für den Eisenbahnbau über Handel und Wasserressourcen bis hin zum Gesundheitswesen. So leitete z.B. der IEA-Botschafter in Moskau, Gul Hassan Hassan, im Juni eine Delegation beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg (SPIEF).

Rußland war das erste Land, das die Regierung des Islamischen Emirats Afghanistan vollständig anerkannte, obwohl China schon nach der Bildung der neuen afghanischen Regierung 2021 als erstes Land einen Botschafter in Kabul entsandte. Seitdem haben mehrere andere Länder Botschafter entsandt.

Auf der SPIEF-Konferenz war der diesjährige Dialog für Afghanistan besonders vielversprechend, weil Zentralasien und Ostafrika praktisch als zwei der „neuen Zentren des weltweiten Wirtschaftswachstums“ vorgestellt wurden. Präsident Wladimir Putin hat in den letzten Jahren das Konzept neuer regionaler Wachstumszentren als eine Realität hervorgehoben, die von den Nationen der Welt unterstützt werden sollte. Als Vertreter Zentralasiens sprach der usbekische Präsident Schawkat Mirsijojew auf dem SPIEF über die Entwicklungspläne seines Landes, darunter auch Kernenergie, stellte aber auch eine Vision für ganz Zentralasien vor. Usbekistan mit 37,7 Millionen Einwohnern und sein unmittelbarer Nachbar Afghanistan mit 45 Millionen Einwohnern sind mit Abstand die bevölkerungsreichsten der sechs zentralasiatischen Staaten. Mit entsprechenden Impulsen und Mitteln zur Produktivitätssteigerung könnten sie eine enorme wirtschaftliche Entwicklung erleben. Taschkent und Kabul arbeiten bereits in vielen grundlegenden Bereichen zusammen.

© Nationale Entwicklungsgesellschaft Afghanistans
Abb. 2: Der im Bau befindliche Qush-Tepa-Kanal.

Das Vorzeigeprojekt der landwirtschaft­lichen Infrastruktur in Afghanistan ist der Qush-Tepa-Kanal (Abbildung 2) im Norden des Landes, dessen Bau 2023 begann und inzwischen zu zwei Dritteln vorangeschritten ist. Schon lange geplant, aber bisher nie gebaut - wie viele Projekte während der US-NATO-Jahre -, soll dieser Kanal 285 km durch drei Provinzen südlich des Amu Darja verlaufen, aus dem Wasser zur Bewässerung abgeleitet wird. Der Kanal ist 108 Meter breit und 8,5 Meter tief. Die Arbeiten werden von der staatlichen National Development Corporation durchgeführt.

Sobald die geplanten 550.000 Hektar für den Anbau bewässert werden, kann dieses Projekt dem Land die Selbstver­sorgung mit Weizen, seinem täglichen Grundnahrungsmittel, ermöglichen. Afghanistan steht traditionell weltweit an erster Stelle in Bezug auf den Anteil der täglichen Kalorienzufuhr aus Weizen. Bis in die 1970er Jahre war das Land beim Weizenanbau autark, in den letzten Jahren wurden von dem jährlichen Verbrauch von 6-7 Millionen Tonnen Weizen 2-3 Millionen Tonnen importiert. Je nach Ertrag pro Hektar könnte das Qush-Tepa-Kanal-Projekt diese Lücke schließen.

Aber auch schon vorher läßt sich die Erntemenge an Weizen und anderen Nahrungsmitteln erheblich steigern, wenn Landwirte, die seit dem Erntezyklus 2022-23 gemäß dem landesweiten Verbot der Regierung den Anbau von Schlafmohn eingestellt haben, entsprechend unterstützt werden. Die Schlafmohnproduktion sank 2023 gegenüber dem Vorjahr um über 90%.

Das Engagement der Regierung in Kabul für den Qush-Tepa-Kanal sowie für andere wichtige Projekte in Bereichen wie Stromversorgung, Gesundheitswesen, Bildung, Verkehr und anderer Grundversorgung folgt den Prinzipien von Sicherheit und Frieden durch Entwicklung, die im Ansatz des „Erweiterten Oasenplans“ für ganz Südwestasien verankert sind.

Deckung des Nahrungsmittelbedarfs in Notfällen

Kurzfristig müssen der Nahrungsmittelbedarf und andere humanitäre Bedürfnisse gedeckt werden. Das Welternährungs­programm lieferte Anfang Juni in einem Bericht „Ernährungssicherheit unter Druck“ Informationen darüber, wie sich die Krise im Nahen Osten auf gefährdete Länder auswirkt. Abbildung 3 zeigt den dramatischen Anstieg der Finanzierungslücke für die Maßnahmen des Welter­nährungsprogramms in Afghanistan im Zeitraum von 2022 bis 2026. Der Aufruf des WFP zur Bereit­stellung von Mitteln für das Land blieb ohne Erfolg. Die Organisation schätzt, daß ohne Intervention in Afghanistan in den kommenden Monaten 2,3 Millionen Menschen zusätzlich als direkte Folge des Iran-Kriegs hungern könnten. Der Aufruf des WFP zur Bereitstellung von Mitteln für das Land blieb ohne Erfolg.

Die Organisation schätzt, daß ohne Intervention in Afghanistan in den kommenden Monaten 2,3 Millionen Menschen zusätzlich als direkte Folge des Iran-Kriegs hungern könnten.Das WFP stellt in seinem Bericht fest: „Die Störungen der Lieferketten waren in Afghanistan gravierend: Die externen Transportkosten des WFP stiegen um das 2,5- bis 5-Fache, und die Lieferzeiten verlängerten sich bei Nutzung alternativer Korridore von 10 Tagen auf bis zu 75 Tage.“

© WFP
© WFP
Abb. 3: Wachsende Finanzierungslücken des Welternährungspro­gramms für Nah­rungs­mittel- und humanitäre Hilfe in Afghanistan.


Abb. 4: Import- und Exportabhängigkeiten Afghanistans [unten].

Abbildung 4 aus demselben Bericht gibt einen Überblick über weitere relevante Aspekte der Lage. Unter der Überschrift „Import- und Exportabhängigkeiten“ zeigt die Grafik, daß 60% der afghanischen Exporte über Pakistan abgewickelt wurden, das zugleich die traditionelle Route für die Lieferung humanitärer Hilfsgüter nach Afghanistan darstellte. Doch seit September 2025 sind die Grenzübergänge zu Pakistan aufgrund der eskalierenden Konflikte zwischen den beiden Ländern gesperrt.

Die Grafik zeigt außerdem, daß Afghanistan bei 60% seiner Exporte und 50% seiner Importe auf den Iran angewiesen war, was sich seit März als katastrophal erwiesen hat.

Der eingangs zitierte neue Bericht von WFP und FAO zu „Hunger-Hotspots“ mit Frühwarnungen zu akutem Hunger und einem Ausblick für Juni bis November 2026 zeigt das Ausmaß der Krise. Es heißt darin über Afghanistan: „Von April bis September 2026 werden voraussichtlich 13,8 Millionen Menschen (28% der Bevölkerung) in hohen Maß an akutem Hunger (IPC-Phase 3) leiden, davon 2,9 Millionen Menschen in einem humanitären Notfall (IPC-Phase 4), eine erhebliche Verschlechterung im Vergleich zum Zeitraum Mai bis Oktober 2025.“


Anmerkungen

1. „Hunger Hotspots“, halbjährlicher Bericht der FAO-WFP zur akuten Hunger und Unterernährung (englisch).

2. „Food security under pressure”, Fallstudie zu Afghanistan und den Auswirkungen des Iran-Kriegs. Juni 2026 (englisch).

3. „Die 5 Stufen von Ernährungssicherheit zur Hungersnot”, Studie der WFP.

4. „Ein Oasenplan für Palästina und Israel: Frieden durch gegenseitige Entwicklung!”, Schiller-Institut, 22. Juli 2025.

5. „Schiller-Institut beteiligt sich an Konferenz zur wirtschaftlichen Entwicklung Afghanistans”,
    Internetseite des Schiller-Instituts, 7. November 2023.

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