* * * Internetforum mit Helga Zepp-LaRouche * * *
Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Kernthemen Suchen Abonnieren Leserforum

Artikel als
=eMail=
weiterleiten

Aus dem Buch "Kreditschöpfung ohne Inflation" 1981

Jetzt
Archiv-CD
bestellen!

  Produktive Kreditschöpfung 
  Neues Bretton Woods
  Glass-Steagall
  Physische Wirtschaft
  Kernenergie
  Eurasische Landbrücke
  Transrapid
  Inflation
  Terror - Cui bono?
  Südwestasienkrise
  11. September und danach
  Letzte Woche
  Aktuelle Ausgabe
  Ausgabe Nr. ...
  Heureka!
  Das Beste von Eulenspiegel
  Erziehungs-Reihe
  PC-Spiele & Gewalt 
  Diskussionsforum
  Wirtschaftsgrafiken
  Animierte Grafiken

Ein neues Währungssystem

Lyndon H. LaRouche


Hervorstechende technische Einwände gegen derartige Maßnahmen
Die Kreditschöpfung

Die wirtschaftliche Grundlage für Kreditausweitung

Es gibt mehrere Wege, auf denen die OECD-Staaten umgehend ein neues Weltwährungssystem zur Beendigung der Wirtschaftsdepression einführen könnten. Jedoch stimmen sämtliche Alternativen, die funktionieren können, in den Grundsätzen mit der folgenden Darstellung überein. Im Prinzip andersartige Maßnahmen wären - ohne das genannte Rechtsprinzip zu verletzen - keine Erfolge beschieden.

Als erster Schritt wäre ein vertragliches Abkommen zwischen dem Präsidenten der USA und den Staaten des Europäischen Währungssystems optimal. Diese Vereinbarung würde den Preis für Währungsgold festsetzen, derart, daß er dem Kaufpreis für neu hergestelltes Währungsgold unter Berücksichtigung einer bestimmten Gewinnspanne für die Golderzeuger entspricht. Wahrscheinlich würde der Preis in ECUs nach deren Wert zur Zeit des Abkommens angegeben. Die USA würden ihre Währungsgoldbestände, die größten aller Staaten überhaupt, als Sicherheit hinterlegen und auf diese Weise Teilhaberschaft an einem neuen internationalen Rediskontinstitut mit Goldreserve erwerben, das auf Grundlage der durchgeführten "Phase II" des Europäischen Währungssystems aufgebaut wird.

Die erste Maßnahme des neuen Rediskontinstituts wäre in der Hauptsache eine interne Transaktion zwischen den an der neuen Währungsallianz beteiligten Finanzministerien, Zentralbanken und Privatbanken.

Das neue Institut würde eine Serie langfristiger Obligationen auflegen, die in ECUs mit einem bestimmten Goldgehalt ausgewiesen sind und zwischen 2% und 3% Zinsen tragen, was unter solchen Umständen sehr konkurrenzfähig ist. Diese Obligationen würden überschüssige Beträge in Dollar und ausgewählten anderen Währungen aufsaugen. Die Obligationen können von Finanzministerien, Zentralbanken, Privatbanken und bestimmten anderen Einrichtungen, die in Frage kommen, erworben werden und sind bei der neuen Rediskonteinrichtung diskontfähig, um Geld für bewilligte Kategorien von Warenkrediten zu erhalten.

Der nächste Vorbereitungsschritt umfaßt entsprechende Maßnahmen der verschuldeten Länder der Dritten Welt. (Im Augenblick sehen wir von den ärmsten Entwicklungsländern, den sog. LDCs, ab, denn diese bilden eine Kategorie für sich). Diese Staaten würden ebenfalls eine Serie langfristiger Gold-ECU-Obligationen mit einem bestimmten Nennertrag auflegen, deren Coupons, falls zweckmäßig, erst nach einer gewissen Frist fällig werden. Sie sind unter den gleichen Voraussetzungen wie die regulären Obligationen bei der neuen Rediskonteinrichtung diskontfähig.

Mit diesen Wertpapieren würden die Außenstände der an der neuen Währungsallianz beteiligten Geldinstitute aufgekauft.

Wo es derartige geeignete Einrichtungen noch nicht gibt, werden sich die betreffenden Länder der Dritten Welt für die Teilnahme an dem Umschuldungsverfahren qualifizieren, wenn sie eine geeignete "Nationale Entwicklungsbank" gründen oder sich an einer "Regionalen Entwicklungsbank" beteiligen, deren Dienste einer Staatengruppe zur Verfügung stehen. Diese Banken werden die Obligationen auflegen, und die Finanzministerien der betreffenden Staaten übernehmen ihre Garantie. Die Einhaltung der Regel, daß nur neue Warenkredite vergeben werden dürfen, ist hier entscheidend. Deshalb müssen sich die neuzugründenden Bankinstitute vertraglich an die Grundsätze der Kreditvergabe binden, die das neue internationale Rediskontinstitut beschlossen hat.

Es ist zulässig, die Altverschuldung durch die Erstauflage der neuen Obligationen zu konsolidieren. Doch hinsichtlich der Neuverschuldung durch weitere Auflagen der Obligationen muß man sich strikt an die Regeln der Warenkreditvergabe halten, die das neue Währungssystem beschlossen hat.

Das Ziel ist, eine Grundlage für die Vergabe neuer Warenkredite im Gegenwert von jährlich 200 bis 400 Mrd.Dollar zu schaffen. Die Vergabe soll an die folgenden Bedingungen geknüpft sein. 1. Mittel- bis langfristige Kredite für produktive Investitionen in der Industrie und Landwirtschaft, deren Rentabilität feststeht, sowie Investitionen für Energieerzeugung, aber ausschließlich mit technisch hochstehenden Verfahren, Wasserversorgung und Verkehrssysteme in Entwicklungsländern. 2. Baukredite und Warenhandelskredite im Rahmen bewilligter Entwicklungsinvestitionen der kreditnehmenden Entwicklungsländer. 3. Kredit für die Betriebskosten und zur Erweiterung der Produktionskapazität für Unternehmen der OECD-Staaten gegen Lieferung von Sachgütern für bewilligte Entwicklungsprojekte der Entwicklungsländer. 4. Abwägung der Leistungsfähigkeit und Kreditwürdigkeit der Endkreditnehmer in den Entwicklungs- bzw. OECD-Ländern.

Die Kreditkosten bei dem Rediskontinstitut liegen voraussichtlich zwischen 4% und 6% Zinsen, berechnet in Gold-ECUs. Im allgemeinen soll dieser Kredit nur einen Teil einer gesamten Anleihe ausmachen; der Rest soll als Privatbankkredit, staatlicher Kredit u.ä.bereitgestellt werden.

Hervorstechende technische Einwände gegen derartige Maßnahmen

Die einzig haltbaren Einwände gegen diese Maßnahmen aus den Reihen sachkundiger Bankiers und entsprechender Gruppen wären Einwände ideologischer Art. Man würde viel Aufhebens darüber machen, daß die derzeitige Rolle des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der privaten Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel untergraben werde. In Anbetracht dessen, daß die Missionierungsarbeit der Monetaristen von der Mont-Pèlerin-Gesellschaft in der Bankwelt Erfolge vorzuweisen hat, wäre auch mit lautstarken Einwänden gegen den "dirigistischen Charakter" der vorgeschlagenen neuen Kreditregelung zu rechnen.

Technisch wäre es durchaus möglich, zumindest rein abstrakt betrachtet, die Statuten des Internationalen Währungsfonds dahingehend zu revidieren, daß man den IWF selbst zu der erforderlichen neuen internationalen Rediskonteinrichtung mit Goldreserve macht. Im Prinzip habe ich nichts dagegen, wenn es sich tatsächlich machen ließe. Ich gebe weiterhin zu, daß dieses Vorgehen scheinbar den Vorteil besitzt, einen Weg des geringsten Widerstandes zur Währungsreform anzubieten. Von meinen französischen Freunden scheinen zur Zeit einige dieser Ansicht zuzuneigen. Ich gebe zu, es ist wünschenswert, die Möglichkeit zur Reform der etablierten Institutionen zu erkunden, denn falls das machbar wäre, ließen sich die Erschütterungen dieser Institutionen und der Widerstand gegen die Änderung verringern und das Vorhaben mit einem Minimum an Turbulenzen durchführen.

Nach reiflicher Überlegung bin ich aber zu der Ansicht gelangt, daß die Bürokratie des IWF, der Weltbank und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich so sehr an die alten Methoden gewöhnt ist, daß es besser ist, mit einem neuen Institut ganz neu anzufangen, als zu versuchen, die eingefahrene Bürokratie zu verändern.

Falls es einen Kompromiß zwischen diesen beiden Möglichkeiten gibt, bin ich der Ansicht, daß er im Anknüpfen einer Geschäftsbeziehung zwischen einem reformierten IWF und dem völlig neuen internationalen Rediskontinstitut zu suchen ist.

Die Kreditschöpfung

Es gibt ganz allgemein zwei alternative Methoden für umfangreiche zusätzliche "Kreditneuschöpfung". Einen Mechanismus hat J.M. Keynes vorgestellt - durch ein zentralisiertes privates Banksystem. Die bessere Methode, die einmal als das Amerikanische System bekannt war, stützt sich bei der Geldneuschöpfung auf die Ausgabe von Schatzanweisungen oder Nationalbanknoten.

In dem bestehenden institutionellen Rahmen wird man sich zur Kreditschöpfung für den weltweiten Bedarf wohl einer Kombination beider Methoden bedienen.

Die Kreditneuschöpfung in Form von Schatzbriefen, die die Nationalbank herausgibt, wird heute wohl am wenigsten verstanden. Wenn wir diese Methode erläutert haben, entsteht die Grundlage, um die Frage der privaten Kreditschöpfung einer Analyse zu unterziehen.

Die automatische Reaktion auf die Ankündigung, daß der Autor die Ausgabe neuer US-Schatzbriefe als Mittel der Krediterweiterung fordert, ist gewöhnlich ein Schrei des Entsetzens! Der Zuhörer ruft aus: "Aber das ist doch inflationär!"

Die Aufregung legt sich zumindest etwas, wenn der Autor dann erklärt: Diese neuen Briefe sollen nicht auf laufende Bundesschulden, sondern als Kapitalkonto ausgegeben werden. Die neuen Schatzbriefe sollen über Kanäle der Nationalbank in die Zirkulation gelangen, beispielsweise durch Beteiligung an Anleihen für reale Güterproduktion und produktive Kapitalanleihen, die über den örtlichen Privatbankier zum Endkreditnehmer gelangen.

Die Menge der Kreditneuschöpfung, die durch solche Kanäle in Zirkulation gelangt, unterliegt folgenden prinzipiellen Überlegungen. Sie begrenzt sich durch die Kreditnachfrage für neue Produktionskapazitäten, technologische Verbesserungen und Aufstockung des Betriebskapitals sowie durch das Bedürfnis nach solchen Krediteinsätzen bei kreditwürdigen Entleihern. Jede Zunahme der Neukreditschöpfung durch solche Kanäle ergänzt das Kapital der Privatbanken, die ebenfalls an der Anleihe partizipieren. Neukredit gelangt also nicht in Zirkulation, ausgenommen es entsteht neuproduzierter realer Reichtum, der die Sicherheit für diese Kreditausgabe bietet. Dies sind die unmittelbaren Regulatoren für die Menge des so ausgegebenen Kredits; die Deckung des ausgegebenen Kredits durch den realen Reichtum, der in den Händen kreditwürdiger Unternehmer entsteht, ist hierbei die doppelte, grundlegende Überlegung.

Deshalb kann eine solche Zirkulationsweise zusätzlicher Neukredite gar nicht inflationär sein. Ganz im Gegenteil, wenn dies in einem Klima der Förderung von wissenschaftlichem und technologischem Fortschritt stattfindet, regt eine solche Kreditausweitung entsprechende Steigerungen der nationalen Produktivität an und ist deshalb deflationär.

Nach Erläuterung dieses Punktes können wir jetzt zu der nächsten Frage übergehen, die unter diese Überschrift fällt.

Warum sollte es überhaupt Kreditneuschöpfung geben? Könnten wir beispielsweise nicht einfach den Sparsatz soweit anheben, daß die Nachfrage nach Investitionen und Leihkapital gedeckt werden kann? Die Antwort auf diesen letzten Vorschlag lautet eindeutig "Nein". Unter keinen Umständen könnten Sparrücklagen aus laufendem Einkommen so vermehrt werden, daß sie diese Funktion auf vertretbare Weise erfüllen.

Laufendes Einkommen ist definiert als die Summe laufender Zahlungen für direkte Produktionskosten und für Verwaltungs-, Dienstleistungs- und andere nichtproduktive "Gemeinkosten". Solange die Wirtschaft nicht in der Verlustzone operiert oder einfach stagniert, darf die Summe der "Gemeinkosten" nicht größer sein als der Gesamtprofit aus der gesellschaftlichen Produktion realer nützlicher Güter. Es muß daher einen gewissen Kreditspielraum geben, der das laufende Einkommen übersteigt, ein Spielraum, den einige britisch beeinflußte Linke als Beweis für "Überproduktionstendenzen" in der kapitalistischen Wirtschaft anführen.

Es ist in der Tat wünschenswert, daß dieser Mehrertrag über das laufende bezahlte Einkommen möglichst groß ist. Diese Spanne ist der Nettoprofit der Wirtschaft, die Spanne, die bestimmt, wie groß die technologische Ausweitung sein kann. Die Realisierung dieser Nettoprofitspanne bestimmt in erster Linie die Fähigkeit der Wirtschaft, entropische Stagnations- und Verfallstendenzen zu überwinden, und in zweiter Linie die Rate möglicher Entwicklung.

Eine gesunde Wirtschaft braucht also neu geschöpften Kredit als Äquivalent für diese Spanne produzierten Reichtums, der die ausgezahlten laufenden Einkommen übersteigt.

Man würde natürlich nichts Gutes erreichen, wenn diese zusätzlichen Kreditmargen nicht effektiv für die Realisierung von Kapitalverbesserungen als Produktionskapital verwendet wird. Es ist möglich, viel größere Mengen Neukredit zu erzeugen, doch wenn dieser Neukredit nicht richtig angelegt oder anderweitig als laufendes Einkommen ausgegeben wird, entsteht ein gegenproduktives, inflationäres Ergebnis.

Am wirksamsten kann man dieses Problem lösen, indem man alle Neukreditschöpfung einzig als Schatzbriefe auf ein Kapitalkonto durch ein Zentralbanksystem schleust oder einem zentralisierten privaten Banksystem eine ähnliche Disziplin auferlegt.

Regierungsneukredite sollten - ausgenommen in Zeiten des nationalen Notstands wie Krieg - nur in Form von Schatzscheinen für Kapitalkonten entweder in wirtschaftliche Regierungsunternehmen (Reichtum schaffende Staatsinvestitionen) oder über Privatbanken als Beteillgungskredite an mittel- bis langfristigem Leihkapital für Investitionen in reale Produktion und Betriebskapital oder für Exportkredite ausgegeben werden.

Im Banksystem allgemein erreicht man den gewünschten Dirigismus, indem man ein zweigleisiges Kreditsystem einrichtet. Leistungsstarke Entleiher von mittel- bis langfristigem Kapital für Produktionsinvestitionen und Betriebskapital sollten mit nur geringen Leihkosten belastet werden. Kredite, insbesondere für gesicherte Vermögenswerte in nichtproduktiven Bereichen, sollten nur mit entschieden höheren Leihkosten vergeben werden, wobei unerwünscht große Aufkäufe "weicher" Konsumgüter ausgeschlossen sein sollen.

Zusätzlich bedeuten Steigerungen der staatlichen Kreditneuschöpfung auf Kapitalkonten, daß die Reservesätze für das private Banksystem generell höher als in den letzten Jahrzehnten sein sollten. Dies ist möglich und wünschenswert, vorausgesetzt, die Regierung stellt genügend Neukredit als Beteiligungskredit zur Verfügung. Eine Kreditausweitung ist deshalb an sich nicht inflationär, und ein richtig gelenkter Fluß von Regierungsneukredit in Form von Schatzscheinen, die als Kapitalkonto zirkuliert werden, trägt sogar das relativ geringste Risiko, in Kanäle umgeleitet zu werden, die in der Tat inflationär sind.

Damit wird noch einmal betont, daß die Vorstellungen von Professor Milton Friedman über Geldprozesse von Grund auf inkompetent sind.

Die wirtschaftliche Grundlage für Kreditausweitung

Wir werden jetzt die unbegründeten wirtschaftlichen Einwände untersuchen, warum Kreditausweitung nicht möglich sein soll. Dabei wollen wir zunächst eine irreführende, aber leider sehr verbreitete Vorstellung ansprechen.

Bei diesem gängigen, naiven Argument gegen die Kreditausweitung geht der Uninformierte davon aus, daß der Haushalt einer Volkswirtschaft genauso analysiert werden könne, wie dies auch die Hausfrau bei der Einteilung ihres relativ fixen Haushaltsgeldes durchführt. Im Verlauf des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes mußte der Autor erstaunt wahrnehmen, in wie weiten Kreisen dieser Trugschluß akzeptiert wird.

Entscheidend ist, daß die Hausfrau bei der Aufstellung ihres Ausgabenplanes von einem relativ fixen monatlichen Einkommen der Familie auszugehen hat. Der Staatshaushalt muß indes so angelegt sein, daß das Nationaleinkommen rasch ansteigen kann.

Wenn der Staatshaushalt (ähnlich stellt sich das Problem im Bereich der Zentralbank) den Prinzipien eines relativ fixen Nationaleinkommens unterworfen wird, muß das Ergebnis mehr oder weniger verheerend sein. Im schlimmsten Fall droht bei einer solchen nominalistischen Begriffsverwirrung über die Bedeutung des Wortes "Haushalt" in zwei inhaltlich verschiedenen Zusammenhängen ein schneller Wirtschaftskollaps. Zumindest aber bewirkt eine solche Vergewaltigung der Begriffe, daß sich in politisch einflußreichen Kreisen eine Tendenz zu wirtschaftlicher Stagnation einschleicht, woraus sich die Vorbedingungen für einen wahrscheinlichen, späteren Wirtschaftskollaps ergeben.

Wie bereits im Vorwort dieser Schrift erwähnt, ist eine reale Wirtschaft immer das Endergebnis aus dem Streit zweier gegenläufiger Tendenzen. Die eine ist, wie beschrieben, entwicklungsorientiert, die ihr entgegenstehende könnte man wie oben beschrieben devolutionär oder entropisch nennen.

Wenn wir eine Volkswirtschaft kompetent analysieren wollen, behandeln wir die Wirtschaft so, als wenn sie in ihrer Gesamtheit einem einzelnen agro-industriellen Betrieb entspräche. Wir prüfen die Geschäftsbücher dieses "Betriebes", indem wir eine genaue Unterscheidung zwischen nützlichen, materiellen Gütern und Gemeinkosten für Verwaltung, Dienstleistungen usw. treffen, in der Weise, wie es in einem früheren Kapitel dieses Berichtes dargestellt wurde.

Alles reale Volkseinkommen beschränkt sich definitionsgemäß auf nützliche, materielle Güter aus Landwirtschaft und Industrie.

Die verschiedenen Kosten für Verwaltung, Dienstleistungen, Militär u.ä.staatliche Gemeinkosten, wie z.B.die Arbeitslosenunterstützung, gehören zu den Gesamtkosten dieses "Betriebs", die aus dem Gesamtprofit bezahlt werden müssen, der einzig aus der Produktion nützlicher materieller Güter stammt.

Wenn nach Abzug der Gemeinkosten plus Schuldendienste ein Nettoprofit verbleibt, dann kann der "Betrieb" Überleben. Sein längerfristiges Überleben hängt jedoch davon ab, ob eine hinlängliche Nettoprofitrate zur Anschaffung technologisch fortgeschrittener, kapitalintensiverer Produktionsanlagen investiert wird.

Nur wenn dieser Bedingung genügt wird, kann die Entwicklungsorientierung über devolutionäre Tendenzen obsiegen.

Wir räumen ein und betonen sogar, daß das gleiche Prinzip auch dem Wirtschaftsplan einer Hausfrau zugrundeliegt. Wenn der kulturelle Lebensstil eines Haushalts sich nicht verbessert, wird er bald absolut oder relativ technologisch-kulturell veralten. Über kurze Zeitspannen jedoch ist diese grundlegende, längerfristige Überlegung empirisch nicht signifikant. Die Hausfrau führt ihren Haushalt also durchaus zutreffend so, als wenn es diese Grundüberlegung gar nicht gäbe. Ihre Methode ist lediglich linear.

Wie schon an anderer Stelle dieses Berichts dargestellt, kann die erforderliche Kreditspanne (Verbraucherkredit), um den dem Nettoprofit entsprechenden Anteil des Outputs in Zirkulation zu bringen, nicht vollständig aus dem Anteil des Geldumlaufs gezogen werden, der aus den Zahlungen für Produktionsinvestitionen und Gemeinkosten der Produktion stammt. Dem gewöhnlichen Kredit (Ersparnisse) muß eine weitere Kreditspanne hinzugefügt werden, wenn der Produktionsüberschuß, der dem Nettobetriebskapital entspricht, reinvestiert werden soll (Investitionskredit).

Damit schält sich die wirtschaftliche Seite jener Frage heraus, auf die wir uns hier konzentrieren: Kreditausweitung.

Sobald wir erkennen, daß Kreditausweitung unabdingbar ist, engt sich das Problem durch Definition ein. Dann versetzen wir uns jetzt in die Lage eines Bankiers: Woher nehmen wir die Sicherheit, daß mit der Kreditausweitung eine größere Steigerung des bisher unbelasteten Nettoprofits angeregt wird als der Betrag der zusätzlichen Schuldendienste, die aus dieser Kreditausweitung erwachsen?

Wenn die Kreditausweitung für zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten in Spielkasinos, Drogenhandel, Prostitution, Sozialarbeit, nichtproduktive Arbeitsbeschaffung durch Regierungsbehörden usw. eingesetzt wird, wirkt sie natürlich automatisch rein inflationär. Wird die Kreditausweitung zur Ausdehnung staatlicher und privater Verwaltungsbürokratien eingesetzt, ohne daß zugleich der produktive Output entsprechend gesteigert wird, dann ist diese Art der Verwendung ebenfalls von vornherein inflationär.

Wenn die Investitionsspanne, die notwendig ist, um der Entwicklungsorientierung vor devolutionären Tendenzen den Vorrang zu verschaffen, nicht für technologisch progressive, kapitalintensivere Produktionsformen nützlichen, materiellen Outputs verwendet wird, werden die devolutionären Tendenzen vorherrschen. Schlimmer noch: Die Folge solcher Fehlzuweisungen der Kreditausweitung ist, daß der Anteil der kumulativen Schulden gegenüber dem realen Pro-Kopf-Output des "Staatsbetriebs" als ganzem steigt. In der Folge müssen die Schuldendienstverpflichtungen steigen. Diese Spirale wird sich tendenziell solange fortsetzen, bis der Punkt erreicht ist, an dem diese angehäuften Schuldendienstverpflichtungen das Nettobetriebseinkommen übersteigen. Das ist die normale Ursache für den Konjunkturzyklus, der entscheidende Faktor für den Ausbruch einer Reihe aufeinanderfolgender Währungskrisen und letztlich des Ausbruchs von Wirtschaftsdepressionen.

Aus solchen allgemeinen Überlegungen heraus sind wir verpflichtet, eine dirigistische Kreditpolitik zu betreiben. Wir müssen mit Nachdruck darauf bestehen, daß die Kreditausweitung in technologisch progressive, allgemein kapitalintensivere Fertigungsweisen produktiven, nützlichen Reichtums geschleust wird. Andersherum kommen wir zu der Schlußfolgerung, daß grundsätzlich alle Störungen des Konjunkturzyklus, insbesondere Preisspiralen und wirtschaftliche Tiefs die direkte Folge davon sind, daß geeignete dirigistische Prinzipien der nationalen Kredit- und Steuerpolitik vernachlässigt werden.

Unser Vorsatz, eine Warenbindung bei Kapitalfonds zur Kreditausweitung durchzusetzen, wird nur von folgender Überlegung eingeschränkt:

Als wir Verwaltung und Dienstleistungen als "nichtproduktiv" einstuften, wiesen wir darauf hin, daß bestimmte Aspekte der Verwaltung und Dienstleistungen wie Wissenschaft, technische Forschung und Schulausbildung direkt und ursächlich positiv wirken, um die Negentropie der Produktionsweise und potentiellen Produktivität der Arbeiterschaft zu erhöhen. Der Nutzen solcher Art von Dienstleistungen und der organisatorischen Funktionen der Verwaltung drückt sich nicht als eigenständiger wirtschaftlicher Output der Ökonomie aus. Ihr wahrer Beitrag liegt völlig in der Erhaltung und Verbesserung der potentiellen volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Die tatsächliche volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit drückt sich ausschließlich in nützlichem, materiellem Output für jenen Kapital- oder privaten Konsum aus, der auf wirtschaftlich regenerative Weise erfolgt.

Sofern eine Gesellschaft in ihrer Technologie (Produktivität) qualitativ fortschreitet, nimmt ihre Abhängigkeit von bestimmten Verwaltungsfunktionen und produktivitätssteigernden Dienstleistungen zu. Die notwendige Steigerung der Zahl beschäftigter Wissenschaftler und Ingenieure pro zehntausend Industriearbeiter ist beispielhaft für diese Beziehung.

Wenn (C+V) die kombinierten Material- und Arbeitskosten für eine Volkswirtschaft repräsentieren, wenn man d wählt, um die Gemeinkosten einschließlich der Dienstleistungen zu bezeichnen, und wenn M den Gesamtprofit der Produktion repräsentiert, dann symbolisiert (M-d) oder M' das Nettobetriebseinkommen. Das Verhältnis M'/(C+V) repräsentiert demnach die gesellschaftliche Reflexion der potentiellen Wachstumsrate der Wirtschaft, und der Wert des Verhältnisses d/(C+V) kann in dem Sinne untersucht werden, daß eine beständige Zunahmetendenz für den Wert des Verhältnisses M'/(C+V) erforderlich ist.

Im allgemeinen sollte so verfahren werden, daß d hinreichend niedrig gehalten wird, sodaß die Profitrate M'/(C+V) real ansteigen kann - ohne willkürliche Reallohnsenkungen oder "Kapitalauszehrung".

In der Praxis bedeutet dieses Verfahren, daß nur die folgenden Grundkategorien bei der Ausweitung von Dienstleistungen Vorrang haben:

In einer gut geleiteten Republik wenden Bürger, die in der Landesverteidigung Dienst tun, nur einen Teil ihres Erwachsenenlebens für diese Aufgabe auf. Da die Militärwissenschaft und der Militärdienst sich um Fragen der Logistik auf dem jeweils höchsten technischen Stand dreht, verdeutlicht das Vorgehen Lazare Carnots, Scharnhorsts und die Weiterführung von Carnots Methode unter Kommandant Thayer an der US-Militärakademie den geeigneten wirtschaftspolitischen Ansatz der Landesverteidigung. So erreicht man den relativ höchsten Stand der Landesverteidigung, vermittelt dabei aber auch dem diensttuenden Bürger die Sicherheit, sich höchste Qualifikationen für besondere Leistungen auch in anderen Berufen zu erwerben.

Da jede moderne Republik ohne ein umfassendes Reservistensystem, in dessen Mittelpunkt ein kleiner Kern von Berufsmilitärs steht, nicht auskommt, muß man bei der wirtschaftlichen Seite dieses Aspekts nationaler Politik die Logistik (Wissenschaft und Technik) als entscheidendes Element der modernen Militärwissenschaft und -praxis besonders hervorheben. Das Ziel dabei ist, die Kosten für den Militärdienst zu einer positiven, erziehungspolitischen Ausgabe zu machen, die der Entwicklung der Arbeitskraft und der Volkswirtschaft insgesamt zugutekommt.

Wenn wir jetzt diesen notwendigen Einschub über Verwaltung und Dienstleistungssektor zusammenfassen, können wir folgendes sagen:

Es ist möglich, die Festlegung einer erlaubten Obergrenze für den Wert der Größe d/(C+V) in bezug auf jeden entsprechenden Wert der Größe M'/(C+V) zu quantifizieren. Solche Werte für d sollten nur insofern überschritten werden, als es Zeit erfordert, den Nutzen von Wissenschaft und Bildung in meßbare Ergebnisse für die Produktivität der Gesamtwirtschaft umzusetzen. Wenn man richtig vorgeht, beginnt man mit der Festlegung eines quantifizierbaren Bezugswerts für die Größe d/(C+V). Die Politik darf diesen Wert nur überschreiten, wenn ein außerordentlicher Grund für die Ausdehnung der Sicherheitsfunktionen vorliegt, oder wenn eine kalkulierte Investition in den zukünftigen Nutzen augenblicklich gesteigerter Ausgaben für Wissenschaft, Technik, Erziehung, medizinische Versorgung und verbesserte Ausbildung von Verwaltungskadern vorgenommen werden soll.

Wir haben diesen Punkt etwas genauer betrachtet. Wir wenden uns jetzt der "Tragfähigkeit" produktiver Investitionen hinsichtlich der Kosten für die Kreditneuschöpfung und andere Leih- und Kapitalinvestitionen zu. Diese Darstellung bringt die wirtschaftliche Basis der Kreditausweitung auf ihren wesentlichen Begriff.

Was ist der Grund für die Sicherheit, daß das Nettobetriebseinkommen, das durch technologisch progressiven, kapitalintensiveren produktiven Output erzeugt wird, sowohl den Schuldendienst trägt, als auch nach Abzug des Schuldendienstes einen ausreichenden Rest Nettoeinkommen übrig läßt, um die Wachstumsrate solcher Investitionen fortzuführen? Das ist der Kern des Problems, dem sich der kluge Bankier bei der Frage der Kreditausweitung gegenübersieht.

Eine eindeutige Antwort auf das Problem des Bankiers läßt sich am einfachsten finden, wenn man kurz auf das methodologische Problem der Rekonstruktion der Wirtschaftsgeschichte eingeht, um so einen schlüssigen Beweis für jene Prinzipien zu liefern, die die Bezeichnung "Wirtschaftswissenschaft" verdienen.

 

Aktuelle Ausgabe Diese Ausgabe Kernthemen Suchen Abonnieren Leserforum