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Liebe Leser, heute setzen wir unsere Gratulation zum 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten von Amerika fort mit einer Hommage an Benjamin Franklin (1706-1790), den geistigen Vater der Revolution. Zu der Zeit war er schon 70 Jahre alt, war aber entscheidend an der Formulierung der Unabhängigkeitserklärung beteiligt – nicht zuletzt den Satz, wonach jeder Mensch ein Recht auf „Glückseligkeit“ hat, etwas, was man in keiner anderen Verfassung der Welt findet.
Franklin war ein Allroundgenie: Autor, Verleger und Drucker, Forscher und Erfinder, Diplomat und Politiker, auch längere Zeit in Europa. Und nicht zuletzt war er auch Satiriker.
Interessant zu wissen ist, daß er keineswegs von Anfang an eine Selbständigkeit der britischen Kolonien in Nordamerika anstrebte. Noch 1773 verfaßte er die satirische Schrift „Regeln, wie man aus einem großen Imperium ein kleines macht“ als ernste Warnung an London. Darin beschreibt er, ohne England oder Amerika namentlich zu nennen, alle Ungerechtigkeiten der Briten gegen die Kolonien, die wenig später tatsächlich zur Unabhängigkeit führten. Die Briten wollten nicht auf ihn hören – und so wurde ihr Empire tatsächlich „verkleinert“.
Es gibt noch viele andere heiter-satirische Schriften von ihm, ganz zu schweigen von überlieferten geistreichen Aussprüchen. Heute stellen wir Ihnen einen dieser Texte im Wortlaut vor, er stammt aus dem Jahr 1750.
Regeln, durch deren Befolgung sich ein Mann von Witz und Gelehrsamkeit dennoch zu einem unangenehmen Gesprächspartner machen kann.
Deine Aufgabe ist es, zu glänzen; deshalb mußt du um jeden Preis verhindern, daß andere glänzen, denn deren Glanz könnte deinen weniger hervorstechen lassen. Zu diesem Zweck:
1. Beherrsche nach Möglichkeit das gesamte Gespräch; und wenn dir andere Themen ausgehen, sprich viel von dir selbst, deiner Bildung, deinem Wissen, deinen Lebensumständen, deinen geschäftlichen Erfolgen, deinen Siegen in Auseinandersetzungen, deinen eigenen weisen Sprüchen und Beobachtungen zu bestimmten Anlässen usw. usw. usw.
2. Sollte, wenn dir die Puste ausgeht, einer der Anwesenden die Gelegenheit ergreifen, etwas zu sagen, achte auf seine Worte und finde, wenn möglich, etwas in seiner Meinung oder Ausdrucksweise, dem du sofort widersprechen und worüber du eine Auseinandersetzung anzetteln kannst. Schaffst du das nicht, kritisiere seine Grammatik.
3. Sollte jemand anderes etwas unbestreitbar Gutes sagen, dann schenke dem entweder keine Beachtung, unterbrich ihn, lenke die Aufmerksamkeit der anderen ab oder – falls du erraten kannst, worauf er hinauswill – sei schnell und sage es vor ihm; oder, falls er es doch ausspricht, und du merkst, daß die Gesellschaft davon angetan ist, dann gib zu, daß es eine gute Sache ist, und füge hinzu, daß es von Bacon, Locke, Bayle oder einem anderen bedeutenden Schriftsteller gesagt worden sei; so entziehst du ihm den Ruhm, den er dadurch hätte erlangen können, und verschaffst dir selbst welchen, da du damit deine große Belesenheit und dein gutes Gedächtnis unter Beweis stellst.
4. Wenn bescheidene Männer einige Male so von dir behandelt worden sind, werden sie es fortan vorziehen, in deiner Gesellschaft zu schweigen; dann kannst du ohne Furcht vor einem Rivalen glänzen; gleichzeitig kannst du sie wegen ihrer Langweiligkeit auf die Schippe nehmen, was dir eine neue Quelle des Witzes sein wird.
So wirst du dir sicher sein, dir selbst zu gefallen. Der höfliche Mensch strebt danach, anderen zu gefallen, aber du wirst ihn sogar darin übertreffen. Ein Mensch kann nur in einer Gesellschaft anwesend sein, aber gleichzeitig in zwanzig abwesend sein. Er kann nur dort gefallen, wo er ist, du hingegen überall dort, wo du nicht bist.
– Ja, so können gewisse Leute sich beliebt machen nach dem Motto „Welch‘ ein Glück, daß der heute nicht da ist!“ Es grüßt herzlich
Ihr Eulenspiegel
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